Viertes Kapitel
Die Leiden einer jungen Strohwitwe

[763] Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der Außenwelt bösen Geschicken entgegenzugehen. Denn der Oberamtmann wiederholte am folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren Gespräche dem Diakonus seine unerschütterlichen Vorsätze. Die schöne Clelia, welche bei der höchsten Gutmütigkeit doch alle Meinungen einer vornehm erzogenen Dame hegte, sprach während einer Morgenunterhaltung ihm ebenfalls wieder ihre Überzeugung gegen ein Ehebündnis aus.

Seine Seele war bekümmert und erschüttert. Auf der Seite der Gegner stand die Vernunft mit hundert Gründen in Reihe und Glied, und er war selbst ein zu ruhiger und besonnener[763] Mann, als daß er nicht insgeheim mancher Stimme im feindlichen Lager beigefallen wäre. Das zerschnitt ihm aber das Herz, welches den beiden Liebenden mit Innigkeit zugetan war und sich schon an der Aussicht geweidet hatte, durch sie die Anschauung eines seltenen Glückes zu gewinnen. Indessen hatte er nur noch wenig Hoffnung darauf, denn er meinte auch wie jeder dritte Zeuge eines Verhältnisses, daß keine Leidenschaft den Angriffen des Verstandes auf die Länge gewachsen sei. So befürchtete er denn von der Herstellung Oswalds nichts als Einbuße, tiefes Leid und Zerstörung.

Die schöne Clelia hatte übrigens beim Erwachen eine unerwartete Nachricht empfangen. Als sie nämlich in das Morgengewand geschlüpft war und sich nach ihrem Gemahle erkundigte, brachte ihr Fancy ein Billett von ihm, aus dem sie sah, daß er wirklich in der Nacht Extrapost genommen hatte und zum Besuche bei dem Oheim im Osnabrückschen abgereiset war. Das Billett sagte ihr das zärtlichste Lebewohl, sagte ihr, daß er ihren Morgenschlummer nicht habe stören wollen und sprach den empfundensten Wunsch aus, daß eine baldige Schlichtung der Verwirrung, wie sie sich dieselbe vorgenommen, die Dauer dieser ersten ihm so schmerzlichen Trennung abkürzen möge. Selbst eine Locke von seinem Haare hatte er beigelegt, Nachschrift über Nachschrift hinzugefügt und eine Stelle im Briefe bezeichnet, welcher von ihm ein Kuß aufgedrückt worden sei, wie er sagte.

Nachdem die schöne Verlassene diesen Brief gelesen hatte, schwieg sie eine Zeitlang und sah das feine rosenrote Papier so an, als ob es die Absage einer Soirée bei dem Fürsten, wie er nun heißen mochte, enthalte, auf welche sich die ganze feine Welt Wiens schon seit vierzehn Tagen gefreut hatte. Fancy mußte sie erinnern, daß die Schokolade kalt werde; sie versetzte, daß sie keinen Appetit habe und befahl dem Mädchen, die Tasse wegzutragen. Fancy gehorchte.

Sie saß hierauf etwa eine Viertelstunde im Sofa und stützte das Haupt gedankenvoll auf den schönen Arm. Dann ging sie eine halbe Stunde im Zimmer auf und nieder und dann klingelte sie. Fancy kam. Ihre Gebieterin stand mitten im Zimmer und sagte zu der Jungfer, die zugleich Schatzmeisterin und[764] Vertraute war: »Fancy, es freut mich, daß mein Mann so fest ist. Ich bin fest, er ist fest, dieses gegenseitige Festsein verbürgt mir eine geordnete Zukunft. Nichts Unangenehmeres als zwei Gatten, die einander mit weichen Nachgiebigkeiten quälen. Jeder muß seinen Willen haben und den durchzuführen wissen, dann findet man sich gegenseitig zurecht und es entsteht ein heiterer geregelter Lebensgang. Es freut mich, daß mein Mann abgereist ist.«

»Warum sollten Sie sich auch darüber nicht freuen, gnädige Frau?« erwiderte Fancy, die der Gebieterin nie widersprach.

»Ich werde ungestörter, in größerer Ruhe meine Aufgabe hier lösen, die ich mir gestellt habe, so allein und für mich«, sagte Clelia.

Fancy erwiderte hierauf nichts, sondern nickte nur zuversichtlich beistimmend mit dem Kopfe. – »Aber dennoch bleibt es auffallend«, fing die Baronesse nach einer Pause an, »daß mein Mann abreisen konnte.«

»Auffallend bleibt es allerdings«, sagte Fancy. – »Unterhalte mich«, sprach Clelia. Fancy unterhielt hierauf die Gebieterin so gut sie konnte und erzählte ihr von allen Bekanntschaften, die sie rasch nach Art der Kammerjungfern im Städtchen gemacht hatte; von der Frau des Steuereinnehmers, von der Tochter eines Assistenten und auch vom Küster, der ihr mit seiner barocken Weise aufgefallen war, und über den sie bei der und der Gelegenheit herzlich hatte lachen müssen, so komisch war sein Betragen gewesen.

Der Stoff dieser Mitteilungen hatte sich noch lange nicht erschöpft, als die Dame sie unterbrach und sie um Gottes willen bat aufzuhören mit dem albernen Zeuge von Steuereinnehmerfrauen und Assistententöchtern und Küstern, denn sie habe entsetzliches Kopfweh. Fancy verstummte auf der Stelle, holte Kölnisches Wasser und rieb ihrer leidenden Herrin die Schläfe damit ein. – »Du bist ein gutes Mädchen, Fancy«, sagte Clelia sanft während dieser Mühwaltung zu der Dienerin, »aber sehr langweilig kannst du mitunter sein.«

»Gnädige Frau«, antwortete Fancy schüchtern und doch mit einem gewissen Pathos, »all mein Verdienst ist, Ihnen treu zu sein und Ihnen zu gehorchen wie eine Sklavin. Unterhaltung[765] kann freilich ein so beschränktes Mädchen, wie ich bin, nicht haben.«

Clelia ließ sich darauf bei ihrem Vetter anmelden. Die Begrüßung beider Verwandten war sehr liebevoll, denn sie waren einander gut wie Bruder und Schwester. Dennoch empfand Clelia nach den ersten Reden einen gewissen Zwang, denn sie war sich ja geheimer Absichten gegen seine Wünsche bewußt. Sie kürzte daher den Besuch unter dem Vorwande, daß viel Sprechen ihm noch schädlich sein möchte, ab. Dann hatte sie die Unterredung mit dem Diakonus. Darauf wollte sie die Hausfrau sprechen, aber diese hatte in ihrer Wirtschaft die Hände voll zu tun. Sie verlangte daher nach dem Oberamtmanne. Der war jedoch auf dem Gerichte und sprach mit einem Beamten über Dienstsachen. Nun begehrte sie wieder den Diakonus zu sprechen, welcher sich indessen zu einer Synode hinbegeben hatte.

Die Toilettenstunde war hierüber herangekommen, und diese gab nun einige Zerstreuung. Während Fancy das Haar ihrer Dame ordnete, erfuhr sie das Projekt, welches diese beschäftigte. Sie faßte ihre eigenen verschwiegenen Gedanken. Diese halten wir uns nicht für berechtigt zu offenbaren, denn auch gegen Kammerjungfern soll man diskret sein. Nur so viel: Wie alle ihre Schwestern war Fancy eine geschworene Freundin von Mesalliancen. Zwar hätte sie auf Lisbeth neidisch sein dürfen, dagegen aber stritt ihr Gemüt. Bei aller Schlauheit hatte das Mädchen ein dankbares Herz. Der junge Graf Oswald hatte einst ihrem alten invaliden Vater eine Versorgung als Kastellan ausgemacht, ihn dadurch vom Hungertode gerettet. – »Man muß hübsch erkenntlich sein«, dachte Fancy und entwarf ihren Soubrettenplan.

Sie legte etwas boshaft das schöne, noch nie getragene blaue Mousseline-de-Laine-Kleid heraus und kleidete überhaupt ihre Herrin heute mit besonderer Sorgfalt. Als Clelia sich im Spiegel so schön geschmückt sah, seufzte sie und sagte: »Schade, daß man das für die Tauben und Sperlinge im Hofe angezogen hat.«

»Recht schade!« versetzte Fancy. »Der Herr hatten sich so sehr darauf gefreut die gnädige Frau in dem neuen Kleide zu sehen.«[766]

»Nun, es wird ja hier keine Ewigkeit währen«, warf die schöne Frau leicht hin.

»Die Ewigkeit ist lang«, versetzte die gefällige und nachgiebige Fancy. »Nein, eine Ewigkeit wird es wohl nicht währen.«

Nach Tische (sie speiste nur mit der Hausfrau, denn die Männer hatten absagen lassen, und das Mahl war deshalb etwas einsilbig, wie alle Diners zweier Damen und von sehr kurzer Dauer) ließ die junge Baronesse ihre Uhr repetieren und sagte: »Halb drei. Das wird ein langer Nachmittag werden.« – Sie las etwas, aber das Buch zog sie nicht an, dann sang sie etwas zur Gitarre, aber sie hörte bald auf, denn sie behauptete, heiser zu sein. – »Fancy, meine Crespine!« rief sie. Fancy brachte die schwarzseidene Crespine. Clelia ging etwas in den Garten, aber die Mücken schwärmten ihr dort zu wild, und deshalb kehrte sie bald wieder in ihr Zimmer zurück.

»Wenn mein Vetter erfährt, welcher Langenweile ich mich um sein wahres Heil ausgesetzt habe, so müßte er der undankbarste Mensch sein, sagte er mir nicht zeitlebens Dank«, sprach sie zu Fancy, die ihr die Crespine abgenommen hatte und in den verknitterten Spitzen um den vollen Nacken Ordnung stiftete.

»Er müßte der undankbarste Mensch sein«, erwiderte Fancy.

Sie nahm Stramin zur Hand und fing etwas an zu sticken. Inzwischen war der Oberamtmann zurückgekommen und ließ anfragen, ob er aufwarten dürfe. In der Dürre dieses Tages erschien ihr der Geschäftsmann wie ein Retter aus der Not; gern wurde er angenommen. Als er seine verehrte Schöne in dem neuen, reizenden Anzuge sah, begannen seine Augen wacker zu werden, er sah ganz verklärt aus. – Das Sticken aus freier Hand schien ihr einige Beschwerde zu verursachen. Er fragte sie lebhaft, ob er ihr den Stramin halten dürfe. Sie bejahte im schmeichelndsten Tone. Mit leuchtenden Blicken setzte sich nun der Oberamtmann zum Dienste der Galanterie auf ein Fußbänkchen zu den Füßen der jungen Dame nieder, nahm den Stramin fest in seine beiden Hände und sah so ernsthaft auf die Rosen, die unter Clelias Nadel entstanden, als habe er ein Todesurteil vor Augen. Auch Clelia stickte eifrig,[767] als arbeite sie um das tägliche Brot, und Fancy saß im Fenster, mit einer Beeiferung ohnegleichen nähend.

Die Spannung der nächsten Augenblicke war nicht gering. Endlich fragte Clelia ihren grauen Verehrer, wie er die Sache mit dem Vetter anzugreifen gedenke? worauf er ihr ungefähr die nämliche Auskunft gab wie dem Diakonus. Clelia fuhr aber heftig auf und erklärte, daß sie ein solches Verfahren durchaus nicht zugeben werde, daß das ein rauhes und unmenschliches Verfahren sei, welches ohnehin nicht einmal einen günstigen Erfolg zusichere, weil die Liebe durch so unmittelbaren Widerspruch nur wachse, und was dergleichen mehr war, geeignet, den ganzen Plan des Oberamtmanns umzuwerfen. Sie hatte den Stramin aus ihren Händen entlassen und der Oberamtmann hielt ihn sonach bestürzt und gedankenlos allein in den seinigen.

»Aber mein Gott«, sagte er traurig, »was wollen Sie denn, daß geschehen soll?«

»Darüber habe ich meinen Entschluß gefaßt«, erwiderte Clelia ernst. – »Er ist auf die Kenntnis des weiblichen Herzens gegründet. Kurz, wenn ich irgend etwas auf Sie vermag, wenn Sie wirklich mir in dem Maße vertrauen, wie es den Anschein hat, so überlassen Sie mir die Leitung der Sache, denn von solchen Dingen begreift ihr Männer überhaupt nichts.«

Der Geschäftsmann wollte Widerspruch erheben, aber sie sah ihn so bestimmt an, er fürchtete so sehr von ihr verabschiedet zu werden, sie kam ihn heute in dem blauen Mousseline-de-Laine-Kleide reizender als je vor, er hatte sich so glücklich gefühlt, als er ihr den Stramin gehalten – genug, er gab wehmütig und kleinlaut nach. Unter der Türe aber wendete er sich nochmals um, ging zu ihr, faßte ihre beiden Hände, drückte sie gegen seine Brust, seufzte und sagte: »Das ganze Geschick unseres Freundes steht auf dem Spiele. Nur Kälte und Konsequenz kann ihn retten. Wird Ihnen Ihre weibliche Gutmütigkeit nicht einen Streich spielen? Wenn sich nun Stöhnen und Wehklagen erhebt, werden Sie dann standhalten?«

»Darüber sein Sie ganz ruhig«, versetzte Clelia. »Fancy, du kennst meine Festigkeit.«

»Ich kenne die Festigkeit der gnädigen Frau«, sagte Fancy.[768]

Nach der Entfernung des Oberamtmanns fragte die Baronesse ihre Zofe: ob sie wohl ihren Plan errate? Die Zofe versetzte, daß sie ein zu dummes Mädchen sei, um so kluge Plane erraten zu können. »Ich werde«, sagte darauf die Baronesse, indem sie sich von Fancy die seidenen Schuhe, welche sie etwas drückten, ausziehen ließ und ihre kleinen Füße in rote goldgestickte Pantöffelchen steckte, »ich werde auf weibliche Art die Sache ordnen, Fancy.«

Sie nahm eine gefällige Lage auf dem Sofa an. Fancy setzte sich auf das Bänkchen des Oberamtmanns zu ihren Füßen, sah ihr demütig in das Gesicht und erwiderte: »Gnädige Frau, Sie können gar nichts anderes sein, als das edelste weibliche Wesen.«

»Meinst du?« versetzte die Gebieterin lächelnd und streichelte ihrer ergebenen Jungfer die Wange. – »Nun höre meinen Plan. Nach allem, was ich von der Lisbeth höre, ist sie ein gutes und braves Mädchen. Solche Gemüter leben nur im Glücke ihres Freundes und entsagen dem eigenen, wenn man ihnen klarmacht, daß sie das Unglück des zweiten werden können. Ich will auf das Gemüt des Mädchens mit allen Gründen wirken und bringe es ohne Zweifel dahin, daß sie in meine Hände ihre Liebe und meines Vetters Wort zurückgibt. Entsagen soll sie, entsagen wird sie, dann werde ich sie weit weg zu entfernen wissen. Tot muß sie für Oswald sein, ich aber sorge, wie sich von selbst versteht, zeitlebens als Mutter für sie. – Nur die schlechte, unwahre Liebe will um jeden Preis den Besitz des Geliebten; die reine, wahre weiß sich selbst freudig zu opfern«, setzte Clelia begeistert hinzu, indem sie sich von Fancy einen Handspiegel vorhalten ließ, weil sie fühlte, daß eine Locke heruntergefallen war, die wieder aufgesteckt werden mußte.

Fancy ergoß sich in Versicherungen, daß diejenige ein elendes Mädchen sein müsse, welche nicht willig auf den Geliebten verzichte, sobald seine Lebensruhe davon abhange, und Clelia fuhr fort: »Sehen aber darf ich sie nicht vor der entscheidenden Unterredung, denn meine ganze Festigkeit muß ich allerdings für diesen Hauptschlag zusammenhalten und keinem unzeitigen Mitleid mich aussetzen.«[769]

»Nein!« rief Fancy eifrig, »nein, sehen dürfen Sie sie durchaus nicht. Denn dann könnten Sie weich werden, Ihre Gründe würden sich vielleicht, sozusagen, zerbröckeln, und das Mädchen möchte Sie gewinnen und alles wäre verloren. Wenn Sie aber plötzlich mit aller Ihrer Klugheit bewaffnet, sie kommen lassen, gnädige Frau, dann wollte ich doch wohl einmal diejenige sehen, die Ihnen widerstehen könnte. So wie Sie sich die Sache ausgedacht haben, muß sie gelingen und mich dauert nur die arme Lisbeth, die um den schönen Grafen kommt, denn ich, gnädige Frau, bin freilich nicht so fest wie Sie, sondern nur ein einfältiges, weichherziges Mädchen.«

Nach diesen Vorfällen verging der Abend der jungen Dame in einer gewissen stillen Erhebung. Die Nacht war jedoch unruhig, und die Bewohner des Hauses wurden durch mehrmaliges Schellen in dem Zimmer der Baronesse aus ihrem besten Schlummer geweckt. Clelia schellte nach ihrer Jungfer deshalb so oft, weil sie durchaus nicht schlafen konnte. Sie gab ihrem Lager die Schuld, welches Fancy ganz abscheulich gemacht habe, ließ von ihr die Kissen anders legen, da das nicht helfen wollte, die Decken besser ordnen, und als auch die besser geordneten Decken keinen Schlaf bringen wollten, die Matratze wenden.

So wurde Fancy geschellt, entlassen, wieder geschellt, wieder entlassen. Fancy, der ihr Gewissen in betreff des Lagers nicht das mindeste vorwarf, ertrug gleichwohl schweigend die Verweise der Herrin, oder schalt sich auch selbst einmal wegen ihrer Nachlässigkeit, und legte, ordnete, wendete mit der Geduld einer Heiligen die Bestandteile des so ungerecht verklagten Lagers. Aber es half alles nichts und gegen Morgen bekam Clelia einen Anfall von Krämpfen. Fancy pflegte die arme Kranke mit Essigäther und Orangenblütentee, den sie sogleich rasch und still zu bereiten wußte, treulichst. Das Übel lösete sich auch, und unter Tränen, welche die beklommene Brust erleichterten, machte Clelia am Busen ihrer Vertrauten dem verhaltenen Schmerze Luft. Sie weinte sehr und klagte über ihren Gemahl, der sie so herzlos habe verlassen können, sie fürchte, sagte sie, daß er sie doch nicht so liebe, wie sie gedacht, sie nannte sich endlich schluchzend eine arme, aufgegebene[770] schutzlose Frau. – Fancy nötigte ihr so viel Orangenblütentee ein, wie nur möglich, und schalt dabei auf das ganze männliche Geschlecht, von dem sie behauptete, daß es im allgemeinen nichts tauge und nur zum Verderben der Frauen erschaffen sei. Der gnädige Herr mache denn leider auch keine Ausnahme, sagte sie und das Übelste sei, daß sich, wenn er fest dabei verbleibe, seinen Oheim im Osnabrückschen so lange zu besuchen, als die gnädige Frau hier Geschäfte habe, gar kein Ende des verzweiflungsvollen Zustandes absehen lasse.

Am anderen Tage war Clelia sehr leidend und medizinierte. Ihr Befinden besserte sich nicht, als sie vernahm, daß Lisbeth in der Frühe auf eine halbe Woche zu ihrem alten Pfleger verreiset sei, den sie nun, da sie über Oswald ganz ruhig geworden war, wiederzusehen verlangte. Sie hatte sich außerdem zu dieser Reise deshalb bestimmt, weil sie jede Versuchung meiden wollte, den Geliebten durch ihre Gegenwart jetzt, wo er sanft und allmählich in das Leben zurückkehren sollte, aufzuregen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 763-771.
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