56. Die Königin von Siebenbürgen.

[304] Es war einmal ein Soldat, der hiess Johann. Nachdem er seinem König lange Jahre treu gedient und auch manche Wunde davon getragen hatte, wurde er abgelohnt und hatte das Recht, frei umher zu laufen, wo es ihm beliebte, und sein Brot an fremder Leute Thüren zu betteln. Das that ihm in der Seele weh, und er beschloss, zu seinen alten Eltern zu gehen, ob er vielleicht dort eine Unterkunft fände.

Unterwegs verirrte er sich und wusste nicht, ob rechts oder links, ob vorwärts oder rückwärts. Da stiess er endlich auf ein grosses Haus. Er trat hinein, um nach dem rechten Wege zu fragen; aber niemand war auf dem Flure. Da klinkte er die Küchenthüre auf, und was sah er? Mitten in der Küche stand eine Wassertonne, und in der Tonne sass ein Wesen, das war halb Mensch, halb Fisch und kohlrabenschwarz am Leibe. »Was willst du hier?« fragte es freundlich. »Ach, liebe Seejungfer,« erwiderte Johann, »ich habe mich verirrt und weiss mich nicht nach Hause zu finden. Kannst du mich nicht auf den rechten Weg bringen?« – »Das will ich thun,« versetzte die Seejungfer, »wenn du mich zum Danke dafür erlösest. Drei Nächte kostet's dich nur.« – »Wenn ich für die Zeit Essen und Trinken bekomme, gehe ich gern darauf ein,« antwortete Johann.[304]

»Das sollst du haben. Aber die Sache ist nicht so leicht, wie du dir denken magst. Wenn du dich diese Nacht zu Bette gelegt hast, kommen um elf Uhr zwölf starke Kerle zur Stube herein und quälen dich. Sprichst du nur ein Wort, so bin ich verloren. Hältst du aber aus, bis die Glocke zwölf schlägt, so haben die Geister alle Macht über dich verloren, und du hast den ersten Tag bestanden. Dünkt dich das nicht ein gefährliches Stück?« – »Ach, was, Gefahr!« sagte Johann; »Ein alter Soldat wird doch das Maul halten und ein bisschen Leid ertragen können.« Und dabei blieb er. Da hiess ihn die Seejungfer in die Stube treten. Dort sass die alte Hexe, welche die Seejungfer verwünscht hatte, und warf dem Soldaten bitterböse, giftige Blicke zu. Ihre Wut half ihr aber zu nichts; sie musste für Johann sogar die schönsten Speisen und Getränke herbeischaffen, wovon er nach Herzenslust ass. Als er satt geworden war, legte er sich in das weiche Bett; und da er müde war, so schlief er bald ein.

Sowie die Glocke elf schlug, öffnete sich die Thüre mit grossem Gepolter, und herein stürzten zwölf abscheuliche, garstige Kerle. Die hatten Tisch und Stühle und Karten mitgebracht und setzten sich nieder und begannen ihr Spiel. Kaum erblickten sie den Soldaten in seinem Bette, so riefen sie ihm zu: »Steh auf, Kamerad, und thu uns Bescheid!« Er aber rückte und rührte sich nicht. »Aha, der will die Königstochter durch Schweigen erlösen; nun, wir wollen ihm schon das Maul öffnen!« schrieen sie, und holten eine dünne Hanfschnur herbei. Dieselbe zogen sie von einer Ecke der Stube zur andern; dann setzten sie den Soldaten mit auseinandergespreizten Beinen darauf und sägten immer auf und ab, dass das Blut in Strömen auf den Boden lief und der Strick ihm tief in den Leib drang. Johann that jedoch, wie ein wackerer Soldat thun soll; er biss die Zähne aufeinander, und kein Laut kam über seine Lippen. »Hast du dir eine Suppe eingebrockt, so musst du sie auch ausessen,« dachte er, und das war recht von ihm. Als die Glocke zwölf schlug, verschwanden im Nu die bösen Geister aus der Stube, nachdem sie zuvor die Schnur zerschnitten hatten, so dass Johann ohnmächtig zu Boden fiel.

Wie er so da lag, kam die Seejungfer aus ihrer Tonne zu ihm herangekrochen und bestrich mit einer köstlichen Salbe die wunden, blutig gerissenen Stellen. In demselben Augenblick waren auch alle Schmerzen verschwunden, und Johann konnte wieder froh und vergnügt aus den Augen blicken. Da sah er nun, dass die Seejungfer nicht mehr schwarz, sondern braun und dass ihr hässlicher Fischschwanz menschlichen Füssen ähnlich geworden war. »Johann,« sagte die Seejungfer, »du hast deine Sache gut gemacht; halt nur gleicher Weise die kommende Nacht aus. Die bösen Männer werden dich freilich schier zu Tode schlagen, aber verzag nicht; sobald sie verschwunden sind, heile ich wieder alle deine Wunden.« – »Wer A gesagt, muss auch B sagen,« entgegnete Johann, »vieler Worte hat's darum garnicht nötig, ich bleibe die künftige Nacht hier.« Die Seejungfer[305] kroch darauf wieder in ihre Tonne zurück, Johann dagegen störte die alte Hexe auf und liess sich Schweinebraten und Wein auftragen und lebte herrlich und in Freuden trotz einem König.

Gegen Abend ward er müde und legte sich schlafen. Schlag elf Uhr wurde er wieder durch grossen Lärm geweckt. Die zwölf Kerle kamen herein, stellten einen mächtigen Holzklotz in die Stube und setzten einen Amboss darauf, dann zogen sie den Soldaten aus dem Bette, legten ihn auf das Eisen und bearbeiteten ihn mit ihren Hämmern eine ganze Stunde lang. Johann hatte lautlos ausgehalten; endlich schwanden ihm die Sinne, und er lag für tot da, als die Seejungfer herein trat und ihn mit der Salbe bestrich. Wie das erste Mal, so waren auch jetzt im Augenblick alle Schmerzen gehoben und alle Wunden geheilt; die Seejungfer aber sah nicht mehr braun, sondern grau aus, und der Fischschwanz war fast ganz geschwunden. Nur an den Waden befanden sich noch Flossen und Schuppen.

»Johann,« sagte die Seejungfer, »lieber Johann, jetzt verlass mich nicht für die dritte Nacht. Da wird dir allerdings Schreckliches begegnen. Man wird dich brennen und braten; aber harre stillschweigend aus, an das Leben dürfen sie dir nicht kommen!« Der Soldat war mutig geworden durch den glücklichen Ausgang der beiden Nächte, auch freute er sich, dass er die Prinzessin schon so weit erlöst hatte, dass sie einem vernünftigen Menschen glich; darum sprach er: »Liebe Seejungfer, dir zuliebe werde ich auch noch die dritte und letzte Nacht aushalten; mag kommen, was will!« Da eilte die Seejungfer vergnügt in ihre Tonne zurück, während Johann sich an Braten und Wein für die ausgestandenen Leiden schadlos hielt.

Die Seejungfer hatte recht gehabt, als sie sagte, Johann würde die dritte Nacht Erschreckliches ausstehen. Kaum schlug diesmal die Glocke elf, so schleppten die zwölf Kerle einen Feuerherd, Holz, Teller, Messer und Gabeln herbei; dann machten sie ein tüchtiges Feuer an und zogen Johann aus dem Bette, steckten ihn auf einen Spiess und brieten ihn über dem Feuer. Beinahe hätte er bei den entsetzlichen Schmerzen der Seejungfer vergessen und laut aufgeschrien; aber er besann sich noch rechtzeitig und erduldete alles, ohne dass ein Sterbenswörtchen über seine Lippen gekommen wäre. Endlich war er gar; und nachdem der Oberste von den zwölfen mit der Gabel hinein gestochen hatte, um nachzusehen, ob er auch überall schön mürbe wäre, trug man ihn auf den Tisch. Schon hatten sie die Messer angesetzt, um sich jeder ein Stück von dem Braten zu schneiden, als die Glocke zwölf schlug. Da war alles wieder verschwunden, die Seejungfer trat herein und bestrich Johann vom Kopf bis zu den Füssen, und frisch und gesund lag er vor ihr auf dem Erdboden.

Er mochte aber seinen Augen gar nicht trauen, denn aus der Seejungfer war die schönste Prinzessin in goldenem Kleide geworden. Die blickte ihn liebreich an und sagte: »Johann, jetzt bin ich erlöst, und du bist mein Retter! Zum Dank dafür will ich dich heiraten; aber zuvor muss ich in mein Königreich Siebenbürgen. Morgen,[306] übermorgen und den folgenden Tag kehre ich um die Mittagzeit zwischen elf und zwölf Uhr hierher zurück; wenn du dann wachend unter der grossen Linde meiner wartest, nehme ich dich mit mir in mein Reich, und du sollst König werden.« Johann versprach der Prinzessin, er werde gewiss wach bleiben; dann gab er ihr einen Kuss, und verschwunden war sie.

Um sich die Langeweile bis zum kommenden Mittag zu vertreiben, ass und trank er nach Herzenslust, was die alte Hexe ihm vorsetzte. Das war aber ein teuflisches Weib und mischte ihm einen Schlaftrunk unter den Wein. Er mochte darum die Augen aufreissen und sich in die Lippen beissen und mit den Fingern kneifen, so viel er wollte, um ein halb elf Uhr war er fest eingeschlafen. Er schnarchte laut vor sich hin, als ein prächtiges Viergespann, mit kohlrabenschwarzen Rappen bespannt, unter der Linde hielt.

»Johann, wachst du?« rief die Prinzessin und stieg zum Schlage heraus. Aber Johann mochte gerüttelt und geschüttelt, geknufft und gepufft werden, er wachte nicht auf. Als es zwölf war, legte ihm die Prinzessin traurig ihr gesticktes Taschentuch in den Schoss und schrieb auf einen Zettel die Worte: »Schläfer, du hast schlecht Wort gehalten. Morgen komme ich um dieselbe Zeit. Wenn du auch dann schläfst, kann ich nur noch einmal kommen. Darum ermanne dich und halte dich wach.« Sodann stieg sie wieder in ihren goldglänzenden Wagen und fuhr nach Siebenbürgen zurück.

Kaum war sie fortgefahren, so verlor sich die Wirkung des Schlaftrunkes, und Johann schlug die Augen auf. Da sah er das Tuch und den Zettel in seinem Schoss. Anfangs machte er sich die bittersten Vorwürfe, endlich tröstete er sich damit, dass morgen auch noch ein Tag sei, und nahm sich fest vor, nicht wieder vom Schlafe sich übermannen zu lassen. Alle Vorsätze halfen aber zu nichts; denn die Alte mengte wieder einen Schlaftrunk unter den Wein; und wenn Johann auch that, was er konnte, um wach zu bleiben, und bis ein Viertel vor elf sich munter hielt, so überwältigte ihn doch endlich die Gewalt des Zaubertrankes, und er schlief so fest, wie den Tag zuvor, als die Prinzessin um elf Uhr unter der Linde hielt.

Diesmal waren vier stattliche Braune vor den Wagen gespannt, und die Diener trugen braune Kleidung. »Johann, wachst du?« rief sie aus dem Wagen heraus. Aber Johann schnarchte, wie am Tage zuvor, und war nicht aus dem Zauberschlafe zu erwecken. Da legte ihm die Prinzessin wiederum ein gesticktes Taschentuch auf den Schoss und schrieb dazu auf einen Zettel: »Morgen ist das letzte Mal, dass ich zu dir kommen darf. Halte dich wach, sonst hast du mich für ewig verloren.« Dann stieg sie in ihren Wagen, die Bedienten sassen auf, und zurück ging's durch die Lüfte nach Siebenbürgenland.

Als Johann erwachte und das Taschentuch und den Zettel erblickte, wusste er vor Zorn und Ärger nicht wo aus noch ein. Er ahnte nicht, welche Bosheit er von der alten Hexe zu besorgen hatte,[307] und schob sich selbst alle Schuld an dem Unglück zu: »Gott sei Dank, dass noch ein Tag ist,« rief er aus, »morgen werde ich gewiss nicht verschlafen!« Und er war seiner Sache so sicher, dass er bald wieder fröhlich bei Wein und Braten sass und auch der mit Schlaftrunk gemischten Flasche, wie früher, fleissig zusprach. Aber kurz vor der Zeit, dass die Prinzessin kommen sollte, überfiel ihn wieder die Mattigkeit, und wenn er auch alle Kräfte zusammennahm, fünf Minuten vor elf Uhr lag er unter der Linde und war fest eingeschlafen.

Es dauerte nicht lange, so kam die Prinzessin angefahren, diesmal in einem Wagen, der mit vier wunderschönen Grauschimmeln bespannt war. »Johann, Johann!« schrie sie ängstlich, denn sie fürchtete schon, dass er wieder eingeschlafen wäre; und wirklich, Johann antwortete nicht, sondern lag unter dem Baume und schnarchte, wie ein Bär. Da zog die Prinzessin ein drittes Tuch aus der Tasche und legte ihm einen neuen Zettel auf den Schoss, darauf stand: »Leb wohl für immer, Johann! Du hast dein Glück verscherzt. Du kannst nicht mehr zu mir nach Siebenbürgen und ich nicht zu dir; denn uns trennt der himmelhohe Glasberg.« Dann stieg sie in das Gefährt hinein, und fort war sie.

Als Johann erwachte, solltet ihr ihn einmal fluchen und toben sehen! Er schlug sich vor die Stirne und raufte sich die Haare; endlich wurde er wieder vernünftig und dachte nach, wie er die Sache zum guten kehren könne. »Ich hab's gefunden!« rief er erfreut; »konnte die Prinzessin zu mir aus Siebenbürgen über den Glasberg kommen, so werde ich auch zu ihr dorthin gelangen.« Sprach's und machte sich auf den Weg zu seiner Braut nach dem Glasberg.

Als er so durch die Länder zog, kam er eines Abends in ein schönes, grosses Haus, welches einsam zwischen den Bäumen eines dichten Waldes stand. Er trat hinein und fand darinnen einen reich gedeckten Tisch, sonst aber niemand im Hause. Nur ein Mädchen sass am Ofen. Das war sehr erschrocken über den Besuch und rief ihm zu: »Geh schnell wieder fort, denn dies Haus gehört den Räubern. In wenig Augenblicken werden sie hier sein; und wenn sie dich finden, bist du des Todes.« Johann antwortete: »Gieb mir zu essen und versteck mich dann irgendwo im Hause. Was soll ich draussen anfangen; ich muss verhungern oder werde von den wilden Tieren gefressen. Darum will ich lieber hier abwarten, ob ich der Gefahr entrinnen kann.«

Da er standhaft war, gab ihm das Mädchen Speise und Trank und versteckte ihn sodann unter einer grossen Kiste. Und es war wirklich die höchste Zeit gewesen; denn gleich darauf traten die Räuber herein, setzten sich zum Mahle nieder und assen und tranken nach Herzenslust. Nach dem Schmause unterhielten sie sich über den Fang, welchen sie den Tag über gemacht hatten; doch schickten sie das Mädchen vorher zu Bette, um ungestört verhandeln zu können.

Nachdem ein jeder seine Schandthaten aufgezählt hatte, erhub[308] sich zum Schlusse einer und sprach: »Mir ist denn doch der beste Fang gelungen! Ich habe heute einem Manne ein Paar Stiefeln gestohlen, in welchen man mit jedem Schritte sieben Meilen zurücklegt, ferner einen Mantel, der seinen Träger unsichtbar macht, und endlich einen Geldbeutel, der, so oft man auch hineingreift, nie leer wird.«

Wie die andern das hörten, wurden sie hoch erfreut und riefen: »Jetzt hat's keine Not mehr; nun wird es uns nie wieder an etwas fehlen, und morgen soll's das letzte Mal sein, dass wir auf Raub ausgehen. Wo bleiben wir aber mit den drei Wunschdingen?« Der eine riet, die Sachen in die Kiste zu legen, und Johann überlief es eiskalt, als er das hörte. Sogleich sprach jedoch ein anderer: »Nicht doch, das Mädchen könnte sie morgen darin finden und sich damit aus dem Staube machen. Wir wollen die Wunschdinge nur vor der Hausthüre unter dem Baume vergraben.« Und so geschah es auch. Die Räuber nahmen Hacke und Spaten, eilten hinaus und vergruben die Stiefel, den Mantel und den Geldbeutel unter dem Baume, kamen dann wieder hinein und legten sich schlafen. Am andern Morgen vor Sonnenaufgang verliessen sie das Haus wieder, um das letzte Mal ihrem alten Handwerk obzuliegen. Diesen Augenblick hatte Johann mit Sehnsucht erwartet. Im Hui war er aus der Kiste, hatte Spaten und Hacke ergriffen, kratzte die frischgegrabene Erde auf, und in kurzer Zeit waren die Wunschdinge in seinen Händen.

Nun ging er zu dem Mädchen und sagte ihr alles, was ihm den vergangenen Abend zugestossen war und dass er sie aus Dankbarkeit mit sich aus dem Räuberhause nehmen wolle. Das arme Ding war hoch erfreut, dass es von den bösen Leuten befreit werden solle; der Soldat zog die Stiefeln an, steckte den Geldbeutel in die Tasche, warf den Mantel um sich und das Mädchen, und schon nach wenig Schritten war er viele, viele Meilen weit von den gottlosen Räubern entfernt.

Es dauerte auch gar nicht lange, so kam er an den Fuss des Glasberges. Hier gab er dem Mädchen aus dem wunderbaren Geldbeutel so viel Geld, als sie nur fortzutragen vermochte, und als sie sich entfernt hatte, versuchte er, den Berg zu übersteigen. Aber wenn ihn auch ein Schritt sieben Meilen weit trug, so war er doch nicht im Stande, den Glasberg zu überschreiten. Derselbe war viel zu hoch, auch war er so glatt, dass er nirgends für seinen Fuss einen Haltepunkt finden konnte.

So wanderte er denn trostlos am Rande des Berges entlang und rund um ihn herum, aber es half ihm zu nichts. Nirgends war der Glasberg ersteigbar, und nur über ihn konnte er nach Siebenbürgen gelangen.

Als es Abend geworden war, kehrte er in einem Wirtshause ein, um dort zu übernachten. Der Gastwirt war ein kluger Mann und ihm gehorchten alle Tiere des Waldes. Als ihn Johann fragte, wie er wohl nach Siebenbürgen kommen könne, pfiff der Wirt auf einer Pfeife; und sogleich kamen alle Tiere des Waldes herbei gelaufen[309] und fragten ihn, was er befehle. »Wie ist es möglich, nach Siebenbürgen zu gelangen?« sprach der Gastwirt. Aber keins von den Tieren wusste, ihm darauf Antwort zu geben. Da sagte der Wirt: »Hundert Meilen von mir wohnt mein Bruder, der ist auch Gastwirt und herrscht über alle Fische; vielleicht kann der dir helfen.«

Den andern Morgen bezahlte Johann aus seinem Beutel, was er schuldig war, und ging zu dem Bruder des Wirtes. Als er dort angekommen war, erzählte er ihm, weshalb er gekommen sei; und sogleich pfiff der Wirt auf seiner Pfeife, und alle Fische kamen zu ihm geschwommen und fragten nach seinem Begehr. »Weiss keiner von euch, wie man in das Land Siebenbürgen gelangt?« – »Nein,« sagten die Fische, »das wissen wir nicht.« Da sprach der Wirt: »Dann kann ich dir nicht helfen; aber hundert Meilen von hier wohnt mein Schwager, der gebietet über alle Vögel. Vielleicht kann der dir bessere Auskunft geben.«

Johann ging nun zu dem Schwager und klagte dem seine Not. Da pfiff auch dieser und lockte dadurch alle Vögel der ganzen Welt herbei. »Kennt keiner den Weg nach Siebenbürgen?« fragte er. »Nein,« sagten alle Vögel. »Seid ihr denn aber auch vollzählig erschienen?« fragte der Wirt weiter. »Ja,« antworteten die Vögel, »wir sind alle hier, nur der Adebor fehlt noch.« Da pfiff der Wirt noch einmal, und jetzt kam auch der Storch herbeigeflogen. »Weisst du den Weg nach Siebenbürgen,« fragte der Wirt wieder, »und warum bist du so spät erschienen?« – »O,« antwortete der Storch, »wie werde ich den Weg nach Siebenbürgen nicht kennen, komme ich doch eben erst daher geflogen. Dort will die Prinzessin Hochzeit feiern, und ich habe zugesehen.« – »Das ist gut,« sprach der Wirt, »dass du das Land kennst. Ist es dir denn nicht möglich, diesen Mann über den Glasberg zu bringen?« – »Das ist nicht möglich,« entgegnete der Storch, »ich müsste ihn gerade herüber tragen. Dazu ist er mir aber zu schwer. Doch ein Endchen will ich ihn schon hinaufbringen.« Johann war damit einverstanden. Er verabschiedete sich von seinem Wirt, der Storch packte ihn mit seinen Füssen und flog mit ihm dem Glasberge zu. Nach einer kurzen Weile liess er sich jedoch nieder; und als Johann näher zusah, merkte er, dass er sich auf der halben Höhe des Berges befand. Viel half ihm das aber nicht; denn kaum war der Storch wieder verschwunden, so kam er auf dem spiegelglatten Glase ins Rutschen, und in wenig Augenblicken befand er sich wieder am Fusse des Berges. Schon wollte er voller Verzweiflung an dem Gelingen seines Vorhabens verzweifeln, als er nicht fern von sich lauten Lärm hörte. Er ging der Richtung nach und sah drei Jungen, welche sich um einen Schimmel prügelten.

»Was macht ihr da?« rief er ihnen zu. – »Wie kommst du denn hierher?« schrien alle drei mit einem Munde. »Hundert Jahre prügeln wir uns nun schon, ohne dass uns je ein Mensch gestört hätte. Wir sind nämlich drei Brüder; und als der Vater starb, hat er uns als einziges Erbteil den Schimmel hinterlassen. Wer soll[310] ihn nun besitzen? Der älteste schlug vor, jeder solle ihn einen Tag benutzen können. Damit sind wir andern aber nicht zufrieden; denn leicht kann er sich ja auf Nimmerwiedersehen mit dem Schimmel entfernen. Es ist nämlich kein gewöhnlicher Schimmel, sondern er läuft durch die Luft eben so gut, wie auf der ebenen Erde.« Als Johann diese Worte hörte, ward er froh und sprach zu den Jungen: »Ich will euer Schiedsrichter sein. Geht alle drei auf hundert Schritt von mir, und wenn ich dann winke, so lauft auf mich zu. Wer zuerst bei mir ist, soll den Schimmel bekommen.« Das waren die Jungen zufrieden. Doch als sie sich auf hundert Schritte entfernt hatten, schwang sich Johann auf das Ross und fort sauste er auf ihm durch die Lüfte über den Glasberg hinweg. Die drei Jungen aber hatten den gerechten Lohn erhalten; warum konnten sie über ihr Erbteil nicht einig werden.

Als Johann in Siebenbürgen angelangt war, stieg er vom Schimmel und hiess ihn gehen, wohin er wollte; denn er bedurfte seiner nicht mehr. Nur die drei Brüder sollte er meiden. Dann eilte er mit seinen Siebenmeilenstiefeln geradeswegs auf das Königsschloss zu. Vor dem Schlosse begegnete ihm der königliche Wagen; darin sass die Prinzessin mit ihrem neuen Bräutigam, die fuhren in die Kirche zur Trauung. Johann band darauf die drei Tücher, welche ihm die Prinzessin geschenkt hatte, an eine lange Stange und hielt sie zum Wagen hinein.

Als die Königstochter die drei Tücher erblickte, rief sie: »Wenn die Tücher hier sind, wird auch mein Erlöser nicht fern sein!« Darauf winkte sie dem Soldaten zu, auf das Schloss zu kommen, und befahl dem Kutscher, zurückzufahren, die Hochzeit müsse auf ein paar Tage verschoben werden. Nachdem sie in den Krönungssaal getreten war und sich auf den Thron gesetzt hatte, schritt Johann unsichtbar in seinem Mantel auf sie zu und legte ihr das erste Tuch in den Schoss. Zuerst erschrak die Prinzessin; als Johann aber auch das zweite und dritte Tuch hinlegte, sagte sie freudig: »Johann, wo du auch seist, gieb dich zu erkennen!« Da liess Johann den Wunschmantel fallen und gab der Königin von Siebenbürgen einen Kuss.

Nun galt es, den zweiten Bräutigam auf gütlichem Wege wieder los werden. Sie rief ihn beiseite und sprach zu ihm: »Ich hatte den Schlüssel zu meiner Truhe verloren und liess mir von dem Schlosser einen neuen anfertigen. Heute habe ich den alten wiedergefunden. Wen soll ich nun gebrauchen?« – »Ich dächte den alten,« sagte der Mann, »denn er wird sicher am besten schliessen.« – »So hast du selbst dein Schicksal entschieden,« versetzte die Königin, »heute habe ich den alten Bräutigam, der mich erlöst hat, wieder gefunden; da musst du weichen.«

Darauf setzte sich die Prinzessin mit Johann in den Wagen, und sie fuhren zur Kirche. Dort wurden sie getraut, und Johann ward König von Siebenbürgenland und herrschte mit seiner Frau darüber viele Jahre in Glück und Frieden; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 304-311.
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