Siebentes Kapitel.

[98] Es war an einem Frühlingsabend, die Sonne schien rot in das Zimmer, sie war gerade im Begriff, unterzugehen. Die Flügel der Mühle da oben auf dem Wall warfen ihre Schatten auf die Fensterscheiben und auf die Wände des Zimmers, kommend, schwindend, in einförmigem Wechsel von Licht und Dämmerung, einen Augenblick Dämmerung, zwei Augenblicke Licht.

Am Fenster saß Niels Lyhne und starrte durch die bronzedunkeln Ulmen des Walles auf zu der Glut der Wolken. Er war außerhalb der Stadt gewesen, unter frischbelaubten Buchen, zwischen grünen Roggenfeldern und auf buntblumigen Wiesen; alles war so leicht und licht gewesen, der Himmel so blau, der Sund so blank, und die Frauen, denen er begegnete, so wunderbar schön. Singend war er den Waldweg entlang gegangen, dann verstummten die Worte seines Gesanges, dann legte sich der Rhythmus, dann erstarben die Töne, und das Schweigen überfiel ihn wie ein Schwindel. Er schloß die Augen, aber er merkte trotzdem, wie das Licht sich in ihn einsog und ihm durch alle Nerven strömte, während die kühl berauschende Luft bei jedem Atemzuge das sonderbar gelähmte Blut in immer ungestümerer Kraft durch die vor Schwäche zitternden Adern trieb, und es überkam ihn ein Gefühl, als ob all dies Wimmelnde, Berstende, Sprossende, Erzeugende in der Frühlingsnatur um ihn her – als ob es sich in ihm zu einem einzigen, lauten Ruf[99] zu vereinigen suchte; und es dürstete ihn nach diesem Ruf, er lauschte, bis sein Lauschen sich in ein unklares, schwellendes Sehnen verwandelte.

Er war seines eigenen Ichs müde, ach so müde der kalten Gedanken und Hirngespinste. Das Leben selbst ein Gedicht! mußte er erkennen und sich zurufen. Nicht, wenn man beständig umherging und an seinem Leben dichtete, statt es zu leben. Wie war es doch inhaltlos, leer, leer, leer! Dies Jagen nach sich selber, dies genaue Beobachten der eigenen Spur, und immer im Kreise sich drehend; dies sich zum Schein hinausstürzen in den Strom des Lebens, während man doch gleichzeitig dasaß und nach sich selber angelte, sich selber in irgendeiner seltsamen Vermummung auffischte! Wenn es doch über ihn kommen wollte, das Leben, die Liebe, die Leidenschaft, so daß er es nicht mehr dichtete, sondern daß es aus ihm eine Dichtung machte!

Unwillkürlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Er war im innersten Innern bange vor dem Gewaltigen, das man Leidenschaft nennt. Dieser Sturmwind, der all das Gesetzte, all das Anerkannte, all das Erworbene bei dem Menschen im Wirbel mit sich fortführt, als wären es welke Blätter! Danach strebte er nicht. Diese prasselnde Flamme, die sich in ihrem eigenen Rauch verzehrt – nein, er wollte langsamer brennen.

Und doch, es war so kläglich, dies Dahinleben mit halber Kraft, in stillen Gewässern, ohne die Küste aus[100] den Augen zu verlieren; wenn es doch nur lieber mit Strom und Sturm kommen wollte! – wenn er nur wüßte, wie!

Er wollte mit vollen Segeln die Fahrt über das Meer des Lebens wagen. Lebt wohl, ihr langsam dahinschleppenden Tage; lebt wohl, ihr glücklichen, kleinlichen Augenblicke; lebt wohl, ihr matten Stimmungen, die man mit Poesie aufputzen muß, um ihnen Glanz zu verleihen; ihr lauen Gefühle, die man in warme Träume kleiden muß, und die trotzdem erfrieren. Ich überlasse euch eurem Schicksal! Ich steuere einem Strande zu, wo sich die Stimmungen gleich üppigen Ranken um alle Fibern des Herzens schlingen, ein undurchdringlicher Wald; auf jede welkende Ranke kommen dort zwanzig in voller Blüte, und auf jede blühende Ranke hundert mit jungen frischen Trieben. Ach, daß ich dort wäre!

Seine Sehnsucht ermüdete ihn, er war seiner selbst überdrüssig. Er bedurfte der Menschen. Aber Erik war natürlich nicht zu Hause. Mit Frithjof war er am Vormittag zusammengewesen, und um ins Theater zu gehen, war es schon zu spät.

Trotzdem ging er ins Freie und schlenderte mißmutig in den Straßen umher.

Vielleicht war Frau Boye zu Hause? Es war freilich heute nicht ihr Empfangsabend, und reichlich spät war es auch schon. Den Versuch konnte er ja doch einmal wagen.

Frau Boye war zu Hause.[101]

Sie war allein; die Frühlingsluft hatte sie zu sehr ermüdet, um mit der Nichte zu einem Diner zu gehen, sie hatte es vorgezogen, sich auf das Ruhebett zu legen, starken Tee zu trinken und Heine zu lesen; nun aber hatte sie genug von der Poesie und hätte am liebsten Lotto gespielt.

Und so spielten sie denn Lotto miteinander. Fünfzehn, zwanzig, siebenundfünfzig, und eine lange Reihe von Zahlen – das Rasseln der hölzernen Nummern in dem Beutel, und ein unablässiges Rollen und Kugeln in der Wohnung über ihnen.

»Es ist nicht amüsant«, sagte Frau Boye, als sie nach einer Weile noch keine einzige Karte besetzt hatten. »Wie? – Nein«, antwortete sie sich selber und schüttelte mißmutig den Kopf. »Aber was können wir denn sonst nur spielen?«

Sie faltete die Hände über den Zahlen vor sich und sah Niels verzweiflungsvoll an.

Niels wußte wirklich gar nichts.

»Sagen Sie um Gottes willen nicht Musik!« Sie beugte ihr Gesicht über ihre Hände herab und berührte die gefalteten Finger mit ihren Lippen, einen Knöchel nach dem anderen, die ganze Reihe entlang und wieder zurück.

»Es ist das abscheulichste Dasein, das man sich nur denken kann«, sagte sie und blickte auf. »Es ist völlig unmöglich, auch nur das Allergeringste zu erleben, und[102] wie soll uns nur das wenige, was das Leben abwirft, in Atem halten, wie, fühlen Sie nicht ganz dasselbe?«

»Ja, ich weiß wirklich nichts Besseres vorzuschlagen, als daß wir es machen, wie der Kalif in Tausendundeiner Nacht. Wenn Sie zu dem seidenen Schlafrock, den Sie anhaben, nur ein weißes Tuch um den Kopf nähmen, und wenn ich Ihren großen ostindischen Schal umtäte, so könnten wir ganz ausgezeichnet zwei Kaufleute aus Mossul vorstellen.«

»Und was sollten wir unglücklichen Kaufleute dann nur anfangen?«

»An die Sturmbrücke hinabgehen und für zwanzig Goldstücke ein Boot mieten und auf die dunkle Flut hinaussegeln.«

»Vorbei an den Sandküsten?«

»Ja, mit farbigen Lanzen an den Masten.«

»Wie Ganem, der Sklave der Liebe. Wie genau ich ihn wiedererkenne, den ganzen Gedankengang; es ist so recht männlich, gleich so eilig darüber herzufallen, die Szenerie auszumalen, und die Situation, und über all den Äußerlichkeiten die Hauptsache zu vergessen. Haben Sie es wohl beachtet, wie ungleich weniger phantastisch wir Frauen sind, als die Männer? Wir können dem Genuß nicht so in unserer Phantasie vorgreifen oder uns die Leiden mit einem phantastischen Troste vom Leibe halten. Was einmal da ist, ist da. Die Phantasie! ach, die ist so jämmerlich klein! Ja, wenn man erst älter geworden ist, wie ich, dann läßt man sich zuweilen an der[103] ärmlichen Komödie der Phantasterei genügen. Aber das sollte man niemals tun, niemals!«

Sie setzte sich erschöpft auf dem Sofa zurecht, halb liegend, halb sitzend, die Hände unter dem Kinn, die Ellenbogen auf die Sofakissen gestützt. Ihr Blick schweifte träumerisch durch das Zimmer, und sie schien ganz verloren in ihre trüben Gedanken.

Niels schwieg auch, und es ward ganz still. Man vernahm das rastlose Auf- und Abhüpfen des Kanarienvogels, die Tafeluhr tickte lauter und lauter durch das Schweigen, und eine Saite in dem geöffneten Klavier machte einen plötzlichen kleinen Ruck und klang in langem, schwachem, ersterbendem Tone mit dem weichen Singen des Schweigens zusammen.

Sie sah so jung aus, wie sie so dalag, inmitten des gelben Scheines der Astrallampe, vom Scheitel bis zur Sohle beleuchtet, und es war ein entzückender Widerspruch zwischen dem schönen Halse, der matronenhaften Charlotte Corday-Haube und den kindlich unschuldigen Augen, dem kleinen offenen Munde mit den milchweißen Zähnen.

Niels schaute sie bewundernd an.

»Wie sonderbar es doch ist, dies Sehnen nach dem eigenen Ich!« sagte sie, sich zögernd von ihren Träumen wendend und mit ihrem Blicke wieder zur Wirklichkeit zurückkehrend. »Und ich sehne mich so oft, so unendlich oft nach mir selber, wie ich als junges Mädchen war, und ich liebe das junge Mädchen wie jemand, dem ich[104] unendlich nahe gestanden, mit dem ich Leben und Glück und alles geteilt habe, und den ich dann verlieren mußte, ohne das geringste dazu tun zu können. Welche herrliche Zeit war das! Sie ahnen nicht, wie zart und rein so ein Menschenleben in der Zeit der allerersten Liebe ist. Es kann nur in Tönen ausgesprochen werden; stellen Sie es sich vor wie ein Fest, ein Fest in einem Feenschloß, wo die Luft leuchtet gleich rötlichem Silber. Da ist eine Fülle von Blumen, und sie wechseln ihre Farbe, sie tauschen langsam ihre Farben miteinander aus. Alles klingt da drinnen und jubelt, aber nur gedämpft, und die dämmernden Ahnungen glühen und blitzen wie ein mystischer Wein in feinen, feinen Traumkelchen, und es klingt und duftet: tausend Düfte wogen durch die Säle; o, ich könnte weinen, wenn ich daran denke, und auch wenn ich mir klarmache, daß, wenn das alles wie durch ein Wunder wieder wäre, wie es gewesen ist, mich dies Leben jetzt nicht mehr tragen könnte.«

»Nein, im Gegenteil!« sagte Niels eifrig, und seine Stimme bebte, als er fortfuhr: »Nein, Sie würden gerade weit feiner lieben können und unendlich viel geistvoller als das junge Mädchen.«

»Geistvoll? o, wie ich diese geistvolle Liebe hasse! Was auf dem Boden einer solchen Liebe wächst, sind nichts als Zeugblumen; und die wachsen nicht einmal, die nimmt man aus dem Haar und steckt sie ins Herz, weil das Herz selber keine Blumen hat. Und gerade deswegen beneide ich das junge Mädchen, bei ihr ist nichts Unrechtes, sie[105] mischt nicht das Surrogat der Phantasterei in den Becher ihrer Liebe. Glauben Sie nicht, daß, weil ihre Liebe durchwoben und überschattet ist von Phantasiebildern, von großartig wuchernden, unbestimmten Bildern, dies seinen Grund darin hat, daß sie sich mehr aus diesen Bildern macht als aus der Erde, auf der sie wandelt – nein, das kommt nur daher, weil alle Sinne, Triebe und Fähigkeiten in ihr überall nach der Liebe greifen, allüberall, ohne daß sie das ermüdete. Nicht aber, weil sie ihre Phantasien genösse oder sich auch nur in ihnen wiegte, nein, sie ist unendlich viel wirklicher, so wirklich, daß sie oft auf ihre eigene, unwissende Weise unschuldig zynisch wird. Sie ahnen nicht, welch ein berauschender Genuß zum Beispiel für ein junges Mädchen darin liegen kann, heimlich den Geruch des Zigarrenrauches einzuatmen, der in den Kleidern des Geliebten hängt; das ist für sie tausendmal mehr, als ein ganzer Feuerbrand von Phantasie. Ich verachte die Phantasie! Was nützt es uns, wenn sich unser ganzes Wesen dem Herzen eines Menschen entgegensehnt, um in den kalten Vorraum der Phantasie eingeschlossen zu werden! Und wie häufig ist das doch der Fall! Wie oft müssen wir uns doch darein finden, daß der, den wir lieben, uns mit seiner Phantasie ausschmückt, uns mit einer Glorie umgibt, uns Flügel an die Schultern bindet und uns in ein sternbesätes Gewand hüllt, und uns erst dann seiner Liebe würdig findet, wenn wir in diesem Maskeradenstaat einherstolzieren, in dem keiner von uns sich ganz so geben kann, wie er im[106] Grunde ist, denn wir sind viel zu geputzt, und man macht uns verlegen, indem man sich vor uns in den Staub wirft und uns anbetet, statt uns zu nehmen, wie wir sind, und uns so zu lieben.«

Niels war ganz verwirrt. Er hatte ihr Taschentuch, das sie verloren hatte, aufgehoben und saß nun da, berauschte sich an den Düften des Tuches und war gar nicht darauf vorbereitet, daß sie ihn so ungeduldig fragend ansah, und noch dazu gerade in dem Augenblicke, wo er in die Betrachtung ihrer Hand vertieft war. Endlich bekam er dann die Antwort heraus, daß ja ein Mann damit am besten seine große Liebe beweise, daß er, um es vor sich selber zu verantworten, wie unsagbar er einen Menschen liebe, diesen Menschen mit einer Glorie der Gottheit umgeben müsse.

»Ja, darin liegt ja gerade das Beleidigende«, versetzte Frau Boye, wir sind eben göttlich genug, so wie wir sind!

Niels lächelte verbindlich.

»Nein, Sie müssen nicht lächeln, es soll durchaus kein Scherz sein. Im Gegenteil, die Sache ist sehr ernsthaft, denn diese Anbetung ist von Grund aus tyrannisch, wir sollen gezwungen werden, uns dem Ideale des Mannes anzupassen. Schlag eine Ferse ab, schneide eine Zehe ab! Das in uns, was nicht mit seiner idealen Vorstellung übereinstimmt, soll verschwinden, und gelingt es nicht, es zu unterdrücken, so wird es übersehen, planmäßig vergessen, alle Entfaltung wird ihm genommen, und das,[107] was wir nicht besitzen oder was doch nicht unser Eigentum ist, das soll zur üppigsten Blüte gebracht werden, indem es bis zu den Wolken erhoben wird, indem von vornherein angenommen wird, daß wir es im höchsten Maße besitzen, und indem es zum Eckstein gemacht wird, auf den sich die Liebe des Mannes stützt. Ich nenne das Gewalttätigkeit gegen unsere Natur. Ich nenne das Dressur. Die Liebe des Mannes will dressieren. Und wir fügen uns dem – selbst die, die nicht lieben, fügen sich, – wir sind ja nun einmal verachtungswürdige Schwächlinge.«

Sie erhob sich aus ihrer ruhenden Stellung und blickte Niels drohend an.

»Wenn ich schön wäre, o, bezaubernd schön, herrlicher, als je ein Weib auf Erde gewesen ist, so daß alle, die mich anschauten, von unüberwindlicher, schmerzlicher Liebe ergriffen, davon erfaßt würden wie von einem Zauber, wie wollte ich sie da durch die Macht meiner Schönheit zwingen, nicht ihr hergebrachtes blutloses Ideal, sondern mich selbst anzubeten, so wie ich gehe und stehe, jede Falte meines Wesens, jeden Schimmer meiner Natur!«

Sie hatte sich jetzt ganz erhoben, und Niels dachte auch daran, zu gehen, stand aber da und überlegte eine kühne Äußerung nach der anderen, ohne daß er den Mut finden konnte, seinen Gedanken Worte zu verleihen. Endlich faßte er Mut, ergriff ihre Hand und küßte sie. Da reichte sie ihm auch die andere Hand zum Kusse, und so kam er nicht weiter als zu einem: »Gute Nacht!«[108]

Niels Lyhne war in Frau Boye verliebt. Als er heimging und durch dieselben Straßen kam, durch die er noch vor wenig Stunden so mißmutig geschlendert war, wollte es ihm scheinen, als läge es lange, lange hinter ihm, daß er hier gegangen war. Es war außer dem eine gewisse Sicherheit, ein ruhiger Anstand in seinen Gang und seine Haltung gekommen, und als er seine Handschuhe sorgfältig zuknöpfte, tat er das mit einer Empfindung, als sei eine große Veränderung mit ihm vorgegangen, und mit dem unklaren Bewußtsein, als schulde er es dieser Veränderung, seine Handschuhe zuzuknöpfen, und zwar sorgfältig.

Zu erregt von seinen Gedanken, um schlafen zu können, ging er auf den Wall hinauf. Es schien ihm, als denke er so merkwürdig ruhig, er wunderte sich über die Stille in ihm, aber er glaubte eigentlich nicht so recht daran, es war ihm, als siede es ganz leise aber unaufhörlich in seinem Innern, als sprudle und gäre und walle es, aber weit, weit fort. Ihm war zumute, als warte er auf irgend etwas, das aus der Ferne kommen müsse, eine entfernte Musik, die sich nähern müsse, nach und nach, tönend, sausend, schäumend, brausend, die sich dröhnend über ihn ergießen müsse, ihn ergreifen, ohne daß er wußte, wie, ihn forttragen, ohne daß er wußte, wohin, kommend wie die Flut, kämpfend wie die Brandung, und dann –. Aber noch war er ruhig; nur dies bebende Singen in der Ferne, sonst war alles Friede und Klarheit.

Er liebte, er sagte es sich selber laut, daß er liebte. Unzählige Male. Es lag ein so wunderbarer Klang in[109] den Worten, und sie bedeuteten so viel. Sie bedeuteten, daß er kein Gefangener aller jener phantastischen Kindheitseinflüsse mehr sei, daß er nicht länger der Spielball ziellosen Sehnens, nebelhafter Träume, daß er diesem Elfenlande entflohen sei, das mit ihm aufgewachsen war, das ihn mit hundert Armen umschlungen, ihm die Augen mit hundert Händen zugehalten hatte. Er hatte sich losgerissen aus seiner Macht, und streckte es jetzt auch die Hände nach ihm aus, flehte es ihn auch mit stummem Blicke an, winkte es ihm auch mit seinen weißen Gewändern, seine Herrschaft war nun einmal tot, ein vom Tage getöteter Traum, ein von der Sonne zerstreuter Nebel. Denn war seine junge Liebe nicht der Tag, und die Sonne, und die ganze Welt? Und war er nicht bisher einherstolziert in einem purpurnen Feierkleide, das nicht gesponnen war, und mächtig gewesen auf einem Throne, der nicht errichtet war? Jetzt aber, jetzt stand er auf einem hohen Berge und schaute hinaus über die weiten Ebenen der Welt, einer sangesdurstigen Welt, in der er nicht vorhanden war, in der man ihn nicht ahnte, ihn nicht erwartete. Es war ein jubelnder Gedanke, zu denken, daß kein Hauch seines Atems in dieser ganzen weiten, wachenden Unendlichkeit ein Blatt bewegt oder eine Welle gekräuselt hatte. Alles das zu gewinnen, stand ihm noch bevor. Und er wußte, daß er es konnte, er fühlte sich siegesgewiß und stark, wie es nur der kann, dessen Lieder ungesungen und schwellend in seiner Brust ruhen.

Die laue Frühlingsluft war voller Düfte, nicht so gesättigt,[110] wie es eine Sommernacht sein kann, sondern gleichsam gestreift von dem würzigen Balsamhauche junger Pappeln, von dem kühligen Atem später Veilchen und dem süßen Dufte der blühenden Syringen, und das alles kam und vermischte sich, ging und trennte sich und löste sich zuletzt langsam in der Nachtluft auf. Und wie Schatten von dem launenhaften Spiel des Duftes zogen luftige Stimmungen durch sein Inneres.

Er suchte sich ihr Bild zurückzurufen, so wie sie auf dem Sofa geruht und mit ihm gesprochen hatte, aber es kam nicht; er sah sie die Allee entlang gehen, sah sie sitzen und lesen, den Hut auf dem Kopfe, eins der großen, weißen Blätter des Buches zwischen ihren behandschuhten Fingern haltend, gerade im Begriff, es umzuwenden, und dann weiter und weiter blätternd; er sah sie in ihren Wagen steigen am Abend nach dem Theater, sie winkte ihm hinter den Fensterscheiben zu, und dann fuhr der Wagen davon, und er stand da und schaute ihm nach, wie er weiter und weiter fuhr; gleichgültige Gesichter kamen und redeten ihn an; Gestalten, die er seit Jahren nicht gesehen hatte, gingen die Straße hinab, wendeten sich um und schauten ihm nach; und immer weiter fuhr der Wagen, ohne Unterlaß, er konnte sich nicht frei machen von dem Wagen, konnte vor dem Wagen an keine anderen Bilder denken. Da gerade, als er völlig erregt war vor Ungeduld, da kam es: das gelbe Licht, die Augen, der Mund, die Hand unter dem Kinn, so deutlich, als befände es sich gerade vor ihm im Dunkeln.[111]

Wie war sie doch schön, wie mild, wie rein! Er liebte sie in kniender Inbrunst, er warb zu ihren Füßen um all diese bezaubernde Schönheit. Stürze dich herab von deinem Throne und komm zu mir! Mache dich zu meiner Sklavin, lege dir selber die Sklavenketten um den Hals, aber nicht zum Scherz, ich will an der Kette rütteln, es soll Gehorsam sein in deinen Gliedern, Unterwürfigkeit in deinem Blick! O, könnte ich mich mit einem Liebestrank hinabbeugen zu dir; nein, kein Liebestrank, denn der würde dich zwingen, und du würdest dem Zwange willenlos gehorchen, aber ich allein will dein Herr sein, und ich würde deinen Willen hinnehmen, der vernichtet in deinen demütig ausgestreckten Händen liegt. Du solltest meine Königin sein, und ich dein Sklave, aber mein Sklavenfuß würde auf deinem stolzen königlichen Nacken stehen; es ist kein Wahnsinn, was ich begehre, denn darin besteht ja die Frauenliebe: stolz sein und stark und doch sich beugen, ich weiß es, das ist Liebe: schwach sein und herrschen!

Er fühlte es, daß das Teil in ihrer Seele, das Seele für das Glühend-Sinnliche ihrer Schönheit war, sich niemals zu ihm hingezogen fühlen würde, ihn nimmermehr mit diesen blendenden Junoarmen umschlingen, ihm niemals liebesschwach diesen schimmernden Nacken zum Kusse hingeben würde. Er wußte es wohl, das junge Mädchen in ihr konnte er gewinnen, hatte er wohl schon gewonnen, und sie, die Üppige, dessen war er sicher, sie hatte gefühlt, wie die frühe Schönheit, die in ihr erstorben war,[112] sich mystisch in ihrem Grabe gerührt hatte, um ihn mit schlanken Jungfrauenarmen zu umfangen, ihm mit zagen Jungfrauenlippen zu begegnen. Aber seine Liebe war nicht von der Art. Er liebte nur das, was nicht zu gewinnen war, liebte gerade diesen Nacken mit seinem warmen Blütenschnee und dem Schimmer von tauigem Golde unter dem dunklen Haar. Er schluchzte vor Liebesweh und rang seine Hände in sehnender Ohnmacht; er schlang die Arme um einen Baum, lehnte seine Wange gegen seine Rinde und weinte.

Quelle:
Jacobsen, J[ens] P[eter] : Niels Lyhne. Leipzig [o. J.], S. 98-113.
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