25. Der Bauer, der Edelmann und der alte Fritz.

[149] In einem Dorfe wohnten einmal ein Bauer und ein Edelmann, die waren einander spinnefeind. Des Bauern Hof lag aber so, dass er jedesmal bei dem Schlosse vorbei musste, wenn er in die Stadt wollte. Eines Tages fuhr er zum Jahrmarkt und hatte ein Fuder Stroh auf dem Wagen. Als er an den Gutshof kam, rief ihm des Edelmanns Sohn zu: »Bauer, was hat er geladen?« – »Stroh, Junker, Stroh,« antwortete der Bauer und fuhr weiter. Das ärgerte den Junker, dass der Bauer so kurz angebunden war, und wie er des Abends zurückkehrte, stand er wieder am Thore und rief: »Bauer, war der Markt gross?« – »Junker, ich habe ihn nicht gemessen,« gab er zur Antwort. »Das meine ich nicht, Bauer,« sagte der Junker, »ich frage, ob viele Leute da waren.« – »Junker, ich habe sie nicht gezählt,« erwiderte der Bauer und fuhr seiner Strasse, hörte aber noch, wie der Junker zum Edelmann lief und sich beklagte, und wie dieser sprach: »Warte nur, morgen lass ich ihn rufen, da will ich ihm die Hunde auf den Pelz hetzen, dass sie ihm die Hosen flicken.«

Über den bösen Anschlag des Edelmannes war der Bauer sehr betrübt, und als er nach Hause kam, klagte er der Frau seine Not. »Was wollen die Dickköpfe1 von dir,« sprach die Bäuerin, »hast du ihnen nicht recht geantwortet? Aber ich werde schon dafür sorgen, dass dich ihre Hunde nicht beissen sollen.« Damit ging sie in den Garten und stellte die Falle, und über Nacht fing sich der Hase darin, der immer in den Kohl kam. Den Hasen musste sich der Bauer unter den Rock knöpfen, als er im Kirchenstaat zum Edelmann ging, damit er ihn laufen liesse, wenn die Hunde auf ihn gehetzt würden. Die List der Frau hatte dem Bauer eingeleuchtet, und er pochte mit der Faust an das Thor des Gutshofes. »Wer ist da?« rief der Junker. »Der nicht drinnen ist,« erhielt er zur Antwort. Da erkannte der Junker, dass es der Bauer sei, und öffnete das Thor und liess sogleich die Hunde auf ihn. Indem knöpfte der Bauer den Rock auf, und der Hase sprang heraus. Siehe, da achteten die Hunde des Bauern weiter nicht mehr, sondern verfolgten den Hasen. Der lief durch den Garten und schlüpfte durch den Zaun, wo ihm die Hunde nicht folgen konnten. Das verdross ein Windspiel, des Edelmanns Lieblingshund; und es wollte über den Zaun setzen, sprang aber zu kurz, dass es hängen blieb und der spitze Pfahl seinen Leib aufschlitzte.[150]

Der Edelmann schrieb die Schuld an dem Tode des Hundes dem Bauer zu und ward noch zorniger auf ihn, denn zuvor, und verschwur sich hoch und teuer, ihn zu strafen. Am nächsten Tage liess er ihn zu sich rufen, dass er bei ihm zu Mittag speise. Der Bauer ging auch getrost hin; doch während der Edelmann und der Junker und, was sonst noch zu der Herrschaft gehörte, Karpfen bekamen, waren für den Bauer nur Stinte und trockne Kartoffeln gedeckt. Der Bauer nahm einen Stint und hielt ihn an sein Ohr, als wenn er etwas von ihm erfahren wolle, und rief dann laut: »Ach, Stint, was du mir sagst, hab' ich schon lange gewusst!« Der Edelmann wurde neugierig und fragte, warum es sich handle. »I, es war weiter nichts,« sprach der Bauer, »der Stint hat mir nur gesagt, dass Eure Grossmutter sich in dem Wasser ertränkt hat, aus dem die Karpfen da stammen.« – »Dann esse ich sie nicht,« rief der Edelmann, »und meine Leute sollen sie auch nicht essen,« und schob die ganze Schüssel dem Bauer hin. Der liess sich die guten Fische wohl schmecken und ass die Schüssel rein aus, dass sich der Edelmann wunderte, wie ihm nicht eklig würde über dem Gericht.

Nach dem Essen sprach der Edelmann: »Bauer, will er ein Glas Wein trinken?« – »Warum nicht, wenn ich nur eins hätte!« gab ihm der Bauer zur Antwort. Da gab der Edelmann dem Kammerdiener einen Wink, und dieser setzte dem Bauer ein Glas Wein vor, das war zu drei Vierteln mit Wasser vermengt. Der Bauer merkte das wohl, und als er den ersten Zug gethan, verzog er den Mund von einem Ohre zum an dern. »Schmeckt ihm der Wein nicht?« fragte der Edelmann. »Im ganzen Leben nicht!« antwortete der Bauer, »Wenn die Sonne den vierundzwanzig Stunden beschienen und Wasser gezogen hat, so ist er noch nicht gut.« Das hatte der Edelmann erwartet, und er sprach: »Ich habe keinen besseren Wein! Friedrich, geh mit ihm in den Keller und weis ihm die beiden Fässer, da mag er selbst sehen, dass ich die Wahrheit gesprochen.« Friedrich sollte aber im Keller dem Bauer die Hundepeitsche geben, und dieser merkte das wohl. Als sie im Keller waren, machte er sich darum geschwind an die beiden Fässer und stiess die Spundlöcher auf also, dass der Wein herausquoll und in den Keller lief. Da dachte der Kammerdiener nicht an die Hundepeitsche und nicht an den Bauer, sondern nur daran, wie er den schönen Wein retten könne, und sprang herzu und steckte in jedes Spundloch einen Daumen, dass die Fässer nicht weiter auslaufen möchten.

Kaum hatte Friedrich die Daumen drinnen, so ergriff der Bauer die Hundepeitsche und schlug damit aus Leibeskräften auf ihn ein. Der Kammerdiener schrie ach und weh und rief das ganze Schloss zur Hilfe herbei. Der Edelmann und der Junker hörten es wohl, aber sie dachten, es sei der Bauer, der so kläglich rufe, und sie freuten sich in ihrem Sinn und riefen in den Keller hinab: »Immer tüchtig, Friedrich, immer tüchtig!« – »Ich werde mein Möglichstes thun,« sagte der Bauer, aber endlich konnte er doch nicht mehr; da nahm[151] er zwei Speckseiten vom Nagel und steckte sie unter den Rock und ging ganz krummbucklig vom Hofe herunter. Der Edelmann sah ihn und fragte höhnisch: »Nun, hat er genug bekommen?« – »Auf vier Wochen wird es reichen,« gab ihm der Bauer zur Antwort und machte, dass er nach Hause kam. Inzwischen hatte es den Edelmann Wunder genommen, dass Friedrich immer noch nicht aus dem Keller zurückkommen wollte. Endlich stieg er selbst hinab und sah die Bescherung. Friedrich lag halb tot auf der Erde und hatte in jedem Spundloch einen Daumen stecken, und die waren so angeschwollen, dass er sie nicht wieder herauskriegen konnte. Da mussten die Fässer zerschnitten werden, und der Schade war so gross, dass der Edelmann dem Bauer in seinem Zorn alles Land nahm, das er hatte, und derselbe mit einem Schlage ein ganz armer Mann wurde.

»Was ist nun zu thun, Mutter?« fragte er traurig. »Vater, du musst zu dem Mann gehen, der über den Edelleuten steht,« sagte die Bäuerin; »von dem lässt du dir eine Klage machen, dass wir unser Land wieder bekommen. Du musst ihm aber auch etwas schenken, sonst thut er's am Ende nicht.« – Sagte der Bauer: »Je nun, was soll ich ihm schenken?« – »Schöne Käse, die wird er gewiss gerne essen,« sprach die Bäuerin, »davon packe ich dir eine Mandel ein.« Und so geschah es auch.

Als der Bauer in seinem Kirchenstaat, den Querbeutel auf dem Buckel, in die Stadt gekommen war, sah er einen Soldaten Schildwacht stehen und fragte ihn: »Du, sag mir einmal, wo gehe ich hier recht zu dem Manne, der über die Edelleute zu kommandieren hat.« – »Ei, das ist ja der alte Fritz,« sagte der Soldat, »der wohnt weiter in die Stadt hinein in dem grossen Schlosse.« Da ging der Bauer dorthin; aber der Posten vertrat ihm den Weg und rief: »Bauer, zum alten Fritz darfst du nicht, du bist ja nicht angemeldet.« – »Lass mich nur, ich gebe dir auch die Hälfte ab von dem, was ich vom König bekomme,« sagte der Bauer. Da liess ihn der Posten passieren; jetzt kam aber der Kammerdiener, der die Rede mit angehört hatte, und hielt ihn am Rockschoss zurück. Sprach der Bauer: »Lass mich nur gehen, du sollst auch die andere Hälfte von dem erhalten, was mir der alte Fritz geben wird.« Da ward der Kammerdiener mit einem Male sehr freundlich und machte ihm selbst die Thüre auf, die in die Stube führte, in welcher der alte Fritz war.

Der war so freundlich, ei so freundlich, dass der Bauer ihm ohne Furcht die ganze Geschichte erzählte, wie sie sich zugetragen hatte; und als er damit fertig war, bat er den König, dass er ihm die Klage aufsetze, dass er sein Land wieder bekäme. Sein Schade solle es nicht sein. Und damit zog er aus dem Querbeutel die Mandel Käse hervor. Da lachte der alte Fritz und nahm die Käse und versprach dem Bauer, er wolle ihm wieder zu seinem Lande verhelfen. »Wirst du auch Wort halten?« fragte der Bauer. »Was ich sage, das muss geschehen,« antwortete der alte Fritz, »dafür bin ich König. Und damit du besser nach Hause kommst, will ich dir hier ein paar[152] Thaler Geld schenken.« Der Bauer aber dachte an das Versprechen, das er dem Kammerdiener und dem Posten gegeben, und sprach: »Geld mag ich nicht, aber ein Paar Ohrfeigen, die hätte ich gerne.« – »Da hast du sie,« lachte der König, und der Bauer bedankte sich schön, und als er zur Thüre heraustrat und die beiden ihren Lohn verlangten, holte er aus und gab jedem eins hinter die Ohren, und sie durften sich nicht einmal darüber beklagen; denn sie hatten es sich selbst vorher so ausbedungen.

Als der Bauer nach Hause kam, hatte der alte Fritz schon alles in Ordnung bringen lassen, und der Edelmann kam ihm mit seinem Sohne, dem Junker, gar freundlich entgegen, und sie statteten ihm alles Land zurück, was sie ihm vorher unrechtmässiger Weise genommen hatten. Und der Bauer hat von da an in Ruhe und Frieden auf seinem Hofe gesessen bis an sein seliges Ende, und wenn er nicht gestorben wäre, so lebte er noch heute.

Fußnoten

1 Der gemeine Mann nennt die Edelleute und Kaufleute Dickköpfe.


Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 149-153.
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