Siebentes Kapitel
Der Mann im braunen Oberrock beginnt sein allgemeines Vermittelungsgeschäft

[577] »So wollen wir also die Sache angreifen!« mit diesen Worten schloß die eilige Unterredung zwischen dem Freiherrn von Münchhausen und dem Schriftsteller Immermann.

»Und Sie haben mein Patent in der Tasche?« fragte Münchhausen.

»Den eigenhändigen Brief des Erbprinzen«, versetzte der Schriftsteller. »Tun Sie mir jetzt den Gefallen und schlafen Sie wieder ein, derweile ich für Sie wirke.« – Münchhausen wollte Einwendungen machen. – »Lieber, keine Worte weiter!« rief sein Bundesgenoß. »Die Garde wird aufgespart für die Höhe und den Gipfel des Gefechtes, zu früh die Kerntruppen verbrauchen, heißt die Niederlage mutwillig herbeiführen. Mich also lassen Sie ja die ersten Schwärmfeuer, Chocs und Chargen für Sie machen, es kommt vielleicht der Augenblick auch, wo Sie ins Feuer müssen.« – Er ging eilig die Treppe hinunter und Münchhausen warf sich halb unwillig in seinen Kleidern auf das Bette.

Rasch, um Terrain zu gewinnen, machte der Schriftsteller unten eine Bewegung über den Hof und trat dem alten Baron und dem Bürgermeister schon in der Nähe der Wappenlöwen entgegen. Dem Bürgermeister folgte ein Polizeisoldat von ziemlich grimmigem Ansehen. Der Schloßherr erstaunte über den fremden Mann in seinem Hofe, noch mehr aber über die[577] Bresche, welche in den Umschließungen der Burg entstanden war. Er wollte auf den Schriftsteller zürnen, als dieser sich zu der gewaltsamen Eröffnung bekannte, wurde aber durch dessen Auseinandersetzung besänftiget, daß manche Hindernisse nicht zart zu behandeln seien und man hin und wieder, um nur vorwärts zu kommen, die Türe einrennen müsse.

Indessen winkte er dem Bürgermeister, ihm in das Schloß zu folgen. Der Bürgermeister winkte seinerseits dem Polizeisoldaten, der bloß ein Bandelier aber keinen Säbel trug, denn diesen hatte er während der letzten Prügelei unter den Bauern, wobei er einhauen müssen, verloren. Der Polizeisoldat griff ingrimmig nach der Stelle, wo der Säbel sitzen sollte, zog aber nichts hervor und empor als seine eigene leere jedoch zusammengeballte Faust, die er dräuend nach vorwärts in die Luft schlenkerte. Hierauf rückte die feindliche Kolonne gegen das Schloß vor und der Beschützer Münchhausens wich, Schritt vor Schritt ihr Raum gebend, gegen die Bresche zurück.

Während dieses Rückzuges suchte er alle Mittel hervor, die entschlossenen Gegner von ihrem Vorhaben abzubringen. – »Was wollen Sie eigentlich?« rief er den alten Baron an. – »Den schlummerköpfigen Haselanten, den Hanswurst von Türenverrammler einstecken lassen!« versetzte der Schloßherr. – »Einstecken lassen«, wiederholte der Bürgermeister. – »Lassen«, sagte der Polizeisoldat und schob seine Dienstmütze verwegen auf das linke Ohr. Der Bürgermeister wendete sich mit Ansehen zu seinem Untergebenen um und sagte: »Es ist wohl gut, Marzeters, daß Ihr die Worte Eures Vorgesetzten aufhebt, aber immer hübsch mit Umsicht verfahren! Ihr laßt ihn nicht einstecken, sondern Ihr steckt ihn ein.« – »Ein. Ganz wohl, Herr Bürgermeister«, sagte Marzeters.

Schloßherr und Behörden drangen weiter vor. Münchhausen schnarchte oben, daß die Luft unten zitterte. – »Schnarch du nur!« rief der alte Baron hinauf zum Fenster. »Lebendig oder tot, wachend oder schlafend mußt du fort. Könnt Ihr wohl einen schlafenden Menschen tragen, Marzeters?« – Marzeters sagte:

»Wenn er nicht gar zu fest schläft, denn dann wird die Kreatur so schwer wie ein Bleiklumpen, so trage ich ihn hinweg und wäre er drei Mann hoch da.« – Der Schriftsteller befand sich[578] in der höchsten Verlegenheit. Gerade in diesem Augenblicke, wo seinem Kuranden ein glänzendes Glück bevorstand, mußte ihm alles daran liegen, daß dessen Name von keinem öffentlichen Skandal unangenehm berührt werde. Er hatte in der Tasche, was die Feinde, wenn sie es erblickten, augenblicklich zurückschrecken mußte, und dennoch wagte er nicht, davon Gebrauch zu machen, weil ja die neue Stellung Münchhausens keinen ostensiblen Charakter haben sollte. Wahrlich diplomatische Verwickelungen der eigensten Art! – Er war unter denselben bis an die eingebrochene Türe zurückgewichen. – »Können Sie es denn vor Ihrem Gefühle verantworten«, so redete er in dieser letzten Not den Schloßherrn an, »einen Mann, der, wie ich vernommen, von Ihnen so hochgeschätzt worden ist, in dieser harten Manier zu behandeln?« – »Eben darum, weil ich ihn ganz überaus verehrt habe, soll er nun sitzen«, erwiderte der alte Baron. Der Schriftsteller fand diese Entschließung natürlich, nur nicht trostreich. – »Kennen Sie mich, Herr Bürgermeister?« fragte er den Beamten. »O ja, Herr –«, versetzte dieser und gab ihm seinen vollen Titel und Namen. »Wir waren ja noch kürzlich in – dings – da – zusammen.« – »Nun denn, ich verbürge mich für den Freiherrn von Münchhausen und verspreche, Ihnen denselben in jeder anständigen Art zu gestellen; lassen Sie nur jetzt von ihm ab!«

»Ihre Bürgschaft in Ehren für jeden sicheren Mann, von dem man weiß, woher? und wohin?« erwiderte der Bürgermeister, »aber der Münchhausen da hat, wie ich höre, weder Paß noch sonstiges Legitimationspapier, deshalb kann ich Sie nicht für ihn gut sprechen lassen, denn er ist Vagabonde im rechtlichen Sinne des Worts.« – »Worts«, sagte der Polizeisoldat Marzeters.

»Nun denn!« rief der Schriftsteller, der bereits in die Türöffnung selbst zurückgedrängt war und in diesem Extreme seine ganze Entschlossenheit wiederfand – »alle menschlichen Mittel sind erschöpft – treibt mich nicht zum Äußersten! Ehe ich den Freiherrn verhaften und beschimpfen lasse, mit dem ich es mir habe so sauer werden lassen, ehe breche das Verderben über uns alle herein! Ihr seht, unbarmherzige Verfolger meines Schützlings, ich habe ziemlich starke Arme, zwar bin ich kein[579] Simson, aber dieses Schloß ist auch nicht das philistervolle Haus zu Gasa; sondern geborsten, zerspalten und kaum noch in seinen Wänden stehend. Ich fasse diese Pfosten an und neige mich vorwärts, wenn ihr beharret, und die Sprünge und Wandrisse hier herum müßten mich sehr täuschen, oder es gelingt mir, einen Teil des Mauerwerks auf mich und euch zu stürzen, und möge Münchhausen dann mit herabfallen, immerhin! Denn es ist besser, daß er ehrlich von Freundes Hand sterbe, als daß er schmählich in die Fesseln der Polizei gerate!«

Er faßte die Türpfeiler an. Der Bürgermeister rief ängstlich:

»Um Gottes willen, Herr Baron, zurück! Er macht Ernst; man kennt ihn darin. Er pflegt zu seinen Bekannten zu sagen, daß er bis auf einen gewissen Punkt Geduld habe wie ein Lamm, aber über den Punkt hinaus sei es mit dem Lamme für ewige Zeiten vorbei.«

»Was wollen Sie denn?« fragte der alte Baron zitternd vor ohnmächtigem Grimme. Marzeters war über die mutmaßliche Fallweite des Schlosses zurückgesprungen, und wiederholte zum ersten Male in seinem Leben entsetzenshalber nicht das letzte Wort des Vorgesetzten. Der Schriftsteller begehrte kalt einen Waffenstillstand von einer Stunde, während welcher ihm, wie er sagte, hoffentlich etwas einfallen werde, wodurch sich alle Teile zufriedenstellen lassen möchten. Widrigenfalls sollten die Feindseligkeiten dann aufs neue beginnen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Dem Schloßherrn gestattete der Verteidiger, zu der Burg seiner Väter einzugehen, doch mußte er sich auf Ehrenwort verpflichten, innerhalb seiner vier Wände nichts Feindliches wider den Freiherrn vorzunehmen und mit Ablauf des Waffenstillstandes sich wieder hinauszubegeben. Dem Bürgermeister und dem Polizeisoldaten wurde ihr Standquartier auf dem Hofe angewiesen.

Der Schriftsteller ging stirnreibend in das Schloß. Das war ein großer Fehler. Er büßte damit den besten strategischen Vorteil ein. Vor dem Schlosse beherrschte er den Kampf, nun aber wurden Ereignisse möglich, welche dem ganzen Gange der Operationen eine von seinem Willen unabhängige Wendung gaben.[580]

Immer heftiger war der Wind geworden. Er hatte den unheimlichen Nebel herangeweht, Haarrauch geheißen. Man konnte nicht vierzig Schritte weit sehen. Unter dem Schutze dieses Dunstes rückten, als kaum der tapfere Kommandant von Schnick-Schnack-Schnurr das Zimmer seines Kuranden betreten hatte, von allen Seiten, geführt durch den blinden Zufall, Massen gegen das Schloß vor, welche den Waffenstillstand nicht mit abgeschlossen hatten und folglich den Burgfrieden keinesweges zu achten brauchten.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 577-581.
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