55. Die Königin von Tiefenthal.

[298] Es war einmal ein Fischer, der lebte mit seinem Sohne so recht kümmerlich; denn wie sich die beiden auch abquälen mochten, sie konnten nicht so viel fangen, als sie zum Leben nötig hatten. Eines Tages sprach darum der Fischer: »Höre, mein Sohn, wir fahren heute höher auf die See, mag kommen, was will!« Und es kam schlimm genug; denn als sie so weit gefahren waren, dass sie das Land gar nicht mehr sehen konnten, erhub sich ein Sturm und ein Unwetter, dass es gar nicht zu sagen ist, und die Wellen gingen so hoch, wie ein Haus, und warfen den Kahn um, dass die beiden ihr Heil im Schwimmen suchen mussten. Der alte Fischer gelangte glücklich wieder in die Heimat zurück; aber sein Sohn ward immer weiter verschlagen, bis ihn die See endlich an einen fremden Strand warf. Er war aber so müde geworden, dass er in einen tiefen Schlaf verfiel; und als er erwachte und seine Augen aufschlug, lag er an einem Waldessaum.

Wie er noch grübelte in seinem Sinn, auf welche Weise er in diese Gegend gekommen sei, trat ein Jäger auf ihn zu und sprach zu ihm: »Woher? und wohin?« Da erzählte ihm der Junge, wie es ihm ergangen sei; und als der Jäger die Geschichte gehört hatte, fragte er ihn, ob er nicht bei ihm bleiben und ein Jägersmann werden wolle. Das war dem Jungen schon recht; doch wollte er wissen, welchen Lohn er bekomme. »Du hast alles und bekommst alles,« sagte der Jäger, »und damit du ein Geld ersparst, soll dir alles gehören, was du am Sonntag vor der Predigt schiesst. Kommst du aber zu spät in die Kirche und hat der Prediger auch nur ein einziges Wörtlein schon gesprochen, so ist dein Leben Gras.« – »Du musst früh aufstehen,« dachte der Junge bei sich, »dann wirst du schon zu deinem Gelde kommen,« und er schlug in des Jägers Hand ein und ging mit ihm in sein Haus.

Vom Montag bis zum Sonnabend jagte er fleissig und erlegte[298] viel Wild, und der Erlös dafür floss in des Jägers Tasche. Als er nun am Sonntag früh um drei Uhr in den Wald ging, um sich ein Biergeld zu verdienen, mochte er sich die Augen aus dem Kopfe sehen, er konnte kein Reh und keinen Hasen erblicken. Endlich fuhr dicht vor ihm eine weisse Hirschkuh aus dem Dickicht auf. Er legte an und wollte schiessen; siehe, da war sie im Augenblicke verschwunden, und er konnte sie erst wieder zu Gesichte bekommen, als er abgesetzt hatte. Und so trieb sie ihr Spiel mit ihm lange Zeit, bis ihm mit einem Male die Predigt einfiel. Da musste er machen, dass er in die Kirche kam, wo die Leute soeben mit dem Singen begonnen hatten.

»Nun, was hast du geschossen?« fragte der Jäger, als sie mit einander nach Hause gingen. »Nichts,« gab ihm der Junge zur Antwort. Da spottete der Jäger seiner und sprach: »Treib's nur so weiter, dann wirst du zu einem hohen Lohne kommen.« Die Worte schmerzten den Jungen, und am nächsten Sonntag war er schon um zwei Uhr auf den Beinen; und weil er glaubte, es habe das letzte Mal am unrechten Orte gelegen, schlug er einen andern Strich ein. Aber wiederum war kein Reh und kein Hase zu erspähen, nur die weisse Hirschkuh ging auch diesmal dicht vor ihm auf, kam aber nie schussgerecht und narrte ihn so lange herum, bis er mit Sorgen gewahr ward, dass es die höchste Zeit sei, in die Kirche zu gehen. Er nahm darum die Flinte über den Nacken und lief, was er laufen konnte, und kam glücklich noch hinein, als die Leute den letzten Vers sangen und der Pastor schon vor dem Altare stand. »Was hast du geschossen?« fragte der alte Jäger wieder, als sie nach Hause gingen; und wie ihm der Junge sein Leid klagte, ward er noch ausgelacht obendrein. Da schwur er bei sich selbst hoch und teuer, den nächsten Sonntag wolle er ein Wild erjagen, möge er auch den Gottesdienst versäumen und zehnmal den Tod erleiden.

Und so that er auch. Aber obgleich er wiederum einen andern Schlag absuchte, kein Wild wollte sich zeigen; nur die weisse Hirschkuh sprang auf und liess ihn hinter sich drein laufen, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann. »Du sollst und musst sie erjagen!« rief er, und fort ging es durch Dornen und Gestrüpp, dass ihm die Haut blutig gerissen ward und die Kleider in Fetzen hingen. Endlich konnte er nicht weiter; und als er sich müde und matt auf einem Stein niederliess und mit Schrecken gewahr ward, dass die Sonne sich schon ihrem Untergange neigte, trat plötzlich eine grosse schwarze Jungfrau auf ihn zu und sprach: »Was fehlt dir, dass du so traurig bist?« – »Ach, Ihr könnt mir doch nicht helfen!« antwortete der Junge, »Ich bin zu meinem Unglück geboren?« Weil ihm aber die schwarze Jungfrau gar freundlich zuredete, gewann er Zutrauen zu ihr und erzählte ihr alles, wie es ihm ergangen war, seit er von seinem Vater getrennt wurde. »Das ist alles nicht so schlimm,« tröstete sie ihn, »ja es soll dein Glück werden, wenn du mit mir kommst und thust, was ich dich heissen werde.« Damit griff sie ihn[299] bei der Hand und führte ihn über einen Steig in das Innere eines grossen Berges hinein. Darin war ein Schloss gebaut. In einem schönen Zimmer machten sie halt. Da standen auf einem Tische köstliche Speisen und Getränke, und die schwarze Jungfer sprach zu dem Jungen: »Hier sollst du wohnen! Nun iss und trink, und wenn du satt bist, geh in den Stall und besorg mein Pferd. Weiter hast du den Tag über nichts zu thun. Aber des Nachts zwischen elf Uhr und zwölf musst du wach bleiben und still sein, und sollte die Welt in Stücke gehen!« – »Das will ich gerne thun,« antwortete der Junge und ass und trank und fütterte das Pferd im Stalle; dann ging er in die Stube zurück und wartete, bis die Uhr elf schlug. Indem that sich die Thüre auf, und sechs grosse, starke Kerle traten herein und setzten sich an den Tisch, zogen Karten hervor und begannen zu spielen.

»Junge,« sprach mit einem Male der eine von ihnen, »spiel mit!« Der that aber, als höre er nichts. »Spiel mit!« riefen die Kerle zum zweiten und dritten Male; als er aber immer nicht folgen wollte, wurden sie zornig und standen auf, ergriffen ihn und spielten Ball mit ihm. Einer warf ihn immer dem andern zu, und das trieben sie, bis es zwölf schlug. Dann schleuderten sie ihn in eine Ecke, wo er für tot liegen blieb, und machten, dass sie zur Thüre herauskamen. Als sie draussen waren, trat die schwarze Jungfer herein und bestrich den Jungen mit Balsam. Alsbald war er wieder frisch und gesund, und sie lobte ihn, dass er so wacker ausgehalten hatte.

In der zweiten Nacht erschienen neun Kerle statt der sechs und fragten wiederum dreimal, ob er nicht mithalten wolle und sich zu ihnen setzen zum Kartenspiel. Er aber that, als höre er nichts. Da packten sie ihn bei Händen und Füssen und zerrten ihn in der Stube herum, bis sie ihn auseinander gerissen hatten. In dem Augenblick schlug's zwölf, und sie warfen in jede Ecke ein Stück und machten sich aus dem Staube. Kaum, dass sie draussen waren, stand auch schon die schwarze Jungfer in der Stube und legte die vier Stücke zusammen, bestrich sie mit Balsam, und, siehe, sie wuchsen zusammen, und es kam wieder Leben hinein. »Jetzt hast du schon zwei Nächte hinter dir,« sprach die schwarze Jungfrau, »nimm dich zusammen und gieb gut acht auf dich, so wird es dir auch morgen Nacht nicht fehlen.« Und er nahm sich auch wirklich zusammen, obgleich in der dritten Nacht nicht neun, sondern gar zwölf Kerle erschienen. Die hatten ihn kaum zu dreien Malen aufgefordert, dass er teilnähme an ihrem Spiel, so hackten sie ihn, als er nicht mitthun wollte, mit scharfen Messern zu Wurstfleisch und warfen ihn in den grossen Kessel hinein. Schon hatten sie ihn aufgesetzt und wollten gerade das Feuer anzünden, dass sie ihn gar kochten, da schlug es zwölf. Eins fix drei schütteten sie darauf den Kessel mit dem Fleisch in die Stube und waren verschwunden.

Als sie fort waren, kam die schwarze Jungfer und passte all die kleinen Stückchen zusammen; und wie sie damit fertig war, goss sie[300] von dem Balsam darüber, dass der Junge wieder lebendig wurde; dann legte sie ihn in sein Bett und ging zur Stube hinaus. Er aber war so müde geworden, dass er fest einschlief und nicht eher erwachte, als bis ihm die helle Sonne in das Gesicht schien. Da schlug er die Augen auf und wunderte sich sehr über das klare Licht; doch als er sich umschaute, siehe, da lag er in einem königlichen Schlafgemach, und grosse Bogenfenster schmückten die Wände. Und wie er noch all die Herrlichkeiten anstaunte, trat eine wunderschöne Jungfrau auf ihn zu und sprach: »Ich bin die Königin von Tiefenthal und war mit meinem Schlosse in den Berg verwünscht und musste als weisse Hirschkuh und als schwarze Jungfrau umherlaufen bis gestern Nacht. Nun du mich erlöst hast, sollst du auch mein Mann werden und König sein über das ganze Land.« Als der Junge diese Rede vernahm, stand er geschwind auf und that königliche Kleider an; dann ging er mit der Königin in den Krönungssaal, und der Prediger stand schon da, der sie zusammengeben sollte. Und es ward eine Hochzeit gefeiert mit grosser Pracht und Herrlichkeit, und er lebte zusammen mit seiner Frau, der Königin, in Glück und Frieden eine geraume Zeit.

Eines Tages sprach er zu seiner Frau, der Königin: »Mir lässt's keine Ruhe mehr, ich muss meine alten Eltern wiedersehen und wissen, wie's ihnen derweile ergangen ist.« – »Es ist weit von hier,« gab ihm die Königin von Tiefenthal zur Antwort, »und doch liesse ich dich ziehen, brächte es nicht dir und mir Unglück. Wenn du nämlich nach Hause kommst, so wird dich der Amtmann drängen, dass du eine von seinen Töchtern heiratest. Sprichst du dann von meiner Schönheit, so ist alles verloren.« – Antwortete der junge König: »Ich habe still geschwiegen in dem verwünschten Berg, so werde ich auch diesmal den Mund halten.« Da gab sich die Königin von Tiefenthal zufrieden und liess einen goldenen Wagen vorfahren, mit vier kohlrabenschwarzen Rossen bespannt, und die Hufeisen der Rappen waren von lauterem Golde. Dann zog sie einen Ring vom Finger, gab ihm den und sprach: »Sobald du den Ring an den Finger steckst und drehst ihn herum und wünschst dich dabei an irgend einen Ort, so bist du sogleich da; und drehst du den Ring und denkst an mich, so komme ich zu dir. Thu das aber nicht ohne Not, und wenn du drehst, dreh nicht zu stark, sonst muss ich mich zu sehr eilen und grosse Angst und Qualen ausstehen.« Der junge König nahm den Ring und streifte ihn auf den Finger; dann stieg er in den goldenen Wagen, und nachdem er noch einmal seiner Frau versprochen hatte, vor keinem Menschen ihre Schönheit zu preisen, auch nicht ohne Not sie zu rufen, drehte er den Ring und wünschte sich auf die Wiese vor seines Vaters Haus. Und schon war er da, und der alte Fischer lief mit seiner Frau aus der Hütte, und sie wussten sich gar nicht zu lassen vor Dienern und Knicksen.

»Nun, wie geht's euch denn?« fragte der junge König. »Ach, lieber Herr,« antwortete der Fischer, »uns geht's gar nicht gut. Wie[301] lange wird's dauern, dass wir Hungers sterben!« – »Habt ihr denn keinen Sohn, der euch im Alter pflege?« fragte der König weiter. »Wir hatten einen,« sprach der Fischer, und die Fischerin weinte und schluchzte dabei zum Gotterbarmen, »aber er ist beim Fischen in der See ertrunken.« – »Weisst du das so genau?« fiel ihm der König ins Wort, »Hatte er denn kein Zeichen an seinem Leibe, dass ihr ihn wieder erkennen könntet?« – »Er hatte eine Himbeere an der linken Brust,« sagte da die Fischerin, »denn als ich ihn unter dem Herzen trug, überkam mich ein grosses Verlangen nach dieser Frucht; und wie ich mich beugte über den Strauch, um von den Beeren zu naschen, fuhr eine Maus hervor. Darüber erschrak ich mich und griff nach der Brust, und als das Kind geboren wurde, trug es ein Mal an derselben Stelle, just so gestaltet, wie eine Himbeere.« – Da öffnete der junge König den Rock und das Hemd; und als seine Mutter die Himbeere sah, war sie aller Freuden voll und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Auch der Vater that desgleichen; und da er seine Freude nicht allein bei sich zu tragen vermochte, lief er zu den Nachbarn herüber und erzählte ihnen die wundersame Geschichte. Von denen erfuhr es der Amtmann, und er schickte sofort seinen Knecht in die Fischerhütte, der musste den jungen König für den andern Tag bei dem Amtmann zu Gaste laden.

Der Amtmann hatte drei Töchter, alle jung und schön und voll Lust zum Heiraten. Als nun der König zu Mittag gegessen hatte, dachte der Amtmann bei sich: »Wie wär's, wenn du ihn zum Schwiegersohn bekämst!« Und wie er dachte, so sprach er auch laut und fragte ihn, ob er nicht eine von seinen drei Töchtern zur Frau nehmen wolle. Da lachte der junge König, dass er sich den Leib halten musste, und sprach im Übermut: »Schönen Dank, Herr Amtmann, ich habe schon eine Frau, und ihr hässlichstes Kammermädchen sieht hinten schöner aus, als seine Töchter vorn.« Das ging dem Amtmann denn doch über den Spass, und er sprang auf und rief zornig, er solle die Rede beweisen, sonst würde er ihn in das Gefängnis werfen. Über den harten Worten ward dem jungen König himmelangst, und er drehte den Ring so schnell, als er konnte, und wünschte seine Frau herbei. Und schon war sie da, umgeben von ihren Kammerjungfern, und ihre Schönheit war wirklich so gross, dass sich des Amtmanns Töchter vor Scham in den Winkel verkrochen. Die Königin aber nahm ihren Mann unter den Arm und führte ihn in den Garten; dort liessen sie sich nieder im Grase, und sie strich ihm die Haare und krauelte, bis er fest einschlief.

Als er wieder erwachte, war die Königin ver schwunden, und der Wunderring fehlte an seinem Finger, und statt der goldenen Kleider trug er schlechte Lumpen auf dem Leibe, und neben ihm standen ein Paar eiserne Stiefel, und ein Zettel lag dabei, darauf war geschrieben: »Sobald du die eisernen Stiefel vertragen hast, wirst du wieder in das Königreich Tiefenthal gelangen.« Das machte ihm grosse Sorgen; und weil er sich schämte, in dem Bettlerkleide dem Amtmann[302] unter die Augen zu treten, warf er die eisernen Stiefel in das Buschwerk und ging in seines Vaters Hütte. »Vater,« sagte er, »ich habe meiner Frau unrecht gethan und muss in die weite Welt hinaus, dass ich sie suche und finde. Nimm den goldenen Wagen und die Pferde und verkauf sie, und du hast Geld genug dein Leben lang.« Dann sagte er ihm und der Mutter Lebewohl und ging auf die Wanderschaft, von einem Dorf zum andern und von einer Stadt zur andern, über Berg und Thal und über Stock und Block; aber er konnte das Königreich Tiefenthal nicht finden.

Eines Abends kam er in ein kleines Häuschen; darin schaffte ein steinaltes Mütterchen und besorgte einem grossen, starken Kerle das Abendbrot. »Kannst du mir nicht sagen, wo das Königreich Tiefenthal ist?« fragte der König denselben. »Ja, was giebst du mir, wenn ich dir dazu verhelfe?« – »Ich habe nichts und kann dir auch nichts geben.« – »Nun, dann will ich's umsonst thun! Ich bin nämlich der Südwind, und die Menschen sollen auch einmal Gutes von unser einem reden. Morgen bringe ich dich zu meinem Bruder Ostwind, der wird dir schon Bescheid geben.« Das war der junge König zufrieden, und nachdem er bei dem Südwind zu Abend gegessen und die Nacht geschlafen hatte, stand er am andern Morgen auf, und sein Wirt trug ihn, bis sie gegen Abend zu der Wohnung des Ostwindes gelangten. »Bruder Ostwind, her bringe ich dir einen Mann, der gerne in das Königreich Tiefenthal möchte,« sagte der Südwind, »kannst du ihm nicht den Weg weisen?« – »Ich nicht, aber Bruder Westwind wird's können,« sagte der Ostwind, »lass ihn nur bei mir, ich werde ihn morgen hintragen.« Da verabschiedete sich der Südwind von dem König, und der ass mit dem Ostwind zu Abend und wurde am andern Tage von ihm zum Westwind getragen. Der wusste aber auch nicht Bescheid und trug ihn zum letzten Bruder, dem Nordwind. Als dieser den Wunsch des Königs vernahm, lachte er und rief: »Dahin will ich morgen reisen und der Königin die Brautwäsche trocknen; am Mittag feiert sie Hochzeit; und wenn du mit willst, kommst du noch gerade zur Zeit, um an dem Mahle teilzunehmen.« – Darauf assen sie Abendbrot, und nachdem sie ausgeschlafen hatten, weckte der Nordwind seinen Gast und nahm ihn auf seinen Buckel und trug ihn in das Königreich Tiefenthal und setzte ihn vor dem Thore des Schlosses nieder.

Derweile der Nordwind lustig in die Brautwäsche blies, ging der junge König durch das Thor in das Schloss hinein. Als er nun an die Saalthüre kam, sah er die Königin neben dem neuen Bräutigam sitzen. Das wollte ihm schier das Herz abfressen; doch liess er sich nichts merken und winkte einem Diener, dass er für ihn die Königin bäte um einen Bissen Brot und um ihren Becher mit Wein. Es dauerte auch gar nicht lange, so brachte ihm der Diener, was er gebeten hatte; und als er den Wein ausgetrunken, zog er den Trauring vom Finger und warf ihn in den Becher, gab ihn dem Diener und hiess ihn, der Königin ihren Becher zurückbringen. Das that[303] der Diener auch; kaum hatte aber die Königin den Ring in dem Becher erblickt, so fielen ihre Augen auf den Wandersmann an der Thür, und sie erkannte ihn wieder als ihren ersten Mann und winkte ihm, dass er zu ihr käme in ein besonderes Gemach. Dort sprach sie zu ihm: »Du hattest dein Wort gebrochen, und da musste ich thun, wie ich gehandelt habe. Nun du hierher den Weg gefunden hast, sollst du auch wieder mein Gemahl werden.« Dann fasste sie ihn bei der Hand und führte ihn in den Saal. »Der alte König ist wieder zurückgekehrt,« sprach sie zu den Herren, »was soll ich thun?« – Antworteten die Herren: »Einen König können wir nur gebrauchen, und der alte hat mehr Recht wie der junge.« Damit war dem neuen Bräutigam das Urteil gesprochen, und er musste wieder seiner Wege ziehen; weil sie aber gar so lange von einander getrennt waren, feierte die Königin noch einmal Hochzeit mit dem Fischerssohne. Darauf lebten sie noch lange Jahre in dem Königreich Tiefenthal in Glück und in Frieden und haben sich allewege sehr lieb gehabt; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 298-304.
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