Sechstes Kapitel.

[84] »Studiosus Lyhne – Frau Boye; Studiosus Frithjof Petersen – Frau Boye.«

Es war Erik, der vorstellte, und zwar in Mikkelsens Atelier, einem großen, hellen Raume mit gestampftem Lehmboden und einer Höhe von zwölf Ellen, mit zwei großen Türen nach außen in der einen Wand und mehreren kleinen Türen im Hintergrunde, die zu den einzelnen Ateliers führten. Alles da drinnen war grau von Lehm-, Gips- und Marmorstaub. Der Staub hatte die Fäden der Spinnengewebe an der Decke so dick gemacht wie Segelgarn und eine Flußkarte auf die großen Fensterscheiben gezeichnet; er lag in den Augen, Mündern und Nasen, in den Muskelvertiefungen, in den Locken und den[84] Gewändern der unzähligen Gipsabgüsse, die sich wie ein Fries von der Zerstörung Jerusalems auf langen Borten an den Wänden des ganzen Zimmers entlang zogen, und die Lorbeerbäume in den Ecken an den Türen, die hohen Lorbeerbäume hatte er derartig gepudert, daß sie grauer aussahen als die grauesten Oliven.

Erik stand mitten im Zimmer und modellierte mit einer Papiermütze auf dem dunkeln, leicht gelockten Haar; er hatte einen Schnurrbart bekommen und sah ganz männlich aus gegen seine blassen, examensmüden Freunde, die einen so wohlerzogenen, provinzmäßigen Eindruck machten in ihren funkelnagelneuen Kleidern, dem zu kurz geschnittenen Haar und den weiten Studentenmützen.

In geringer Entfernung von Eriks Gerüst saß Frau Boye auf einem niedrigen, hochlehnigen Holzstuhl, ein elegant gebundenes Buch in der einen, ein Stückchen Ton in der anderen Hand haltend. Sie war klein, ein wenig zu klein und leicht brünett, mit klaren, braunen Augen und leuchtend weißem Teint, der im Schatten der Rundungen goldig matt wurde und wunderbar zu dem glanzvollen Haar stimmte, dessen Dunkel im Licht einen Ton bräunlichgebrannter Blondheit annahm.

Sie lachte, als die zwei Jünglinge kamen, wie ein Kind lachen kann, so erquickend lange und lustig laut, so fröhlich frei, und es lag auch der strahlende Blick eines Kindes in ihren Augen, das unüberlegte Lächeln eines Kindes um ihren Mund, der noch kindlicher erschien, weil die Oberlippe so kurz war, daß sie die milchweißen Zähne[85] fast niemals verbarg und den Mund fast immer ein wenig geöffnet ließ.

Aber sie war kein Kind mehr. War sie wohl einige dreißig Jahre alt? Die volle Form des Kinnes sagte nicht nein, ebensowenig wie das reife Rot der Unterlippe, und ihr Wuchs war voll mit festen Formen, die stark hervorgehoben wurden durch ein dunkelblaues Kleid, das sie stramm umschloß wie die Jacke eines Reitkleides. Um ihren Hals und auf den Schultern lag in reichen Falten ein dunkles, blutrotes seidenes Tuch, dessen Enden in dem herzförmigen Ausschnitt des Kleides verschwanden, und im Haar trug sie Nelken von der Farbe des Tuches.

»Ich fürchte, wir haben Sie in einer angenehmen Lektüre gestört«, meinte Frithjof mit einem Blick auf das schöngebundene Buch.

»Nicht im geringsten; ach nein, über das, was wir gelesen haben, zanken wir uns nun bereits eine ganze Stunde, antwortete Frau Boye und sah Frithjof mit großen Augen an. Herr Erik Refstrup ist so ein Idealist in allen Fragen der Kunst, und ich finde es nun einmal so langweilig, dies Predigen von der rohen Wirklichkeit, die geläutert werden soll und geklärt und wiedergeboren, und wie es sonst noch heißt, bis schließlich nichts mehr übrigbleibt. Tun Sie mir den Gefallen und sehen Sie einmal die Bacchantin von Mikkelsen an, die der faule Traffelini da hinten in Marmor aushaut, wenn ich die in einem beschreibenden Kataloge anführen sollte – du gütiger Himmel! Nr. 77. Eine junge Dame in Negligee[86] steht nachdenklich auf beiden Beinen und weiß nicht recht, was sie mit der Weintraube anfangen soll. Wenn ich etwas zu sagen hätte, müßte sie die Traube zerquetschen, so richtig zerquetschen, daß der rote Saft ihr über die Brust herabliefe, wie? Nicht wahr? Habe ich nicht recht?« Und in kindlichem Eifer ergriff sie Frithjofs Arm und rüttelte ihn förmlich.

»Ja,« räumte Frithjof ein, »ja, das muß ich allerdings sagen, es fehlt das – Frische, Unmittelbare.«

»Das Natürliche fehlt, und du großer Gott, warum können wir denn nun nicht natürlich sein? Ach, ich weiß es ja so gut, es fehlt uns nur an Mut. Weder die Künstler noch die Dichter haben den Mut, die Menschen zu zeigen, wie sie sind, nur Shakespeare allein besaß diesen Mut!«

»Ja, das wissen Sie recht gut,« sagte Erik hinter seiner Figur vor, »mit Shakespeare kann ich nicht gut fertig werden, er macht mir zu viel Wesens davon, er jagt mit einem herum, daß man schließlich nicht mehr weiß, woran man ist.«

»Das möchte ich doch nicht sagen,« versetzte Frithjof tadelnd; »aber,« fügte er mit entschuldigendem Lächeln hinzu, »ich kann freilich die Berserkerwut des großen britischen Dichters keinen wirklich bewußten, verständigen Künstlermut nennen!«

»Das können Sie nicht? Großer Gott, wie amüsant Sie sind!« und sie lachte, so laut sie nur konnte, indem sie aufstand und in das Atelier ging. Plötzlich wandte sie[87] sich um, streckte die Arme nach Frithjof aus und rief: »Gott segne Sie!« und dabei krümmte sie sich vor Lachen fast bis zur Erde.

Frithjof war nahe daran, sich beleidigt zu fühlen, aber es war so unbequem, erzürnt fortzugehen, außerdem hatte er ja vollkommen recht mit dem, was er gesagt hatte, und dann war Frau Boye ja so wunderhübsch. Er blieb also und knüpfte ein Gespräch mit Erik an, indem er, sich in Gedanken stets zu ihr hinwendend, bemüht war, einen Ausdruck reifer Nachsicht in seine Stimme zu legen.

Frau Boye stöberte inzwischen in dem anderen Ende des Ateliers umher, sie summte nachdenklich eine Melodie vor sich hin, schlug zwischendurch wohl einmal einige helle Triller an, die wie fröhliches Gelächter klangen, oder sie ging langsam zu einem feierlichen Rezitativ über.

Auf einer großen hölzernen Kiste stand ein jugendlicher Augustuskopf; von diesem wischte sie den Staub ab, suchte sie dann etwas Ton und formte daraus einen Schnurrbart und einen Kinnbart für den Kopf, auch Ringe, die sie ihm an den Ohren befestigte.

Während sie noch damit beschäftigt war, hatte sich Niels ihr unter dem Vorwande, die auf dem Boden stehenden Abgüsse zu betrachten, langsam genähert. Sie hatte keinen Augenblick nach der Richtung hingesehen, in welcher er sich befand, aber sie mußte ihn doch in der Nähe wissen, denn ohne sich umzuwenden streckte sie die Hand nach ihm aus und bat ihn, Eriks Hut zu holen.

Niels gab ihr den Hut in die noch immer ausgestreckte[88] Hand, sie nahm ihn und setzte ihn auf den Augustuskopf.

»Du altes Shakespearchen«, sagte sie schmeichelnd und streichelte die Wange der travestierten Büste. »Du alter, dummer Bursche, der nicht wußte, was er tat! Saß so da und kaute an der Feder und schuf einen Hamletkopf, ohne darüber nachzudenken, was er eigentlich tat!« Sie nahm den Hut von dem Kopfe der Büste und ließ die Hand mütterlich über seine Stirn gleiten, als wollte sie ihm das Haar aus den Augen streichen.

»Du alter, erfolggekrönter Bursche! trotz alledem! Du alte, nicht ungeschickte Dichterseele! Denn nicht wahr, Herr Lyhne, das muß man ihm doch wohl eigentlich lassen, er war im Grunde doch ein recht erfolgreicher Literat, dieser Shakespeare!«

»Ja, ich habe nun einmal meine eigene Ansicht über den Mann«, antwortete Niels ein wenig verletzt und errötend.

»Großer Gott, haben Sie auch eine eigene Ansicht über Shakespeare! Und welche ist denn das, wenn ich fragen darf? Sind Sie für oder gegen uns?« Und damit stellte sie sich neben die Büste und schlang ihren Arm um ihren Nacken.

»Ich kann nicht sagen, ob meine Ansicht, von der Sie so überrascht sind, daß ich sie überhaupt besitze, so glücklich ist, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, daß sie mit der Ihren übereinstimmt; aber ich glaube wohl, daß ich sagen darf, sie ist für Sie und Ihren Schützling.[89] Jedenfalls ist das meine Ansicht, daß er wußte, was er tat, daß er erwog, was er tat, und daß er wagte, was er tat. Oftmals unternahm er das Wagestück voller Zweifel, und man kann noch heute diese Zweifel deutlich erkennen, oftmals wagte er auch nur halb und verlöschte das, was er nicht stehen zu lassen wagte, durch neue Züge.«

Und in dieser Weise redete Niels weiter.

Während er sprach, wurde Frau Boye allmählich unruhig, sie blickte nervös bald nach der einen, bald nach der anderen Seite und spielte ungeduldig mit den Fingern, während ein bekümmerter und schließlich ein leidender Ausdruck ihr Gesicht mehr und mehr verdunkelte.

Am Ende konnte sie sich nicht länger bezwingen.

»Vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollten!« bat sie, »aber ich flehe Sie an, Herr Lyhne, lassen Sie das mit der Hand, diese Bewegung, als wenn Sie Zähne ausziehen wollten. Wie? nun, so tun Sie es! lassen Sie sich lieber nicht stören, ich bin wieder ganz Ohr, und ich bin ganz einig mit Ihnen!«

»Ja, dann brauche ich wohl nichts mehr zu sagen!«

»Aber warum denn nicht?«

»Nun, ich meine, wenn wir einig sind!«

»Ja, wenn wir einig sind!«

Keines von den beiden meinte etwas mit diesen letzten Worten, aber sie sprachen sie mit einer so bedeutungsvollen Betonung aus, als lägen die feinsten Beziehungen darin, und sie sahen einander an mit einem vielsagenden Lächeln auf den Lippen, dem flüchtigen Abglanz des Einverständnisses,[90] das zwischen ihnen aufgeblitzt war, während sie doch beide darüber nachgrübelten, was der andere wohl gemeint haben könnte, und sich ärgerten, daß sie so schwerfällig waren.

Sie begaben sich langsam zu den anderen zurück, und Frau Boye nahm wieder Platz auf dem niedrigen Stuhl.

Erik und Frithjof hatten sich ausgeredet und freuten sich des Zuwachses in der Unterhaltung. Deswegen näherte sich Frithjof sogleich der jungen Frau und war sehr liebenswürdig. Erik hielt gleichsam mit der Bescheidenheit des Wirtes ein wenig zurück.

»Wenn ich neugierig wäre,« begann Frithjof, »würde ich fragen, was für ein Buch es gewesen ist, das vorhin, als wir kamen, den Streit zwischen der gnädigen Frau und Erik veranlaßte.«

»Fragen Sie?« fragte Frau Boye.

»Ich frage.«

»Ergo?«

»Ergo«, erwiderte Frithjof mit einer demütig einräumenden Verneigung.

Frau Boye hielt das Buch in die Höhe und sagte in feierlich verkündendem Tone: »Helge. – Öhlenschlägers Helge.« – »Und weiter, was für ein Gesang war es?« – »Es war: Die Meerjungfrau besucht König Helge.« – »Und weiter, was für ein Vers war es?« – »Es war der Vers, wo sich Tangkjär an Helges Seite gelagert hat, und er seine Neugier nicht länger bezwingen kann, sondern sich umwendet.
[91]

Und während die Blicke so jünglingswild

Hinüber ihm streifen und gleiten,

Da ruht ihm das lieblichste Frauenbild

An seiner grünenden Seiten.


Kein ärmlicher Rock mehr umwölkt das Licht

Der Schönheit des blühenden Weibes:

Durch den enganliegenden Schleier bricht

Der Glanz des üppigen Leibes.«


»Und das ist alles, was wir von der Schönheit der Meerjungfrau zu sehen bekommen, und das war es, womit ich unzufrieden war. Ich verlange an der Stelle eine glühende Schilderung, ich will so etwas blendend Schönes sehen, daß mir der Atem dabei ausbleibt. Ich will einen Einblick tun in die eigenartige Schönheit so eines Meerjungfrauenleibes – und nun bitte ich Sie, was soll ich mit zwei weißen Armen anfangen und herrlichen Gliedern, über die ein Stück Flor gezogen ist? Großer Gott! Nein, sie muß nackt sein wie eine Welle, und die wilde Schönheit des Meeres muß ihren Ausdruck in ihr finden. Über ihrer Haut muß der Phosphorschimmer des sommerlichen Meeres liegen, und in ihrem Haar etwas von dem dunkeln, wirren Schrecken des Tangwaldes.«

»Nicht wahr? Ja, die unzähligen Farben des Wassers müssen in ihren Augen in wechselvollem Schimmer kommen und gehen; der wogende Wellenschlag muß den bleichen Busen, muß alle ihre Formen durchrieseln, in dem Umschlingen ihrer Arme muß die verzehrende Weichheit[92] des Schaumes liegen, und das Saugen des Meeresstrudels in ihrem Kuß.«

Sie hatte sich ganz warm geredet und stand jetzt da, völlig hingerissen von ihrer eigenen Schilderung, ihre jungen Zuhörer mit großen, fragenden Kinderaugen anschauend.

Die aber sagten nichts. Niels war dunkelrot geworden, und Erik schien im höchsten Grade verlegen. Frithjof war ganz benommen und starrte sie mit der offenbarsten Bewunderung an, und doch war grade er der von den dreien, der am wenigsten bemerkte, wie bezaubernd schön sie war, während sie so hinter ihren eigenen Worten vor ihnen stand.

Es waren noch nicht viele Wochen verstrichen, als schon Niels und Frithjof ebenso häufige Gäste in Frau Boyes Hause waren wie Erik Refstrup. Außer Frau Boyes blasser Nichte trafen sie hier mit einer Menge junger Leute zusammen, mit angehenden Dichtern, Malern, Schauspielern und Architekten, kurz mit Künstlern, deren Hauptvorzug mehr in ihrer Jugend als in hervorragendem Talent zu liegen schien, die alle aber voller Hoffnung, mutig und kampfbereit waren und äußerst leicht in Begeisterung gerieten. Es waren unter ihnen wohl einzelne jener stillen Träumer, die wehmütig nach den entschwundenen Idealen einer entschwundenen Zeit seufzen, aber die Mehrzahl war doch voll von dem, was damals das Neue war, berauscht von den Theorien des Neuen, verwirrt von der Kraft des Neuen und geblendet[93] von seine Morgenröte. Modern waren sie, verbittert modern, modern bis zur Übertreibung, und vielleicht gerade deswegen, weil sie in ihrem Innersten eine Sehnsucht empfanden, die sich nicht betäuben ließ, eine Sehnsucht, die das Neue nicht stillen konnte, so weltengroß es auch sonst war, alles umfassend, alles beherrschend, alles erleuchtend.

Eins aber war gewiß: in den jungen Seelen herrschte ein stürmischer Jubel, ein Glaube an die Gestirne großer Geister, eine Hoffnung, so weit wie das Meer, und die Begeisterung trug sie auf Adlerfittichen, und das Herz schwoll ihnen in tausendfältigem Mut.

Freilich, das Leben verwischte späterhin vieles davon, die Weltklugheit tat ihm weiteren Abbruch, und die Feigheit ertötete den Rest; aber was tat das? Die Zeit, die im Dienste des Guten verlebt ist, kann keine schlechten Früchte tragen, und nichts in dem Leben, das später gelebt wird, kann auch nur einen Tag, eine Stunde von dem Leben auslöschen, das gelebt worden ist.

Für Niels erhielt die Welt in jenen Tagen ein ganz verändertes Aussehen. Seine geheimnisvollsten, verschämtesten Gedanken hörte er jetzt von einem Chor der verschiedenartigsten Personen klar und deutlich aussprechen; seine eigentümlichen Anschauungen lagen nicht mehr wie eine neblige Landschaft vor ihm, er sah diese Landschaft jetzt ohne Schleier in grellen, harten, tageshellen Farben bis in die geringsten Einzelheiten bloßgelegt, von zahllosen Wegen durchschnitten, und eine wimmelnde[94] Volksmenge auf diesen Wegen – das Phantastische war handgreiflich geworden!

Er war nicht länger ein einsamer Märchenkönig, der über Länder herrschte, die er nur im Traum erschaffen hatte, nein, er war einer in der Schar, ein Mann in der Schar, ein Soldat im Solde der Idee, im Solde des Neuen. Da war ein Schwert für seine Hand, eine Fahne, der er folgen konnte.

Niels Lyhnes Verwandte in Kopenhagen, und besonders der alte Etatsrat, waren gar nicht zufrieden mit dem Umgange, den der junge Student sich erwählt hatte. Es waren nicht so sehr die neuen Ideen, die ihnen Kummer bereiteten, als die Tatsache, daß einzelne von den jungen Menschen der Ansicht waren, daß langes Haar, hohe Jagdstiefel und ein leichter Anstrich von Unsauberkeit den neuen Ideen zum Vorteil gereichten, und obwohl Niels selber in dieser Hinsicht nicht fanatisch war, berührte es sie doch unangenehm, wenn sie ihm, und noch weit unangenehmer, wenn ihre Bekannten ihm in der Gesellschaft von Jünglingen dieses Schlages begegneten. Aber das war doch im Grunde noch nichts gegenüber der Tatsache, daß er soviel in Frau Boyes Hause verkehrte und mit ihr und ihrer blassen Nichte ins Theater ging.

Mit Bestimmtheit konnte man Frau Boye freilich nichts Übles nachsagen. Aber man sprach über sie. Und zwar auf mancherlei Art. Sie war aus guter Familie, eine geborene Konnerog, und die Konnerogs gehörten zu[95] den ältesten und vornehmsten Patrizierfamilien der Stadt. Aber sie hatte mit ihnen gebrochen. Einige behaupteten, die Veranlassung dazu sei ihr leichtsinniger Bruder gewesen, den man nach den Kolonien geschickt hatte. Das jedoch stand fest, der Bruch war ein vollständiger, und man erzählte sich sogar, daß der alte Konnerog sie verflucht und dann einen Anfall seines bösen Frühlingsasthmas bekommen habe.

Dies alles hatte sich zugetragen, nachdem sie Witwe geworden war.

Ihr Mann war Apotheker gewesen, Assessor pharmaciae und Ritter des Danebrog. Als er starb, war er sechzig Jahre alt und Besitzer von anderthalb Tonnen Goldes. Soviel man wußte, hatten sie sehr gut miteinander gelebt. Im Anfang der Ehe, während der ersten drei Jahre, war der alternde Mann sehr verliebt gewesen, später lebte jedes mehr für sich: er widmete sich eifrig seinem Garten und seinem Herrenklub, in welchem er zu glänzen suchte; sie war mit Theater, Romanzenmusik und deutscher Poesie beschäftigt. Dann starb er.

Als das Trauerjahr um war, machte die Witwe eine Reise nach Italien, und lebte mehrere Jahre im Süden, hauptsächlich in Rom. Es war nichts an dem Gerücht, daß sie im französischen Klub Opium geraucht habe, und daß sie sich wie Paulina Borghese habe modellieren lassen; auch hatte der kleine russische Fürst, der sich während ihres Aufenthaltes in Neapel erschoß, sich keineswegs um ihretwillen erschossen. Es beruhte dagegen auf[96] Wahrheit, daß die deutschen Künstler unermüdlich waren, ihr Serenaden zu bringen, und auch das beruhte auf Wahrheit, daß sie sich eines Morgens in Albaneser Bauerntracht auf eine Kirchentreppe in der Via Sistina gesetzt und sich von einem eben angekommenen Künstler hatte bestimmen lassen, ihm Modell zu stehen mit einem Krug auf dem Kopfe und einem kleinen braunen Knaben an der Hand. Jedenfalls hing ein solches Bild in ihrem Zimmer.

Auf der Heimreise von Italien traf sie mit einem Landsmanne zusammen, einem bekannten, tüchtigen Kritiker, der gern Dichter gewesen wäre. Eine skeptische, verneinende Natur nannte man ihn, einen scharfen Kopf, der seine Mitmenschen hart und unbarmherzig angriff, weil er gegen sich selber hart und unbarmherzig war und seine Brutalität dadurch gerechtfertigt glaubte. Aber er war nicht ganz das, wozu ihn die Leute machten, er war nicht so aus einem Gusse, nicht so rücksichtslos konsequent, wie es den Anschein hatte; denn obwohl er stets auf Kriegsfuß mit der idealen Richtung der Zeit lebte und ihr geringschätzige Namen gab, so hatte er doch für das Träumerische, Ätherische, für die blaue Blume der Romantik eine tiefere Sympathie als für die mehr erdgeborene Richtung, für die er kämpfte.

Widerstrebend verliebte er sich in Frau Boye, aber er sagte ihr das nicht, denn es war keine junge und offene, keine hoffnungsvolle Neigung. Er liebte sie wie ein Wesen von einer anderen, feineren, glücklicheren Rasse als seine[97] eigene, und deswegen lag ein Groll in seiner Liebe, eine instinktmäßige Verbitterung gegen das, was Rasse in ihr war. Mit feindlichen, eifersüchtigen Augen betrachtete er ihre Neigungen und Ansichten, ihre Geschmacksrichtung und ihre Lebensanschauungen, und mit allen Waffen, mit feiner Beredsamkeit, mit herzloser Logik, mit überlegenem, in Mitleid gehülltem Spott erkämpfte er sie, gewann er sie für sich und für seine Ansichten. Aber als er endlich den Sieg davongetragen hatte, und sie geworden war wie er, da sah er ein, daß er viel zu viel gewonnen, daß er sie gerade mit ihren Illusionen und Vorurteilen, mit ihren Träumen und Irrtümern geliebt hatte, nicht aber als die, die sie jetzt war. Unzufrieden mit sich selber, mit ihr und mit allen in der Heimat reiste er von dannen und blieb fort.

Aus diesem Verhältnis konnten die Leute natürlich vieles machen, und das taten sie auch redlich. Die Etatsrätin sprach mit Niels darüber, wie die alte Tugend über jugendliche Irrtümer spricht, aber Niels nahm das in einer Weise auf, welche die Etatsrätin sowohl beleidigte als auch erschreckte; er antwortete ihr und sprach in hochtrabenden Worten von der Tyrannei der Gesellschaft, von der persönlichen Freiheit, von der plebejischen Rechtschaffenheit der Menge und von dem Adel der Leidenschaft.

Seit jenem Tage kam er nur selten mehr zu seinen fürsorglichen Verwandten, Frau Boye aber sah ihn um so häufiger.

Quelle:
Jacobsen, J[ens] P[eter] : Niels Lyhne. Leipzig [o. J.], S. 84-98.
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