5. Die Wolken

[495] Eine Wolke hoch am Himmel,

Schwebend überm Dach des Schlosses,

Sah des Helden Jammerstand.

Aber still! Erst muß ich sagen,[495]

Was mir gegen Morgen, schwätzend,

Jüngst ein leichter Traum verkündet

Von der Wolken Art und Ursprung.


Wolken sind nicht taube Dünste;

Nicht aus dem gemeinen Wasser

Lockt der Glutenblick der Sonne

Diese launenhaften Rätsel.

Wolken sind der Seufzer Kinder!

Aus den Seufzern, die den Menschen

Abpreßt unsres Lebens Kargheit,

Ballt sich der Luftfahrerinnen

Wunderlicher Zauberchor.


Aus der Kindlein kleinem Ach

Um versagtes buntes Spielwerk,

Werden die gereihten Schäfchen,

Perlenrund und perlenblank,

Weiße Flöckchen, die verschwinden,

Wie sie kamen, lockerzart.


Aus dem Seufzer der Kokette

Um der Liebestauber Flucht,

Aus der Eiteln siechem Stöhnen

Um geschwundne Gnad' und Gunst,

Spinnen sich die langen Streifen,

Die ihr alle oft am Himmel

Stehen saht so fahl und töricht,

Daß sie euch zu sagen schienen:

Selber wissen wir nicht recht,

Was wir wollen und bedeuten.


Wenn zerfleischte Unschuld seufzt

Aus der Brust, bedrückt von Unbill,

Aus den Lippen, deren Rot

Welk gemacht des Frevels Pesthauch,

Steigen auf die grimmigschwarzen

Wolken, blitz- und donnerdrohend,[496]

Die, den Schoß entladend, zorn'ge

Feuerungeheu'r gebären,

Und dem Schelm im goldnen Saal

Pred'gen Millionen Teufel,

Einen Gott dem Frommen pred'gen.


Nun kommt ihr daran, ihr dicken

Durchgesognen Jammerschläuche!

Graue Tonnen, wasserschwere,

Die, ein unermüdlich Regnen,

Unsern Tag zum Tropfenbade

Schaffen, unsre Welt zur Pfütze.

Euch erzeugten Seufzer, öde,

Über unsre Alltagspein,

Über Not mit dummer Klugheit,

Und mit sittlichen Gemütern.


Aber weg von solchem Elend

Zu den guten, schönen Wolken,

Zu den Fürstinnen der Luft!

Blank mit Silberstreifen säumt sie

Ein der Mond, die Sonne stickt sie

Reich mit purpurroten Rosen,

Und der Himmel hält mit ihnen

Tiefes, heimliches Gespräch.


Aus den holdesten und liebsten

Seufzern woben sich die Schönen,

Aus den Seufzern keuscher Mädchen,

Wenn sie schreckt des Bades Spiegel

Mit den eignen süßen Reizen,

Aus den Seufzern hoher Frauen,

Stürzt' ein heil'ger Kampf ins Blut

Reine jugendblüh'nde Helden;

Aus den Seufzern edler Dichter

Über Leiden, die so lieblich,

Daß sie selbst dem treusten Freunde,

Ihrem Lied, sie nicht vertraun;[497]

Dichterseufzer, Mädchenseufzer,

Hoher Frauen heil'ge Seufzer

Schaffen jene prachtgeschmückten

Königinnen, hoch im Äther.


Solche gute, schöne Wolke,

Silberblüh'nd im reinen Mondlicht,

Sah die Not des Helden, hörte

Seines großen Herzens Klage.

Und sie sprach zu sich: »Hier gilt es

Nicht verweilen! Zu der Fee

Eil' ich, seines Lebens Schütz'rin,

Künd' ihr an des Helden Jammer.

Wind, mein schnelles Roß, wo bist du?«


Kam herangeschnoben, pustend,

Wind, der Hengst von feur'ger Rasse.

Damenhaft schwang sich die Herrin

Auf des Gaules breiten Rücken.

Auf, davon, durch alle Himmel

Jagte sie mit ihrem Rosse,

Also, weit nach Osten, pfeilschnell

Ritt die silberblüh'nde Wolke.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 495-498.
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