Eilftes Kapitel
Die fremde Blume und das schöne Mädchen. Die Gelehrte Gesellschaft

[214] Die Sonne stand noch hoch am Himmel, und dem Jäger war es nicht gelegen, so früh in den Oberhof zurückzukehren. Er trat auf eine der höchsten Wallhecken, sah sich in der Gegend um und meinte, daß er eine Hügelgruppe, welche in geringer Entfernung ihre buschichten Häupter erhob, wohl noch durchstreifen und doch vor spät abends wieder in seinem Quartiere sein könne. Das Wiederfinden des Diakonus und sein Gespräch hatte manche Erinnerungen der früheren Zeiten in ihm aufgeweckt; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden, die er noch nicht betreten, nach Bergen und Bäumen, an deren Anblick er sich noch nicht gewöhnt[214] hatte. Tief, tief seine heiße Seele in das kühle Waldesdunkel, in den feuchten Dunst bemooster Felsen, in den begeisteten Schaum springender Quellen zu tauchen, danach lechzte er; danach schmachtete er aus der brütenden Wärme der Kornfelder.

Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht; ihre erste Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes, in welcher die Jugend ihre ersten überschwellenden Kräfte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen. Jener, älter, und wie erwähnt worden, schon Führer eines jungen vornehmen Schweden, hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu den Studenten gehalten, und manche Stunde der Mitternacht war dem Jäger mit ihm in eifrigem Kämpfen und Ringen vergangen. – »Ja«, rief er, indem er immer fürbaß den Hügeln zuschritt, »du, mein deutsches Vaterland, bleibst doch der ewig geweihte Herd, die Geburtsstätte des heiligen Feuers! Überall, auf jedem Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert, und der Deutsche ist ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerwege, wo er auch nur die Nacht über gerastet hat.« – Er gedachte der Reden seines Bekannten und der Situation, in welcher sie vorgefallen waren. – »Das wird auch anderwärts nicht vorkommen, daß ein armer Pastor, hinter seiner Hühnerkarre herschreitend, sich an der unsterblichen Idee der Nation begeistert«, sagte er. »Lächerlich und erhaben! Lächerlich, weil das Erhabene auch durch das Ärmlichste und Kleinste bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht! Wie reich bist du, mein Vaterland!«

Sein Fuß betrat frisches, feuchtes Wiesengrün, besäumt von Büschen, unter denen ein klares Wasser rann. Dieser vollen, gesunden, jungen Seele taten noch symbolische Handlungen not, sich und ihrem Drange zu genügen. In kurzer Entfernung zeigten sich kleine Felsen, über die ein schmales, schlüpfriges Pfädchen lief. Er ging hinüber, klomm zwischen den Klippen nieder, streifte den Ärmel auf, ritzte das Fleisch seines Armes und ließ das Blut in das Wasser rinnen, indem er ein stilles, frommes Gelübde ohne Worte sprach. Er legte den Arm in das Wasser, die Flut kühlte ihm mit anmutigem Schauder das heiße[215] Blut ab. So, halb knieend, halb sitzend an dem feuchten, dunkeln, umklippten Orte blickte er seitwärts in das Offene; da wurden seine Augen von einer prachtvollen Erscheinung gefangengenommen. Zwischen den Gräsern waren alte Baumtrümme verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grün. Einer derselben war ganz ausgehöhlt, in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde niedergeschlagen, und aus dieser und aus dem Trumm, wie aus einem Krater, blühte die herrlichste Blume empor. Über dem Kranze sanfter runder Blätter erwuchs ein schlanker Stengel, der große Kelche von unnennbar schöner Röte trug. Tief in den Kelchen stand ein geflammtes zartes Weiß, welches in leichten grünen Äderchen nach dem Rande zu auslief. Es war offenbar keine hiesige, es war eine fremde Blume, deren Samenkorn, wer weiß, welcher? Zufall in den durch die Verwesungskräfte der Natur bereiteten Gartenboden getragen, und eine günstige Sommersonne auch hier zum Wachsen und Blühen gebracht hatte.

Der Jäger erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke, der ihn belohnte, als er das Gelübde getan hatte, mit Leib und Seele dem Vaterlande angehören und zeitlebens keine Götter haben zu wollen, als die heimischen. Trunken von der Magie der Natur lehnte er sich zurück und schloß in süßen Träumereien die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte sich die Szene verändert.

Ein schönes Mädchen in einfachem Gewande, den Strohhut über den Arm gehängt, kniete vor der Blume, hielt deren Stengel zärtlich, wie den Hals des Geliebten umschlungen, und blickte, die holdeste Freude der Überraschung in den Augen, tief in einen der roten Kelche. Sie mußte, während der Jäger zurückgebeugt lag, leise herbeigekommen sein. Ihn sah sie nicht; die Klippen verdeckten ihn, und er hütete sich wohl, eine Bewegung zu machen, welche ihm die Erscheinung verscheuchen konnte. Aber, als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche emporschaute, fiel ihr Blick seitwärts in das Wasser, und sie gewahrte den Schatten eines Mannes. Nun sah er sie sich verfärben, die Blume aus ihren Händen entlassen, übrigens aber regungslos auf den Knieen bleiben. Er erhob sich mit[216] halbem Leibe zwischen den Klippen, und vier junge, unschuldige Augen trafen einander mit feurigen Strahlen. Nur einen Augenblick! denn alsobald stand das Mädchen, Glut im Antlitz, auf, warf den Strohhut über das Haupt und war mit drei raschen Schritten hinter den Büschen verschwunden.

Er kam nun auch aus den Klippen hervor und streckte den blutigen Arm nach den Büschen aus. War der Geist der Blume lebendig geworden? Er sah diese wieder an, sie wollte ihm nicht mehr so schön bedünken, wie wenige Augenblicke zuvor. »Eine Amaryllis«, sagte er kalt, »ich erkenne sie jetzt, ich habe sie im Gewächshause.« Sollte er dem Mädchen nachfolgen? Er wollte es, eine geheime Scheu fesselte aber seinen Fuß. Er faßte an seine Stirne; geträumt hatte er nicht, das wußte er, »und das Ereignis«, rief er endlich mit einer Art von Anstrengung, »ist auch so absonderlich nicht, daß es geträumt werden müßte! Ein hübsches Mädchen, die des Weges daherkommt und sich auch an einer hübschen Blume erfreut, das ist das Ganze!«

Er strich zwischen unbekannten Bergen, Tälern, Geländen umher, solange ihn die Füße tragen wollten. Endlich mußte er an den Rückweg denken. Spät, im Dunkeln, und nur mit Hülfe eines zufällig gefundenen Führers erreichte er den Oberhof.

In diesem brummten die Kühe, der Hofschulze saß auf dem Flure mit Tochter, Knechten und Mägden zu Tische und wollte moralische Gespräche beginnen. Aber dem Jäger war es unmöglich, darauf einzugehen, es kam ihm alles verwandelt, roh und ungefüge vor. Er suchte rasch seine Stube, nicht wissend, wie er noch länger in das Ungewisse hin hier werde verweilen können. Ein Brief, den er oben von seinem Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand, vermehrte noch sein Mißbehagen.

In dieser Stimmung, welche einen Teil der Nacht dem Schlummer raubte und die sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte, war es ihm sehr erwünscht, daß ihm der Diakonus ein kleines Wägelchen schickte, ihn nach der Stadt abzuholen.

Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, daß der Ort, einst ein mächtiges Glied im Bunde der[217] Hansa, seine große, wehrhafte Zeit gehabt habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und Küchengärten verwendet. – Sein Fuhrwerk bewegte sich, nachdem das dunkle, gotische Tor durchfahren war, etwas mühsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster und hielt endlich vor einer freundlichen Wohnung, an deren Schwelle ihn schon der Diakonus empfing. Er trat in einen heitern, behaglichen Haushalt ein, belebt von einer munteren, hübschen Frau, und einem Paar lebhafter Knaben, die sie ihrem Eheherren geboren hatte.

Nach dem Frühstück machten sie einen Gang durch die Stadt. Die Straßen waren ziemlich menschenleer. Zwischen alten Schwibbögen, Türmchen, Kragsteinen, Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen, Baumplätze, Grasflecke. Um ein altes Gebäude, mit vier zierlichen Spitzsäulen an den Ecken und einer Kränzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges Wässerchen; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks eingenistet. Ringsumher die tiefste Einsamkeit. »Ist es nicht, als ob man den Geist der Geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht?« sagte der Jäger an dieser oder einer anderen ihr ähnlichen Stelle. »Ja«, versetzte der Diakonus, »man wird hier, wie von selbst, zum Altertume hingeführt, und eine erinnernde Stimmung bemächtigt sich der Seele. Dazu kommt, daß auch ein Teil der Bevölkerung aus menschlichen Ruinen besteht.«

»Wieso?« fragte der Jäger.

»Weil es hier sehr wohlfeil leben ist, ferner wegen der Stille des Orts und vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter ähnlichen Physiognomie ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschäft zurück, ihre letzten Tage unter diesem verwitternden Gemäuer zuzubringen«, sagte der Diakonus. »Greiser Beamten und Offiziere, welche hier ihre Pensionen verzehren, betagter Rentner, welche das Comptoir jüngeren Händen überlassen haben, gibt es hier eine Menge. Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte Tröpfe sind, so stößt man doch auch auf manchen, der sich umgetan hat, einen reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und[218] von dem man Dinge zu hören bekommt, die nicht so allgemein bekannt sind. So erzählen gewissermaßen die steinernen Trümmer Geschichte und die Menschentrümmer, welche darunter umherwanken, Memoiren. Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen, einen alten Hauptmann; nur bitte ich Sie, widersprechen Sie ihm in nichts, denn Widerspruch kann er nicht ertragen.«

Er klingelte an der Türe eines ziemlich gut aussehenden Hauses, welches hinter Kastanien beschattet lag, ein Diener öffnete und führte mit steifer militärischer Haltung den Besuch in ein Zimmer, welches von Sauberkeit glänzte. Dann ging er den Herrn zu rufen, welcher, wie er sagte, die Hühner füttere. Der Diakonus blickte sich flüchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jäger: »Der Hauptmann ist heute französisch, also um Gottes willen keine patriotische deutsche Aufwallung, er mag vorbringen, was er will!« Der Jäger hatte sich gleichfalls im Zimmer umgesehen. Alles atmete darin das Andenken an die Taten des Empire. Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke, die Arme gekreuzt, auf dem Schreibschranke, außerdem war er mehrmals in Büsten und Medaillons vorhanden. Da hing Murat in dem bekannten Theaterkostüme zu Roß, Eugen, Ney, Rapp. Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu Jaffa, der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den Garden zu Fontainebleau. Viele, diesen gemäße Darstellungen reihten sich ihnen an. In einer Ecke des Zimmers sah der Jäger ein Bücherbrett mit den Werken von Ségur, Gourgaud, Fain, Las Cases und andern, welche zu dieser Autorenreihe gehörten.

Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und wollte ihn eben um nähere Erläuterung bitten, als der Hauptmann das Zimmer betrat. Es war ein ältlicher Herr in blauem Oberrock, das rote Band im Knopfloch. Durch das hagere Gesicht zogen sich unzählige Runzeln und auch einige Schmarren. Er begrüßte seine Gäste mit trockener Höflichkeit, lud sie zum Sitzen und ließ sich den Namen des Jägers nennen, den der Diakonus ohne Arg aussprach, ehe sein Träger es verhindern konnte. »Ich habe«, sagte der[219] Hauptmann, indem er nachsann, »einen dieses Namens bei den Württembergern in Rußland gekannt. Der Zufall führte uns mehrmals zusammen, bei Smolensk gerieten wir beide in Gefangenschaft, halfen uns aber bald wieder heraus.«

»Das war mein Oheim«, erwiderte der Jäger. – Diese Entdeckung gab ihm sogleich einen näheren Bezug zu dem Hauptmann, dessen ganzes Gesicht sich erheiterte. Er drückte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und ließ sich nun in seinen Kriegserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen. Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten, sozusagen, hinter einem Schlagbaume, über den sie nicht hinwegsprangen. Am Schlusse seiner Erzählungen sagte er: »Es ist um einen großen Mann eine eigene Sache, und die Menschheit schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor, mag das Unglück diesen noch so hoch über ihm aufgetürmt haben. Was haben alle die Siege, die zweimal nach Paris führten, den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen? Nichts. Es sind Tatsachen geblieben, die alle Welt kalt anhört und weitererzählt, aber der Kaiser, der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage. Er hat die Menschen gequält, und dennoch vergöttern sie ihn, ei, ein wenig Qual ist dem Menschengeschlechte nützer als allzu schlaffes Wohlleben! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: An den gußeisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendächern werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Engländern aufschließen, aber nur an der Vendômesäule werden jeden fünften Mai frische Immortellen liegen.«

Der Diakonus erhob sich; der Hauptmann fragte, ob er den Fremden nicht noch anderweit zu sehen bekomme, was der Diakonus bejahte, da, wie er hinzu fügte, sein junger Freund ihm das Vergnügen machen werde, an der Gelehrten Gesellschaft teilzunehmen. »In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie, liebster Hauptmann«, sagte er. – »Ich werde euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen Beitrag liefern, welcher euch zeigen soll, welche Jüngelchen den großen Kaiser geschlagen haben wollen«, versetzte der Hauptmann ironisch.

»Das ist ja ein wütender Bonapartist«, sagte der Jäger draußen zum Diakonus. »Tageweise«, versetzte dieser. »Johann,[220] können Sie uns nicht das preußische Zimmer zeigen?« mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener. Der Mensch sah sich ängstlich um, nach einigem Schweigen antwortete er: »Der Herr wird wohl gleich ausgehen; treten Sie nur sacht hinein, ich will hier auf Posten bleiben.« – Der Diakonus ging mit seinem Gaste über den Flur nach der andern Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf, vor dessen Fenstern Weinranken einen grünen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf blühende Gartenbeete hatte. Das erste, was dem Jäger auffiel, weil es der Türe gerade gegenüberstand, war ein Tropäon auf hohem Postamente, zusammengefügt aus Kanonen, Waffen, Fahnen, Kriegesgerät. An dem Postamente glänzten in goldenen Ziffern die Jahreszahlen 1813, 1814, 1815 und über dem Tropäon an der Wand prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der Befreiungsschlachten auf weißem Grunde. Die Wände dieses Zimmers waren von den Büsten der verbündeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmückt. Da sah man den Abschied der Freiwilligen, Blücher und Gneisenau in ihren Regenmänteln nach der Schlacht an der Katzbach über die Heide reitend, den Einzug in Paris, die Plane von Leipzig und Belle-Alliance. Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem französischen Zimmer zu vollenden, so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von Kriegsbüchern nicht, von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben.

»Nun sagen Sie mir, was bedeutet das?« fragte der Jäger, welcher die Gegenstände umher mit Verwunderung betrachtete. »Ist Ihr Hauptmann ein Amphibium?« – »Ein Stück davon«, erwiderte der Diakonus. »Ich höre eben die Türe klinken, er hat das Haus verlassen, ich kann Ihnen mit Muße die Kontraste auslegen, über welche Sie erstaunen.«

Er nötigte seinen Gast auf ein Canapé, dann fuhr er so fort: »Unser Hauptmann ist ein rechtwinklichter, schroffer und unvermischter Charakter. Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei mathematische Figuren auseinandergelegt. Er diente bei den Franzosen mit großer Auszeichnung; Sie haben gesehen, daß ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist. Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps[221] aufgelöst, er war als Deutscher sich selbst und den vaterländischen Verhältnissen zurückgegeben. Indem nun das Kriegsgetümmel weiter raste, und alle Welt gen Frankreich zog, wäre es unnatürlich gewesen, wenn der alte Degen hätte zurückbleiben sollen; er nahm daher preußische Dienste, und kämpfte mit so vielen andern Tausenden nun auf derselben Seite, welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt hatte. Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt, namentlich soll er späterhin in den mörderischen niederländischen Schlachten wie ein Löwe gestritten haben. Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das Eiserne, jenem so feindlich gewordene.

Nach dem Frieden blieb er nur noch kurze Zeit im Heere; seine Strapazen und Wunden hatten ihn mürbe gemacht. Hieher zog er sich mit seiner Pension zurück, welche ihm ein anständiges Auskommen gewährte. Indem nun jedermann um ihn her in den wiedererworbenen westlichen Teilen des Vaterlandes sich mit seinen Gefühlen einzurichten wußte, die Sympathien des gestürzten Reichs und der neuen Deutschheit amalgamierte, oder wenigstens zusammenschweißte und lötete, wollte es unserem armen störrigen Hauptmann nicht so wohl gelingen. Den Degen in der Faust hatte er ohne Reflexion darauf losgeschlagen, für oder wider; aber in der Muße und im Nachdenken des Friedens überfiel ihn eine Spaltung und Verwirrung, welche ihn fast toll machte. Er konnte es nicht in sich beherbergen, daß er binnen Jahresfrist ein tapferer Franzose und ein tapferer Preuße gewesen sein sollte, daß er bis zum Oktober ›la perfidie du cabinet de Berlin‹ habe züchtigen und nach dem Oktober das Vaterland retten helfen. Mit seltsamen Blicken betrachtete er die beiden Orden, die streitbaren Löwen, welche wie friedliche Lämmer nebeneinander auf seiner Brust ruhten. Er stieß Reden aus und verübte Handlungen, die seinen Bekannten bange um ihn machten.

Ich weiß von diesen Dingen nur durch andere, denn ich war damals noch nicht hier. Möglich, daß der Zustand durch die Nachwirkung seiner Kopfwunden und des russischen Eises befördert worden ist, doch bin ich überzeugt, daß die Ursache desselben im Geistigen, in dem Leisten- und Fachartigen seines[222] ehrenwerten Sinnes gelegen hat. Endlich nahm sich ein Fieber seiner an, machte ihm Leib und Seele frei. Unmittelbar nach der Herstellung richtete er die sonderbare Lebensweise sich ein, deren Zeichen und Spuren Ihnen aufgefallen sind, und in dieser habe auch ich ihn erst kennengelernt.

Er stiftete nämlich militärische Ordnung in seinen Erinnerungen und teilte sie, sozusagen, in zwei abgesonderte Corps ein, die für sich agieren. Eine Zeitlang ist er Franzose und ganz versenkt in die Herrlichkeit der Napoleonischen Zeit, dann wird er wieder eine Zeitlang ebenso entschiedener Preuße und Lobredner des Aufschwungs jener großen Epoche der Volksbewegung. Diese Phasen treten abwechselnd ein, je nachdem ihn eine Vorstellung, die dem einen oder andern Kreise angehört, in Beschlag nimmt, und sie dauern so lange, bis der Stoff der Vorstellung sich abgesponnen hat. Es versteht sich, daß er auch immer nur einen Orden, entweder den preußischen, oder den französischen trägt. Diesem Turnus gemäß hat er denn auch die beiden abgesonderten Wohngelasse sich ausgerüstet, und neben jedem ein besonderes Schlafgemach. Drüben unter den Marschällen bringt er zu, wenn er Franzose ist, und hier bei dem Tropäon verweilt er, wenn er die preußischen Tage hat. Nicht wahr, wir besitzen hierzulande gute Originale?«

»In der Tat«, versetzte der Jäger, »man fühlt sich bei Ihnen wie in der Welt des ›Tristram Shandy‹. Übrigens kann ich nicht sagen, daß mir die Manier des guten Hauptmanns, so barock sie auch aussieht, gerade unvernünftig vorkäme. Mancher Deutsche, welcher eine geraume Zeit lang selbst nicht gewußt hat, was er eigentlich war, Franzose oder Deutscher, würde durch sie seinen Charakter reiner und einfacher erhalten haben. – Wie das Gemüt ihm unbewußt einen Streich spielte! Zu dem vaterländischen Zimmer erwählte er das bestgelegene mit grüner lieblicher Aussicht, während das französische unerquicklich an der kahlen, öden Straße liegt.«

»In einem Punkte ist der Hauptmann höchst achtbar«, sagte der Diakonus, »in dem, daß, wenn auch seine Phantasie tage- und wochenweise an den fremden Erinnerungen haftet, dennoch nie der leiseste Wunsch nach der Zeit des allgemeinen Elends in ihm aufkeimt. Für unsere Gelehrte Gesellschaft ist er[223] vom größten Nutzen, denn er besitzt einen wahren Schatz an einem Hefte persönlicher Denkwürdigkeiten eines verstorbenen, ihm innigst verbunden gewesenen Freundes, eines Offiziers.

Man lernt aus denselben das Kleinleben des Krieges kennen, was die eigentlichen Geschichtsbücher, Schlachtbeschreibungen und militärischen Berichte gar nicht enthalten, und weil ein Mensch von hinreißendem Gefühl und treuer Beobachtungsgabe jene unbefangenen Notizen aufgeschrieben hat, so ist mir nicht selten bei einzelnen Partien zumute geworden, als rolle sich vor mir eine neue Ilias und Odyssee ab. Wenigstens leidet und handelt darin der Einzelne trotz des passiven Gehorsams und der mechanischen Kriegsführung unserer Tage, wie ein homerischer Held. Von diesen Denkwürdigkeiten liest nun zuweilen der Hauptmann in unserer Gesellschaft Abschnitte vor.«

Der Jäger erkundigte sich nach der Gelehrten Gesellschaft, deren Dasein er in dieser Stadt nicht vermutet hatte, und der Diakonus erzählte ihm, indem er ihn aus dem Hause des Hauptmanns weiter durch die Stadt führte, lächelnd und heiter von ihrer eigentümlichen Gestalt, ihren Gesetzen und ihren produktivsten Mitgliedern, unter denen außer einem Dichter ein Sammler und ein Reisender von Profession vorkamen. Er sagte ihm, daß er ihm schon deshalb heute den Wagen geschickt habe, damit er einer Sitzung beiwohnen könne, die auf den Abend bestimmt worden sei und ihm vielleicht einige angenehme Stunden bereite.

Unter diesen Gesprächen waren sie zu einem geräumigen Wiesenplatze gekommen, welcher aber gleichwohl noch innerhalb der Ringmauern der Stadt lag. Auf demselben erhob sich eine alte gotische Kirche, grün wie die Wiese. Der Jäger konnte an ihrem Anblicke sein Auge nicht ersättigen. Teils war schon die Farbe des Sandsteins, wie sie bezeichnet worden, äußerst eigen; teils aber hatte die Natur auch ihr willkürlichstes Spiel mit dem lockeren und mürben Material getrieben, und in dem reichen Pfeiler- und Schnitzwerk, an den Kanten und Ecken durch Regenschlag und Nässe ganz neue Figurationen hervorgebracht, so daß das Gebäude wenigstens stellenweise aussah,[224] als sei es nicht aus des Menschen, sondern aus ihrer Hand hervorgegangen. – »Wie sonderbare Symbole werden oft um uns her gestellt!« rief der Jäger. »Hier steht die Kirche, an welcher, mindestens an deren Ornamenten sich nicht unterscheiden läßt, was davon der Baumeister gewollt, und was Zeit und Wetter hinzugefügt haben, und gestern erschien mir an einer Blume im Walde ein schönes Mädchen.«

Der Diakonus fragte näher nach, und der Jäger erzählte ihm mit glänzenden Augen und bewegter Stimme sein Waldabenteuer. »Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, sind Sie mit der blonden Lisbeth zusammengetroffen«, sagte jener. »Das liebe Kind streift im Lande umher, ihrem alten faselnden Pflegevater Geld zu verschaffen; sie war auch bei mir vor einigen Tagen, wollte sich aber nicht verweilen. Wenn sie es war, so hat Ihnen die Natur wirklich ein Symbol gezeigt, denn auch das Mädchen ist in Moder und Verfall aufgeblüht, wie Ihre Wunderblume aus dem alten Baumtrumm. Über ihr halten schirmende Geister die Hände, sie ist das liebenswürdigste Aschenbrödel und ich wünsche ihr nur den Prinzen, der sich in ihren kleinen Schuh verliebt.«

Auf dem Rückwege sollten der Sammler und der Reisende besucht werden, beide waren aber nicht zu Hause. In der Wohnung des Diakonus hatten sich dagegen bei der Frau mehrere Freundinnen eingefunden, anscheinend zufällig, eigentlich jedoch wohl in der Absicht, den jungen hübschen Fremden in Augenschein zu nehmen. Sein munteres trauliches Wesen brachte ihn bald mit allen den Frauenzimmern, unter denen keine einzige Häßliche war, in naive Berührung, und es schadete ihm bei ihnen nicht, daß sie hin und wieder über seine Zischlaute heimlich lächeln mußten.

Er hatte sich bei Tische seiner Verschwiegenheit gerühmt. Als man aufgestanden war, zog ihn die Wirtin rasch beiseite und flüsterte ihm zu: »Sagen Sie den beiden« – sie zeigte auf zwei ihrer Freundinnen, welche zum Essen geblieben waren – »nichts vom heutigen Abende, es soll daraus eine Überraschung für sie gesponnen werden.« – »Sie meinen«, versetzte er, »die Gelehrte Gesellschaft des heutigen Abends.« – »Dieselbe«, erwiderte die Frau schalkhaft, »und verschweigen Sie,[225] wenn Sie sich auch sonst verschnappen sollten, wenigstens den Ort der Zusammenkunft, wie heißt er doch nur gleich?«

Er nannte ihr harmlos den Ort, den er zufällig auch bereits vom Diakonus erfahren hatte. »Richtig!« rief die Frau, eilte zu ihren Freundinnen, und alle drei verließen flüsternd und lachend das Zimmer.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 214-226.
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