Achtes Kapitel
Entdeckungen über Entdeckungen

[581] Es war ein Uhr mittags. Der alte Baron hatte heute noch nicht einen Bissen genossen. Ihn hungerte trotz alles Ärgers. Er suchte Emerentien, sie war aber freilich weder im Wohnzimmer noch in ihrem Schlafgemache zu finden. In der Küche sah er ein verglimmendes Feuer. »Mich dünkt, wir sollten heute Sauerbraten bekommen«, sagte er, »vielleicht ist er gar und ich kann mir immer schon ein Stückchen abschneiden für den ersten Angriff.« – Es roch recht lieblich und nahrhaft da zwischen den Brandmauern, aber ach, die Töpfe und Schüsseln auf dem Herde waren leer. Auf dem Schemel lag die Hauskatze, eine von den schwarz- und gelbgestreiften, ruhig und harmlos, mit zugekniffenen Augen spinnend. Der alte Baron sah grimmig von den leeren Schüsseln nach der Katze, von dieser nach jenen. Er hielt sich nicht länger und mit dem Rufe:

»Ich will dir Bestie denn doch endlich das Fressen wohl verleiden!« gab er der armen Unschuldigen einen so heftigen Schlag, daß das treue Haustier schreiend aufsprang und winselnd forthinkte, denn eine Pfote war ihm von dem Stockschlage gelähmt worden.

Der Blick des zornigen Hausherrn fiel auf ein Buch, welches neben dem Herde lag. Er erkannte Emerentias Handschrift, wurde neugierig und begann darin zu lesen, nur die letzten Blätter, so daß er nicht den ganzen Zusammenhang von seiner[581] Tochter Gedanken und Gefühlen daraus entnehmen konnte, aber leider erfuhr er schon durch das, was er las, ein neues, nur zu großes Unheil.

Es war Emerentias Tagebuch. Sie pflegte, was sie am Abend geschrieben, am Morgen darauf in der Küche zu ihrer Erholung sich vorzulesen. Nun hatte sie in den letzten Wochen, da sich der Schatz ihrer anderweitigen Vorstellungen und Erinnerungen ausgeleert haben mochte, nur eingezeichnet, was sie an Lebensmitteln dem maskierten Fürsten zugesteckt hatte, den sie aus einer zärtlichen Grille gerade auf diesen Blättern nur Karlos nannte, also mit dem Namen, der ihrem Vater entzifferbar war. Zu seinem Entsetzen las er demnach, daß der Bediente Karl Buttervogel die Katze gewesen war, welche das Schloß in Hungersnot versetzt, daß sein eigenes Fleisch und Blut dieses häusliche Elend gestiftet hatte.

Ohne ein Wort zu sagen, ließ er das Tagebuch fallen. Heimlich murmelnd ging er die Treppe nach dem Söller hinauf in seine Gerichtsstube, als müsse ihm da irgendein Gedanke kommen, der ihm Luft in die Brust schaffen könne. Münchhausen hatte er fast vergessen. Karlos, den Schmetterling oder die Katze, wie man ihn nun nennen will, abzustrafen, nicht mit Worten, sondern mit Werken, dahin zielten alle seine Gedanken. Oben musterte er irren Blickes die abgelegte Garderobe seiner Gemahlin, die an den Pflöcken umherhing. Man hätte sehen können, daß seine Vorstellungen nicht bei diesen Roben, Spenzern und Taffentmänteln waren, die Augen suchten nur mechanisch Gegenstände, um sich anzuheften. Er riß, ohne zu wissen, was er tat, ein altes Kleid vom Pflocke, dahinter wurde ihm ein Paar Pistolen an Nägeln aufgehängt, sichtbar, und neben den Pistolen hing ein Pulverhorn. Die Pistolen von den Nägeln nehmend, versuchte er ihre Schlösser. Sie waren gut eingeölt gewesen, die Hähne knackten und die Steine gaben lustig Feuer. Er schüttelte das Pulverhorn, es war nicht leer. Er lud die eine Pistole, und würde zum Verhängnis vielleicht auch noch eine Kugel gefunden haben, wenn er nicht in seinem gefährlichen Werke von jemand unterbrochen worden wäre, und zwar von dem, den er in seinem erbitterten Sinne trug.

Karl Buttervogel betrat nämlich, gerade als der alte Baron[582] die Pistole mit Pulver geladen hatte, ohne vorher anzupochen, die Gerichtsstube, um die Gebote seiner Dame auszuführen. Er betrat die Stube mit den Empfindungen eines Fürsten, eines Liebenden und eines Eßlustigen. Hechelkram schwebte zwar seiner Seele immer nur noch in unbestimmten Umrissen vor, desto fester zeichneten sich die Gefühle des Liebenden und Eßlustigen in ihm. Stolz und keck trug er sich, hatte Stiefeln und Rock rein abgebürstet, den lackierten Hut in der Hand, und das rot und weiß geblümte Halstuch von Zitz vorn in einer übermäßig großen Schleife zusammengebunden. Zum Zierat war von ihm in dem Knopfloche ein Tannenreis und eine gelbe Malve befestigt worden.

So trat er höchst mutvoll und sicher, denn ihn stärkte die Erinnerung an Emerentias rotes Kleid, zu dem Manne ein, dessen Schwiegersohn zu heißen jetzt sein heißestes Verlangen war.

Die Züge des alten Barons nahmen bei Karls Erscheinen den Ausdruck einer giftigen Süßigkeit an. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl, legte die Pistolen vor sich auf den Tisch, holte tief Atem und sagte dann: »Er kommt mir gerade recht, mein Sohn.«

»Allerdings Sohn, nichts als Sohn und so weiter Sohn«, versetzte Karl sich räuspernd.

»Trete Er doch etwas näher hieher zu mir«, sagte der alte Baron, indem die Finger seiner rechten Hand unruhig auf dem Tische spielten.

»Niemals vor jetzt«, erwiderte Karl Buttervogel und setzte seinen lackierten Hut auf, denn er glaubte als Fürst und glücklich Liebender sich diese Rücksicht schuldig zu sein. – »Sondern hier stehenbleiben und der Tisch zwischen uns, während die Anhaltung geschieht und Maske fallen gelassen wird. Denn alles muß seine Ordnung haben, und wenn keine Ordnung mehr in der Welt ist in Fürsten- und Heiratssachen, so wäre der Mensch ein Dummerjahn und ein rechter Flegel. Also hier stehenbleiben aus der Entfernung, in dieser Distanz und Augenmaß von zehn Fuß wird Rede gehalten und nachher noch Zeit genug zum Hingehen und Niederfallen und Handküssen, wenn Rührung ausbricht, geschluchzt wird und[583] Schwiegervater Schwiegersohn umarmt, insofern nämlich nichts weiter als dieses außer allem dem Sonstigen platterdings unmöglich wenngleich schwierig und wirklich effektiv.«

Der alte Baron sah den Bedienten, der in diesen fremden Zungen redete, sprachlos an.

»Da man nämlich Fürst ist –«

Der Schloßherr faßte seinen Kopf mit beiden Händen. Karl fuhr, ohne sich stören zu lassen, die Hände in die Hosentaschen steckend (denn er hielt dies für vornehm), und sich auf den Füßen hin und her wiegend (das kam ihm nämlich erhaben vor), fort: »Da man nämlich Fürst ist, so wird Hechelkram sich finden, wenn auch verborgen vor jetzt und in Zukunft. Maske wäre hiemit fallen gelassen, hier oben wie unten im Garten. Nach diesem Schwiegersohnsangelegenheit sehr nötig und fast schon zu spät. Nichtsdestoweniger, weil nämlich überhaupt und dennoch gnädiges Fräulein sehr von mir angegriffen gewesen, und durchaus gewollt, ich soll's sein, zugesagt darauf, immer Wurst und Eier und Rindfleisch gegeben, und jetzt sich meisterhaft angezogen, Sauerbraten gekocht, so wird Widerstand unmöglich und wofern fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, muß sich Rieke in Stuttgart das Maul wischen und obgleich keine Bestechung erfolgt ist, was schmerzlich war und unrecht, einen Bedienten für nichts und wieder nichts verführen zu wollen, so wird hiemit um die Hand gebeten und gänzlich entschlossen ist man, Fräulein unten im Garten zu heiraten.«

»Er will sich mit meiner Tochter verbinden?« stammelte der alte Baron.

»Dieses wäre die Absicht und Contentement, wofern Heirat zur Verbindung gehört«, sagte Karl.

»Komme Er jetzt wenigstens, mein Söhnchen«, schmeichelte der Schloßherr in einem keuchenden Tone. »Komme Er jetzt wenigstens zu mir.«

»Ganz wohl«, versetzte Karl Buttervogel. – »Man sieht, daß Rührung im Gang ist und Tränen nicht ohne sein werden.« –

Er ging zu seinem Schwiegervater, der die Zeit kaum erwarten zu können schien, um sich an dem Schwiegersohne zu letzen. Den Hut auf dem Kopfe behaltend, kniete er vor dem[584] alten Baron nieder und sagte: »Folglich bäte man hiedurch um Ihren Segen!«

»Da hast du den Segen, du Racker, du Spitzbube!« schrie der Alte und reichte dem Liebenden eine der schwersten, klatschendsten und schmerzhaftesten Ohrfeigen, welche wohl jemals in Deutschland geschlagen worden sind. Der Hut fiel dem Geohrfeigten vom Kopfe, er sprang heulend auf, hielt die blutige feuernde Wange mit beiden Händen und stürzte nach der Türe. Der grimmig-gereizte alte Mann aber stürzte ihm, die eine Pistole ergreifend nach zur Treppe, überlaut rufend: »Tot schieß' ich den Halunken! den Hund! die Katze, die ganz Schnick-Schnack-Schnurr kahlgefressen hat!«

Der Bediente voran auf der Treppe, der alte Baron hinterher – –

Hier verrichtet unsere Erzählung das Mirakel, welches einst jenem Wundertäter, dessen Name mir entfallen ist, gelang. Er war in ein Sterbehaus berufen, um einen Toten aufzuerwecken, unterweges sah er einen Schneider aus dem Fenster stürzen, den hieß er, weil er keine Zeit für ihn übrig hatte, so lange in der Luft schweben, bis er vom Toten zurück wäre, tat hierauf im Sterbehause was seines Amtes war, kehrte darnach zu dem schwebenden Schneider zurück und ließ ihn sänftlich zur Erde nieder kommen.

Unsere Erzählung hat dringende Geschäfte in Münchhausens Zimmer, sie fixiert daher den Bedienten Karl Buttervogel und den alten Baron Schnuck im Herabstürzen von der Treppe und läuft zum Freiherrn, wo sie in dem engen Stübchen vor den vielen Menschen, die es inzwischen erfüllt haben, kaum noch ein Unterkommen finden kann. Denn unter dem Mantel des Haarrauches waren die drei Unbefriedigten, der Ehinger Spitzenkrämer und Semilasso in das Schloß eingedrungen. Froh über die Öffnung, die nach ihrem Abzuge entstanden war, hatten sie nicht aufeinander geachtet, waren, vom Instinkt geleitet, die Treppe hinauf und in das Zimmer gegangen, worin sich nun große und merkwürdige Entdeckungen zutragen sollten. »Ja, er ist es!« riefen die drei Unbefriedigten.[585]

»C'est lui«, sagte Semilasso.

»'s ist der nämliche«, sprach der Ehinger Spitzenkrämer.

Diese Personen umstanden in verschiedener Stellung das Bette des Freiherrn. Der Ehinger klopfte nämlich mit seinem Stocke den Schläfer sanft unter den Fußsohlen, um ihn zu erwecken, Semilasso sah ihn mehr von weitem durch seine Gläser an, die drei Unbefriedigten hatten die Hände des Schlafenden inbrünstig gefaßt und Karl Gabriel der Dichter war neben dem Bette auf die Kniee gesunken. Münchhausen ließ sich von dem klopfenden Stocke des Ehingers nicht erwecken, sondern behielt sein Engelslächeln bei. Der Schriftsteller, welcher sich so hatte überrumpeln lassen, saß mit einem verlegenen Gesichte hinter dem Tische und zeichnete mit der Feder allerhand seltsame und inkorrekte Arabesken auf einen Bogen Papier, welcher vor ihm lag. Die Fremden aber ergingen sich in freudigen Ausrufungen über das Glück, ihre Vermutungen bestätigt zu finden, Karl Gabriel sprach von der poetischen Divination, die ihm Schnick-Schnack-Schnurr als das leuchtende Grab gezeigt habe, worin dieser Merlin des neunzehnten Jahrhunderts ruhe und Orakel spende, Karl Emanuel sagte, er habe sich, als der Meister ihnen in Schwaben jammervoll abhanden gekommen sei, a priori konstruiert, daß er in Westfalen sein müsse, Karl Nathanael sprach von einem glücklichen politischen aperçu, welches ihm den Weg gewiesen, der Ehinger schwatzte von seinem Vetter Bestelmeier, der hausierend hier durchgekommen und ihm in Aschaffenburg auf der Schloßterrasse erzählt habe, so ein grüngelber Teufelskerl, wie damals einer bei ihnen zu Ehingen gewesen, sei ihm allhier zu Pferd sichtbar geworden, der vornehme Deutschtürke wollte durch Korrespondenten in Bonn die Nachricht erhalten haben, welche ihn gleichzeitig mit den anderen nach diesem Schlosse gezogen hatte.

Nach so freudigen Reden schien aber die Szene ernster werden zu wollen. Denn der Ehinger, welcher die drei Unbefriedigten wie die Kletten an dem Freiherrn hangen sah und ihn mit seinem Stocke nicht erwecken konnte, meinte vermutlich, dies durch ein herzhaftes Schütteln bei den Händen sicherer bewerkstelligen zu können, rief ihnen daher zu: »Marsch, ihr[586] Grünröck'! Was tut ihr so nahe bei meinem Captain, laßt mich hinzu, denn das Hemd ist ihm näher als der Rock!« und wollte Karl Gabriel wegziehen. Karl Gabriel stieß aber mit der anderen verwandten Hand den Ehinger zurück, der Ehinger wollte Gewalt brauchen, Karl Nathanael und Karl Emanuel schützten den Bruder, der Ehinger tobte und schimpfte, die drei Brüder riefen: »Was will der Mensch bei unserem Meister?« und alles schien sich zu einer Zänkerei oder gar Schlägerei anzulassen. Semilasso litt während dieser lauten Vorgänge sehr. Auch er hatte die schmerzliche Sehnsucht nach dem Freiherrn und wußte ja, daß er nur ihm angehöre. Dennoch verbot ihm ungeachtet seiner Genialität das angestammte Wappengefühl sich zwischen so niedere Persönlichkeiten zu drängen, von denen er leicht einen Stoß oder Schlag erhalten konnte. Er sah sich daher ängstlich nach dem Schriftsteller um und sagte zu diesem, während die anderen um den Freiherrn, wie um den Leichnam des Patroklus sich stritten: »Mein Herr, Sie scheinen hier der einzige Unparteiische zu sein, ich ersuche Sie, das Richteramt zu übernehmen und jene Franken und Ungläubigen dort von meinem Doktor durch die Kraft vernünftiger Zuredungen zu entfernen, denn mein ist er und mir gehört er an!«

»Meine Herren!« rief hier der Schriftsteller, froh, wieder zu der Leitung der Angelegenheiten berufen zu werden, mit seiner Stentorstimme. Die Streitenden ließen ab und horchten auf. »Meine Herren, dieser wundersame Mann, der trotz des Lär-mens, welchen Sie zu erregen so gefällig sind, seinen Schlummer fortsetzt, scheint eine alte Bekanntschaft von Ihnen zu sein.« – »Nun freilich!« versetzten alle.

»Gleichwohl will es mir vorkommen, als walteten noch etliche und zwar nicht geringe Mißverständnisse in betreff der Persönlichkeit ob«, fuhr der Schriftsteller fort.

»Kein Mißverständnis nit, nit das mindeste Mißverständnis, kein Gedank' von einem Mißverständnis«, eiferte der Ehinger Spitzenmann. »Er ist kein Mißverständnis nit, sondern der Captain Gooseberry, wie er sich selbst genannt hat, in Diensten der Königin der Koralleninseln im Stillen Weltmeer, welcher letzthin bei uns auf der Schwäbischen Alb war, und uns[587] das große, profitliche Auswanderungsprojekt vorlegte, mir und meinen fünfzig Freunden zu Ehingen.«

»Je proteste hautement contre toute atteinte, qu'on voudroit porter à mes droits«, lispelte Semilasso. »Der Mann täuscht sich auf eine eklatante Weise. Ich versichere bei meiner Ehre, daß ich das Vergnügen habe, in diesem Schläfer den Doktor Reifenschläger wiederzuerkennen, den großen produktiven Kopf, dessen Bekanntschaft ich vor kaum einem Jahre in Ägypten machte. Er war es, der meine Ideen von Rasseveredelung unter den Menschen durch reine Kreuzungen gesunder Exemplare ohne weitere Formalitäten, ausbildete und in vierundzwanzig Stunden den Plan zu einem Vollblutsinstitute – vorläufig unter den Kassuben – entwarf. Ich verlor ihn zufällig bei der Pyramide des Cheops aus den Augen und nachmals hörte ich, er habe sich in Alexandrien eingeschifft, von wo mir denn aber späterhin eine Zeitlang alle Spuren ausgingen.«

»Grenzenlose Irrtümer!« riefen die drei Unbefriedigten. – »Laßt mich reden, Brüder«, sagte Karl Emanuel, »denn als Philosoph werde ich die Fassung behalten, welche hier not tut. – Schlummernder vergib, daß ich vor solchen Ohren es entweihe! Nein, Packenmann Ihr und Morgenländer Ihr, der Mann da, der mehr als Mensch ist, dieser heilig Ruhende ist weder ein elender Captain Gooseberry von den Korallenriffen, noch der Vollblutsdoktor Reifenschläger bei der Pyramide des Cheops, sondern kein anderer, als – –« Er hielt atmend inne.

»Wer?« fragten alle voll der höchsten Spannung.

» ... der größte Mann der Zeit, kein Mann eigentlich mehr, sondern der Begriff des Mannes, oder der männliche Begriff, vielleicht noch zu konkret ist dieses gefaßt, abstrakter gegriffen muß es von ihm heißen, der Begriff ...«

Münchhausen niesete im Schlummer. – »Zur Gesundheit!« riefen die Anwesenden.

» ... griff, riff, iff, ff«, fuhr Karl Emanuel fort. »O, könnte ich ihn doch nur abstrakt genug nennen! Der reine Begriff, riff, iff, ff; scheinbar nur gestorben am vierzehnten November 1831 an den Folgen der Cholera, scheinbar begraben auf dem Kirchhofe draußen vor dem Tore, wo in dem[588] Sarge statt seiner das Nichts liegt, welches wieder das Etwas ist, in der Tat fortlebend, Tabak schnupfend und Whist spielend, also nicht bloß mit dem subjektiven Fühlen, Meinen und Wähnen gefaßt, sondern wirklich und folglich vernünftig – mit einem Worte: Der große, unsterbliche, ewige Hegel, welcher ist der Paraklet, das heißt der Geist, zur Vollendung der Zeiten versprochen, mit dem anhebt das Tausendjährige Reich, in welchem herrschen sollen die Hegelianer.«

»Erlauben Sie«, sagte der Schriftsteller, »dieses wird mir selbst etwas zu transzendental. Wie verstehen Sie das eigentlich, mein Allerwertester?«

»Rede du in Bildern, Gabriel, zu der Menge«, sprach Karl Emanuel. »Die Ausdrücke des Systems klingen unbeschnittenen Ohren dunkel.«

Karl Gabriel, der Dichter, sagte: »Der große Mann fühlte nämlich, daß sein Werk vollendet sei auf Erden für den großen Haufen. Er fühlte, daß es Zeit sei, sich in die heilige Unsichtbarkeit zurückzuziehen und in dieser für wenige Eingeweihte durch die letzten und höchsten Wunder des Geistes zu wirken. Er tat daher mit Hülfe einer grandiosen Intrige, welche die Redner am Grabe spielten, so, als sterbe er und werde begraben, wurde aber aufgehoben von seinen Jüngern, nahm bei Nacht Extrapost nach Zehlendorf und weiter, und geht nun umher in der Verborgenheit, sich einzelnen Erwählten offenbarend und diesen die innersten Arkana der Weisheit enthüllend.

Uns drei Brüdern manifestierte er sich auf einem Spaziergange bei Stuttgart, stillte alle unsere Schmerzen, befriedigte unser Sehnen und spielte mit uns Whist. Dann verschwand er uns, und endlich nach Jammer und Leid sehen wir ihn hier wieder, zwar schlafend, aber auch im Schlafe als Gott.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 581-589.
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