Erstes Kapitel
Worin der Hofschulze dem einäugigen Spielmann auseinandersetzt, warum er keine seiner neun Jacken einbüßen wolle

[427] An einem klaren Augustmorgen brannten im Oberhofe so viele Kochfeuer, als ob die Bevölkerung sämtlicher Ortschaften in der Runde zum Mittagsmahle erwartet werde. Über der Herdflamme, durch große Klötze und Scheiter zu ungewöhnlicher Größe entzündet, schwebte an dem eingezahnten eisernen Haken der mächtigste Kessel, welchen die Wirtschaft bewahrte. Sechs oder sieben eiserne Töpfe umstanden mit ihrem siedenden und brodelnden Inhalte diese Gluten. Auf dem Platze vor dem Hause nach dem Eichenkampe zu prasselten, wenn die Geschichte die Wahrheit sagt, neun Feuer, und ebenso viele, oder höchstens eines weniger auf dem Hofe in der Nähe der Linden. Über allen diesen Kochstätten waren Böcke oder Roste errichtet, auf welchen Bratpfannen standen, oder an welchen Kessel von nicht geringer Größe hingen, obschon keiner derselben sich mit dem Umfange dessen, der über dem Herde seine Pflicht leistete, vergleichen durfte. Die Gluten verbreiteten in dem Hause und um dasselbe eine starke Hitze, rote Funken sprühten allenthalben empor und flogen auch wohl unter das Strohdach, erloschen aber unschädlich inmitten des gefährlich Brennbaren, gleichsam, als wollte das Element dem arglosen Zutrauen, welches die Hofesbewohner in seine Treue setzten, dankbar entsprechen.

Die Mägde des Oberhofes gingen mit Schaumlöffeln oder Gabeln zwischen den Kochstätten geschäftig hin und her. Es durfte, sollte die Speise den Gästen munden, nicht gefeiert werden mit Abschäumen und Umwenden, denn in dem großen Kessel über dem Herde gaben acht Hühner die Kraft zur Suppe her, und in den übrigen dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Töpfen, Kesseln oder Pfannen sotten oder brieten sechs Schinken, drei Truthähne, fünf Schweinsbraten, nebst der entsprechenden Anzahl von Hühnern.[427]

Diesem Geflügel war nämlich das bevorstehende Fest am verhängnisvollsten geworden. Der Hahn, welcher die gelichteten Reihen seiner Teuren über die Nährplätze des Hofes führte, sah sich unterweilen wehmütig um, oder blickte zornig nach den Feuern, die sein Liebstes für fremde Freuden zurichteten, und in einer entfernten Ecke des Hofes bewegte der Morgenwind einen großen Haufen brauner, gelber und weißer Federn, hin und wieder eine derselben bis in die Nähe der Feuer wirbelnd.

Während die Mägde in den Bratpfannen nachgossen, die Schinken anstachen, unter den Truthähnen die Glut erfrischten, von den Hühnern und der Suppe den Schaum hinwegnahmen, waren auch die Knechte fleißig an ihrem Werke. Der schwarzäugige Verwegene richtete im Baumgarten mit Böcken, Blöcken und Brettern eine gewaltige lange Tafel zwischen den Blumenbeeten und unter den Fruchtstämmen zu, nachdem ihm ein ähnliches Gerüst bereits im Flure gelungen war. Der dicke Langsame bekleidete die Pforten des Hauses, die Wände des Flures und die Türen der beiden Zimmer, in denen wir den Diakonus und seinen Küster einstmals haben speisen sehen, mit grünen Birkenstämmen. Er seufzte nachdrücklich über diese grüne und lustige Arbeit, auch fiel ihm, wie es schien, die Glut beschwerlich. Dennoch war ihm ein nachgiebigeres Geschäft zugefallen, als seinem Mitknechte, dem zornigen Rothaarigen. Denn er hatte doch nur mit schmiegsamen Maien zu tun, jenem aber lag ob, das Vieh festlich zu zieren. Den Kühen nämlich und Rindern, welche an der einen Seite des Flurs hinter ihren Krippen standen, vergoldete der Rothaarige mit Schaumgold die Hörner, oder band ihnen bunte Schleifen und Quasten um dieselben. In der Tat war dieses eine verdrießliche Arbeit besonders für einen jähzornigen Menschen. Denn manche Kuh und dieses und jenes Rind wollte schlechterdings nichts von dem Feste wissen, schüttelte mit dem Kopfe oder schwang die Hörner seitwärts, sooft ihm der Rothaarige mit dem Leimpinsel und den Schaumgoldblättern nahte. Er bezwang lange seine Natur und gab nur zuweilen ein dumpfes Murren von sich, wenn ihm ein Horn den Pinsel oder die Blätter aus der Hand schlug. Laute, welche die allgemeine Stille,[428] womit alle Beschäftigte ihre Arbeit verrichteten, kaum unterbrachen.

Als aber die Zierde des Stalles, eine große Weißgefleckte, mit welcher er sich wohl schon eine Viertelstunde lang umsonst abgemüht hatte, endlich sogar heimtückisch ward und ihm einen gefährlichen Stoß versetzen wollte, da riß dem Rothaarigen die Geduld. Er sprang zur Seite, ergriff jenen Zaunpfahl, mit dem er einst den Pitter vom Bandkotten verschont hatte, und der sich zufällig in der Nähe befand, und gab dem widerspenstigen Tiere mit dem dicksten Ende des Pfahls einen so gewaltigen Schlag in die Weichen, daß die Kuh aufstöhnte. Ihre Seiten begannen zu fliegen und ihre Nüstern zu schnauben.

Der Langsame ließ die Maie, welche er in der Hand hielt, sinken, die erste Magd sah vom Kessel auf, und beide riefen wie aus einem Munde: »Gott behüt' uns! Was tust du?«

»Wenn so ein Aas keine Räson annehmen will, und will sich nicht mit Manier vergolden lassen, so soll ihm das Donnerwetter die Knochen zerschmeißen!« rief der Rothaarige. Er riß der Kuh das Haupt herum und schmückte sie nun schöner als alle ihre Gefährtinnen. Denn das Tier, in seinen Schmerzen sanftmütiger geworden, stand jetzt ganz still und ließ mit sich vornehmen, was der rauhe Künstler wollte.

»Das kann Euch eine teure Hochzeit werden«, sagte die erste Magd. »Denn die Blässe ist melk, und wenn sie verkalbt, so seid Ihr vom Hof.«

»Und wenn Ihr noch ein einziges Mal Euren Rachen aufreißt, so kriegt Ihr auch den Zaunpfahl an den Hirnkasten!« rief der Zornige. – »Denn der Baas hat mir lange keinen Spruch mitgeteilt und jach sein zum Hader tut auch mitunter gut, und an so einem Ehrentage muß man keinen Menschen kujonieren.« – Er gab der geschmückten Blässe einen Schlag auf die Hüften und sagte: »Nun stehe gerade und halte die Hörner steif, damit du nach etwas aussiehst, wenn die Herrschaften hier speisen.«

Während auf diese nachdrückliche Weise unten die Hochzeitsanstalten betrieben wurden, legte der Hofschulze oben in der Kammer, worin er das Schwert Karls des Großen verwahrte,[429] seinen Staat an. Das hauptsächlichste Stück des Feierputzes, welches die Bauern der dortigen Gegend tragen, ist die Menge der Jacken, welche sie unter dem Rocke anziehen. Je reicher der Bauer ist, um so mehrere Jacken zieht er bei außerordentlichen Gelegenheiten an. Der Hofschulze besaß deren neun, und alle waren von ihm bestimmt, sich am heutigen Tage auf seinem Leibe zu versammeln. Er hatte sie hinter einem Saatlaken, welches wie ein Vorhang den einen Teil der Kammer von dem andern schied, der Reihe nach an Pflöcken nebeneinander aufgehängt, erst die unteren von wollenem geblümtem Damast, silbergrauem oder rotem, dann die oberen von braunem, gelbem, grünem Tuche. Diese waren mit schweren silbernen Knöpfen geziert. Hinter dem Saatlaken besorgte der Hofschulze seinen Anzug.

Er hatte sein weißes Haar sauber gekämmt, und das gelbe, frischgewaschene Antlitz leuchtete darunter hervor wie ein Rübsenfeld, über welchem im Mai Schnee gefallen ist. Der Ausdruck natürlicher Würde, welcher diesen Zügen eigen war, hatte sich heute noch um ein großes vermehrt; er war Brautvater und fühlte das. Seine Bewegungen waren noch langsamer und gemessener als damals, wo er mit dem Roßkamm feilschte. Sorgfältig prüfend beschaute er jede Jacke, bevor er sie von ihrem Pflocke nahm, und legte sie darauf bedachtsam eine nach der andern an, ohne sich bei dem Zuknöpfen irgend zu übereilen.

Eben war er mit den damastenen fertig geworden und wollte zu denen von Tuch übergehen, als draußen vor der Türe der Kammer ein Leierkasten erklang, und folgendes Lied aus einer von Trunk und Heiserkeit verwüsteten Kehle zu tönen begann:


Fordre niemand mein Schicksal zu hören,

Dem das Leben noch wonnevoll winkt;

Ja wohl könnte ich Geister beschwören –


Weiter ließ der Hofschulze den Schwanengesang Kosciuszkos nicht kommen, sondern rasch hinter dem Saatlaken hervortretend, ging er zur Türe und rief ärgerlich hinaus: »Was soll das? Was soll das Geplärr im stillen Hochzeitshaus?«[430]

»Ich wollt' mich nur anmelden«, erwiderte die heisere Stimme, indem die Pfeife des Leierkastens, welche bei dem letzten Worte des Liedes in Tätigkeit gewesen war, auspfiff. Herein trat, oder vielmehr drängte sich eine mißgewachsene, kahlköpfige Gestalt, in eine kurze, grobe Jacke und zerrissene Hosen gekleidet, mit Holzschuhen an den Füßen. Es war der einäugige Spielmann, der bei den Bauern in der Gegend der Patriotenkaspar hieß, weil er in den Unruhen von 1787 als fünfzehnjähriger Knabe zu den holländischen Patrioten gelaufen war. Er wußte viel von Schoonhoven, Gorkum und Nieuwpoort zu erzählen; jener Feldzug war die große Zeit seines Lebens gewesen. Übrigens galt er für einen schlechten Menschen, dem man nicht gern begegnete, schützte sich vor dem Hungertode durch den Pfennigerwerb seines Leierkastens, und lag oft wochenlang unter freiem Himmel, oder in einsamen Schoppen und Ställen, denn ein eigenes Obdach besaß er nicht, obgleich er in seiner Jugend ein artiges Erb angetreten hatte, welches ihm aber in sonderbarer Weise verlorengegangen war. Neben seinem Singen schöner neuer Lieder, »gedruckt in diesem Jahr«, trieb er auch einen kleinen Handel mit Schriften, wie: »Des Herzogs von Luxemburg Verbündnis mit dem Satan« oder »Die schöne Caroline als Husarenoberst«, welche auf dem Leierkasten zur Anreizung der Wißbegierigen ausgebreitet lagen, wenn er sang und spielte.

Der Hofschulze war, verdrießlich über die Unverschämtheit des Patriotenkaspars, zurückgetreten, stemmte die Arme in die Seiten und rief: »Wer ruft Euch? Schert Euch vom Hofe! Hier wird Euch nichts gereicht.«

»Nein«, versetzte der einäugige Spielmann, indem er das unversehrt gebliebene Auge tückisch unter den dünnen Brauen zusammenkniff, »hier wird mir nichts gereicht, das weiß ich wohl, Hofschulze. Ihr laßt mich durch den Hund vom Hofe herunterhetzen, wenn ich hier anstimmen will: ›Auf! Auf, ihr Brüder, und seid stark!‹ oder das Mantellied, oder: ›Das Kanapee ist mein Vergnügen‹. Ja, so tut Ihr, und wenn es nach Euch ginge, wäre ich längst vor Hunger zusammengeschnurrt, wie eine Backpflaume. Dieses verrichtet Ihr an mir, obgleich Ihr wohl wißt, daß Ihr derjenige seid, welcher einstmals mir[431] Haus und Hof abfeimte und mich zu diesem Leierkasten darniedergebracht hat.«

Der Hofschulze warf einen Blick auf den eisenbeschlagenen Koffer, worin sein Richtschwert lag, dann trat er dem einäugigen Spielmann einen Schritt näher, sah ihn lange groß und gelassen an, und fragte ihn darauf: »Wer ist schuld, daß der Oberhof nach meinem Tode in die fremde Freundschaft übergeht und nicht bei meinem Samen bleibt?«

»Ich«, antwortete der Spielmann, und drehte am Leierkasten, daß dieser einige Mißtöne von sich gab. »Ich habe Euch dazumal Euren Jungen und Erben totgeschlagen. Ihr wißt aber wohl, was der Junge wider mich ersonnen hatte, und wie ich um mein linkes Auge gekommen bin. Und deshalb hättet Ihr nicht so mit mir verfahren dürfen, wie Ihr verfahren seid, denn man darf den Menschen wohl abtun, aber ihn nicht elend machen.«

»Seid Ihr anders als gehörig geheischen und geladen worden?« fragte der Hofschulze kalt. »Habe ich Euch nicht nach richtigem Freistuhlsrecht und Königsbann vermaledeiet und Euch gewiesen echtlos, rechtlos, friedelos, ehrlos, sicherlos, mißtätig? – He?«

»Nein«, versetzte der Spielmann und lachte höhnisch. »Mein Fleisch und Blut und Gebein ist, wie es sich gebühret, gewiesen und zugeteilt den Krähen und Raben und den Vögeln und andern Tieren in der Luft, meine Seele aber dem lieben Herrgott, wenn sie derselbe zu sich nehmen will.«

»Amen«, sprach der Hofschulze. »Warum rührt Ihr diese Dinge auf?«

»Es sind alte Geschichten, sie mögen schlafen«, sagte der Spielmann, ingrimmig eine seiner fliegenden Schriften zerreißend, welche auf dem Deckel des Leierkastens lag und das höllische Verbündnis des Herzogs von Luxemburg enthielt. »Ich komme wegen Hungers zu Euch. Mich hungert. Ich hab' seit drei Tagen nichts gefressen. Die Leute wollen mir nichts mehr geben, weil sie der Lieder überdrüssig sind. Hochzeitshaus ist offen Haus. Deshalb habe ich das Recht auf die Befugnis, auf den Oberhof zu kommen. Ich wollte Euch gebeten haben, daß Ihr mich zum Spaßmacher für heute nachmittag[432] annehmet und mir dafür, wie Recht, Speise und Trank reichen lasset.«

Der Hofschulze besah den unglücklichen Spaßmacher von oben bis unten und sagte dann langsam: »Ihr habt nicht die Statur und Manier, daß die Leute über Euch lachen können. Auch ist Steinhausen bereits genommen worden und mit zwei Spaßmachern gibt es Zank.«

»Steinhausen«, rief der Spielmann zornig, »weiß nicht halb die Späße, wie ich! Ich habe die besten und neuesten, von denen sich Steinhausen nichts träumen läßt.«

»Dennoch bleibt es bei Steinhausen«, erwiderte der Hofschulze, ohne die Miene zu verziehen, denn er hatte im Laufe des Gesprächs seine gewöhnliche Ruhe bald wiedergewonnen. Er fügte aber dem abweisenden Bescheide hinzu, daß der andere sich fern von den Gästen in den Eichenkamp setzen dürfe und dort der Stillung seines Hungers gewärtig sein könne.

Aber in diesem sonderbaren Volke lebt selbst bei den Geächteten und Ausgestoßenen ein gewisser Stolz fort. Der Spielmann warf auf das letzte Anerbieten seines rauhen Feindes trotzig den Nacken empor und rief: »Umsonst habe ich noch nie Brot gegessen, und wenn Ihr mir nicht vergönnen wollt, für Euch zu arbeiten, so will ich fortfahren zu hungern.«

Er wandte sich und ging der Türe zu. Der Hofschulze wartete seine völlige Entfernung nicht ab, um hinter das Saatlaken zurückzutreten. Der Spielmann blieb aber in der Türe stehen, und als er sah, daß sein Widersacher ihn nicht bemerken konnte, setzte er leise seinen Leierkasten ab, schlich auf den Zehen unhörbar wieder in die Kammer, blickte sich spähend um, flüsterte: »Hier muß es irgendwo herum stecken! Wo steckt es?«

Der Koffer erregte seine Aufmerksamkeit, er schlug sacht den Deckel zurück und hätte beinahe seine Freude durch einen Schrei verraten, als er das rostige Gewaffen darin liegen sah. »Nun ist es gut, nun will ich dir schon einen Tort antun, den du zeitlebens nicht verwinden sollst«, murmelte er. Ohne Geräusch zu machen, klappte er den Deckel zu, bewegte sich leise nach der Türe, zog den Schlüssel von derselben, warf den[433] Leierkasten an dem Tragriemen über die Schulter, trat jetzt, als kehre er noch einmal zurück, hart auf und rief mit lauter Stimme: »Hofschulze, noch ein Wort!«

Der Hofschulze, der gerade mit seinem Hochzeitsputze fertig geworden war, schritt in diesem Augenblicke hinter dem Saatlaken hervor. Sein Ansehen war höchst stattlich. Ein lichtblauer offenhängender Tuchrock mit weiten, geräumigen Ärmeln gab der großen, markigen Gestalt Umfang und Fülle, darunter saßen die neun Jacken, die er nur so weit zugeknöpft hatte, daß alle, eine unter der andern, sichtbar blieben. Auf das Haupt hatte er sich den dreieckichten Hut mit breitem Rande, an der Seite in die Höhe gekrempt, gedrückt, an den Füßen trug er leinene Kamaschen, glänzend von Weiße, und ein großer Stock bewehrte die braune, runzlichte Faust. Erstaunt über die vermeintliche Wiederkehr des Spielmanns blieb er einige Augenblicke schweigend stehen, der Spielmann schwieg ebenfalls, weil er sich an dem Anblicke seines Feindes, dem er einen tödlichen Verdruß bereiten zu können sich bewußt war, wie an dem eines aufgeschmückten Opfers, im stillen weiden mochte. So standen einander der Reiche und der Bettler des Standes schweigend gegenüber; der Reiche voll Verachtung, der Bettler mit dem Gefühle, daß auch ihm eine Macht über den Reichen geworden sei.

Endlich fragte der Hofschulze: »Was wollt Ihr noch?«

»Hofschulze«, versetzte der Spielmann mit erheuchelter Demut, »Hunger tut doch gar zu weh und Standhaftigkeit hält nicht vor gegen knurrende Eingeweide. Ich wollte Euch nur noch sagen, daß ich im Eichenkampe heute nachmittag sitzen und auf die Brocken warten werde, die von Eurem Tische fallen.«

»Ich dacht's wohl«, sagte der Glückliche stolz. »Hochzeit macht alle satt, ist ein Sprichwort, es soll bei Euch auch zutreffen.« – Er wollte gehen. Der Spielmann vertrat ihm den Weg. »Erlaubt«, sagte er, »daß ich Euch noch einen Augenblick betrachte. Ihr seid trefflich gekleidet. Der Rock kostet seine Mandel Taler. Aber eine Sitte will mir nicht gefallen, die mit den neun Jacken. Wenn man herumgekommen ist in der Welt, wenn man dabei war, wie die alte Orange dazumal in Schoonhoven[434] vermolestiert wurde6, und bei der Übergabe von Gorkum und hernach auch noch allerhand Dieses und Jenes in der Fremde gesehen hat, so lobt man nicht jegliches, was die Leute daheim tun. Neun Jacken, eine unter der andern – darin könnt Ihr Euch ja gar nicht rühren, und werdet müssen, besonders beim Essen, eine Hitze ausstehen, nicht zu ertragen.«

»Für Pläsier wird dergleichen überhaupt nicht angezogen«, antwortete der Hofschulze feierlich. »Sondern weil ich neun Jacken bezahlen kann, so trage ich neun Jacken, und weil es so hergebracht ist seit hundert und mehreren Jahren, und die gute Sitte es erfordert, und mein Vater und mein Großvater immer neun Jacken trugen auf allen Hochzeiten und Kindelbieren. Wie viele sollte ich denn nach Eurem Rate anziehen, Kaspar?«

Der Patriotenkaspar dachte nach und sagte dann: »Etwa sechs.«

»Gut. Also die siebente, achte und neunte lege ich ab, wenn ich Eurer Meinung folge. Nun kommt aber einer, dem die sechste Jacke nicht gefällt, und ein anderer, dem die fünfte mißbehagt, und wieder einer, dem die vierte anstößig ist. Dieses geht nun so fort. Es werden sich, wenn ich erst bis zur dritten Jacke herunterprozessiert bin, stets Leute finden, die mir diese, und Freunde, die mir die zweite widerraten. Kein vernünftiger Grund ist aber vorhanden, warum ich diesen Leuten abschlagen soll, was ich Euch gewährte. Jetzt trage ich also noch eine Jacke und meinen Rock darüber. Weil ich jedoch einmal in das Ausziehen gekommen bin, und weil mir in der Sommerwärme überhaupt alles und jegliches Zeug auf dem Leibe Beschwernis macht, ei, so bleibe ich vielmehr in der Übung, werfe erst den Rock ab und dann die letzte Jacke, und wofern die Hitze einigermaßen stark ist, auch noch endlich das Hemde, gehe dann also splitterfaselnackt umher, wie ein gerupfter Sperling, was eine Schande ist und nicht gut läßt.

In allen Sachen muß man daran halten, wie sie eine Ordnung und ihren Bestand haben und des Herkommens sind. Wäret Ihr nicht zu den holländischen Patrioten und noch sonst[435] allerwärts herumgelaufen, sondern hübsch im Kolonate sitzen geblieben, so wären Euch die dummen Dinge und Hoffärtigkeiten aus dem Kopfe geblieben. Weil Ihr aber die alte Orange draußen mit hattet vermolestieren helfen, so dachtet Ihr, Ihr dürftet uns hier auch Molesten machen, die Welt gehöre Euer und außerdem noch etwas. Ihr erhobet Eure Augen zu meiner Tochter, was Ihr als Kolon nicht durftet, und daraus entsprang Sünde und Schande, Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Ich mußte an Euch Recht nehmen, Ihr seid bis zum Leierkasten heruntergekommen, und ich trage noch meine neun Jacken. Wer dazu die Macht und Gewalt hat, der soll sich auch die neunte nicht abdisputieren lassen, denn er weiß wohl, womit er anfängt, aber nicht, wo er aufhört, und dieses ist die Moral von der Sache.«

6

Er meint vermutlich den Vorfall, den die Erbstatthalterin in den holländischen Unruhen auf ihrer Reise nach dem Haag erlebte.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 427-436.
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