XII.
Das Testament des Magisters Schnotterbaum

[411] Als die Stunde gekommen war, gingen wir nach dem Rathause. Vor demselben hatte sich eine große Menge Volks versammelt, welches sich ehrerbietigst verneigte und uns Platz machte, als wir uns näherten. Auf dem Vorsaale erwartete uns der Beamte, welcher zur Feier des Tages sich in seine Staatsuniform geworfen hatte, mit mehreren Honoratioren, unter denen ich den Spezereihändler bemerkte. Von ausgezeichneten Fremden sah ich freilich niemand als den Ehinger Spitzenkrämer. Es mochten wohl an fünfzig Menschen aller Art oben versammelt sein, in deren Gesichtern Neugier, Befremden, Spannung sich auf die mannigfaltigste Weise kundgaben. So weit wie heute hatte sich die Thaumaturgie noch nicht in die Kreise des profanen Lebens gewagt; schon das mußte alle Erwartungen entfesseln, dazu aber kam noch der Tod der Jungfer Schnotterbaum. Dieser setzte selbst die Leidenschaften in Bewegung.[411]

Der Beamte empfing die beiden Geschäftsträger der höheren Welt mit einer Artigkeit, die fast an Demut grenzte, und sagte zu einem seiner Dienenden leise: »Achten Sie auf Dürr.« – »Irgendeine Auszeichnung, wahrscheinlich das Ehrenbürgerrecht der Stadt, wird wohl die Folge der Sache sein«, dachte ich. »Vielleicht bekommst du auch etwas ab.«

Über dem Schlüselloche der Archivstube lagen Papierstreifen mit Siegeln, diese wurden für unverletzt erkannt und sodann hinweggenommen. Der Beamte ließ die Stube öffnen; wir nahmen den staubigen Schränken und Repositorien gegenüber Platz. Für Kernbeißer und Eschenmichel waren auf einer Erhöhung in der Mitte des Gemachs zwei eilig herbeigeschaffte Ehrensessel hingestellt worden. So saßen sie denn, allen Blicken sichtbar, über uns andere erhöht, da.

Indem ich mich zufällig während dieser vorbereitenden Handlungen umwandte, sah ich jemand in unserem Rücken durch die offene Türe herein und hinter eine spanische Wand schlüpfen, welche zunächst der Türe stand. Da ich etwas neugierig bin, benutzte ich einen Augenblick, in welchem ich mich für unbeachtet halten durfte, um mich auch hinter der spanischen Wand umzusehen. Zu meinem allergrößten Erstaunen aber fand ich hinter derselben einen Bekannten, den ich auf der Stelle mir erinnerlich zu machen wußte, nämlich – den Gehülfen aus dem Würzburger Juliusspital, mit dem ich mich über die »Seherin von Prevorst« und die beiden entlaufenen alten Weiber unterhalten hatte. Ich wollte meiner Verwunderung durch einen Ausruf Luft machen, der Gehülfe hielt mir aber den Mund zu und sagte: »Erregen Sie kein Aufsehen, die vorseiende heilige Handlung darf nicht gestört werden, ein Zufall führt mich auf dieser meiner Reise durch Weinsperg, und es war wohl natürlich, daß ich ein Zeuge des merkwürdigen Ereignisses zu werden wünschte, von welchem ich, sobald ich im Wirtshause abgetreten war, zu hören bekam. Was den Umstand betrifft, daß ich hier hinter der spanischen Wand zuzusehen, oder vielmehr zuzuhören wünsche, so ist dieses letztere eine Liebhaberei von mir, die sonder Zweifel zu den völlig unschuldigen gehört.«[412]

Ich weiß nicht, welcher abermalige geheime Einfluß mich trieb, nach dieser Entdeckung türwärts zu schleichen, um in das Freie zu entgleiten. Der Mensch ist dunkeln, unerklärlichen Anstößen so häufig unterworfen. Aber zwei Türsteher wiesen mich zurück und sagten: »Niemand darf das Gemach verlassen, bis die Handlung vorbei ist.« – »Ei! Ei!« dachte ich, »werden die Geistersachen nun mit solcher polizeilichen Strenge behandelt?«

Der Beamte hatte inzwischen der Versammlung ihren Anlaß in einer bündigen Rede auseinandergesetzt, und forderte eben, als ich zu dem erhöhten Sitze der beiden Doktoren der Geisterwelt zurückkehrte, diese auf, das Fach zu bezeichnen, worin das Testament des seligen Magisters Schnotterbaum nach dessen Angabe liegen solle. Eschenmichel gab mit herzhafter Stimme das Fach an. »Nun merket wohl auf, meine Mitbürger«, sprach der Beamte. »Liegt das Testament des verstorbenen Magisters, so wie behauptet wird, in dem Fache S unter verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren, so habt ihr ein Wunder, mit Händen zu greifen. Denn selbst seine Tochter, die tugendsame, durch die beiden Herren so zweckmäßig behandelte und nun in der Ewigkeit versierende Jungfer Anna Katharina Schnotterbaum wußte von dem Aufbewahrungsorte nichts, weil ihr seliger Vater ihr denselben keinesweges entdeckt hatte. Er war vielmehr nur zweien Menschen auf Erden bekannt, dem Testator und mir, dem der alte Schäker einstmals in einer Weinlaune das versiegelte Papier eingehändiget hatte, ohne gleichwohl dessen Inhalt mir zu offenbaren. Es sind also nur zwei Fälle möglich. Entweder muß ich mit den beiden Herren unter der Decke gespielt, und ihnen den Ort verraten haben, oder er ist durch den Geist des Magisters aus jener Welt heraus kundgetan. Der dritte Fall läßt sich nicht gedenken –«

»Wenn ich reden dürfte –« sagte ich, von neuem durch geheimen Anstoß hingerissen.

»Nein, Herr von Münchhausen«, sprach der Beamte mit Ansehen, »Sie dürfen hier nicht reden. Sie sind ein Ausländer und haben bei uns keine Stimme.« Er warf einen so bezeichnenden Blick auf sein Dienstpersonal, daß der innere Impuls,[413] weiter zu sprechen, plötzlich in mir verschwand. »Wissen Sie einen dritten Fall, meine Herrn?« fragte er Kernbeißer und Eschenmichel. »Ich bin überzeugt, daß es Ihnen nur um Wahrheit zu tun ist.«

»Nein«, versetzte Eschenmichel mutig. »Nein«, erwiderte Kernbeißer schüchtern.

»Wißt ihr einen dritten Fall, versammelte Schwaben?« rief der Beamte in das Publikum hinein. – »Nein!« war die einstimmige Antwort der Menge. – »Glaubt ihr, daß ich den beiden Herrn Doktoren die Sache gesteckt habe, daß die Polizei ein falsches Wunder hier verfertigen hilft?« – Abermaliges stürmisches Nein.

»So wäre also der Tatbestand mit völliger Gewißheit hergestellt, und nur der Geist des Magisters kann den beiden erleuchteten Männern die Notiz haben zufließen lassen«, sagte der Beamte. »Wir werden aber unter solchen Umständen, und da noch im Jenseits, in dem Lande, wo alle Täuschung schwindet, von dem Testamente Rede gewesen ist, seinem Inhalte die allerernsteste Beachtung zu widmen haben. Gewiß erlebt die Thaumaturgie heute einen hohen Triumph. Wie beklage ich, daß ich für ihre würdigsten Priester die Ehrensessel bei dieser erhabenen Feier nur auf dasjenige Gerüst stellen lassen konnte, von welchem herab wir leider mitunter auf dem Markte andere Personen dem Volke zeigen müssen. Der Herr Doktor Eschenmichel brachte uns aber die Dämonophanie zu rasch über das Haupt, und so mußten wir in der Hast zu jener allerdings standeswidrigen Vorrichtung greifen, weil keine andere im Augenblick zu ermitteln war.«

Er gab einem Schreiber den Befehl, im Fache S nachzusuchen. Aller Herzen pochten vor Unruhe. Der Schreiber ging, suchte, warf erst einige gebräunte Hefte aus dem Fache, daß eine Wolke Staubes aufstieg, zog dann ein vergilbtes Kuvert hervor, und las mit vernehmlicher Stimme dessen Aufschrift ab, welche also lautete:


»Hierin ist enthalten der letzte Wille Jodoci Zebedäi Schnotterbaums, lebzeitig Magisters der Freien Künste, aus Hall in Schwaben bürtig.[414]

Dem ernannten Exekutor, dem Zufall, wird die Publikation übertragen.«

Ein allgemeines: »Ah!« der befriedigten Erwartung wurde hörbar. Eschenmichel saß wie ein Triumphator auf seiner Bühne, Kernbeißer wurde immer bleicher, je deutlicher sich der Sieg auf die Seite des Wunders neigte.

Ein großer schwarzer Rabe kam in diesen Augenblicke in das Archiv gehüpft und auf den Tisch, an welchem der Beamte saß. Er setzte sich zutraulich vor ihn hin und blickte wie ein Eingeweihter nach den Thaumaturgen. »Sieh! Sieh! mein alter Claus, du Unglücksvogel, was willst du hier?« sagte der Beamte und streichelte den Rücken des zahmen Tieres, welches seinem Herrn überallhin folgte.

Die Siegel des Testaments wurden gleichfalls als unverletzt anerkannt, der Schreiber brach sie auf Befehl und hob, deutlich, daß niemandem ein Laut entging, folgendermaßen zu lesen an:


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 411-415.
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