Siebentes Kapitel
Der vornehme Herr vom Hofe macht vergebliche Anstrengungen, sich herabzulassen. Der Spaßmacher Steinhausen wird jedermann verständlich

[475] Die Braut saß quer vor dem Tische und rührte keinen Bissen an. Der Brautvater, welcher dem Auftritte zwischen dem Jäger und Lisbeth aus der Entfernung zugeschaut hatte und infolge desselben den Platz der dritten Jungfer leer bleiben sehen mußte, flüsterte gekränkt und ingrimmig: »Dieser Untugend werde ich noch vor Abend mit der Manier ein Ende machen.« – Auch er aß wenig. Desto angelegener ließen die Bauern sich dieses sein, hatten ihre Messern, ein jeder das seinige aus der Tasche hervorgezogen, womit sie ohne Gabeln fertig zu werden wußten, und sprachen den Hühnern tapfer zu, ohne darüber ihre mutigen Vorsätze auf Schinken, Mostertstücke und Braten daranzugeben. Eine unendliche Last von Eßbarem dampfte auf den Tafeln, fast schien es selbst diesen Appetiten gegenüber, unmöglich, alles zu bewältigen, wenn nicht dennoch die Schnelligkeit, womit die ersten Gänge vom Angesichte der Welt verschwanden, dazu die Aussicht gegeben hätte. Alles schrotete, käute, schluckte, und es ist nicht erlogen – denn ich bin ja nicht Münchhausen, oder wenigstens nur zur Hälfte er –, wenn ich sage, daß mancher Bauer binnen wenigen Minuten ein ganzes Huhn überwunden hatte, und daß ein Schinken für sechs Mann nur so eben zureichte. Auch die Städter ließen sich die reinliche, derbe Kost trefflich munden, der Schirrmeister aber aß für zwei Bauern und trank für drei. Was das Getränk betrifft, so muß ich leider, wie undichterisch dies klingen mag, von Bier berichten. Jeder hatte seinen irdenen Deckelkrug gefüllt vor sich stehen, und wenn derselbe geleert war, so klappte der Inhaber auf eine eigene landesübliche Weise mit dem zinnernen Deckel, worauf frische Füllung erfolgte. Selbige besorgte der erste Aufwärter, der Bräutigam, aus einer mächtigen Schleifkanne eingießend, mit welcher er, eine weiße Serviette vorgesteckt, die Tafeln umkreiste. Dieser König des Festes hatte von seinem Ehrentage nichts als Prügel[475] vorhin und Mühe anjetzt, denn die Deckel klappten unaufhörlich, bald hier, bald da. – Nur der Diakonus und die städtischen Gäste erhielten Wein vorgesetzt. Der Schulmeister lag der Aufwartung in betreff des Festen ob, flink und gewandt, recht heiter in diesem Geschäfte.

Es gab unter den Gästen nur zwei, welche die allgemeine Befriedigung nicht ganz teilten, der eine aus Verlegenheit, der andere aus Furcht. In Furcht befand sich nämlich der Küster und in Verlegenheit der vor nehme Herr vom Hofe. Dem Küster hätte der größte Irrenarzt von Europa ein schriftliches Zeugnis einhändigen können, daß der Schulmeister bei Sinnen sei, es würde ihm doch nicht wohl geworden sein in der Nähe dieses Menschen, der mit so gefährlichen Werkzeugen, wie Schüsseln, Tellern, Messern, unbewacht um ihn her hantierte. Er dachte im stillen an alle die Fälle, worin ein Verrückter, lange Zeit scheinbar hergestellt, plötzlich wieder wütend geworden ist, und nun mit dem, was er gerade in der Hand hat, dem nächsten, besten die Hirnschale zerschmettert. Diesem Schicksale wenigstens einigermaßen vorzubeugen, setzte er unter dem Vorwande, daß es in dem von Hitze glühenden Flure kühl ziehe, seinen Hut auf, obgleich dies allgemein auffiel. Wirklich war der arme Küster in einer traurigen Lage. Seine Eßlust überstieg womöglich noch die des Schirrmeisters, der heutige Tag war ein solcher, an dem er hatte zeigen wollen, was Kinnbacken zu leisten vermögen, und nun ging ihm dieser schöne Traum so häßlich aus. Denn nichts hindert den Menschen mehr am Schlucken als Furcht und Angst. Der Küster fühlte sich unglaublich gehemmt. Hatte er eben auch in einem selbstvergessenen Augenblicke einen starken Bissen zum Munde geführt, etwa eine Hühnerkeule oder einen Streifen Rindfleisch von der Mächtigkeit einer halben Hand, siehe! so flog hinter ihm der aufwartende Schulmeister, vielleicht eine Kelle in der Faust, vorbei, und Hühnerkeule oder Rindfleischstreifen saßen ihm auf der Stelle fest, verzaubert, wie Schiffe auf dem Lebermeere, zwischen den Zähnen. – Umsonst suchte er durch häufiges Trinken die hinabführenden Wege geschmeidiger zu machen; der Schreck erhielt seine Kehle in Trocknis trotz alles Gießens. So, zwischen Entsetzen und[476] Appetit, glich er, wenn dieses Gleichnis nicht zu niedrig klingt, dem Hunde, der vor einer erwischten Bratwurst sitzt, vor Wollust zittert, sie zu verschlingen, und dabei scheu nach dem Herrn sieht, der aus der Entfernung bereits mit der Peitsche herbeieilt.

Der vornehme Herr vom Hofe machte unterdessen vergebliche Versuche, sich herabzulassen, und geriet darüber in Verlegenheit. Er saß zwischen dem Hofschulzen und dem Diakonus und hatte gegenüber zwei Bauerfrauen, die bei ihren Männern saßen. Als das gewaltige Essen begann, fühlte er wohl, daß er in diese Tätigkeit nicht einzugreifen vermöge, auch erregten ihm die Speisen keinen Hunger und er begnügte sich, nur zum Schein etwas auf den Teller zu nehmen. Dort aber blieb es unberührt liegen, ungeachtet der Hofschulze, der seine Kost nicht gern verschmäht sah, ihn mit einiger Empfindlichkeit nötigte, auch zu essen. Das konnte er nicht, jedoch bestrebte er sich, leutselig zu sein, denn zu diesem Ende und um das Volk, soviel an ihm war, durch hinreißende Manieren für den Thron gewinnen zu helfen, war er ja nur wieder unter die Bauern gekommen.

Um in diese Manieren einen gewissen Fortschritt vom Geringeren zum Größeren zu bringen, sah er die gegenübersitzenden Bauern mit einer süßen Freundlichkeit an und winkte dazu gnädig mit dem Haupte, als wollte er sagen: »Nun, schmeckt's, ihr ehrlichen Landleute?« – Darüber lachten aber die Bauern, und einer stieß seinen Nachbar an mit den Worten: »Ist der Kerl verrückt?« – Der vornehme Herr vom Hofe glaubte, als er des Lachens inneward, seine Huld nicht deutlich genug von sich gegeben zu haben, er beschloß daher, zuvörderst das andere Geschlecht zu gewinnen, ließ sich zwei Teller geben, stellte sie vor sich hin, schnitt zwei gute Stücke von dem vor ihm stehenden Truthahne ab, legte sie auf die Teller und reichte diese Leckerbißlein den beiden Bauerweibern, die noch ziemlich rund und hübsch waren. Die Weiber, zugleich mit einer artigen Redensart, welche ihnen unverständlich blieb, angesprochen, guckten verlegen, rot und stumm auf die Teller, ohne die Gaben der Courtoisie anzurühren. Ihre Männer aber sahen mit sonderbaren Blicken nach dem Geber[477] hinüber; der eine nahm seiner Frau den Teller mit den Worten: »Du brauchst nicht von anderer Leute Tellern zu essen, du hast deinen eigenen«; weg und reichte ihn dem soeben geschäftig vorbeifliegenden Schulmeister. Der andere warf ihn sogar ärgerlich mit der Befrachtung unter den Tisch, indem er halblaut rief: »Was zu grob ist, ist zu grob!« – Der vornehme Herr vom Hofe begriff durchaus diese Einhergänge nicht, er suchte sich rechts und links, gerade und schräge hinüber so liebenswürdig als möglich zu machen, aber alles war vergebens, weil er immer mit holder Ungezwungenheit, die zwischen die festgestellte Ordnung der Tafel trat, dartun wollte, daß es ihn gar nicht beenge, unter so geringen Leuten zu sitzen. Aber das erschien den bäuerlichen Tischgenossen eben wie die größte Unart, und bis zum Schweinsbraten hatte sich flüsternd so ziemlich die Meinung festgestellt, daß man vornehme Leute für höflicher gehalten habe. Der umsonst sich Herablassende, welcher äußerlich die Fassung des Hofes behielt, obgleich ihm innerlich immer übler zumute ward, sagte endlich zum Hofschulzen: »Ihr habt hier recht eigentümliche Sitten, Alterchen.«

Auf diese huldreiche Anrede maß der Hofschulze seinen vornehmen Gast mit den Augen und versetzte dann stolz und bedächtig: »Ich weiß nicht, Herr, ob die Sitten hier anders sind, als anderer Orten, denn ich bin nie über Börde und Haarstrang hinausgekommen, habe auch niemalen Lust dazu gehabt. Richtig ist es, daß hier alles mit der Manier zugeht, alles und jedes seine Ordnung, Zeit und den gewiesenen Platz hat, jedermann die ihm gebührende Reverenz genießt, so daß ich den Halbhüfner, den Kötter, und wer es sonst sein mag, jeden bei seiner Gebühr nennen muß, freilich aber auch prätendiere, daß mich niemand anders als Hofschulze nennt, das heißt, versteht sich, von meinesgleichen, denn, Herr, hinter den Bergen mögen wohl andere Sitten und Gebräuche herrschen.«

Es war gut, daß in diesem Augenblicke das letzte Gericht der Mahlzeit, der Rollkuchen, verzehrt war, und von weiterer Herablassung seitens des vornehmen Herren nicht mehr die Rede sein konnte, denn man kann nicht wissen, bis zu welchen[478] unangenehmen Auftritten dieselbe noch geführt haben würde. Der Diakonus sprach das Gratias, abermals ertönte ein geistliches Lied, und darauf ging alles von den Tischen, die gleich einem Schlachtfelde nur noch Knochen, Gerippe und Schwarten zeigten. Die Weiber tranken Kaffee, die Männer setzten ihr Biertrinken fort, die Musikanten stimmten allgemach ihre Instrumente. Steinhausen, der Spaßmacher, begann sein Amt, indem er von einer Gruppe zur andern ging, hier das Rätsel aufgab: wann der Hase über die meisten Löcher laufe? dort einen Rotkopf warnte, er solle nicht so nahe an die Scheune gehen, um nicht Feuer anzulegen, einem dritten Haufen die Geschichte vom Prinzen Pralle erzählte, der gefallen sei vom Stalle, hätte weinen wollen, aber keine Augen gehabt, und was dergleichen mehr war an Rätseln, Schwänklein und Pösslein, die er auf jeder Hochzeit anbrachte und die nie ihre Wirkung verfehlten. Die Bauern lachten, daß die Hofesmauern hätten Risse bekommen mögen; wen er recht entzückte, der gab ihm einen Puff, nicht eben allzu sanft, worauf Steinhausen einen Klaps zurückgab, oder mit den Füßen ausschlug, wie ein Pferd, ohne daß diese Tätlichkeiten irgendeine Störung des guten Vernehmens und des allervollkommensten Verständnisses hervorbrachten, welches zwischen dem Spaßmacher und seinen Zuhörern herrschte.

Während man so dort einander durchaus begriff, dauerten in einer andern Ecke des Hofes die Mißverständnisse fort. Der vornehme Herr hatte sich nämlich mit dem alten Hauptmann in ein Gespräch eingelassen, welches eine patriotische Färbung erhielt. Der Alte war sehr gesprächig über die Affären, denen er auf der vaterländischen Seite beigewohnt, und erging sich mit Behagen in diesen Kriegesgeschichten. Jener Kavalier war vorzeiten dem Hauptquartiere attachiert gewesen, und konnte also so ziemlich folgen. Im Verlaufe dieser Unterredungen rief er plötzlich mit einem feucht verklärten Blicke: »Diese große Zeit, die der Herr segnete! Was für herrliche Früchte hat sie aber auch gebracht!« – Er faltete die Hände dabei.

Das Gesicht des alten Hauptmanns wurde so trocken, wie ein Sandfeld, welches seit sechs Wochen keinen Regen gesehen, und er versetzte: »Früchte? Ei!«[479]

»Ein Vaterland!« rief der Hofmann mit Pathos.

Der alte Hauptmann hatte etwas zuviel Wein getrunken. Er schüttelte sich, als ob er, mit Erlaubnis zu reden, an Ungeziefer litte und polterte dann rücksichtslos: »Vaterland! – Schwere Angst! Und alles vergessen oben, was geschehen, mit Schlauchspritzen die Feuer ausgespritzt, und wenn wir künftiges Jahr das Jubiläum feiern, vermutlich damit wegkriechen müssen beiseite, nur damit so geduldet werden, keine Anerkennung, keine Unterstützung von – – Donnerwetter! Verzeihen Exzellenz, daß ich Sie stehen lassen, aber ich kann die Pfeife nicht entbehren und will sie mir dort bei den Bauern anstecken.«

Er ging und ließ den Kavalier stehen, dessen Beziehungen im Oberhofe anfingen mythisch zu werden. Im Grunde war es ihm lieb, daß der alte Offizier sich so brüsk von ihm entfernte, denn er erwog, daß der angeregte Gegenstand zu zarter Natur sei, um ihm, in seiner Stellung so nahe dem Throne, ein ferneres Gespräch zu verstatten.

Ein Unwille hatte sich seiner Seele bemeistert, er nahm sich vor, geeigneten Ortes ein Wort über den in diesen Gegenden herrschenden schlechten Geist fallen zu lassen, vorderhand aber seine Rolle rein auszuspielen. – »Wenn diese Bestien die feineren Andeutungen von Güte und Huld nicht verstehen, so will ich mich gleichsam encanaillieren«, sagte er für sich. Er trat zu einer Gruppe von Bauern, welche Steinhausen eben verlassen hatte, faßte zwei bei der Hand (denn er konnte sich dazu verstehen, weil er Handschuhe trug) und rief im biedersten Hoftone, dessen er mächtig werden konnte: »Wie freut man sich, wenn man immer in Zwangsverhältnissen leben muß, darf man einmal unter euch gemütliche, von jeder Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten!«

Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldäisch, und sie begannen sich nun vor ihrem Gönner zu fürchten, denn sie meinten, er habe ihnen eine neue Steuer ankündigen wollen. Sie wichen daher, wie in der Kirche, scheu vor ihm zurück, und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die Hände in die Rocktaschen. – Der Diakonus, welcher die ganze Zeit über den Mühwaltungen seiner vornehmen Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war, trat zu dem unglücklichen Herablassenden und[480] sagte: »Exzellenz, die Leute sind zu dumm, um Sie zu fassen. Übrigens bin ich der untertänigen Meinung, daß Sie, wofern Sie länger unter ihnen verweilten, bald von Ihrem Glauben zurückkommen würden.«

»Wieso?«

»Gemütlich sind die Bauern gar nicht. Exzellenz, die Leute haben keine Zeit zum Gemüt. Gemüt kann man nur haben, wenn man wenig zu tun hat, der Bauer aber muß sich zuviel placken und schinden, um sich auf das Gemüt legen zu können. Er ist durch und durch gerader Verstand, Ernst, Eigensinn und erlaubter Eigennutz. Weil diese Mischung nun aber wie für die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint, so hat sie etwas Ehrwürdiges, etwas so Ehrwürdiges wie der Granit, der auch, hart und schwer, die Erde hält. Der Bauernstand ist der Granit der bürgerlichen Gemeinschaft.«

»Sie müssen sie besser kennen. – Wenigstens aber hatte ich darin recht, daß ich sie von den Fesseln der Konvenienz gelöste Naturmenschen nannte.«

»Im Gegenteil – Exzellenz verzeihen – der Bauer ist zwar viel im Freien, aber nichts weniger als ein Naturmensch. Er hängt so sehr von Konvenienz, Herkommen, Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab, wie nur die höchste Klasse der Gesellschaft. Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des Individuums, in diesem Stande fließt einzig der Strom der Selbstbestimmung nach Charakter, Talent, Laune und Willkür. Der Bauer denkt, handelt, empfindet standesmäßig und hergebrachterweise. Die Abstufungen werden in den Dörfern wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlössern und Palästen. Ich unterstehe mich, Ihnen zu versichern, daß dieser Hofschulze auf den Kolonen mit demselben Stolze hinuntersieht, wie nur der reichste Majoratsherr auf den Briefadel von gestern blicken kann. Ich wollte es keinem Burschen aus einem kleinen Hofe raten, um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien. Dieselben Verwickelungen würden entstehen, als in dem Falle, wenn ein Kaufmannsdiener zu einer Erbgräfin emporblickt. Gerade hier – vom Oberhofe – geht eine alte halbverklungene Sage umher, die den schauderhaften Ausgang einer solchen mißgewandten Neigung meldet. Durch meinen[481] nahen Verkehr mit diesen Leuten hat sich die Ansicht bei mir festgestellt, daß der Bauernstand nur einen zweiten ihm ähnlichen hat, den sogenannten alten oder hohen Adel, wo ein solcher nämlich noch wahrhaft besteht. Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene Schicht. Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin überein, daß ersterer sowohl als letzterer weniger sich, als ihrer Gattung angehören, zuvörderst Bauer sind und Aristokrat und erst nachher Mensch.«

Der mythische Kavalier, welcher diese unerwartete Parallele zu hören bekam, schwieg einige Zeit tiefsinnig. Dann versetzte er: »Sie haben, Herr Prediger, dieses mehr aus Büchern. Ich versichere Sie, daß wir mit der Zeit fortgeschritten sind. Wir heiraten sogar Jüdinnen.«

»Exzellenz«, fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen Gelehrten heraus, »der Adel, den Sie meinen, ist ein reines Garnichts und kommt mir höchstens vor wie der Schwamm im Hause.«

Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen, welches erhaben aussehen sollte; es ließ sich jedoch nur vornehm an. In diesem Augenblicke kam sein Privatsekretär und meldete, daß der Wagen, zur Weiterreise fertig, vor dem Hofe halte. Er ging hierauf, sehr höflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus geleitet, zur Pforte, wo er beide entließ. Gedanken hatte er nicht über das Vorgefallene, sondern nur die Absicht, auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei Gelegenheit zu denunzieren.

Dieser ging mit dem Hofschulzen still lächelnd zurück, sagte aber nichts. Im Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann. Der Bräutigam, welcher nun endlich auch zu einem Vergnügen gelangte, führte zuerst die Braut auf, dann brachte er sie den nächsten Anverwandten, einem nach dem andern zu, um auch ein Gängelchen mit ihr zu machen. Erst tanzten sie Menuett, einen Munteren darauf, und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprüngen. Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden wie eine Tenne. Die Köpfe hatten sich erhitzt, die Männer jauchzten, die Mädchen kreischten und es war viel Lärmens, Springens und Jubilierens im Oberhofe.[482]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 475-483.
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