Zwölftes Kapitel
Eine wundersam verwickelte Hofgeschichte

[602] »Geheimer Hühneraugenessenzbereiter?« fragte Semilasso mit einem feinen Lächeln.

»Geheimer Hühneraugenessenzbereiter«, sagte der Schriftsteller. »Wenn Sie die Verhältnisse des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe, kennen, so werden Sie wissen, daß der alte Herzog in dem Spleen seiner vorgerückten Jahre nur noch ein Interesse an seinen Hühneraugen nimmt, die ihn in der Tat auch arg plagen. Ohne diese Pein aber würde dennoch die ganze Existenz des alten Herrn zusammenbrechen, denn der Verdruß gehört ihm zum Leben notwendig hinzu; er ist einer von den Charakteren, die aus Liebhaberei verdrießlich sind. Diese maussade Laune erleichtert übrigens die Staatsverwaltung außerordentlich. Die Regierungsgeschäfte[602] werden in Dünkelblasenheim auf eine höchst einfache Art getrieben; nämlich wenn den alten Herrn die Hühneraugen zu heftig schmerzen, so schlägt er etwas ab, und wenn es leidlich damit steht, so genehmigt er, auf solche Weise motivieren sich die unerwartetsten Entschließungen ganz natürlich. Das Schneiden der Hühneraugen war daher auch von jeher eines der wichtigsten Geschäfte am Hofe; der Obersanitätsrat war damit begnadiget, nun ist der Mann auch alt geworden, hat blöde Augen bekommen und in den letzten Jahren den Herzog mehrmals in das Fleisch geschnitten, woraus denn strenge Regierungsmaßregeln entsprangen. Der alte Herr verlangte daher schon seit einiger Zeit nach einer Abhülfe dieses Übelstandes.«

Semilasso lächelte noch feiner, und der Erzähler fuhr fort:

»Dem Vater gegenüber steht nun der Erbe, ein von jenem durchaus verschiedener Charakter, witzig, phantasievoll, ein geistreicher Herr, gleichsam ein Genie, oder – kurz – ja – hm ...«

Semilasso lächelte immer feiner, und der Erzähler fuhr fort:

»Er langweilt sich auch, denn er möchte gern regieren. Seine gewöhnliche Gesellschaft war ihm etwas abschmeckend geworden und es mochte dies ungefähr zu derselben Zeit sich ereignet haben, als der Obersanitätsrat den Vater am häufigsten in das Fleisch geschnitten hatte. Er begann daher sich nach einem anregenden Umgange zu sehnen, nach einem Universalkopfe, der ihn beständig beschäftige, gerade als der Vater nach einer sanfteren Behandlung seiner Hühneraugen verlangte.«

Semilasso lächelte nun so fein, daß keine Feder die Feinheit dieses Lächelns mehr beschreiben kann. Der Erzähler kam dadurch beinahe aus der Fassung, die jedem Erzähler not tut, fuhr indessen doch fort:

»Der Oberkammerherr hatte die Wünsche des regierenden und zukünftigen Herrn, welche ihm Befehle sein mußten, zu vernehmen. Der Oberkammerherr hat eine sehr zarte Stellung zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Oberkammerherr hatte mit den größten Schwierigkeiten nach allen Seiten hin zu kämpfen. Die offenbarste war, dem Erben zu genügen.[603] Niemals, wie Sie sehr richtig ahneten, würde der regierende Herr zugelassen haben, daß der Erbe sich ein Genie zum Ideenaustausche halte, denn von Ideen und Genie mag er überhaupt nichts wissen.

In dieser Verlegenheit konnte ich dem Oberkammerherrn helfen. Daß Münchhausen der Mann für den Erbprinzen sei, darüber waren wir bald einig, es wäre aber hiemit noch nichts gewonnen gewesen, wenn dieser seltene Charakter, der nichts unter seiner Würde hält, nicht zufällig einer neuen Hühneraugenessenz auf der Spur gewesen wäre und sie wirklich endlich entdeckt hätte, ein probates Mittel, welches das Übel zwar nicht zu heben vermag, da es überhaupt unheilbar ist, aber es doch bedeutend lindert, so daß der alte Herr, der schon mehrere Flaschen derselben verbraucht hat, sich seitdem nur in dem Zustande einer fortwährenden Semi-Verdrießlichkeit befindet. Durch diesen glücklichen Zufall war der Ausweg gebahnt. Münchhausen geht nämlich an den Hof von Dünkelblasenheim und der alte Herr weiß nicht anders, als daß er bloß seiner Hühneraugen wegen komme. Nur unterderhand wird er das Gesellschaftsgenie des jungen Herrn, der an ihm, wie an einer verbotenen Frucht naschen will. Man fühlt aber wohl, daß eben wegen dieser Heimlichkeit sein Einfluß unberechenbar werden muß, und daß er recht eigentlich dazu bestimmt ist, künftig eine große Rolle im Herzogtume zu spielen. Ich habe mir daher auch schon ein Heft weißen Papieres einbinden lassen und den Titel darauf gesetzt: ›Münchhausen am Hofe‹; denn meine Feder soll seinen Schritten auch in dieser hohen Sphäre mit der Zeit folgen.«

»Sie sagten aber, wenn ich nicht irre, daß auch seine Anstellung bei dem regierenden Herrn keinen offiziellen Charakter haben werde?«

»Ja, das ist eben das Schönste. Der Umstand, den ich nun zu berichten habe, bot die zweite interessante Schwierigkeit dar. Der alte Herr hängt nämlich an dem Obersanitätsrat, nicht aus Liebe, sondern aus Gewohnheit, wie an einem alten Stück Meuble, weil der Mann denn doch seine vierundzwanzig Jahre hindurch das Amt versehen hat. Er befahl daher ausdrücklich, daß der Obersanitätsrat von dem Substituten und dessen Mittel[604] nichts erfahren dürfe. Dieses Geheiß war nun in der Tat schwer auszuführen. Endlich fanden wir dennoch Rat, der Oberkammerherr und ich. Der Obersanitätsrat bekommt nämlich alle Sonnabende, welche von jeher die gewöhnlichen Schneidetage waren, ein stumpfes Messer in die Hand geschoben, womit der dem Herzoge weder helfen noch schaden kann und damit bildet er sich denn ein sein Amt zu verrichten. Wir hatten für diese List Antezedentien, denn es gibt ihrer mehrere in Dünkelblasenheim, welche sich die Illusion machen, mit stumpfen Messern ihre Pflicht zu tun.

Der alte Herr ist aber ganz glücklich darüber, daß er zum ersten Male in seinem Leben ein Geheimnis vor Hof und Staat hat, da bisher Hof und Staat nur Geheimnisse vor ihm hatten. So ist diese Intrige in mehreren Gängen und Stockwerken, einem über dem anderen, gleich den Stollen in dem Salzbergwerke von Wieliczka oder den Totenkammern in den Katakomben ausgehöhlt und ausgetieft, und man wird immer recht den Kopf zusammennehmen müssen, um die Beziehungen, in welchen Münchhausen nur Geheimer Hühneraugenessenzbereiter und in welchen er geheimster Gesellschafter des Erbprinzen ist, klar auseinanderzuhalten.«

»Aber irgendeinen öffentlichen und anerkannten Charakter muß er doch haben, um Figur in Dünkelblasenheim machen zu können«, sagte Semilasso. »Car sans titre vous n'y êtes rien du tout.«

»Der Herzog hat ihm den Schatz übertragen«, versetzte der Schriftsteller. – »So hat er Ehre und kann doch keinen Schaden tun, denn im Schatze von Dünkelblasenheim ist nie etwas. Ew. Gnaden sehen nun zugleich«, fuhr der Schriftsteller fort, indem er einen bedeutenden Blick auf die Glasscherben und auf die Flecke, welche die inzwischen verdampften chemischen Flüssigkeiten in das Arabeskenprotokoll eingefressen hatten, warf, »wie für uns Eingeweihte das Homunkuluswunder, welches dieser seltene Schwärmer seinen nächsten Umgebungen vorgeredet hatte, oder seine Umgebungen sich hatte einbilden lassen, natürlich ausgeht. – Hühneraugenessenzbereitungsversuche! Nichts als Hühneraugenessenzbereitungsversuche!«

»Schade!« rief Semilasso und seufzte. »Ich hatte mir schon[605] gedacht ...« Er vollendete nicht, sondern ging nach einem zweiten Seufzer und einem Blicke auf Münchhausen, in dem sich eine gemischte Empfindung spiegelte, von dannen. – In seiner Seele war durch den Wunderbericht Karl Buttervogels eine große Bewegung entstanden; er war der einzige in dem Kreise der Interessenten gewesen, der ihm eine gewisse Sympathie, wenigstens eine Hinneigung zur Sympathie gewidmet und schon im stillen erwogen hatte, ob nicht statt des Menschenrasseveredelungsinstitutes eine chemische Menschenfabrik zu gründen sein möchte. Denn Semilasso hielt so wenig als irgendein Kavalier auf die Wunder des Evangeliums, um desto mehr aber auf die modernen Wunder. Nun an der Quelle unterrichtet, daß Münchhausen kein sich mit Gas und Säuren auffüllender Homunkulus, sondern nur ein Wirklicher Geheimer Hühneraugenessenzbereiter war, fühlte er sich etwas enttäuscht, ging in dieser Stimmung die Schloßstraße hinunter, setzte sich verstimmt zu seinen Affen und Papageien in die türkische Ochsenkarre, fuhr im Schritt durch Sturm und Nebel davon, fror und hätte heute gern im Dampfwagen auf der Eisenbahn oder auch nur in der Schnellpost gesessen, denn er begriff, daß es Lagen des Lebens gibt, in welchen man am liebsten warm sitzt und wie andere gewöhnliche Menschen rasch vom Flecke kommt.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 602-606.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Münchhausen
Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken
Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Der Oberhof: Aus Immermanns Münchhausen
Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon