Die Auferstehung

[188] Horch, Elise! da rollen Gesänge

Goldner Harfen her;

Ueber hohe Felsengänge

Rollen sie, wie der Donner, schwer.


Barden singen von der Welten

Vater, der als Richter kömmt;

Singen, wie vor seinem Schelten

Meere fliehen, und der Strom sich hemmt;


Singen vom allmächtigen Erstaunen,

Das die Sonne faßt in ihrer Bahn,

Und von Gräbern, aufgethan

Bey dem Rufe der Posaunen;


Von der Erden Untergang,

Welche sich in Feuerflammen wälzen,

Und von Sternen, welche schmelzen,

Bey der Todesengel Gesang.
[189]

Deine Seele bebt, Elise!

Wie das fromme Lämmchen bebt,

Wenn sich über seiner Wiese

Schnell ein hohler Sturm erhebt?


Zittre nicht! Ein Gott will richten,

Richten will er jede That;

Aber kann er diese Welt zernichten,

Diesen Boden den Elise betrat?


Schaffende Liebe winket einst der Erde,

Daß ein neuer Frühling werde;

Zeichnet neuen Sonnen ihre Bahn;

Und ein besserer Tag bricht an.


Friede zieht in jede Höhle;

Still und lieblich soll der Hain,

Und so schön, wie deine Seele,

Soll die ganze Schöpfung seyn.


Ueberall Frühlingsluft:

Ueberall ein ruhiges Wehen.

Blumen werden auferstehen

Dann um deine Gruft;
[190]

Blumen, welche deinem Schatten

Mädchenhände gestreuet hatten

Hin auf jene Gefilde der Ruh;

Blumen, längst gestorben, wie du.


Wie sie blühend auferstehen,

So erwachen, bey dem Wehen

Einer stilleren Luft,

Nachtigallen rings um deine Gruft.


Neben ihr hatten sie gesungen

Durch die Gefilde der Ruh,

Neben ihr in Abenddämmerungen:

Und sie starben längst, wie du.


Komm, Elise! Gerüche wallen

Von verjüngten Bäumen herab:

O, beym Gruße der Nachtigallen,

Oeffnet sich dein Grab.


Komm, Elise! Schon umringen,

Wie Gespielen einer Braut,

Selige Geister dich, und singen

Deines Lebens stille Thaten laut.
[191]

Und du gehst an ihrer Seite

Nun mit sanfter Majestät,

Wie die Tugend, im Geleite

Neugebohrner Engel, geht.


Einen Zweig von deinem Kranze

Bietest du mir lächelnd an;

Und ein Strahl von deinem Glanze

Fällt auf meine Leyer dann.


Welch ein Strahl! Dem Paradiese

Nenn ich dich; und bin verklärt,

Bin ein Engel, und, Elise!

Deiner Liebe werth.

Quelle:
Johann Georg Jacobi: Sämmtliche Werke. Band 2, Zürich 1819, S. 188-192.
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