Achtes Kapitel.

[113] Es war in Niels Lyhne eine gewisse lahme Besonnenheit, das Kind einer angeborenen Unlust, etwas zu wagen, das Kindeskind eines halbklaren Bewußtseins von dem Mangel an Persönlichkeit, und mit dieser Lahmheit lag er in stetem Kampfe, bald sich selber dagegen aufstachelnd, indem er ihr schimpfliche Namen beilegte, bald bemüht, sie zur Tugend herauszustaffieren, zu einer Tugend, die in der innigsten Verbindung mit dem Naturgrunde in ihm stand, ja noch mehr: die eigentlich bewirkte, was er war und was er vermochte. Aber wozu er sie auch machte, wie er sie auch betrachten mochte, stets haßte er sie doch wie ein heimliches Gebrechen, das er wohl vor der Welt, jedoch niemals vor sich selber verbergen konnte, das immer da war, um ihn jedesmal zu demütigen, wenn er so recht einig mit sich selber war. Und wie beneidete er[113] dann jene selbstbewußte Unbesonnenheit, in deren Feuer Denken und Handeln in eins zusammenschmelzen. Die Menschen, die so waren, erschienen ihm wie Kentauren, Mann und Pferd aus einem Guß, Gedanke und Sprung eins, ein ganzes, während er selber geteilt war in Reiter und Pferd, der Gedanke für sich, und der Sprung für sich.

Wenn er sich vorstellte, er könnte Frau Boye seine Liebe gestehen, und er mußte sich nun einmal alles vorstellen, dann sah er sich so deutlich in dieser Lage, seine ganze Haltung, seine Bewegung, seine ganze Person, von vorn, von der Seite und vom Rücken, sah sich so unsicher gemacht von dieser fieberhaften Angst vor dem Handeln, die ihn stets lähmte und ihm alle Geistesgegenwart raubte, daß er dastand und eine Antwort hinnahm, wie er einen Schlag hingenommen hätte, der ihn in die Knie sinken machte, statt sie hinzunehmen, wie man einen Federball in Empfang nimmt, den man auf wer weiß wie viele Arten zurückwerfen kann, und der auf wer weiß wie viele andere Arten wieder herfliegen kann.

Er wollte sprechen, und er wollte schreiben, aber es gelang ihm niemals, offen mit der Sprache herauszugehen. Es kam nicht weiter als bis zu verblümten Erklärungen, oder dazu, daß er sich scheinbar in halb angenommener lyrischer Leidenschaftlichkeit zu einem liebeswarmen Worte, zu schwärmerischen Wünschen hinreißen ließ. Aber trotzdem kam es doch allmählich zu einem Verhältnis zwischen ihnen, zu einem eigentümlichen Verhältnis,[114] erzeugt aus der demütigen Liebe eines Jünglings, aus dem traumschwülen Verlangen eines Phantasten und dem Wunsche eines Weibes, in romantischer Unnahbarkeit begehrt zu werden. Und das Verhältnis zwischen ihnen ward zu einer Mythe, über deren Entstehung sie sich beide nicht klar waren, zu einer stillen, stubenluftbleichen Mythe von einer schönen Frau, die in ihrer frühesten Jugend einen von den Heroen des Geistes geliebt hatte, welcher von dannen gezogen war, um in einem fernen Lande zu sterben, vergessen und verlassen. Und die schöne Frau hatte trauernd lange Jahre dahin gelebt, aber niemand ahnte ihren Kummer, nur die Einsamkeit war heilig genug, ihr Leid zu schauen. Da kam ein Jüngling, der jenen Geisteshelden seinen Meister nannte, und der durchdrungen war von seinem Geiste, erfüllt von seinem Werke. Und er liebte das trauernde Weib. Ihr aber war es, als stiegen längst entschwundene, glückliche Tage aus ihrem Grabe, so daß sich alles seltsam süß verwirrte und Vergangenheit und Gegenwart zu einem silberverschleierten, dämmerigen Traumtage verschmolzen, und sie liebte den Jüngling halb um seiner selbst willen, halb als Schatten eines anderen, und sie gab ihm ihre halbe Seele völlig hin! Aber leise mußte er auftreten, damit der Traum nicht entfliehe, streng mußte er über seine heißen irdischen Wünsche wachen, damit sie nicht die süße Dämmerung verscheuchten und sie zu neuem Schmerz erwachte.

Allmählich aber gewann ihr Verhältnis unter dem[115] Schutze dieser Mythe doch festere Formen. Sie sagten Du zueinander und nannten sich, wenn sie allein waren, bei ihren Vornamen – Niels und Tema –, und die Gegenwart der bleichen Nichte wurde so viel wie möglich beschränkt. Wohl versuchte Niels hin und wieder einmal die gezogenen Schranken zu durchbrechen, aber Frau Boye war ihm viel zu überlegen, um nicht mit Leichtigkeit diesen Empörungsversuch niederschlagen zu können, und bald ergab sich Niels wieder und fand sich von neuem für eine Weile in diese Liebesphantasie mit lebenden Bildern. Das Verhältnis versumpfte weder zu platonischer Fadheit, noch glitt es in der einförmigen Ruhe der Gewohnheit dahin. Und Ruhe war das, was ihm am wenigsten eigen war. Niels Lyhnes Hoffnung ermüdete nie, und wurde sie auch jedesmal, wenn sie begehrlich aufflammte, sanft in ihre Schranken zurückgewiesen, so glühte sie darum im Verborgenen nur desto heißer. Und wie wurde diese Hoffnung am Leben erhalten durch Frau Boyes tausenderlei Liebeskünste, durch ihre herausfordernde Naivität! Und dann hatte sie das Spiel auch nicht immer so ganz und gar in der Hand, denn es konnte zuweilen vorkommen, daß das Blut in seinem Müßiggang davon träumte, diese halbgezähmte Liebe zu belohnen.

Blieb so dieses Verhältnis für Niels Lyhnes verträumte, wenn auch lebensdurstige Natur bloß ein Spiel, so war es doch ein ernsthaftes Spiel, beschäftigend genug, um ihm eine Leidenschaftsgrundlage zu geben, auf der er sich entwickeln konnte.[116]

Und das war ein Bedürfnis für ihn. Es sollte ja ein Dichter aus Niels Lyhne werden, und es waren auch genug Bedingungen in seinem äußeren Leben gewesen, die seine Neigungen nach dieser Richtung hinlenken konnten, genug, die seine Fähigkeiten einer solchen Aufgabe dienstbar machen konnten. Bis heute freilich hatte er nicht viel anderes gehabt als seine Träume, und nichts ist einförmiger und eintöniger, als ein solches Phantasieleben, denn in dem scheinbar unendlichen, ewig wechselnden Lande der Träume gibt es in der Tat nur bestimmte, kurze, gebahnte Wege, auf die sich der ganze Verkehr beschränkt und von denen niemand weichen darf. Die Menschen können sehr verschieden sein, ihre Träume aber sind es nicht, denn die drei, vier Dinge, die sie begehren, erlangen sie ja mehr oder weniger schnell im Traume, mehr oder weniger vollkommen, aber sie verlangen sie doch stets sämtlich; es gibt ja niemand, der sich mit leeren Händen träumte. Darum lernt sich auch niemand im Traume kennen, wird sich niemand in Träumen seiner Eigentümlichkeiten bewußt, denn der Traum weiß nichts davon, wie man sich begnügt, den Schatz zu gewinnen, wie man ihn fahren läßt, wenn man ihn verliert, wie satt man wird, wenn man genießt, welchen Weg man einschlägt, wenn man entbehrt.

Niels Lyhne hatte deswegen auch von der ästhetischen Persönlichkeit im allgemeinen ausgehend gedichtet: der Lenz war für ihn eine Zeit des Schwellens und Knospens, das Meer war groß, die Liebe süß und der Tod traurig.[117] Er selber war nicht weiter in diese Poesie eingedrungen, er machte nur Verse. Jetzt aber wurde das anders! Jetzt, wo er um die Liebe eines Weibes warb, wo er wollte, daß sie ihn lieben sollte, ihn, ihn, Niels Lyhne von Lönborggaard, der dreiundzwanzig Jahre zählte, ein wenig vornübergebeugt ging, schöne Hände und kleine Ohren hatte, der überaus schüchtern war, der wünschte, daß sie ihn lieben sollte, ihn persönlich und nicht den idealisierten Nikolaus seiner Träume, mit dem stolzen Gang, den sichern Manieren, und der ein wenig älter war! Jetzt fing er an, sich lebhaft für diesen Niels zu interessieren, mit dem er eigentlich bis dahin nur wie mit einem weniger präsentabeln Freunde verkehrt hatte. Er war viel zu beschäftigt gewesen, um sich mit dem auszustaffieren, was ihm fehlte, als daß er Zeit gehabt hätte, das zu sehen, was er wirklich besaß; jetzt aber fing er mit der Leidenschaft eines Forschers an, sein eigenes Ich aus Kindheitserinnerungen und Kindheitseindrücken, aus den wirklich gelebten Augenblicken seines Lebens herauszusammeln, und mit frohem Staunen sah er, wie das alles zueinander paßte, Stück für Stück, und er fügte alles zusammen zu einer ungleich sympathischeren Persönlichkeit, als die war, der er im Traume nachgelaufen, ungleich, wahrer, kräftiger, willensstärker. Dies war nicht mehr der tote Klotz eines Ideals; das wirkliche Leben mit seinen wunderlichen, unergründlichen Tätigkeiten spielte in tausendfarbigem Wechsel mit hinein. Du lieber Himmel, er hatte ja Kräfte, die er brauchen konnte, so wie sie waren,[118] er war ja Aladdin; es gab ja nichts, wonach er die Hände ausgestreckt hatte, ohne daß es aus den Wolken herab ihm in den Turban gefallen war.

Und jetzt kam eine glückliche Zeit für Niels. Die glückliche Zeit, in der die mächtige Schwungkraft der Entwickelung uns jubelnd hinwegführt über die toten Punkte in unserer Natur, wo alles in uns wächst und vollkommener wird, so daß wir im Übermaß unserer Kraft die Schultern, wenn es sein muß, selbst gegen Berge stemmen und mutig den Bau des babylonischen Turmes beginnen, der bis an den Himmel reichen soll, der freilich nur das armselige Bruchstück eines Kolosses wird, an dem man den ganzen Rest des Lebens mit zaghaften Türmchen und sonderbaren Erkern weiterbaut.

Alles war wie verändert; Natur, Fähigkeiten und Arbeit griffen ineinander wie ein Triebrad in das andere, da war keine Rede von einem Innehalten, von einer Freude über das Gelungene, denn das Fertige wurde sofort verworfen, er war ja unter der Arbeit gewachsen, es wurde nur die Stufe, auf der er emporklomm zu dem stets zurückweichenden Ziel, Stufe auf Stufe zurückgelegte Wege, die schon wieder vergessen waren, während noch sein Fußtritt auf ihnen widerhallte.

Aber während er so von neuen Kräften und neuen Gedanken einer größeren Reife, einem weiteren Gesichtskreise entgegengetragen wurde, fühlte er sich auch allmählich immer einsamer, denn seine Bekannten und Parteigenossen blieben einer nach dem andern zurück und verloren[119] sich in demselben Maße, wie er ihnen sein Interesse nicht mehr bewahren konnte. Wurde es ihm doch von Tag zu Tag schwerer, irgendwelchen Unterschied zu finden zwischen diesen Oppositionsmännern und der Mehrheit, gegen welche sie opponierten. Es verschwamm für ihn alles zu einer großen feindlichen Masse, die nur Langeweile bedeutete. Was schrieben sie denn auch, wenn sie mit ihren Liedern zum Angriff aufforderten? Nichts als pessimistische Gedichte, deren Inhalt war, daß Hunde treuer seien als Menschen, und Zuchthäusler oft ehrlicher als die Leute, die frei einhergingen; wohlredende Phrasen über den Vorzug des grünen Waldes und der braunen Heide vor den staubigen Städten; Erzählungen von der Tugendhaftigkeit des Bauernstandes und den Lastern der Reichen, von dem Blute der Natur und der Bleichsucht der Bildung; Schauspiele, die von dem Unverstande des Alters und der höheren Berechtigung der Jugend handelten. Wie genügsam waren sie doch, wenn sie schrieben! Dann war es doch besser, wenn sie innerhalb ihrer sicheren vier Wände redeten! Nein, wenn er einmal so weit kam, dann sollte Musik erschallen, Posaunenmusik!

Auch mit den alten Freunden war es nicht mehr wie früher. Besonders mit Frithjof. Der Grund lag darin, daß Frithjof, eine positive Natur mit gutem Kopf und breitem Rücken, sich darüber hergemacht hatte, Heiberg recht gründlich zu studieren; er hatte alles für bare Münze genommen, daß die Systematiker kluge Leute seien, die ihre Systeme nach ihren Werken machten, und nicht ihre[120] Werke nach ihren Systemen. Und es geht ja nun einmal so, daß junge Leute, die unter die Macht eines Systems geraten sind, gern auch große Dogmatiker werden, infolge der löblichen Liebe, welche die Jugend meistenteils für die fertigen Zustände, für das Befestigte, das Absolute hegt. Und wenn man nun auf solche Weise Inhaber der ganzen Wahrheit geworden ist, der ganzen, echten Wahrheit, wäre es da nicht unverzeihlich, wenn man sie ganz für sich behalten und seine weniger glücklich gestellten Mitmenschen ihren eigenen schiefen Weg gehen lassen wollte, statt sie zu leiten und zu belehren, statt mit liebevoller Unbarmherzigkeit ihre wilden Schößlinge zu ergreifen, sie mit freundlicher Gewalt an die Mauer zu treiben, und ihnen dann klarzumachen, welche Richtung sie in ihrer Entwicklung einzuschlagen hätten, um eines Tages, wenn auch erst spät, als richtige, künstliche Spaliers dem gütigen Freunde danken zu können für alle die Mühe, die er sich mit ihnen gemacht hat?

Niels pflegte zwar zu sagen, daß er nichts so sehr zu schätzen wisse, wie Kritik, aber dessenungeachtet zog er die Bewunderung vor, und er konnte sich durchaus nicht darein finden, sich von Frithjof kritisieren zu lassen, den er stets als seinen Leibeigenen betrachtet hatte, und der auch stets entzückt gewesen war, die Livree seiner Ansichten und Überzeugungen zu tragen. Und jetzt kam er und wollte den Gleichgestellten spielen in der selbstgewählten Maskeradentracht eines Talars! Das mußte natürlich zurückgewiesen werden. Niels versuchte zuerst,[121] in überlegener Gutmütigkeit Frithjof vor sich selber lächerlich zu machen, und als ihm das mißglückte, nahm er seine Zuflucht zu unverschämten Behauptungen, die zu erörtern er sich aber zu erhaben fühlte; er stellte sie nur in ihrer barocken Abscheulichkeit hin und zog sich dann hinter ein höhnisches Schweigen zurück. So kamen sie auseinander.

Mit Erik ging es besser. Über ihrer Knabenfreundschaft hatte stets etwas Zurückhaltendes, eine gewisse geistige Schamhaftigkeit gelegen, und dadurch hatten sie die allzu genaue gegenseitige Bekanntschaft vermieden, die eine so große Gefahr für die Freundschaft ist; sie waren im Festsaal ihrer Seele miteinander begeistert gewesen, hatten sich gemütlich und vertraulich im Wohnzimmer unterhalten, aber sie waren nicht in den mehr entlegenen Räumen ihrer Seelenwohnung aus und ein gegangen.

Das war auch jetzt nicht anders. Die Zurückhaltung war womöglich noch größer, jedenfalls bei Niels, aber die Freundschaft war darum nicht geringer, und ihr Haupteckstein war jetzt, wie auch früher, Niels Lyhnes Bewunderung für das Frische, Lebensfrohe, das Erik eigen war, daß er sich so heimisch im Leben fühlte, so bereit, zuzugreifen und zu nehmen. Aber er konnte sich nicht verbergen, daß die Freundschaft ziemlich einseitig war, nicht etwa weil Erik des wahren Freundschaftssinnes entbehrt oder weil er kein Zutrauen zu Niels gehabt hätte. Im Gegenteil, es konnte wohl niemand eine höhere Meinung von Niels haben als gerade Erik, er glaubte ihn[122] sich so weit überlegen an Begabung, daß von Kritik keine Rede sein konnte, aber gleichzeitig mit dieser blinden Anerkennung hielt er auch das, womit Niels sich beschäftigte, wie das, was seine Gedanken in Anspruch nahm, für weit über den Gesichtskreis hinausreichend, den er mit seinen Augen erreichen konnte. Er war fest überzeugt, daß Niels auf dem Wege, den er sich erwählt hatte, vorwärts kommen würde, aber er war ebenso überzeugt, daß sein Fuß nichts auf diesem Wege zu suchen habe, und deswegen betrat er ihn gar nicht.

Das war nun freilich ein wenig hart für Niels, denn obwohl Eriks Ideale nicht die seinen waren und die Richtung, der Erik in seiner Kunst Ausdruck verleihen wollte, das Romantische oder das Sentimental-Romantische, ihm keineswegs sympathisch war, so konnte er doch persönlich eine breitere, vielseitigere Sympathie empfinden und darin getreulich der Entwicklung des Freundes folgen, sich mit ihm freuen, wenn er Erfolge hatte, seine Hoffnung aufs neue beseelen, wenn er stillstand.

So kam es, daß die Freundschaft eine einseitige war, und es war nicht zu verwundern, daß es Niels jetzt, wo sich so viel Neues in ihm Bahn brach und deswegen sein Bedürfnis, sich mitzuteilen und verstanden zu werden, doppelt groß war, klar ward, wie unzulänglich diese Freundschaft war, und daß er, dadurch erbittert, den bis dahin so rücksichtsvoll beurteilten Freund einer schärferen Kritik unterzog. So entstand ein trauriges Gefühl der Vereinsamung in ihm; es war, als wenn alles, was er[123] aus der Heimat mitgebracht, was er von Kindheit auf besessen hatte, von ihm abfiele, ihn fahren ließe, als wenn er vergessen, verlassen wäre. Die Tür, die zu dem Alten führte, war verriegelt, und er stand mit leeren Händen davor und allein; was er entbehrte, was er verlangte, mußte er sich selber erringen, neue Freunde, ein neues Heim, einen neuen Herzensraum und neue Erinnerungen.

Ungefähr ein Jahr lang mochte Frau Boye Niels' einzige, wirkliche Gefährtin gewesen sein, als diesen ein Brief von seiner Mutter, der die Nachricht von der lebensgefährlichen Erkrankung des Vaters enthielt, nach Lönborggaard rief. Als er dort ankam, war der Vater bereits gestorben.

Es fiel Niels schwer aufs Herz, fast wie ein Verbrechen, daß er sich in den letzten Jahren so wenig nach seinem Elternhause gesehnt hatte. Seine Gedanken waren freilich oft dahin geschweift, aber er war nur als Gast dagewesen, mit dem Staube anderer Gegenden in seinem Herzen, er hatte sich nie in namenlosem Heimweh danach gesehnt wie nach dem lichten Heiligtum seines Lebens, in glühendem Verlangen, den heimatlichen Boden zu küssen, unter dem heimatlichen Dache zu ruhen. Jetzt bereute er diese Untreue, und unter der Last des Kummers empfand er seine Reue als eine mystische Mitschuld an dem Geschehenen, als hätte seine Treulosigkeit den Tod des Vaters herbeigeführt. Er wunderte sich immer von neuem, wie er so ruhig hatte von diesem Heim entfernt[124] leben können, das ihn jetzt mit so seltsamer Macht zu sich hinzog. Sein ganzes Wesen ging in der Sehnsucht auf, mit der er sich jetzt daran anschmiegte, unruhig darüber, daß er, so gern er es auch wollte, nicht mit ihm verschmelzen konnte, unglücklich, daß die tausendfältigen Erinnerungen, die aus jedem Winkel, jedem Busch, aus den Ton- und Lichtstimmungen, aus tausend Wohlgerüchen, ja selbst aus dem Schweigen ihn ansahen, daß ihn dies alles mit gleichsam zu entfernten Stimmen rief, die sich nicht in der ganzen Fülle und Schärfe, deren er bedurfte, fassen ließen, die nur leise wie das Säuseln der zur Erde fallenden Blätter, wie das Plätschern der an den Strand rollenden Wellen zu seiner Seele sprachen.

Der ist glücklich in seinem Kummer, der, wenn einer seiner Lieben heimgegangen ist, alle seine Tränen über die Leere, die Verlassenheit und den Verlust weinen kann; aber schwere, herbe Tränen sind es, die sühnen sollen, was entschwundene Tage von Mangel an Liebe zu dem gesehen, der jetzt gestorben ist, und dem gegenüber nichts Geschehenes wieder gutgemacht werden kann. Denn jetzt kehren sie alle wieder, nicht nur harte, sorgfältig vergiftete Antworten, schonungsloser Tadel, gedankenloser Zorn, sondern auch lieblose Gedanken, denen keine Worte verliehen wurden, hastige Träume, die durch den Sinn zogen, einsames Achselzucken, ungesehenes Lächeln voller Hohn und Ungeduld; sie kommen alle wieder wie giftige Pfeile und senken ihren Stachel tief in deine eigene Brust, ihren stumpfen Stachel, denn die Spitze ist ja abgebrochen in[125] dem Herzen, das jetzt nicht mehr schlägt. Ja, es schlägt nicht mehr, du kannst nichts wieder gutmachen, nicht das geringste. Jetzt hegt dein Herz Liebe genug, aber nun ist es zu spät. Tritt an das kalte Grab mit deinem vollen Herzen – kannst du dem Abgeschiedenen näherkommen? Pflanze Blumen und flicht Kränze – bist du ihm damit um einen Finger breit näher gekommen?

Auch auf Lönborggaard wanden sie Kränze, auch zu ihnen kamen die bitteren Erinnerungen an Stunden, in denen die Liebe von rauheren Stimmen übertönt worden war, auch für sie lag in den strengen Linien, die den geschlossenen Mund des Grabes umgaben, so manches, was ihre Reue erwecken konnte.

Es war eine schwere, trübe Zeit, aber sie hatte einen Lichtpunkt: sie brachte Mutter und Sohn einander näher, als sie seit vielen Jahren gewesen waren, denn obwohl sie große Liebe zueinander hegten, hatten sie sich doch stets ängstlich voreinander bewacht, und es war in ihrem Nehmen und Geben eine Zurückhaltung gewesen, die sich schon von der Zeit her schrieb, als Niels zu groß geworden war, um auf den Knien der Mutter zu sitzen. Er fürchtete sich vor dem Heftigen, Überspannten in ihrer Natur, während sie sich durch das Zaghafte, Unschlüssige in ihm fremdartig berührt fühlte. Jetzt aber hatte das Leben ihre Herzen vorbereitet, und bald sollten sie sich ganz und gar finden.

Kaum zwei Monate nach der Beerdigung erkrankte Frau Lyhne heftig, und eine Zeitlang fürchtete man für[126] ihr Leben. Die Angst, die über diesen Wochen lag, drängte jenen früheren Schmerz in den Hintergrund, und als Frau Lyhne anfing, sich zu erholen, war es sowohl für sie wie für Niels, als lägen Jahre zwischen ihnen und dem frischen Grabe.

Frau Lyhne war während ihrer ganzen Krankheit überzeugt gewesen, daß sie sterben müsse, und selbst jetzt, wo der Arzt sie außer aller Gefahr erklärt hatte, konnte sie sich von diesem düsteren Gedanken nicht frei machen.

Es war auch eine sehr lange Wiedergenesung; die Kräfte kehrten nur tropfenweise, gleichsam widerstrebend zurück; da war keine sanfte, heilende Mattigkeit, im Gegenteil, die Leidende empfand eine beunruhigende Schwäche, ein erdrückendes Gefühl der Ohnmacht, ein unaufhörliches, brennendes Verlangen nach Kräften.

Allmählich wurde auch das anders, es ging schneller vorwärts, die Kräfte kehrten wieder, aber der Gedanke, daß sie sich bald von dem Leben trennen müsse, verließ sie trotzdem nicht, sondern lag gleich einem Schatten über ihr und hielt sie in einer unruhigen, schmerzlichen Wehmut befangen.

In dieser Zeit saß sie einmal um die Abendstunde allein im Gartenzimmer und starrte durch die geöffneten Flügeltüren. Das Gold des Sonnenunterganges wurde durch die Bäume verdeckt, nur an einer einzigen Stelle leuchtete ein brandroter Fleck durch die Stämme hindurch. Über den unruhigen Baumwipfeln jagten die Wolken düster an einem rauchroten Himmel dahin und[127] verloren auf ihrer Flucht kleine Wolkenflocken, winzige schmale Streifen von abgelösten Wolken, die dann der Sonnenschein rötlich erglühen machte.

Frau Lyhne saß da und lauschte dem Sausen des Sturmes und folgte mit leisen Bewegungen des Hauptes den unregelmäßigen Windstößen, wie sie dahinbrausten, lauter wurden und erstarben. Ihre Augen aber waren weit fort, weiter als die Wolken, zu denen sie emporstarrte. Bleich saß sie da in ihrer schwarzen Witwentracht mit einem Ausdruck schmerzlicher Unruhe um die blassen Lippen, und auch in ihren Händen lag eine Unruhe, wie sie das dicke, kleine Buch, das auf ihrem Schoße lag, hin und her wendeten. Es war Rousseaus Heloise. Rund um sie her lagen andere Bücher: Schiller, Staffeldt, Evald und Novalis, auch große Mappen mit Kupferstichen von alten Kirchen, Ruinen und Bergseen.

Jetzt wurde eine Tür geöffnet, suchende Schritte erklangen aus den hinteren Zimmern, und Niels trat ein. Er hatte einen langen Spaziergang am Meeresstrande gemacht; seine Wangen waren von der frischen Luft gefärbt, und der Wind haftete noch in seinen Haaren.

Draußen am Himmel hatten blaugraue Farben die Oberhand gewonnen, und einzelne schwere Regentropfen schlugen gegen die Scheiben.

Niels berichtete, wie hoch die Wellen über den Strand rollten, und von dem Seetang, den sie ans Land getrieben hätten; er erzählte von allem, was er gesehen hatte und wem er auf seiner Wanderung begegnet war, und[128] während er so sprach, sammelte er die Bücher, schloß die Gartentüren und befestigte die Fensterhaken. Dann nahm er auf dem Schemel zu den Füßen seiner Mutter Platz, legte ihre Hand in die seine und lehnte seine Wange gegen ihr Knie.

Draußen war jetzt alles schwarz geworden, und der Regen klatschte stoßweise in Strömen gegen die Fenster.

»Weißt du noch,« begann Niels, nachdem sie eine ganze Weile schweigend dagesessen hatten, »weißt du noch, wie oft wir in der Dämmerstunde dasaßen und auf Märchen auszogen, während der Vater in seinem Zimmer mit dem Verwalter Jens sprach und Mamsell Duysen in der Eckstube mit dem Teegeschirr klapperte? Und wenn dann die Lampe kam, erwachten wir beide von dem seltsamen Märchen zu der Gemütlichkeit, die uns umgab, aber ich weiß noch ganz genau, daß ich mir immer einbildete, das Märchen sei darum nicht abgebrochen, sondern setzte sich auf eigene Hand fort und spielte sich dort oben auf den Hügel nach Ringkjöbing zu weiter.«

Er sah nicht das wehmütige Lächeln der Mutter, er fühlte nur, wie ihre Hand sanft über sein Haar hinstrich.

»Weißt du noch,« begann sie nach einer Weile, »wie oft du mir versprachst, sobald du groß geworden wärest, mit einem großen Schiffe auszusegeln und mir alle Herrlichkeiten der Welt heimzubringen?«

»Wie gut ich das noch weiß! Es sollten Hyazinthen sein, denn die hattest du so gern, und genau so eine Palme wie die, die damals einging, und Säulen von Gold und[129] Marmor. Es waren immer so viele Säulen in deinen Erzählungen. Weißt du das wohl noch?«

»Ich habe auf das Schiff gewartet – nein, sei ruhig, mein Junge, du verstehst mich nicht –, nicht meinetwegen, es war ja dein Glücksschiff – ich hatte gehofft, daß dein Leben groß und reich werden würde, daß du auf den glänzenden Wogen fahren würdest – Ruhm – alles – nein, nicht das, nur daß du teilnehmen würdest an dem Kampfe um das Größte, ich weiß nicht wie, aber ich war des alltäglichen Glückes, des alltäglichen Zieles so überdrüssig. Kannst du das begreifen?«

»Du wolltest, daß ich ein Sonntagskind wäre, teure Mutter, einer von denen, die nicht an dem Joche ziehen wie die anderen, die ihren eigenen Himmel haben, in dem sie selig werden, die ihren eigenen Ort der Verdammnis haben. Nicht wahr, es sollten Blumen an Bord sein, reiche Blumen, um sie über die arme Erde auszustreuen. Aber das Schiff ließ auf sich warten, und so wurden sie nur arme Vögel, Niels und seine Mutter, nicht wahr?«

»Habe ich dich verletzt, mein Junge? Es waren ja nur Träume; du mußt dich nicht daran kehren!«

Niels schwieg lange. Er fühlte sich so befangen bei dem Gedanken an das, was er sagen wollte.

»Mutter,« sagte er endlich, »wir sind nicht so arm, wie du glaubst. Eines Tages wird das Schiff doch kommen. Wenn du es nur glauben willst, oder wenn du nur Zutrauen zu mir haben willst. Mutter, ich bin ein Dichter,[130] ein wahrhaftiger Dichter, mit ganzer Seele. Glaube nicht, daß es Kinderträume sind oder Träume der Eitelkeit. Ich werde teilnehmen an dem Kampfe um das Edelste, und ich gelobe dir, ich werde nicht fahnenflüchtig sein, ich werde stets treu sein gegen mich selber, wie gegen das, was ich besitze, nur das Beste soll mir gut sein, und nicht mehr, ich will nicht ruhen noch rasten, Mutter; merke ich, daß das, was ich gebildet habe, nicht rein ist, oder kann ich hören, daß es Risse oder Schrammen hat, zurück damit in den Tiegel – stets das Höchste, was ich zu tun vermag! Verstehst du wohl, daß es für mich ein Bedürfnis ist, zu versprechen? Es ist Dankbarkeit für all meinen Reichtum, was mich zu diesen Gelübden treibt, und du sollst sie annehmen, und es soll eine Sünde sein, die ich dir gegenüber und dem Höchsten gegenüber begehe, wenn ich abtrünnig werde. Habe ich es denn nicht dir zu verdanken, daß meine Seele so ausgeweitet ist, haben nicht deine Träume und deine Sehnsucht meine Fähigkeiten zur Blüte gebracht, und bin ich nicht durch deine Liebe und deinen nie gestillten Durst nach Schönheit zu dem geweiht, was die Aufgabe meines Lebens sein soll?«

Frau Lyhne weinte leise vor sich hin. Sie fühlte, wie sie vor Glück erbleichte.

Sanft legte sie ihre beiden Hände auf das Haupt des Sohnes, und er zog sie leise an seine Lippen und küßte sie.

»Du hast mich so glücklich gemacht, Niels – nun[131] ist mein Leben doch kein langer, nutzloser Seufzer gewesen, nun tat es dich doch gefördert, so wie ich es von Herzen gehofft und geträumt habe. Mein Gott, wie unendlich oft habe ich das nicht geträumt! Und doch mischt sich so viel Wehmut in diese Freude, Niels! Warum muß auch gerade jetzt mein liebster Wunsch erfüllt werden, mein Wunsch, den ich so lange, lange Jahre gehegt! Jetzt, wo ich nicht mehr lange zu leben habe, naht sich die Erfüllung.«

»So mußt du nicht reden, das darfst du nicht, deine Genesung schreitet ja fort, von Tag zu Tag wirst du kräftiger, liebe Mutter, nicht wahr?«

»Ich möchte so ungern sterben«, seufzte sie leise. »Weißt du, woran ich in den langen, schlaflosen Nächten denken mußte, als mir der Tod so schrecklich nahe schien? Was mir damals am schwersten wurde, war der Gedanke, daß es da draußen in der Welt so viel Großes und Schönes gibt, und daß ich nun sterben sollte, ohne es gesehen zu haben. Ich dachte an die tausend und abertausend Seelen, die es mit Wonne erfüllt, zu deren Entfaltung es beigetragen, für mich aber war es gar nicht dagewesen, und wenn nun meine Seele arm und auf matten Schwingen dahinflog, dann nahm sie nicht in reichen Erinnerungen einen goldenen Abglanz von den Herrlichkeiten ihres Heimatlandes mit sich, sie hatte ja nur im Ofenwinkel gesessen und dem Märchen von der wunderbaren Erde gelauscht. O Niels, kein Mensch kann verstehen, welch unsagbares Elend es war, so gefesselt[132] in der Dämmerung des dumpfen Krankenzimmers zu liegen und in der fieberumfangenen Phantasie sich die Schönheit nie gesehener Gegenden vor die Seele zu rufen, schneebedeckte Alpengipfel über blauschwarzen Seen, blanke Flüsse inmitten langgestreckter Berge, auf denen Ruinen zwischen den Wäldern hervorblicken, oder auch hohe Säle und Marmorgötter. Ach Niels, sich so mit ganzer Seele danach zu sehnen, während man fühlt, daß man sich langsam der Schwelle nähert, die zu einer anderen Welt führt, auf der Schwelle zu stehen und sich langsam umzusehen, während man unerbittlich vorwärts gedrängt wird, durch die Tür, dahin, wohin auch nicht ein einziger von unseren Sehnsuchtseufzern strebt! Niels, mein Sohn, nimm mich, wenn auch nur in einem Gedanken, mit, wenn du einmal all der Herrlichkeit teilhaftig wirst, die ich niemals schauen soll!«

Sie weinte bitterlich. Niels versuchte, sie zu trösten, er machte kühne Pläne, wie sie zusammen reisen wollten, sobald sie ganz gesund wäre; er wolle in die Stadt fahren und mit dem Arzte über die Sache sprechen; der Arzt würde gewiß mit ihm darin einer Meinung sein, daß es das beste wäre, was sie tun könnten; der und der sei auch gereist, und er sei von seiner Krankheit genesen, ganz allein durch die Abwechslung; Abwechslung tue so viel! Er fing an, ihren Reiseplan mit großer Genauigkeit festzustellen, er sprach davon, wie gut er sie einpacken wolle, wie kurze Strecken sie im Anfange zurücklegen, welch köstliches Tagebuch sie führen, wie sie alles beachten[133] wollten, selbst das Unbedeutendste, wie lustig es sein würde, die wunderbarsten Dinge an den herrlichsten Orten zu essen, und was für gräßliche Verstöße gegen die Grammatik sie im Anfang machen würden.

In dieser Weise fuhr er fort, am Abend und an den folgenden Tagen, ohne zu ermüden. Sie lächelte wohl auch dazu und ging darauf ein wie auf eine heitere Phantasie, aber es war ihr deutlich anzumerken, daß sie fest überzeugt war, die Reise würde niemals zustande kommen.

Auf den Rat des Arztes traf Niels trotzdem die notwendigen Vorbereitungen, und sie ließ ihn gewähren, ließ ihn den Tag der Abreise festsetzen, überzeugt, wie sie war, daß das eintreffen würde, was alle Pläne zunichte machen müßte. Als aber schließlich nur noch wenige Tage fehlten, und als ihr jüngster Bruder, der das Gut während ihrer Abwesenheit verwalten sollte, wirklich gekommen war, fing sie an, unsicher zu werden, und nun war sie es, die die Beschleunigung der Abreise am eifrigsten betrieb, weil sie sich noch immer nicht völlig von der Furcht befreien konnte, daß ein Hindernis eintreten und sich ihnen im letzten Augenblicke in den Weg stellen könne.

Und so traten sie denn wirklich ihre Reise an. Am ersten Tage war Frau Lyhne noch unruhig und nervös infolge jenes letzten Restes von Furcht; erst nachdem sie diese glücklich überwunden hatte, ward es ihr möglich, zu fühlen und zu verstehen, daß sie wirklich auf dem Wege zu all der Herrlichkeit war, nach der sie sich so[134] schmerzlich gesehnt hatte. Eine fast fieberhafte Freude überkam sie jetzt, und eine übertriebene Erwartung sprach aus allen ihren Äußerungen, die sich einzig und allein um das drehten, was die Tage, einer nach dem andern, bringen sollten.

Dann kam es ja auch alles, es kam alles, aber es er füllte und überwältigte sie weder mit der Macht noch mit der Innigkeit, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte es ganz anders erwartet, aber auch sich selber hatte sie ganz anders erwartet. In den Träumen und den Gedichten war immer alles jenseits des Sees gewesen, der Nebel der Ferne hatte ahnungsvoll das unruhige Durcheinander der Einzelheiten verschleiert, hatte die Formen in großen Zügen zu einem geschlossenen Ganzen vereint, das Schweigen der Ferne hatte seine Feststimmung darüber gebreitet, und es war so leicht gewesen, die Schönheit zu fassen. Jetzt dagegen, wo sie mitten drin war, wo jeder kleine Zug deutlich hervortrat und sich in viele Formen der Wirklichkeit kleidete, wo die Schönheit zerstreut war wie das Licht eines Prismas, jetzt konnte sie sie nicht fassen, sie nicht auf die andere Seite des Sees verpflanzen, und mit tiefem Mißmut mußte sie sich gestehen, daß sie sich arm fühlte inmitten all dieses Reichtums, mit dem sie nichts anzufangen wußte.

Sie sehnte sich, vorwärts zu kommen, immer vorwärts. Vielleicht gab es doch noch eine Stätte, die sie wiedererkannte als zu jener Traumwelt gehörend, deren Zauberschimmer mit jedem Schritte, den sie ihr entgegentat,[135] mehr und mehr an Glanz verlor. Aber ihr Suchen ward nicht belohnt, und da das Jahr schon zu weit vorgeschritten war, eilten sie nach Clarens, wo sie auf den Rat des Arztes den Winter zuzubringen gedachten, und woher noch ein letzter, matter Hoffnungsstrahl der müden, traumbefangenen Seele winkte. Denn war das nicht Rousseaus Clarens, Julies paradiesisches Clarens!

Und dort blieben sie denn, aber es war vergebens, daß der Winter sich mild anließ und sie mit seinem eisigen Hauche verschonte; gegen die Krankheit, die in ihrem Blute lag, konnte er sie nicht schützen. Und der Lenz, der auf seinem Triumphzuge durch das Tal kam mit dem Wunder des Sprossens und der frohen Botschaft des Werdens, er mußte sie welken sehen inmitten des sich verjüngenden Lebens, ohne daß seine Kraft, die ihr aus Licht und Luft, aus Erde und Feuchtigkeit entgegenquoll, in sie überströmte. Der letzte Traum, der ihr in der Heimat gleich einer neuen Morgenröte vorgeschwebt hatte, der Traum von der Herrlichkeit der fernen Welt, ihm hatte der Tag keine Erfüllung geschenkt, seine Farben waren matter geworden, je näher sie ihnen gekommen war; denn sie hatte sich nach Farben gesehnt, die das Leben nicht besitzt, nach einer Schönheit, die die Erde nicht zeitigen kann. Aber die Sehnsucht erlosch nicht, still und stark brannte sie in ihrem Herzen, glühender durch das Entbehren, heiß und verzehrend.

Jeder Tag, der kam, brachte neue Blumen, er entlockte sie in buntem Gemisch den Gärten am See, er[136] belastete mit ihnen die Zweige der Bäume, er schmückte die Paulownien mit riesenhaften Veilchen und die Magnolien mit großen, purpurgefleckten Tulpen. An den Wegen entlang zogen sich die Blumen in blauen und weißen Reihen, sie füllten die Felder mit gelben Haufen, und nirgends waren sie so blütendicht wie da oben zwischen den Höhen, in geschützten, heimlichen Tälern und Spalten, wo die Tanne mit ihren roten Zapfen zwischen dem hellen Laube stand, denn dort blühten die weißen Narzissen in blendender Masse und erfüllten die Luft ringsumher mit betäubendem Duft, mit wahren Orgien von Duft.

Aber inmitten aller dieser Schönheit saß sie mit unerwiderter Schönheitssehnsucht im Herzen, und nur hin und wieder in einsamer Abendstunde, wenn die Sonne hinter den sanft abfallenden Höhen Savoyens sank und die Berge jenseits des Sees wie bräunlich undurchsichtiges Glas schimmerten, wenn sich das Licht gleichsam in ihre steilen Felswände eingesogen hatte – nur dann konnte die Natur ihre Sinne fesseln, denn dann war es, als ob gelbbeleuchtete Abendnebel das ferne Juragebirge verhüllten, und der See, der rot wie ein Kupferspiegel dalag mit goldenen, in Sonnenglut getauchten Flammen, schien mit dem Himmelsscheine zu einem einzigen, großen, leuchtenden Meere der Unendlichkeit zu verschwimmen – dann verstummte wohl auf eine Weile das Sehnen, und die Seele hatte das Land gefunden, das sie suchte.

Je mehr das Frühjahr vorschritt, desto schwächer[137] wurde Frau Lyhne, und bald verließ sie das Bett nicht mehr; aber jetzt fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Tode, sie sehnte sich nach ihm, denn sie hegte die Hoffnung, jenseits des Grabes diese Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht zu sehen, Seele in Seele zu sein mit jener Schönheitsfülle, die sie hier auf Erden mit einem ahnungsvollen Sehnen erfüllt hatte, das jetzt durch das während der langen Leidensjahre stets wachsende Entbehren geläutert und verklärt war und darum auch schließlich zum Ziele gelangen mußte; und sie träumte manchen süßen, wehmütigen Traum, wie sie in der Erinnerung zu dem zurückkehren würde, was ihr die Erde gegeben, zurückkehren zu dem Jenseits im Lande der Unsterblichkeit, wo alle irdische Schönheit zu allen Zeiten auf der anderen Seite des Sees liegen würde.

So starb sie, und Niels begrub sie auf dem freundlichen Kirchhofe von Clarens, wo die braune Weinbergerde so viele von den Kindern des Landes birgt, und wo die zerbrochenen Säulen und florumwundenen Urnen dieselben Trauerworte in vielerlei Zungen wiederholen.

Weiß schimmern sie hervor unter den dunkeln Zypressen und den winterblühenden Schneeballen; über viele streuen frühe Rosen ihre Blätter, und die Erde blaut oft von Veilchen, die an ihrem Fuße blühen, aber um jeden Hügel und um jeden Stein schlingen sich die blankblätterigen Ranken der wilden Vinea, der Lieblingsblume Rousseaus, die so himmelblau ist, wie es im Himmel nie gewesen.

Quelle:
Jacobsen, J[ens] P[eter] : Niels Lyhne. Leipzig [o. J.], S. 113-138.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Niels Lyhne
Niels Lyhne: Roman
Niels Lyhne (insel taschenbuch)
Niels Lyhne

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon