40. Die Cholerakinder.

[219] Vor vielen Jahren gab's noch keine Zeitungen. Wie machten es da die Leute, um zu wissen, was in der Welt geschah? Sie gingen auf das Rathaus. Schlag zwölf Uhr schloss der Bürgermeister dasselbe auf und teilte den Bürgern die Neuigkeiten mit, welche er erfahren hatte. In dieser Zeit nun lebte einmal in einer grossen Stadt am Meere ein Kaufmann. Da brach die Cholera aus, und als er zur Mittagszeit aufs Rathaus ging und fragte: »Was giebt's Neues?« antwortete der Bürgermeister: »Was soll's Neues geben? Die Krankheit ist vor des Thorschreibers Haus gezogen und hat alles getötet: Mann und Frau, Knecht und Magd, Söhne und Töchter, nur der kleine Säugling ist übrig geblieben. Was soll aus dem Kinde werden?« Sprach der Kaufmann: »Wartet ein wenig, ich will mit meiner Frau sprechen. Gott hat uns keine Kinder beschert, am Ende wird sie den Säugling gross ziehen!« Damit lief er in sein Haus zurück, und es dauerte gar nicht lange, so kehrte er wieder und rief: »Meine Frau ist damit einverstanden! Gebt mir das Kind, ich will sein Vater sein!« Da wurde ihm das Kind gegeben, und er brachte es in sein Haus und zog es auf, als wäre es sein leiblicher Sohn.

Die Krankheit wich aber nicht von der Stadt lange Zeit, sondern ging von Haus zu Haus und nahm hier wenige, dort viele mit sich, einige Häuser überschlug sie auch ganz. Als nun der Kaufmann eines Mittags wieder im Rathaus vorsprach und fragte, was es Neues gäbe, sagte der Bürgermeister: »Heute ist's, wie damals. Die Krankheit hat ein Ehepaar mit allen Kindern geholt, nur das kleine Töchterchen in der Wiege ist übrig geblieben.« Dachte der Kaufmann: »Das passte gut zu dem Jungen!« und er sprach: »Herr Bürgermeister, ich will auch dies Kind nehmen;« und als man es ihm dargereicht hatte, nahm er es auf seine Arme und brachte es seiner Frau. Da hättet ihr aber einmal die Freude der wackeren Frau sehen sollen. »Mann, das hast du gut gemacht,« rief sie vergnügt, »du hast den Jungen, und ich habe jetzt ein Mädchen!« und dann nahm sie ihm das Kind vom Arme und herzte und küsste es. Und die beiden Kinder konnten es wirklich nirgends besser haben, selbst bei leiblichen Eltern nicht, so liebten sie die braven Kaufmannsleute. Die Frau brachte dem Pflegetöchterchen alle ihre Künste bei, als da sind: Nähen, Waschen, Stricken und Kochen, der Mann aber that den Pflegesohn zu einem weisen Manne, dass er die Wissenschaften erlernte; und als es soweit kam, dass die Kinder eingesegnet werden sollten, war das Mädchen so erfahren in allen Künsten, dass man ihresgleichen nicht fand, und der Knabe sprach alle Sprachen und[220] wusste alle Wissenschaften. Des freute sich der Pflegevater, und nach der Einsegnung fragte er seinen Sohn, was er werden wolle. »Lass mich Zimmermann werden!« sagte der Junge, und so geschah es auch. Der Junge wurde einem tüchtigen Meister in die Lehre gegeben, und als er drei Jahre gelernt hatte, machte er gleich sein Meisterstück. Doch er war noch zu jung, um einen Hausstand zu gründen; darum lernte er in den drei Jahren darauf noch die Maurerei, und da er auch darin sein Meisterstück bestand, war er mit zwanzig Jahren Zimmer- und Maurermeister zugleich und dazu der klügste Mann auf Gottes Erdboden. Nur eine Frau fehlte ihm noch, und auch die war bald gefunden; der Kaufmann gab ihm seine Pflegetochter zum Weibe, und die beiden Cholerakinder waren glücklich und zufrieden und lebten in dem Hause ihrer Pflegeeltern ein halbes Jahr.

Da begab es sich, dass eines Tages ein feiner Herr bei dem Kaufmann abstieg und in seinem Hause Herberge nahm. Der Junge musste die Pferde besorgen, und als der Fremde auf türkisch etwas fragte, gab er ihm in derselben Sprache Bescheid. Sogleich ging der Herr zu dem Kaufmann und sprach: »Was hast du für einen klugen Knecht!« – »Das will ich meinen,« antwortete der Kaufmann, »der Junge ist mein Pflegesohn und ist mit zwanzig Jahren ein gelernter Zimmer- und Maurermeister zugleich, und dabei spricht und kennt er alle Sprachen und weiss alle Wissenschaft.« – »Solch einen Menschen suche ich gerade!« rief der Fremde; »Und damit du weisst, wer ich bin, ich bin der türkische Sultan! Mein Land ist schlecht beraten; da hat der eine viel Land, der andere wenig und der dritte gar nichts. Der besitzt nur Ackerland, der Heide und jener Busch und Moor, und keiner will Steuern zahlen. Kann dein Sohn mir darin Wandlung schaffen?« – »Ei, wie sollte er nicht!« sagte der Kaufmann und rief seinen Pflegesohn, dass er herauf käme. Als der Junge oben war, trug ihm der Sultan noch einmal die Sache vor, und sie wurden um eine Pferdelast Goldes einig, dass er mit dem Sultan in die Türkei zöge und Ordnung im Lande schaffe. Der Sultan freute sich; aber der jungen Frau war die Sache gar nicht recht. Sie weinte und klagte und hielt ihrem Manne vor, dass er bald Vater würde; aber es half ihr alles nichts, er vertröstete sie auf zwei Jahre, da er zurückkehren würde, setzte sich auf eins von des Sultans Pferden und ritt mit ihm zu dem Türken.

Als sie dort waren, gab ihm der Sultan ein königliches Kleid anzuziehen und streifte ihm seinen Siegelring auf den Finger, dann befahl er den Türken, dass sie den fremden Mann ehren sollten, wie ihn selbst. Der Junge aber liess alle Landmesser zu sich kommen, die mussten von neuem das Land vermessen, und als sie damit fertig waren, teilte er jedem zu, was ihm gebührte: fruchtbares Ackerland, Wiese und Heide, und jedes Stück Land bekam seine bestimmte Steuer auferlegt, die musste der Besitzer zahlen bei Lebensstrafe. Es dauerte aber lange mit der Verteilung; und als er endlich damit zu Rande gekommen war, waren inzwischen sechs Jahre verflossen.[221] Da trat er vor den Sultan und begehrte, heimzukehren in seine Stadt zu seinem Weibe und den Pflegeeltern. Der Sultan liess ihn ungerne ziehen; weil er aber auf seinem Willen bestand, befahl er, ein gesatteltes Pferd, welches das stärkste und schönste war in der ganzen Türkei, vorzuführen, und sprach dann zu ihm: »In den Sattel ist eine Pferdelast Goldes vernäht. Das hab' ich gethan, damit dich niemand beraube; und in den Satteltaschen stecken zwei Pistolen, die sind immer geladen. Du brauchst nur loszudrücken, und die Kugeln fahren zum Laufe heraus.« Der Junge bedankte sich für das Gold und das Pferd und die wunderbaren Pistolen; aber der Sultan hielt ihn zurück und sprach zu ihm: »Halt, mein Freund, zu dem Gute will ich dir noch drei Ratschläge mit auf den Weg geben: Weiche niemals ab von der Strasse! – Bleib niemals nacht, wo der Wirt ein alter Mann ist und die Frau jung und schön! – und endlich drittens: Sei niemals neugierig!« Der Junge schrieb sich die Ratschläge hinter die Ohren, dann schwang er sich auf das Ross, rief dem Sultan ein Lebewohl zu und ritt fröhlich seiner Strasse.

Nachdem er ein paar Meilen zurückgelegt hatte, traf er drei Juden, welche Gold und Silber und edles Gestein in ihren Felleisen trugen, um es mit Vorteil wieder zu verkaufen. »Reitet nicht so schnell, gnädiger Herr,« riefen sie dem Reiter zu, »und nehmt drei arme Juden mit, die auf der Landstrasse für ihr Leben fürchten müssen!« Den Jungen dauerten die Juden, und er ritt fein langsam, dass sie mitkommen konnten. Es dauerte nicht lange, so kamen sie an einen Wald, da ging ein Richtsteig zur Linken von dem Hauptwege ab. »Hier entlang, gnädiger Herr,« sagten die Juden, »dann sparen wir drei Stunden Wegs bis zur nächsten Stadt!« Der Junge aber dachte an des Sultans Wort: »Weiche niemals ab von der Strasse!« und weil die Juden durchaus den Richtsteig einschlagen wollten, trennte er sich von ihnen und ritt allein weiter. Er mochte aber kaum tausend Schritte geritten sein, so hörte er zur Linken, vom Richtsteig her, ein Jammer- und Zetergeschrei. »Da gilt's ein Leben zu retten!« dachte er bei sich und lenkte sein Ross durch das Buschwerk auf die Stelle zu, woher das Geschrei ertönte. Siehe, da waren zwölf Räuber, die wollten soeben den Juden den Garaus machen und ihre Felleisen stehlen. Eins fix drei hatte der Junge des Sultans Pistolen aus den Satteltaschen, und: Knack, knack, knack! fuhr ein Schuss nach dem andern heraus. Sechs Räuber lagen am Boden und regten kein Glied mehr, sechs waren auf und davon gelaufen, um nicht auch in das Gras zu beissen. Die Juden aber dankten ihrem Retter und kehrten mit ihm auf die Landstrasse zurück und blieben bei ihm trotz der drei Stunden Umweg; denn sie sahen ein, wie gut er ihnen geraten hatte.

Auf den Abend kamen sie in die Stadt. Sagten die Juden: »Der gnädige Herr hat uns das Leben gerettet, jetzt wollen wir ihm auch ein gutes Wirtshaus weisen, daran wird der gnädige Herr seine Freude haben.« Damit führten sie ihn vor ein grosses, steinernes[222] Haus. Die Wirtin war ein junges, hübsches Weib und hiess sie freundlich willkommen, doch hinter ihr stand der Krüger; und das war ein Greis mit zitternden Knien und schlohweissen Haaren. »Die Herberge steht mir nicht an!« sagte der Junge, und weil die Juden nicht von ihr lassen wollten, kehrte er um und ging zum ersten besten Bürger nebenan und fand bei ihm Unterkunft. In der Nacht hörte er vom Gasthof her grosses Geschrei. Schnell warf er den Mantel um, dass ihn niemand erkennen möge, und schlich hinaus. Da sah er die sechs Räuber, welche ihm im Walde entronnen waren, wie sie in der Wirtsstube die Juden peinigten und quälten, auf dass sie den Tod der andern rächten und ihnen das Geld abnähmen. Und der Wirt stand mit seiner jungen Frau dabei und freute sich; denn er gehörte mit zu den Räubern und hatte das junge Weib nur genommen in seinen alten Tagen, um Gäste in die Mördergrube zu locken. Ehe sie sich's versahen, stand jedoch der Junge mitten unter ihnen und hieb mit seinem Säbel dem einen der Räuber ein grosses Stück von dem Schenkel. Das steckte er zu sich; dem Räuber aber machte es grosse Schmerzen, und er schrie, und seine Genossen stürzten sich auf den Fremden, und der Lärm wurde je länger, je grösser. Mit der Zeit kamen Wächter und Bürger herbeigelaufen, und nun kehrten die Wirtsleute und die sechs Räuber den Spiess um und sagten: »Die Juden haben in der Stadt stehlen wollen, und wären wir nicht dazwischen getreten, sie hätten es auch zu stande gebracht.« Da wurden die Juden vor den Richter geführt, und weil acht Zeugen gegen sie auftraten, wurden sie zum Galgen verurteilt. Indem trat der Junge vor, warf seinen Mantel ab, dass er in dem Königskleide dastand, mit dem Ringe des Sultans am Finger, und sprach: »Die Juden sind unschuldig, und das da sind die Verbrecher!« und dann erzählte er alles, wie es gekommen war, und zeigte das Stück Fleisch, und siehe, es passte in des einen Räubers Schenkel. Da fürchtete der Richter die Rache des Sultans und sprach geschwind die Juden frei und liess die sechs Räuber samt den Wirtsleuten aufknüpfen, und an dem Dreibein mögen sie noch baumeln bis auf diesen Tag. Mit den Juden mochte aber der Junge nichts mehr gemein haben, weil sie nicht auf seine Ratschläge hören wollten, er liess sein Pferd satteln und ritt allein weiter.

Eines Tages langte er in einer grossen Stadt an, die stand unter dem Schutz des Türken; und als der König der Stadt vernahm, dass des Sultans Freund angelangt sei, liess er ihn vor sich kommen und bat ihn, dass er sich ein paar Tage bei ihm verweile. Das war dem Jungen recht; denn er und sein Ross waren müde geworden, und er versprach dem König, seine Bitte zu gewähren. Als sie sich nun zu Tische gesetzt und gegessen und getrunken hatten, und alle Gäste wieder herausgegangen waren, so dass der König mit dem Jungen allein war, öffnete sich die Thüre, und eine Dame trat herein, im schwarzen Kleide und mit einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht. Sie setzte sich unten an den Tisch; und es dauerte gar nicht lange, so erschien ein Diener und stellte eine verdeckte Schüssel vor sie hin.[223] Nachdem der Diener sich wieder entfernt hatte, hob die schwarze Dame den Deckel auf und langte eine Totenhand hervor, führte sie zum Munde und nagte an den Knochen und ass. »Was soll das?« wollte er den König fragen; da fiel ihm des Sultans dritter Ratschlag ein: »Sei niemals neugierig!« und er bezwang seine Begierde und erkundigte sich nicht nach der schwarzen Dame und dem abscheulichen Gericht.

Drei Tage blieb er bei dem König wohnen, und drei Tage war immer dasselbe Schauspiel bei Tische zu sehen; doch von der Hand waren nur noch die Knochen vorhanden, und die schwarze Dame war totenbleich im Angesicht, das sah man durch den schwarzen Schleier hindurch. Ein anderer hätte gewiss gefragt, was dahinter wäre, aber der Junge that, als sähe er nichts; und weil er sich nicht länger verzögern wollte, beschloss er, dem König Lebewohl zu sagen. Der redete ihm freundlich zu, noch länger zu bleiben; als aber der Junge auf seinem Vorsatz bestand, sprach er zu ihm: »Nun du fort gehst, will ich dir den Kummer erzählen, der mich drückt. Hättest du mich darnach gefragt, so hättest du sterben müssen. – Die schwarze Dame ist meine Frau. Sie hat sich mit einem Manne in meinem Reiche vergangen, und weil ich sie zu lieb hatte, um sie töten zu lassen, befahl ich, nur den Mann hinzurichten. Darauf wurde er gebraten und gekocht, und sie musste ihn aufessen. So ist's bei uns Brauch, und sie hat's auch gethan; aber sie ist so verstockt, dass sie nicht um Verzeihung bitten will. Da hab ich einen teuren Eid geschworen, jeder Gast, den seine Neugier bei Tisch nach dem Thun der schwarzen Dame fragen lässt, müsse des Todes sterben, damit meine Frau mit seinem Fleische ihr Leben weiter fristen möge. Sechs Menschen hat sie schon gefressen, von dem letzten hat sie aber seit drei Tagen nur noch die eine Hand; und wenn nicht bald ein neuer Gast seine Neugier mit dem Leben büsst, so muss sie des Todes sterben. Denn mich um Gnade und Verzeihung anzuflehen, dazu ist sie zu halsstarrig!«

Dachte der Junge bei sich: »Den Leuten kann geholfen werden!« und er ging in die Stube der Königin und erzählte ihr, was ihr Mann ihm gesagt, und verwies ihr, dass sie so halsstarrig sei. »Wird mir der König vergeben!« rief die unglückselige Frau; und als ihr der Junge mit seinem Leben dafür bürgte, dass er die Wahrheit sage, eilte sie mit ihm zu ihrem Manne und fiel ihm zu Füssen und bat ihn um Verzeihung. Der König hob sogleich seine Frau auf vom Boden und vergab ihr das schwere Vergehen; dann aber bedankten sie sich bei dem Jungen, dass er sie wieder zusammen geführt, und obwohl er nichts annehmen wollte, drangen sie ihm dennoch ein zweites Pferd, mit Gold beladen, auf, so dass er noch einmal so reich war, wie zuvor.

Nun eilte er sich aber, dass er nach Hause kam; denn wer zwei Pferdelasten Gold auf der Strasse hat, ist nirgends sicher, trotz Wunschpistolen und königlichem Kleid und des Sultans Siegelring am Finger. Nachdem er ein paar Wochen geritten war, langte er auch glücklich in seiner Heimat an und stieg in dem Hause seines Pflegevaters[224] ab. Der alte Mann erkannte ihn aber nicht in dem prächtigen Kleide, hielt ihn für einen grossen Fürsten und that ihm alle erdenkliche Ehre an. »Guter Freund,« sagte der Junge, »habt Ihr denn keine Kinder?« – »Kinder nicht, Euer Gnaden,« antwortete der Kaufmann, »nur ein Paar Cholerakinder, die habe ich aufgenommen, als sie noch ganz klein waren, und habe sie gross gezogen, als wären es meine eigenen. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Ach, Euer Gnaden, was war es für ein prächtiger Junge! Er sprach alle Sprachen und wusste alle Wissenschaft, und mit dem zwanzigsten Jahre war er ein Zimmer- und Maurermeister zugleich. Den hat mir der Sultan mitgenommen, dass er ihm sein Türkenland einrichte und Wandelung darin schaffe, und er muss wohl in der Fremde gestorben sein, denn er hat niemals wieder von sich hören lassen; doch meine Pflegetochter, die er sich zur Frau genommen, hofft und harrt noch immer seiner Wiederkehr.« – »Wo ist Eure Pflegetochter?« fragte der Junge, und der Kaufmann antwortete: »Draussen auf dem Markt steht sie mit ihrem kleinen Sohne und verkauft Äpfel und Birnen, damit sie ihr eigen Brot essen möge.« Da wusste der Junge genug, und nachdem er die Pferde besorgt und die beiden Lasten Gold auf sein Zimmer gebracht hatte, ging er auf den Markt, um seine Frau aufzusuchen. Richtig, da sass sie hinter einem Tische und hielt Obst feil, und neben ihr stand ein wunderschöner Knabe; das war sein Sohn, den er noch niemals gesehen hatte.

»Frau, was kostest der Kram?« fragte er. Die Frau lachte, denn was sollte der feine Herr mit dem vielen Obst thun; als er aber nicht abliess mit Fragen, nannte sie ihm den Preis. Alsbald zog er eine Hand voll Goldstücke aus der Tasche, gab sie ihr und sprach: »Nun komm mit in deines Pflegevaters Haus, ich habe dir etwas zu sagen!« Die Frau wusste nicht, wie ihr geschah, als sie das viele Gold in den Händen spürte; der Mann aber stiess den Tisch um, dass die Äpfel und Birnen über den Markt rollten und die Strassenjungen sich darum balgten und rissen, dann fasste er seine Frau bei der Hand und führte sie in des Pflegevaters Haus. Dort sprach er zu ihr: »Willst du mich nicht heiraten?« – »Nein, gewiss nicht,« rief die Frau hastig, »ich habe schon einen Mann, und einen andern will ich nicht.« – »Dann nimm wenigstens diesen Ring von mir zum Andenken,« sagte er und reichte ihr den Reif dar, den sie ihm am Verlobungstage an den Finger gesteckt hatte. Als sie aber den Goldring erblickte, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, und sie fiel dem reichen Herrn um den Hals und rief: »Mein Mann, mein lieber Mann!«

Da war einmal die Freude gross; die beiden alten Kaufmannsleute weinten, und die junge Frau konnte kein Wort hervorbringen, und der kleine Junge tanzte um die vier herum und jauchzte und lachte, weil er nun einen Vater bekommen hatte. Nachdem sie sich genug gefreut hatten, that er einen tüchtigen Griff in die Goldlasten hinein, und der alte Kaufmann musste ein Gastmahl besorgen, wie[225] seinesgleichen noch nicht gewesen ist. Da setzten sie sich hin mit allen Bürgern der Stadt und feierten fröhliches Wiedersehen, und wer mit dabei gewesen ist, dem ist der Mund noch darnach lecker.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 219-226.
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