Intermezzo

[631] Während der Schriftsteller sich in der Krypte seinen zur Zeit noch verbotenen Gedanken ergab, trug sich in der nahen Schenke eine derbe Szene des Lebens zu. In der Stube nämlich fuhr durch einen Kreis gaffender Bauern eine Gestalt, deren auffallender Anzug durch die Eile, womit sie ihr Ziel verfolgt hatte, in Unordnung geraten war. Sie hatte eine Erkundigung angestellt, welche ihr von den Bauern nicht hatte gegeben werden können, und war darauf rasch zur Türe hinaus wieder dem Ziele ihrer Verfolgung nachgeeilt. Obgleich diese Gestalt die wunderlichste und lächerlichste Figur bildete, so lachten die Bauern dennoch nicht, sondern standen in stummen, nachdenklichen und zum Teil verlegenen Gruppen umher. Einige strichen sich das Haar glatt, andere sagten: »Hm!« und zwei legten den Finger an die Nase. In der Mitte aber stand ein Mann, dessen Anzug eine etwas höhere Beschäftigung anzeigte, denn er trug einen abgeschabten grauen Frack und eine gelbe Nankingmütze mit einer Troddel. Dieser hatte eine besonders nachdenkliche Miene angelegt, er öffnete endlich seinen Mund und sprach: »Hab' ich's euch nicht hundertmal gesagt, Leute, die Natur steckt voller Wunder, hab' ich's nicht? Schock, Gegenschock, das ist ein großes Geheimnis.«[631]

Die Bauern gaben ihm teils mit Worten, teils durch Gebärden recht, denn er erfreute sich unter ihnen einer großen Autorität. Er war der Chirurgus, welcher Lisbeth verbunden hatte und erklärte alle Übel, welche den Menschen treffen können, aus dem Schock und Gegenschock, wie er sich in seiner Terminologie ausdrückte.

»Zum Beispiel«, fuhr der Chirurgus fort, indem er ein Glas Wacholderbranntwein gegen den bösen Nebel trank; »die Natur draußen wird im Herbst oder so gegen das Frühjahr rheumatisch, das tut ein Geschnaube von Winden hin und her, in diesem Augenblicke warm, im nächstfolgenden kalt, Regnen und Graupeln vom Himmel, Feuchtigkeit – mit einem Worte:

Katarrh draußen – Schock. – Gleich die Natur inwendig auch zu schnauben angefangen – Hitze, Kälte, Augen tränend und fließend – Katarrh inwendig – Gegenschock! Verstanden, Leute?«

Die Bauern bejahten und gaben dem Chirurgus vollkommen recht, denn sie hatten seine Theorie an Feier- und Werkeltagen oftmals vortragen hören, und sie mit ihrem Spruche: »Wie du mir, so ich dir«, vollkommen übereinstimmend gefunden. Aber wie die Anwendung derselben auf die Person zu machen sei, welche soeben das Zimmer verlassen hatte, darüber waren sie weniger im klaren. Sie erwogen in ihren Gesprächen, wie das Fräulein, worüber sie immer, wo sie sich gezeigt, wegen ihren »gecken« Reden gelacht, nun auf einmal so gefaßt und ganz bei sich unter sie getreten sei, sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in roter Uniform vorbeikommen gesehen, wie das Fräulein sie beschworen habe, ihr die Wahrheit zu sagen und zu glauben, daß sie wohl wisse, was sie tue, denn sie habe zwar früher viel an einen Fürsten gedacht und an ein Stiftskreuz, aber es könne sein, daß dergleichen nur Lüge von einem anderen oder eine Einbildung von ihr gewesen sei, den Mann jedoch habe sie plötzlich an seiner roten Uniform und an einem Liede wirklich und wahrhaftig wiedererkannt, und diesen Mann müsse sie ausforschen, denn er habe ihr einst großes Unrecht zugefügt, und dafür müsse er ihr Genugtuung leisten, sollte sie ihn auch bis an das Ende der Welt verfolgen. – »Sie brachte das alles so erbärmlich und anzüglich und so recht adrett heraus,[632] daß man ihr glauben mußte, und daß wir ihr gern den Roten entdeckt hätten, wäre er uns nur bekannt gewesen«, sagte der alte Bauer, der sich am gesprächigsten in jenen Erläuterungen gezeigt hatte. – »Aber wo liegt hier der Schock?« setzte er fragend hinzu.

»Ja, und absonderlich der Gegenschock?« fragte ein jüngerer Bauer.

Der Chirurgus ließ sich noch ein Glas Wacholderbranntwein geben, um seine Darstellungskräfte zu schärfen, so taten auch die Bauern um ihre Fassungsgaben zu stärken. Nachdem die Gläser geleert und dem Wirte zurückgegeben worden waren, erhob der Chirurgus wieder seine Stimme und sprach: »Das wißt ihr doch alle, Leute, daß es sich bei den Frauenspersonen lediglich und ganz allein um den Punkt dreht, ob sie einen Mann kriegen oder ob sie keinen Mann kriegen?«

»Versteht sich!« riefen die Bauern ohne den mindesten Zweifel.

»Nun also. Ein Frauenzimmer, wie à propos das Fräulein, hat keinen Mann, aber vor alters einen Liebhaber gehabt. Der Liebhaber ist weg – Einsamkeit – lauter Einbildungen, Geckereien – pure Verrücktheit – Fürst – Stiftskreuz. – Plötzlich von draußen der alte Liebhaber wieder da – Schock –«

Freudig riefen die Bauern: »Aha, inwendig im Frauenzimmer auch nichts als der simple Liebhaber – schlechtweg – Frauenzimmer wieder klug – Gegenschock!«

Der Chirurgus sah mit großer Genugtuung umher und empfand ein außerordentliches Behagen, daß seine Lehren in diesem Kreise schon so tiefe Wurzeln geschlagen hatten und daß die Bauern mit einer leichten Nachhülfe von seiner Seite fertig zu argumentieren wußten. Das Gespräch zwischen ihm und den Bauern setzte sich nun über denselben Gegenstand, nämlich über die Verwandlung des Fräuleins, fort, und mancher Wunsch wurde laut, daß es ihr gelingen möge, ihren roten Liebhaber einzuholen, obgleich es, wie einige bemerkten, verwunderlich sei, daß eine so alte Person hinter einem Manne her durch die Weltlaufe. – »Sie sah aber auch heute im Gesicht ganz anders und jünger aus«, bemerkte einer. »Das kam von der kalten Luft«, versetzte ein anderer. »Nein, vom[633] Gegenschock«, sprach der Chirurgus mit Ansehen und schloß durch dieses Wort die Debatte.

Während der Gespräche, deren Inhalt soeben notdürftig angeführt worden ist, fütterten vier Pferde vor dem Eingange zur Schenke aus Krippen, die ihnen untergestellt worden waren und in welche der Postillion Brot einschnitt, in der Wirtsstube aber saß ein ernster Mann hinter dem Tische in der Ecke. Die Pferde gehörten zu einer glänzenden Reiseequipage, welche an den Schlägen ein adeliches Wappen zeigte, unten und oben Magazine und hinten einen Sitz hatte, in welchem eine schlafende Kammerjungfer saß, während der Kammerdiener, der mit ihr sonst den Sitz teilte, neben dem Schlage stand und in dieser vom Dienst freien Pause eine Zigarre rauchte. Denn die Herrschaft war ungeachtet des dichten Nebels nach einer nahen romantisch gelegenen Klippe gehüpft, um so viel zu sehen, als eben zu sehen war. Gehüpft – muß es heißen, denn sie gingen nicht, sondern sie hüpften, wann sie aus dem Wagen stiegen. Es waren junge vornehme Gatten, die unmittelbar nach der Vermählung ihr frisches Glück durch die Welt spazierenführten.

Der Mann in der Stube saß dagegen sehr ernsthaft hinter einem Buche und las. Er war ein alter Bekannter, sogar ein Stück von einem ehemaligen Nebenvormunde der jungen Dame. Zufällig hatte sie ihn einen Tag nach ihrer Vermählung mit dem Kavalier aus den österreichischen Erblanden getroffen, von ihm erfahren, daß auch er eine Rheinreise anzustellen im Begriff stehe und ihm sogleich einen Platz in ihrem Wagen angeboten. Der junge Ehemann machte zwar über diesen Zeugen seiner Flitterwochen ein etwas verdrießliches Gesicht, die junge Dame spürte einen Augenblick später aus gleichem Grunde eine leichte Reue, aber Verdrießlichkeit und Reue kamen zu spät, denn der ernste Mann hatte das liebenswürdige Erbieten schon angenommen. Man mußte sich also zusammen auf den Weg begeben und ineinander zu schicken suchen, wie es gehen wollte. Nicht wenig lachte die junge Dame, als sie erfuhr, welches der eigentliche Reisezweck ihres Begleiters sei. Sie meinte, es sei wunderseltsam, daß die Vernunft hinter der Torheit herjage, das Einholen sei zweifelhaft, denn die Vernunft[634] habe Elefantenfüße und die Torheit federnde Sohlen. Und als er über diese leichten Reden ein verstimmtes Gesicht machen wollte, so hatte sie mutwillig gerufen: »Was gilt die Wette, daß Sie der einzige von uns allen sind, welcher auf dieser Reise Schwabenstreiche begeht?«

Nie war eine verschiedenartigere Gesellschaft zusammen auf Reisen gewesen. Die jungen Gatten wollten immer weiter, immer weiter, in Mainz sprachen sie von Rotterdam, in Koblenz von Amsterdam, in Köln sprach der junge Kavalier von England, was besucht werden solle, seine Dame rief: »Nein, Schottland muß ich wenigstens sehen!« – Der ernste Begleiter sehnte sich dagegen schon nach den ersten zwanzig Meilen in seine Amtsstube zurück. Den jungen Gatten war kein Turm zu hoch und kein Felsen zu steil, sie mußten ihn erklimmen; er blieb dagegen meistenteils unten, und suchte sich so leidlich als möglich im Tale auf seine eigene Hand zu unterhalten. Wenn die Dame nun davon hörte, so kannte ihre Munterkeit keine Schranken. Doch waren ihr und dem Gemahle die besonderen Neigungen, denen ihr Gefährte unterweges nachging, nicht gerade unlieb, denn er störte sie deshalb weniger, als sie anfangs befürchtet hatten.

Dieser Mann besaß ein sehr ehrliches, wohlgebildetes, aber etwas aschgräuliches Gesicht, und zwischen Nase, Wangen und Kinn die Runzel, welche man die Aktenrunzel nennen kann. Er mochte in der Mitte der Dreißig stehen, sah jedoch viel älter aus. Er gehörte zu einer Klasse von Reisenden, die Yorick nicht in der »Vorrede im Désobligeant« aufzählt, und die immer mehr ausstirbt; er war der Geschäftsmann auf Reisen.

Der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde – denn so wird er wohl heißen–hatte unterwegs nur Gedanken an sein Amt, an seinen alten Aktuarius und an die gelb angestrichenen Schränke seines Archives. Ihn verließ der Ärger darüber nicht, daß er es bei seiner Oberbehörde nicht hatte durchsetzen können, die Formulare zu den gewöhnlichen Expeditionen lithographieren lassen zu dürfen, wodurch nach seiner innigsten und pflichtmäßigsten Überzeugung nicht allein Zeit, sondern selbst Aufwand an Kosten erspart werde; ein Punkt, der ihm[635] beinahe das Herz abstieß, denn, pflegte er für sich zu sagen, wenn der Unverstand zu breit regiert, so wird er dem ruhigsten Staatsbürger unerträglich. – Gern wäre er schon bei Frankfurt wieder umgekehrt, und nur die Vorstellung, daß diese Reise ein Geschäft sei, hielt ihn bei ihr fest. Ihr Ende wünschte er jedoch mit Sehnsucht heran.

Indessen sollte sein Beharren doch auch einen Lohn empfangen, der ihn einigermaßen schadlos hielt für die Felsen, Burgen, Kirchen, Sammlungen, die er, wie er vielleicht nicht ganz unrichtig bemerkte, da heim schon ebensogut gesehen hatte. In der Nähe des Rheins und den Strom entlängst begannen nämlich die Reste der französischen Verwaltung und die öffentliche Gerichtspflege, welche ihm neu war, seine Aufmerksamkeit zu fesseln und nahmen bald sein ganzes Interesse in Anspruch. Nun gab es kein Regierungs- und kein Justizhaus, was er nicht besuchte, ja seine Wißbegierde erstreckte sich bis zu den Friedensrichtern und Polizeibüros hinunter. Er stellte sich überall selbst als den Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde vor und in diesem dienstlichen Charakter gelang es ihm, mit Geschäftsleuten mannigfaltige Verbindungen anzuknüpfen, die ihm bisweilen auf Spaziergängen am Strome unter Klippen und Trümmern, oder byzantinischen Portalen und Weinhügeln vorbei zu schönen Aufschlüssen über Stempelsachen verhalfen, oder ihn mit dem Mechanismus der Sicherheitspolizei bekannt machten. Dann und wann hatte er selbst den Trost, seinen Gram über die nicht zu erlangen gewesene Lithographierung der Formulare in den vertrauten Busen eines Friedensrichters auszuschütten, der ähnliche Gebresten über die Kurzsichtigkeit seiner Vorgesetzten ihm verstohlen entdeckt und ihm dadurch eine Zuversicht aufgeregt hatte. So konnte er denn eher die Beschwerden dieser Reise ertragen. Er ließ das junge Ehepaar, wie er sich ausdruckte, umherrasen nach Belieben, und fing an, sich in der Fremde mehr zu Hause zu fühlen. War er auf sein eigenes Selbst angewiesen, so las er in dem Buche, welches er mitgenommen hatte, nämlich im württembergischen Gesetzbuche. Er war, nachdem er sich so eingerichtet hatte, jetzt zuweilen recht munter. Nur darüber empfand er Kummer, daß in keiner der Rheinstädte, welche die Reise[636] berührte, gerade Assisen gehalten wurden. Denn einer solchen Verhandlung beizuwohnen wäre seine höchste Freude gewesen, weil er nicht zu begreifen vermochte, wie man einen armen Sünder bloß so mündlich und ohne wenigstens hundert Protokolle zum Schafott befördern könne. Von Köln war er, wie er dem Jäger früher angekündigt hatte, rechts abgegangen nach Westfalen. Gern wäre er allein gereiset, aber die junge Dame Clelia bekam plötzlich die Laune, ihren Vetter, den sie sehr lieb hatte, auch sehen zu wollen, und so mußte er sich mit einem sauersüßen Gesichte unendlich glücklich schätzen, noch länger die Ehre des Zusammenseins mit ihr zu haben.

Nach der Klippe, die in der Nähe dieser Schenke über einem rauschenden Waldbache hing, mitzugehen, hatte er natürlich auf das entschiedenste und höflichste abgelehnt, sich vielmehr während des Aufenthalts zu seiner Lektüre niedergesetzt. Diese brachte in ihm stets eine Art von Rausch hervor. Er fühlte sich immer, solange er in dem württembergischen Gesetzbuche las, oder unmittelbar nach der Lesung der Gegenwart und Umgebung entrückt. Dadurch hätte er heute fast eine unangenehme Szene haben können.

Die Erscheinung des Fräuleins zog ihn nämlich eine Zeitlang von dem Buche ab. Er betrachtete ihren Anzug, er hörte ihre Reden und seine Meinung hatte sich bald festgestellt. Nachher vernahm er von den Gesprächen der Bauern und des Chirurgen wenig oder nichts, denn er wünschte die Materie zu Ende zu lesen, bei deren Erwägung ihn jener sonderbare Auftritt gestört hatte. Als dieses geschehen war, stand er auf, ging zu dem Haufen und fragte mit Würde, indem sein Auge den Chirurgen als einen Nichtlandmann herausgefunden hatte: »Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?«

Die Bauern, die bisher nicht auf ihn geachtet hatten, betrachteten ihn jetzt aufmerksam und neugierig. Schon seine Bekleidung mußte ihre Verwunderung erregen, denn eine dergleichen war in dieser Gegend noch nicht gesehen worden. Er trug nämlich gegen Regen und Staub einen sogenannten Mackintosh, welcher offenstehend, dem Manne das Ansehen einer Vogelscheuche, zugeknöpft aber die Gestalt einer Wurst gibt.[637] Der Oberamtmann hatte ihn zugeknöpft und sah daher aus wie eine Wurst. Dieser Rock und die plötzliche Frage machten die Bauern stutzen; sie stießen einander an, flüsterten, aber niemand gab eine Antwort.

»Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?« wiederholte der Oberamtmann, schärfer betonend.

Der Chirurgus trat vor, denn seine Ehre erlaubte ihm nicht, auf eine so bestimmte Frage anonym zu bleiben. Er war sich zwar bewußt, keinerlei Staatsexamen gemacht zu haben und mitunter in Notfällen auch zu rasieren; das schadete aber dem Gefühle seiner Würde nicht und trotzig, das Chemisett aus der Weste zerrend, sagte er: »Allerdings habe ich ein Amt in dieser Gemeine, nicht eine Art von Amt, sondern ein Amt.«

»So geht, Freund, jener Person nach und bringt sie zum Vorsteher, damit sie nach ihren Papieren befragt werde, denn ihr Anzug und ihr ganzes Betragen war höchst auffallend, und das Paßreglement schreibt vor, auf solche verdachterregende Inividuen überall Augenmerk zu haben.«

»Freundschaft«, versetzte der Chirurgus mit dem landüblichen Ausdrucke, »ich verstehe Euch nicht.«

Der Oberamtmann, welcher sich weit aus Westfalen entrückt wähnte, rief zornig: »Ich sage Euch, Ihr sollt mit jener Person zum Gemeinevorsteher gehen.«

»Freundschaft«, erwiderte der Chirurgus, »wenn Ihr etwas beim Vorsteher zu suchen habt, so geht selbst zu ihm.« – Die Bauern murrten und drängten sich halb lachend und halb ergrimmt näher.

Der Oberamtmann, der vom Schwarzwalde her die Mittel kannte, widerspenstige Eingesessene zum Gehorsam zu bringen, warf rollende Blicke im Kreise umher und rief mit starker Stimme: »Wißt ihr, wer ich bin?«

»Ihr seid nicht recht klug, Freundschaft«, fuhr der Chirurgus heraus, der in so starker Gesellschaft einen ausnehmenden Mut besaß. – Sich vergessend, trat der Oberamtmann auf ihn zu, die Hand erhoben, die Bauern aber drängten sich tumultuarisch zwischen beide, der Chirurgus sah in solcher Verschanzung sehr giftig und tollkühn aus, ein Bauer fing die aufgehobene Hand des Oberamtmannes, zwei andere zerrten hinten an[638] dem Mackintosh, so daß die Figur des Oberamtmanns dem Schmetterlinge zu gleichen begann, welcher der Trauermantel heißt, die anderen ließen bedrohliche Gebärden sehen, und die wildeste Unbill stand bevor, wenn nicht in diesem verhängnisvollen Augenblicke das junge Paar die Stube betreten hätte.

Clelia hatte auf einen Augenblick ihre Laune eingebüßt und sich schüchtern hinter den Gemahl gestellt. Dieser rief den Bauern einige freundlich begütigende Worte zu, und da sie schon wußten, daß er ein Vornehmer war, so ließen sich die Leute auch sogleich beschwichtigen. Die Hand des Oberamtmannes wurde ihrer Haft entlassen. Der Mackintosh bekam ebenfalls seine Freiheit wieder, die Bauern setzten sich still in eine Ecke. Nur der Chirurgus drohte noch einige Male von fern mit der Faust.

Clelia saß bei dem Buche und sah lächelnd nach dem Oberamtmanne, der verlegen und verdrießlich im Zimmer auf und nieder ging. »Um des Himmels willen, was hatten Sie denn hier vor?« fragte ihn der junge Kavalier leise.

»Diese Schelme versagten mir den Gehorsam, als ich einen zu dem Gemeinevorsteher schicken wollte«, polterte der Oberamtmann.

»Aber, mein Gott, Freund, wir sind ja nicht im Schwarzwalde«, sagte sein Reisegefährte lächelnd.

Hier schien der eifrige Beamte erst wieder ganz zu sich selbst zu kommen. Er warf einen bestürzten Blick auf sein Buch, wurde etwas rot und stotterte: »Man kann sich wohl einmal vergessen, wenn man sich in eine Materie vertieft hat.« – Er wollte das Buch nehmen, der Kavalier kam ihm aber zuvor, las den Titel und rief verwundert: »Wie? Sie studieren gar auf der Reise in Ihrem Gesetzbuche?« – »Ich habe es allerdings mitgenommen«, versetzte der Oberamtmann, »um in müßigen Stunden, deren es auf Reisen manche gibt, einige schwierige Punkte darin reiflicher zu überdenken, als dieses bei der Geschäftslast zu Hause möglich ist.«

Clelia summte halb singend zwischen den Lippen:


Niemals ward ein edler Bote

So bedient von Damen süß[639]

Als der große Don Quixote,

Da er das Kastell verließ.


Ihr Gemahl biß sich auf die Lippen und alles sah dem Ausbruche eines Gelächters über den armen Oberamtmann ähnlich, als dieser sich mit großem Ernste zu der jungen mutwilligen Dame wandte und sagte: »Gnädigste Frau, wenn Sie mich für eine Art von Akten – Don Quixote halten, dem das württembergische Landrecht überall seinen Oberamtsbezirk phantasmagorisch zeigt, so erlaube ich mir, Ihnen zu erwidern, daß der Ritter von La Mancha in seinem Wahne von einer Zeit der Großmut, Tapferkeit und Courtoisie in einer nüchternen Gegenwart durchaus nicht geringzuschätzen war, und daß daher, wer jetzt in dieser zerfahrenen, reisenden, umherrennenden Zeit nur in einem Dinge, und sei es auch nur das württembergische Landrecht und ein Oberamtsbezirk, zu Hause sein mag, keinesweges zu den schlechtesten Staatsbürgern gehören dürfte.«

Auf diese komisch-feierliche Anrede streifte die junge Dame den Handschuh von ihrer weißen Hand, hielt diese zum Kusse dem Geschäftsmanne hin und sagte: »Ich vergebe Ihnen, denn eigentlich blutet Ihnen doch das Herz, Ernst, wenn Sie sich so rauh gegen mich anstellen, was Sie freilich meines Gemahles wegen tun müssen, um ihn nicht eifersüchtig zu machen, da man ja weiß, daß ich immer Ihre stille Liebe war.«

Solchen plötzlichen Wendungen war er nicht gewachsen und wußte ihnen um so weniger zu stehen, als es ihm immer besonders wohl tat, wenn man ihn für eine zärtliche Natur hielt. Er beugte sich daher auf Clelias Hand, küßte sie nicht ohne Ausdruck, sah ihr gedankenvoll in das schöne, blühende Antlitz, seufzte und lachte dann plötzlich, wie in tiefer Zerstreuung, auf. In dieses Lachen waren nunmehr die jungen Gatten einzustimmen berechtigt und so endete der ganze Einhergang lustig.

Der Kammerdiener meldete, daß der Oberhof nur wenige Stunden entfernt sei. Clelia aber, die noch bis vor kurzem ihr Vergnügen geäußert hatte, den Vetter mitten aus den Bauern herauszuholen, änderte jetzt plötzlich, was ihr täglich zu öfterem[640] begegnete, ihre Meinung, hielt es für schicklich, nach der Stadt zu fahren und Oswald dahin bestellen zu lassen. Wie hätte der junge Gemahl, der nichts als Glut und Zärtlichkeit war, wie hätte der geheime zärtliche alte Anbeter widerstehen können? So schwebte denn die kleine volle Gestalt, die ein braunseidener Überrock knapp umschloß, am Arme des Gemahls graziös zur Türe hinaus und zeigte, als die Männer ihr die Hand zum Einsteigen boten, das zierlichste Bein über dem feinen Fuße. Der Oberamtmann erklärte, als er einsteigen sollte, daß er nach der Stadt gehen wolle, weil er um diese Stunde daheim sich seine Motion zu machen pflege. Der junge Kavalier konnte kaum einen Ausruf des Entzückens bei dieser Nachricht, die ihm den Wagen ungeteilt mit seiner Dame versprach, unterdrücken. Sie sah errötend mit halbgeöffneten Lippen vor sich hin, er stieg zu ihr ein, legte ihr aufmerksam die Boa, welche heruntergefallen war, um Schulter und Leib, und die beiden Glücklichen, deren ganzes Wesen in süßer, süddeutscher Sinnlichkeit schwamm, rollten davon.

Auch der Oberamtmann kehrte in erhöhter Stimmung nach der Schenkstube zurück, um sein Buch zu holen. Er pfiff sogar für sich ein Stückchen aus der »Zauberflöte«, worüber er jedoch erschrak, als er es hörte. Inzwischen war der Mann im braunen Oberrock aus der Krypte wieder nach der Schenke gekommen und erkundigte sich in der Stube ungeduldig bei dem Wirte, ob noch kein Freiherr von Münchhausen dagewesen sei und nach ihm gefragt habe. Auf die verneinende Antwort des Wirtes, der sehr einfältig zu sein schien, gab ihm der Schriftsteller, der nicht gern in der Schenke warten, sondern sich durch einen abermaligen Gang die Zeit vertreiben wollte, seine Karte, damit kein Mißverständnis und keine Namenverwechselung vorfallen möge. Der einfältige Wirt, der nicht lesen gelernt hatte und vermutlich glaubte, daß ein dritter unparteiischer Zeuge in dieser dunkelen Angelegenheit das beste Licht verbreiten könne, reichte die Karte dem Oberamtmanne mit der Bitte, sie ihm zu entziffern. Dieser las was darauf gedruckt stand, und musterte dann den Fremden, zu dem ihn schon bei dem ersten Sehen eine gewisse Sympathie hingezogen, mit glänzenden Blicken. Der Blitz von Galanterie,[641] der bei dem Kusse auf Clelias Hand sich in seinem Herzen entbunden hatte, fachte die geschäftliche Begeisterung nur noch mehr bei ihm an. Er fragte den anderen rasch und leidenschaftlich: »Wissen Sie vielleicht, ob in einem der Orte weiter abwärts von Köln gegenwärtig Assisen gehalten werden?«

Der Gefragte stutzte, besann sich und versetzte: »Assisen? Gegenwärtig? Weiter abwärts? Ich weiß nicht – doch ja – wenn mir recht ist – ich erinnere mich – in Elberfeld können sie bald im Gang sein.«

»Elberfeld? Wie weit von hier?«

»Acht bis neun Meilen.«

Der Oberamtmann schnippte wie ein Knabe der erfährt, daß keine Schule heute sei, mit den Fingern und rief fröhlich: »So kann ich ja wahrhaftig doch noch so glücklich sein, einer Assise beizuwohnen.«

Der im braunen Oberrock setzte jetzt abermals seine Brille auf, legte die Hände auf den Rücken, trat dem Oberamtmanne dicht unter die Augen, zog seine Brauen zusammen, sah ihn scharf an und sagte darauf: »Glückselig, mein Herr? – Sonderbarer Schwärmer!« – Er ging.

Der Oberamtmann blickte ihn nach. – »Wäre doch kein Mann für mich«, sagte er nach einer Pause. Auch er ging, sein Buch in der Tasche, die Galanterie für Clelia und die Elberfelder Assise im Herzen.

Auch die Bauern erhoben sich und wollten gehen, desgleichen der Chirurgus. Da kam aber der Ehinger Spitzenkrämer in das Zimmer gestürzt und rief überlaut: »Wißt's was Neues? Wißt's was Neues? Ja, wann die Ehinger nit wären, ihr erführt euer Lebtag' nichts Neues.«

»Was ist denn vorgefallen?« fragten die Bauern.

»Vorgefallen? Nichts vorgefallen, eingefallen ist was. Das alte Schloß da droben eine halbe Stund' von hier ist eingefallen in eurem wüsten Wind und Wetter hierzuland'. Ein Mann, der am Dorf vorbeilief, sagt' es mir soeben! O wenn mein Captain Gooseberry nur nicht noch darin verweilt hat!«

»Zum Henker!« riefen die Bauern, »das ist ja ein vertrackter Streich. Wenn nur der alte Herr Baron nicht darunter zu Schaden[642] gekommen ist! Kommt alle hin!« – Sie brachen stürmisch auf, die einen, um zu helfen, die anderen aus Neugier.

Der Chirurgus war tiefsinnig in der Mitte der Stube stehengeblieben, den Finger an die Nase gelegt. – »Wollt Ihr nicht mit?« fragte der Ehinger, der noch einmal zurückkam. »Ihr könnt vielleicht Hülf' schaffen.«

»Allerdings«, versetzte der Chirurgus, und brachte den noch von früherer Zeit heraushangenden Busenstreifen in Ordnung. »Trepanieren oder zum wenigsten sezieren. – Aber, Freundschaft, laßt uns langsam nachgehen, denn der Schutt muß doch erst hinweggeräumt werden, bevor die Lebendigen oder zum wenigsten die Toten herauskommen. – Übrigens kann dieses anscheinliche große Unglück eine sehr nützliche allgemeine Hauptveränderung bei dem alten Herrn Baron hervorbringen.«

»Wie das?« fragte der Ehinger.

»Freundschaft, paßt auf. Sturz – Fall auf einen harten Körper – Schock! Pia Mater – Revolution im Cerebellululo – Lebensgeister in Aufruhr – Befreiung – Gegenschock! – Ich sage nichts weiter.«


Womit soll ich dich vergleichen, alte närrische Erde? Bist du ein Käse, auf dem Milben umherkrabbeln? Bist du ein Schachbrett, auf welches eine unsichtbare Hand die Figuren nach einer gewissen Ordnung und Regel stellt, und wo dann der große Spieler sie planvoll Zug und Gegenzug machen läßt, weil er mit sich selber die geheimnisvolle Partie spielt? Oder bist du ein Mittelding von beiden, ein schönes, getäfeltes, blankgebohntes Parkett, auf dem bei dem Schalle der Flöten und Geigen reizende Mädchen und hübsche Jünglinge den Cotillon tanzen, den reichen, tourenunerschöpflichen Tanz, und alte Herren umherstehen, und zärtliche verwelkte Mütter umhersitzen? Niemand weiß, ob ihn nicht eine Schöne in einer artigen Kaprice, wie das launenvolle Glück, holt, auf daß er mit dem holdatmenden Glücke noch eine unerwartete Runde durch den Saal mache; und andere, welche meinen, ihnen könne es nicht entgehen, bleiben ungeholt. – Plötzlich zerstört ein ungeschickter und übersehener Stuhl die künstlichsten Reigen und[643] manche zärtliche Mutter wird unversehens auf den Fuß getreten, und die alten Herren wissen nicht, wohin sie sich vor einer improvisierten wilden Promenade der Jugend retten sollen. Mänadisch raset der Schwarm bis in die fernsten Seitenzimmer, und die Whisttische werden umkreiset; einen Augenblick sehen runzlichte Gesichter aus Galakleidern von der gemalten Coeurdame auf nach den lustklopfenden Busen der tanzenden Mädchen und zwei Tiefdenker, die Punsch trinken und philosophieren über schwerbewegliche Dinge, sind gestört und versenken sich in die Betrachtung leichtgeschwungener Glieder – einen Augenblick nur – die Jugend promeniert nach dem Saale zurück und Robber und Philosopheme nehmen wieder ihren Fortgang.

Ja, alte närrische Erde, du bist kein milbentragender Käse, du bist auch kein quadriertes Brett für streng berechnete Züge. Du bist das Parkett, auf dem wir im Cotillon geholt werden, oder stehen bleiben nach Damenlaune, auf dem die alten Herren ins Gedränge kommen und die zärtlichen Mütter vor Schmerz über ihre gemißhandelten Füße zuweilen aufschreien möchten, auf dem hölzerne Stühle den schönsten Reigen zerbrechen können, auf dem der Übermut der Jugend zwischen die Karten und Argumente der Gala und Philosophie fährt, auf dem plötzlich alles auseinanderläuft und sich ebenso plötzlich alles wieder zusammenfindet! –


»Ist es möglich? bin ich verzaubert heute? oder bist du es wirklich?« rief der junge Graf Oswald, der jetzt den Kamm des Gebirges wieder erreicht hatte einen Menschen in blauem Kittel und Holzschuhen an, der ihm entgegenkam, ein großes Bund Heu auf dem Rücken.

Der alte Mensch sah auf, ließ zwar das Bund Heu sinken, gab aber sonst kein Zeichen lebhafter Verwunderung von sich, sondern sagte bloß: »Ei, da sind Sie ja! Ich dacht' wohl, daß Sie mich nicht sitzenlassen würden.« – Darauf küßte er seinem jungen Gebieter freundlich die Hand.

»Jochem, bist du's, oder bist du's nicht?«

»Ja freilich bin ich's, mein Herr Graf.«[644]

»Aber um des Himmels willen, wie kommst du denn hieher, und was treibst du hier? Und warum suchtest du mich denn nicht auf?« – Er legte seine Hand auf den Kittel des Alten, gleichsam um sich durch das körperliche Gefühl zu überzeugen, daß ein wirklicher Mensch vor ihm stehe.

Der Alte ließ sich ruhig befühlen, ehe er antwortete. Denn er gehörte zu den Leuten, die nur sehr selten aus der Fassung kommen. Er schob seinem jungen Gebieter das Bund Heu hin, dieser mußte sich darauf setzen, Jochem stellte sich vor ihn und erzählte nun folgendermaßen.

»Will Ihnen alles vermelden, mein Herr Graf«, sagte er, »aber eins nach dem anderen. Wie ich hieher komm'? Zurück von der großen Reis', die ich auf Ihren Befehl machte. Hab' mich immer rechts gehalten, wie meine Kommission lautete, kam erst nach Kassel, wüste Kerl' dort, sonst nichts zu sehen, dann nach Magdeburg, auch wüste Kerl' dort, sonst auch nichts zu sehen, dann nach Berlin, ebenfalls wüste Kerl' dort, ebenfalls sonst nichts zu sehen; und so retour wieder hieher über Magdeburg und Kassel, da's Geld gerad' zur Hälft' ausgeben war zu Berlin, und ich überdies meine Kommission schön ausgerichtet hatte alldort. – Was ich hier treib'? – Sitz' schon seit acht Tagen beim Bauer im Heu, helf' ihm Heu machen, um mir mein Tagebrot zu verdienen, denn der letzte Kreuzer war ausgeben, als ich diese wüste Gegend wieder erreicht hatt'. – Warum ich Sie nicht aufgesucht? – Hatten damals beim Abschied keine recht deutliche Sprach' miteinander geführt, wo ich meinen Herrn Grafen wiederfinden sollt'. Dacht' also, das Sicherste wär', wenn ich sitzen blieb', wo ich eben war, denn das wußt' ich, daß mein Herr Graf mich ausspüren würden und abholen, und säß' ich im Mittelpunkt der Erd'. Blieb deshalb auch ganz ruhig und macht' in Zufriedenheit mein Heu, obgleich es eine Lebensart ist, die sich nicht ganz für meinen sonstigen Stand schickt. Dacht' aber immer: ›Heut kommt der Herr Graf und holt dich ab, und kommt er heut nicht, so kommt er morgen‹, und so hat sich's nun auch zugetragen.«

Unserem Oswald tat es nach den fratzenhaften Ereignissen des Tages wehmütig wohl, mit seinem Alten zusammenzutreffen.[645] Eine Träne trat in sein Auge. Er drückte dem Alten die Hand und sagte: »Du hattest ganz recht, Jochem, als du glaubtest, ich werde nach dir forschen, und säßest du im Mittelpunkte der Erde.« – Jochem blieb hierbei trocken, wie immer und versetzte: »Sie haben auch schwäbisch Blut im Leib, mein Herr Graf, und das verläßt einander nicht« – Oswald sah sich um und erblickte verwundert einen Heuschoppen in der Nähe, der ihm so vorkam, wie der, in welchem er die Nacht zugebracht hatte. »Wo hast du in voriger Nacht geschlafen?« fragte er.

»Dort im Schoppen«, versetzte der Alte, »wie alle Nacht mein Amt ist, um dem Bauer sein Heu zu bewachen.«

Sein Gebieter erzählte ihm nun, daß sie diesem Umstande zufolge schon in der Nacht unwissend zusammen gewesen seien, worüber Jochem anfangs erstaunte und äußerte, unter dem wüsten Volk wisse man gar nicht, was einem alles begegnen könne, es sei erstaunlich, daß zwei Landsleut' zusammen im Heu lägen und einander nicht erkannten. »Ich wollt' anfangs den Menschen, der sich da ins Heu eingedrungen, bei Nacht hinaustreiben«, fügte er hinzu, »ließ es aber doch sein, weil ich dacht', er möchte sich draußen erkälten. So ist Menschenfreundlichkeit doch immer etwas Gutes und zu vielen Dingen nutz.«

»Jochem«, sagte der Graf, »hättest du mich hinausgetrieben, so würdest du mich früher erkannt haben.«

Dieser Einwurf machte den Alten verwirrt. Er sah stutzig vor sich nieder, dann ballte er die Faust und murmelte ingrimmig: »Nun sag' ich's doch! In der Fremd', unter dem wüsten Volk steht alles windschief. Man weiß bei den Sachsen und Polacken nicht, ob man menschenfreundlich oder menschenfeindlich sein soll.«

Er besann sich und fuhr fort: »Von meiner Kommission habe ich noch gar nicht geredet. Den Schrimbs oder Peppel –«

»Laß ihn«, unterbrach ihn sein Gebieter bestürzt.

»Nein, seine Kommission muß man gehörig ausrichten!« rief Jochem eifrig. »Den Schrimbs oder Peppel hab' ich richtig gefunden. Ich hab' ihn auf der Schloßbrucken zu Berlin stehen sehen, er kuckt' ins Wasser und ich sah ihn von hinten[646] und da ging er fort und ich konnt' ihn nicht einholen, aber ich hab' mich nicht getäuscht und wenn wir nun uns beide dahin auf den Weg machen, so werden wir ihn gar nicht verfehlen.«

Wie nach Homer der Mensch, er mag noch so unglücklich sein, immer Hunger behält, so gibt es auch Dinge, die den Betrübtesten zu lachen machen können. Der junge Graf Oswald war sehr betrübt, aber die Entdeckung Jochems, daß Schrimbs oder Peppel auf der Schloßbrücke zu Berlin gestanden habe, bewirkte, daß er lachen mußte. Jochem, der seine Sachen sehr gut gemacht zu haben glaubte, fühlte sich dadurch etwas beleidigt. Nach einer Pause fragte er: »Was hätten mir denn nun der Herr Graf zu befehlen?«

Oswald war von seiner kurzen Lustigkeit schon wieder zurückgekommen. Er stand auf, ging heftig hin und her, ballte seine Hand, drückte sie wider die Stirn, sein schönes Antlitz zuckte vor Schmerz, er riß an seinen braunen Locken, er nagte an seiner Lippe. Der Alte, der sich in seinen jungen Herrn nicht zu finden wußte, stellte sich, die Kniee nach vorn gebogen, die Hände und Arme auf seine Schenkel gestemmt, hin und sah ihm traurig zu. »Mit Ihnen ist etwas vorgegangen, mein Herr Graf«, sagte er ehrlich und sanft.

Da trat Oswald rasch zu ihm. Er drückte den Kopf des Alten heftig gegen seine Brust und rief im herzzerreißendsten Tone: »Ja! Ja! mit mir ist etwas vorgegangen!« Leise weinend sagte er ihm ins Ohr: »Ich habe eine Braut, Jochem!« –

Aber hier brachen die Gefühle des alten trockenen Menschen mit einem Ungestüm aus, der nicht zu beschreiben ist. Jubelnd und schreiend stieß er seinen jungen Herrn wie einen niederen Knaben von sich zurück, sprang in dem Nebel auf dem braunen Heideplatze schwerfällig und ungeschickt wie ein alter treuer Hund, der den Herrn wiedersieht, umher, klatschte in die Hände und rief: »Juchhe! Juchhe! Ach, das Glück, das ausbündige Glück! Ach, so sollen meine alten Augen denn noch den Tag erleben, wo ich meinem Herrn Grafen und seiner schönen, lieben gnädigen Braut zur Hochzeit aufwarten darf! O über den klugen Einfall von meinem Herrn Grafen! Ach wo ist sie, wo ist das liebe gute gnädige Fräulein,[647] daß ich ihr die Füße küsse und den Saum des Rocks?« – Seine abgenutzten Kräfte reichten aber nicht weiter. Er mußte stillstehen, hielt sich die Seiten, keuchte und war außer Atem.

Der junge Graf Oswald hatte sich auf die Erde geworfen, das Gesicht in das Heu gedrückt. Seine Arme waren ausgestreckt darüber hingebreitet; er schluchzte bitterlich. – »Alles, alles kann die Liebe ertragen!« jammerte er. – »Not erträgt sie und Elend verkittet sie und selbst die Untreue weiß sie zu überdauern und in die Bahn der Treue hold zurückzuführen! Aber eines erträgt Liebe nicht: Das Lächerliche! Das Scheußlich-Lächerliche! Mußt du lachen, wenn du dein Lieb im Arme hältst und denkst, woher sie rührt, so ist es aus mit der Liebe, aus! Liebe stirbt vom grellen Lachen! O mein süßer, einziger Tag – o du Tag meiner Tage! so rasch gingst du unter, herrliche Sonne? Ach, meine Brust, wie tut sie weh! Die Fratzen haben sie zerschnitten mit dem grellen Lachen und sie wird bluten, sehr bluten!«

Er richtete sich empor und schüttelte sich wie vor Fieberfrost in dem häßlichen kalten Dunst da droben auf der Bergeshalde. Seine dunkelen Locken hingen ihm tief wie Wolken in das Gesicht. Dumpf sagte er: »Nimm dieses Geld, Jochem, bezahle damit, was du etwa schuldig bist und deine Zehrung. Erwarte mich in der Stadt bei dem Diakonus. Morgen, oder vielleicht noch heute abend komme ich hin. Jetzt gehe ich nach dem Oberhofe, um dem Mädchen Adieu zu sagen.«

»Adieu?« fragte der Alte, der aus dem Himmel seiner Freude gestürzt war.

»Ich werde das Mädchen, mit welchem ich mich verlobte, nicht heiraten«, sagte Oswald, bemüht, seiner Stimme Festigkeit zu geben. Sie ging aber bei den letzten Worten in ein gebrochenes Zittern über. Er schritt schnell über den Abhang des Berges nach der Börde hinunter.

Der alte Jochem sah ihm nach. Er beschaute das Geld, welches ihm der Graf gegeben hatte, dann sah er die Stelle an, wo die Klagen seines Herrn erschollen waren, dann nahm er seinen Hut in die Hand und drehte ihn, Kopf und Krempe achtsam betrachtend, hin und her. Er setzte den Hut wieder auf und sprach sodann: »Wenn dieser mein Herr Graf sich mit[648] dem Mädchen verlobt hat, so wird er ihr nicht Adieu sagen, sondern sie heiraten.«

Hierauf ging er nach dem Gehöfte seines Bauern, um mit diesem alles in Richtigkeit zu stellen, seinen eigentlichen Rock wieder anzuziehen und sodann zu tun, was ihm der Graf befohlen hatte.


Der Schriftsteller ging zum zweiten Male nach der Krypte. – »Sollte er mich mißverstanden haben? Sollte er mich dort erwarten? Gesprochen habe ich freilich davon ...« sagte er für sich. Münchhausens Ausbleiben machte ihn unruhig. Er ging nicht ohne einen leichten Schauder durch die Kirche nach den Stufen, die in die Kluft hinunter führten. Seine sonderbaren Gedanken hatten ihm den düsteren Ort mystisch bevölkert.

Die Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Indem er zu den Schatten und trüben Lichtern der Kluft eintrat, hörte er ein Geräusch in der Nähe des Altars. Er faßte sich ein Herz, ging zu der Stelle und fand wirklich den, auf den er so lange gewartet hatte. Hinter der Gruppe am Kreuz saß Münchhausen auf einem alten Opferstocke, den man, weil er unbrauchbar geworden sein mochte, dort hingestellt hatte. Als der Schriftsteller seinen Kuranden näher betrachtete, soweit dieses die Dunkelheit des Ortes zuließ, erschrak er, denn der Abenteurer sah ganz anders aus, wie am Morgen. Sein Gesicht schien völlig eingefallen zu sein, die Backenknochen schienen weit hervorzustehen. Auch der Anzug war in Unordnung. Keinen Hut hatte er auf dem Kopfe, die Uniform klaffte vorn weit auseinander, die Weste war aufgerissen, die nackte Brust zeigte sich. Er sprach kein Wort. Der Schriftsteller faßte seine Hand an, sie war grabeskalt.

Dieser nahm sich zusammen und sagte fest: »Was soll das? Warum sitzt Ihr hier? Folgt mir nach der Schenke!«

»Kommt sie?« flüsterte Münchhausen leise mit hohler Stimme.

»Wer?«[649]

»Sie! Der böse Feind. Hu! – An den Röcken kennt man sich wieder, wenn die Gesichter unkenntlich geworden sind. Warum zog ich meinen roten Rock an, warum ging das Rosakleid nicht verloren und der grüne Schuh und der Paradiesvogel? – Abscheuliche Erinnerung!«

»Welche Erinnerung?«

»Die! – Erinnert Euch an heute morgen! Einen Punkt gibt es im Leben jedes Menschen, an den darf man nicht rühren, sonst wird der Mensch toll. Eine Gestalt gibt es, wenn die kommt und sich an den Pfeiler Laran gegenüber stellt, und nichts weiter sagt als: ›Er ist's!‹ so kann Lara sich nicht mehr zufriedengeben. Eine Gans zu belügen und zu verführen, um Geld zu kriegen und dann hören zu müssen, die Gans sei kahl, gerupft! Puh! Einzige Sünde meines Lebens! Abbüßen wollte ich sie durch tausend bußfertige uneigennützige Lügen! – Umsonst! Die Gans erscheint wieder. Armer Münchhausen! Wie herrlich standest du da noch vor drei Stunden! Münchhausen war groß, Münchhausen war ein Held, denn Münchhausen hatte selbst die Feigheit überwunden und wollte sich schießen. Und so zertrümmern zu müssen!« –

»Man wird Euch ja wohl vor Angriffen und Zudringlichkeiten schützen können«, sagte der Schriftsteller, der nun allgemach den Zusammenhang begriff.

»Wer? Schützen? Nein!« antwortete der Freiherr todesmatt. »Du kannst dich vor dem Lichte verbergen, du kannst eine Höhle finden vor dem Orkan, wenn er dahersauset, und bückst du dich beizeiten, so fährt die Kanonenkugel über dich hin, aber du kannst dich nicht verstecken vor einem tollen Weibe, das dir nachläuft. Sie hat mich ausgewittert, sie wird mich finden allerorten. Es gibt Vorurteile in der Welt. Man soll heiraten, wen man ... Sie heiraten! Schrecklicher Gedanke!«

Der Schriftsteller dachte: »Ich hoffe, der Ehrgeiz soll auf ihn wirken.« Er sagte daher: »Münchhausen, der Erbprinz erwartet Euch.« – Aber mit einer vielsagenden Gebärde nahm der Freiherr aus der Tasche seiner Uniform den Brief jener hohen Person und zerriß ihn. Der Schriftsteller, den diese symbolische Handlung äußerst betroffen machte, fragte ihn, was er denn nun eigentlich vorhabe, was er beginnen wolle?[650]

»Verdampfen! Verduften! Verschwinden!« sagte der Freiherr. – »Ihr seht mich nie wieder, Ihr hört nichts mehr von mir. Lebt wohl! Mein Tagwerk ist getan. Laßt uns wie Männer scheiden! Keine Träne bei diesem Abschiede! – Sie werden mir nachzupfuschen suchen, aber Ihr werdet, das weiß ich, ewig Euren Freund vermissen.«

Sein Kurator suchte alle Gründe hervor, womit ein Mann, der sich in heiler Haut weiß, den Leidenden überzeugen zu können glaubt, daß es die Pflicht des Leidenden sei, nicht zu leiden. Er erinnerte ihn an die Aufgabe, die das Leben jedem zu lösen gebe, nämlich sich zusammenzunehmen und unter allen Umständen gefaßt zu bleiben. Er sprach von Cato, Sokrates und von anderen großen Männern des Altertums, er sagte ihm zuletzt, eine feuchte und kalte Krypte sei wenigstens auf keinen Fall der Ort, um lange darin ohne Schnupfen und Husten zu verweilen.

»Nun denn!« rief Münchhausen, dessen Lebensgeister noch einmal wild aufzuspringen schienen, »so will ich eine neue Religion stiften und Ihr sollt Ali sein, der erste der Gläubigen. Bringt Wein her, feurigen Wein, schäumenden Wein, wir wollen den Manen des Toten da am Kreuz eins zutrinken!«

Der Schriftsteller trat drei Schritte zurück. – »Nein, das wollen wir hübsch bleiben lassen!« rief er so tönend, daß es durch das Gewölbe hallte. »Alles muß seine Grenzen haben.«

»Wofern Ihr das nicht wollt, so verschafft mir wenigstens einen Mantel und einen Hut, damit ich mich anständig sehen lassen kann«, sagte der Freiherr.

Der andere wandte sich, stieg aus der Krypte empor, um das Begehrte herbeizuschaffen. Er war jedoch kaum oben angelangt, als er ein heftiges Getöse unten vernahm. Es war, als ob Steine von ihrem Orte gebrochen würden und dann schollernd niederfielen. Sogleich eilte er, schlimmer Ahnung voll, in die Kluft zurück. Münchhausen war von seinem Sitze verschwunden. Der andere sah sich um; nirgends war er zu erblicken. Er rief; es erfolgt aber keine Antwort. Er suchte hinter den Pfeilern, in den Seitennischen hinter den Grabmälern, bei den Steinhaufen; vergebens! Der Freiherr hatte sich nirgends versteckt.[651]

Nach der Schenke zurückgekehrt, bewog er einige Bauern, ihm mit Laternen und Windlichtern zu folgen. Bei deren Scheine wurde nun eine zweite sorgfältige Nachsuchung vorgenommen. Umsonst! man forschte nach einem geheimen Gange aus der Krypte, aber diese zeigte sich, wohin man leuchtete, umschlossen, auch wollten die Bauern von einem solchen nie etwas gehört haben. Man prüfte endlich mit Stöcken und Hacken das Pflaster und Gemäuer, ob es nicht irgendwo losgebrochen und nur notdürftig wieder zugesetzt sei. Pflaster und Gemäuer waren überall fest. Diese vergebliche Arbeit dauerte über eine Stunde. Endlich mußte man von ihr abstehen. Münchhausen war und blieb auf unbegreifliche Weise verschwunden.[652]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 631-653.
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