Viertes Kapitel
Der Hofschulze kommt wieder zu sich und Lisbeth schreibt an den Diakonus

[689] Auf der Kammer, worin er das Schwert Karls des Großen verwahrte, saß oder lag der Hofschulze blaß und halb betäubt neben der eisenbeschlagenen Kiste. In diesem Zustande war er von einer Magd, die vor der Kammer vorbeiging, gefunden worden, kurz nachdem er sich die Treppe hinaufbegeben hatte. Sie war erschreckt hinuntergesprungen und hatte von dem Vorfalle Lärmen gemacht, den einige Vorübergehende weitertrugen.

Die Magd kehrte mit Essig zurück und bestrich ihres Brotherrn Schläfe. Das einfache Mittel brachte ihn auch bald wieder zu sich selbst, denn der Schlagfluß war eine Vergrößerung des Unfalls, der den alten Bauer betroffen hatte. Er war nur von einem Schwindel und von jener Betäubung befallen worden, wie sie die Folgen eines plötzlichen großen Schrecks zu sein pflegen, besonders bei alten Leuten. Als er von dem scharfen Geruche des Essigs wieder erwachte, hob er sich, ohne daß ihn das Mädchen zu unterstützen brauchte, sogleich strack auf seine Füße, fuhr mit der Hand über die Stirn und warf seinen ersten Blick in die Kiste, deren Deckel aufgeklappt war. Mit einer Mischung von Entsetzen und Kummer kehrte aber der Blick des alten Mannes in sich zurück; er klappte hastig den Deckel zu, als wollte er den Verlust seines Teuersten jedem Auge verbergen und trieb die Magd an, ihn zu verlassen. Diese fragte zwar, was dem Baas zugestoßen sei, erhielt jedoch keine andere Antwort von ihm, als daß ihn eine plötzliche Schwäche, vielleicht von dem vielen Pläsier, welches gestern und heute gewesen, angewandelt habe.

Als er auf der Kammer allein war, stand der Hofschulze erst eine geraume Zeit mit übereinandergeschlagenen Händen ohne sich zu regen, da. Dann setzte er sich auf die Kiste und nahm seinen Kopf in beide Hände, um alle Winkel des Gedächtnisses zu durchforschen. Darauf erhob er sich, öffnete[689] abermals die Kiste, wie wenn er es nicht für möglich halte, daß das Schwert daraus habe verschwinden können, ließ aber augenblicklich den Deckel zufallen, da er wohl sah, daß er nur in die Leere blicke, und stöhnte wie ein verwundeter Stier.

Nach diesem begann der Alte ein stummes eifriges Suchen in der Kammer. Er kehrte jedes Gerät um, er durchspürte jeden Winkel, er leerte alle Kisten und Kasten aus, welche dort vor und hinter dem Saatlaken umher standen. Kein Platz blieb undurchforscht, aber alle diese Mühe war vergebens, denn das Schwert zeigte sich nirgends. Indem hörte er unten die Stimme seines Eidams und seiner Tochter, sowie der Freunde und Nachbarn, welche von der Tanzgesellschaft herbei gekommen waren, um nach ihm zu sehen. Rasch verließ er die Kammer, um nicht in seinen Anstrengungen betroffen zu werden und ging hinunter, scheinbar gefaßt. Dort stellte sich alles mit Fragen nach seinem Befinden um ihn, worauf er dieselbe Antwort gab, welche schon die Magd empfangen hatte und hinzufügte, daß ihm wieder ganz wohl sei. Er bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht stören zu lassen und wieder zum Tanze zurückzukehren; eine Aufforderung, welcher mehrere folgten, andere aber auch nicht. Diese blieben vielmehr im Hofe, weil sie an dem Tanze kein Vergnügen hatten, es kamen noch fortwährend Leute vom Jürgenserbe und so war ein beständiges Ab- und Zugehen von Menschen.

Als nun der Hofschulze sah, daß er der Zeugen nicht quitt werde, beschloß er alles Fernere auf die Nacht zu versparen. Er setzte sich still in seine Stube und sagte dem Eidam, er möge die Mitgift nach Hause tragen, was dieser auch mit einem Gehülfen tat. Mehrere Nachbarn stellten sich zu ihm und mit diesen sprach er nun so ordentlich und vernünftig, wie immer seine Sitte war. Niemand merkte ihm etwas an, und nur wer gewußt hätte, was vorgefallen war, würde aus seinen geschwollenen Stirnadern, aus den Augen, die zuweilen hervorquollen, und aus den Griffen, die der Alte hin und wieder nach seiner Brust tat, auf das, was in ihm vorging, haben schließen können.

Während ein ungeheurer Verdruß und Schreck unten sich so heimlich hielt, hatte auch oben im Hause ein leidendes Kind[690] seine Entschlüsse reif gedacht. Lisbeth war in schweren Körperschmerzen den ganzen Vormittag über auf ihrem Lager geblieben und hatte sich erst um die Zeit, als ihr alter Gastfreund seine trostlose Entdeckung machte, erhoben und angekleidet. Sie war so ernst, bleich und still, wie am Abend zuvor, da ihre Tränen versiegten. Aber diese hatten den Augen des Mädchens nicht geschadet; sie leuchteten von einem fast überirdischen Glanze. Der hohe Berg, auf dessen Gipfel sie im Jubel ihrer Wonne zu stehen gemeint hatte, war unter ihr eingesunken, und die roten Wolken hatten sich verzogen, aber dennoch kam es ihr vor, als schritte sie ebenso hoch und noch höher einher, und es war ihr, als trügen Lüfte ohne Wolken, ätherreine und ätherklare ihre Füße.

Sie setzte sich an ihren Tisch und sagte mit einer himmlischen Zuversicht im Ton: »Ein Findling ist Gottes Kind. Und wen Vater und Mutter in der Irre stehengelassen haben, den wird Gott bei der Hand nehmen und nach Hause führen.« – Die Schmerzen hatten eine wunderbare Verwandelung in ihr gewirkt. Zu ihren sogenannten Pflegern wollte sie nimmer zurückkehren. Denn als sie, von Leiden, wie von zuckenden Blitzen durchwühlt, während der Nacht auch einen Blick auf ihre Vergangenheit warf, so sah sie schaudernd und wie von einem strengen Seher erbarmungslos unterrichtet, in welchen jämmerlichen und lachensdürren Umgebungen sie gelebt hatte. Sie blickte in die traurigen und unreinlichen Trümmer hinein, zwischen denen sie so mutfroh und rein geblieben war, und sie hätte weinen mögen, wenn ihr noch eine Träne übrig gewesen wäre, als sie nun erkannte, daß ein faselnder alter Mann und eine halbverwirrte Törin denn doch die einzigen gewesen waren, die sich ihrer angenommen hatten. In einen Augenblick des äußersten Entsetzens drängte sich eine Ewigkeit von quälenden und widerwärtigen Vorstellungen zusammen – zerrissen und gepeinigt wandte sie den Blick von diesen unheimlichen Gesichten ab und in die Zukunft, worin freilich die Augen Oswalds erloschen waren und nur noch das Auge Gottes durch die Finsternisse strahlte. – So hatte das Unglück die süße Bewußtlosigkeit, worin das Kind Jungfrau geworden war,[691] zerstört, und das Wachen der Wahrheit in der wunden Brust geschaffen.

Sie schrieb einen Brief an den Diakonus. Zu diesem hatte sie großes Vertrauen, und den wollte sie zu ihrem Führer wählen. Nach dem Eingange, in dem sie sagte, daß eine schmerzliche Aufregung sie über ihr Geschick erleuchtet habe, lautete der Brief folgendermaßen:

»Sie hätten wohl nicht gedacht, lieber Herr Prediger, als Sie gestern die Hand auf mein Haupt legten, daß Sie von mir heute so traurige Worte hören würden. Wenn ich es Ihnen nur recht deutlich machen kann, wie mir eigentlich zumute ist! Denn wenn Sie das nicht einsehen, so können Sie mir auch nicht helfen. Es ist aber gewiß recht schwer, sich deutlich zu machen mit verwirrtem Kopfe und klopfendem Herzen und bebender Hand. Sie sind jedoch ein so guter und kluger Mann, daß Sie sich auch vielleicht aus dem Stammeln eines armen Mädchens vernehmen können.

Ach, lieber Herr Diakonus, es ist mir außerordentlich übel gegangen seit gestern. Es hatte wohl gestern den Anschein, als könne ich eine Braut sein, und das will bei einem so armen und verlassenen Mädchen, wie ich bin, noch mehr sagen, als bei anderen, die wissen, woher sie stammen. Heute aber bin ich keine Braut mehr, nein gewiß nicht. Warum ich keine mehr bin, das kann ich Ihnen nicht sagen; ich schäme mich zu sehr. Ihrer lieben Frau werde ich es anvertrauen, wenn ich erst ruhiger geworden bin, ganz in der Stille.

Ein Mädchen, welches kein Kind mehr ist, denkt wohl zuweilen an das Heiraten und so habe ich denn auch hin und wieder daran gedacht, obgleich ich wenig Aussicht dazu hatte. Wenn mir aber die Vorstellungen davon kamen und von der Liebe, so war immer das erste Gefühl, daß die Liebe die ganze Wahrheit und nichts als Wahrheit sei und zwar die Wahrheit in der Brust, und eine solche Offenheit, daß man dem anderen auch nicht das Kleinste verschweigt. Hätte ich eine Sünde begangen, wovor mich freilich Gott geschützt hat, so würde ich meinem Freunde die Sünde haben beichten müssen, ehe ich ihm noch meine Liebe gestand. Denn wenn zwei Menschen, wie es ja lautet, ein Leib und eine Seele werden sollen, so darf[692] doch auch nicht ein Stäubchen zwischen ihnen sein von Verschweigen, Hinterhalt, Verstellung und Künstelei. Ja, noch offener soll man gegen den Liebsten sein, als gegen Gott, denn dieser sieht selbst scharf genug, aber der arme Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch ebenso genau kennen, wie Gott, weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns, sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen muß. Wer mir also, wenn er sagt, daß er mich liebe, dennoch einen Schein vorweben kann, von dem muß ich glauben, was sie mir wider ihn vorbringen, und möchte es auch das Allerschlimmste sein. Wer mir sagt, Herr Diakonus, er sei ein armer Förster und ist ein großer Graf, der kann auch noch anderen Lug und Trug wider mich vorhaben. – Ach Gott! Ach Gott! Zuweilen denke ich: Es ist gar nicht möglich, daß ein Mensch, der so gut aussieht, so schlimm sein kann! – –

Ich bin eigentlich ganz elend worden, und wäre in den Schmerzen dieser Nacht wohl gestorben, hätte mir nicht mein Stolz geholfen. Weil ich aber tief gedemütigt werden sollte, so hat mich das sehr stolz gemacht, ganz überaus stolz. Nun ist dieser Stolz freilich wohl nur Hülfe in der äußersten ersten Not, und deshalb flüchte ich mich zu Ihnen. Ich bitte Sie, gönnen Sie mir eine Freistatt in Ihrem Hause, Kosten mache ich Ihnen ja nicht viel und Ihrer lieben Frau kann ich doch immer etwas helfen. Sie sind immer sehr gut und freundlich gegen mich gewesen und werden mich gewiß nicht verlassen. Nach dem Schlosse gehe ich auf keinen Fall zurück, mich schaudert davor. Das war wohl bisher gut so weit, aber nun geht es nicht mehr; nein, nein. Ich bin also wie eine Staude, die vom Boden abgeschnitten ist und weiß noch kein Erdreich, worin ich wieder wachsen kann.

Daß Sie sich aber über mich nicht irren, so muß ich Ihnen sagen, daß ich gar kein Verlangen nach der Kirche habe, oder nach der Religion, wenigstens nicht mehr als sonst. Ich habe mir schon Vorwürfe darüber machen wollen, denn man sagt ja immer, daß der Mensch im Unglück hauptsächlich viel beten müsse, aber das muß denn wohl ein anderes Unglück sein, als meines. Ich fühle mich als ein so ordentliches, unschuldiges Mädchen, daß ich nicht begreife, warum ich Gott gerade jetzt[693] besonders bitten sollte, nur beizustehen. Sondern es ist über mich verhängt worden, und nun trage ich es, und er läßt mich gehen in meiner Weise. Auch kann der Gott, von dem gepredigt wird, einem Herzen nicht helfen, welches sich weggegeben hatte und sich nun wieder zurücknehmen muß. Dem hilft sicherlich auch ein Gott, aber er steht in keinem Liede, sondern ganz tief im Herzen selbst ist er verborgen, stumm, und ich glaube, der große Stolz, den ich empfinde, ist sein Kleid.

Haben Sie nur rechte Geduld mit mir, mein lieber, lieber Herr Diakonus, Sie und Ihre Frau; Sie sollen sehen, die Lisbeth hilft sich schon heraus, denn von einem Tage zum anderen kann man doch nicht verloren sein, wenn es gleich den Anschein davon hat. Es ist aber erstaunlich, was für Schmerzen der Mensch aushalten kann. Wäre ich nur katholisch, so ginge ich zu den Barmherzigen Schwestern; es muß eine recht angenehme Beschäftigung sein, zeitlebens die armen Kranken zu pflegen. Und nehmen Sie mir das schlechte Schreiben nicht übel; es wollte aber nicht besser gehen. Durch den Überbringer bitte ich um Antwort.«

Die Entschuldigung wegen der Handschrift wäre nicht nötig gewesen; denn die Züge waren so eben und klar, wie sonst. Keine Träne war auf das Blatt gefallen. Sie sah sogar gleichmütig aus und alle ihre Züge leuchteten wirklich von einem wunderbaren Stolze. Sie rief einen Knaben herbei und schickte ihn mit dem Briefe nach der Stadt.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 689-694.
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