XI

[82] »Hier bringe ich Frau Bernhart. Sie abonniert sich auf eine Tasse Thee.« Mit diesen Worten führte Born Ella Bernhart in Steinwalds Wohnzimmer.

»Könnte ich auf eine Minute mit Ihnen allein sprechen?« flüsterte die junge Frau Marie Therese zu.

»Bitte.«

Sie traten ins Nebenzimmer und nahmen Platz. Jede wartete, daß die andere beginnen würde. Von nebenan hörte man die beiden Herren sich miteinander unterhalten.

»Also, was möchten Sie mir sagen?« Marie Therese blickte in das erhitzte Gesicht ihres Besuchs.

»Ach Gott, es ist doch schwerer, als ich glaubte.«

»Reden Sie doch.«

»Wenn Sie mir zürnen –«

»Aber, gnädige Frau, reden Sie doch, bitte.«[82]

»Nein, ich kann nicht.«

Marie Therese warf ungeduldig den Kopf zurück.

»Wenn betrifft es? Aber ich ahne es ja. Es betrifft Ihren Gatten, nicht?«

Ella Bernhart begann zu weinen.

»Und was geht mich das an?«

»Sie – er hält so viel von Ihnen – Sie – er – Sie allein tragen die Schuld an allem,« rief sie, ihre Fassung verlierend, und maß mit sprühenden Blicken die Nebenbuhlerin.

Marie Therese lächelte. »Sie sind eifersüchtig. Meinen Sie, daß mich das kümmerte, wenn mich Bernhart interessierte? Meinen Sie, daß eine Frau Gnade bei einer andern findet, wenn es sich um einen Mann handelt? Da sind wir Bestien. Ich will Ihnen aber zu Ihrer Beruhigung sagen: Ich bin keine in diesem besondern Fall. Ich könnte nie den Mann einer unbedeutenden Frau lieben, Ella Bernhart, denn ein bedeutender Mann nimmt sich keine gewöhnliche Frau. Ziehen Sie gefälligst den Schluß daraus.«

»Sie sind hart.«

»Noch war ich es nicht. Nun aber werde ich es. Meinen Sie, daß Frau Steinwald Lust trüge, Frau Bernhart zu werden?«

»Frau Bernhart? das bin ich doch.«

Marie Therese brach in ein klingendes Lachen aus. Born steckte den Kopf herein.

»Lassen Sie uns allein. Wir proben eben die Kirchenszene aus den Nibelungen von Hebbel.«[83]

Der Professor runzelte die Stirne und zog sich zurück.

»Man merkt, daß Sie – eine Theaterdame waren.«

»Sie irren sich, ich war nie eine.«

»Sie spielen Komödie, indes mir alles bitterer Ernst ist.«

»Ach, was wissen Sie von bitterm Ernst! Seien Sie ruhig.«

Ella Bernhart zerballte zornig ihr Taschentuch.

»Das ist brutal.«

»Wie will man mit der Kleinlichkeit anders fertig werden?«

»Ich bin nicht kleinlich.«

»Sie betteln um das Herz Ihres Mannes. Ist das etwa groß?«

»Sie haben kein Gefühl, Sie wissen nicht, was lieben heißt.«

»Glauben Sie?« Marie Therese warf ihr einen Blick zu, der sie verstummen machte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, erhob sie sich und schritt hinaus. Man hörte sie draußen die Korridorthür hinter sich schließen.

»Was war denn?« fragte Leonhart, hereintretend.

»Nichts, nichts. Gehen Sie ihr doch nach, Born. Sie soll ruhig werden, sie ist ein dummes Kind.«

»O, Marie Therese!« Sie waren allein. »Was treibst du für Unfug mit den Menschen?«[84]

»Laß sie mich doch ein wenig durcheinanderschütteln, das thut ihnen wohl. Wenn ein Frauenauge auf einem Mann ruht, glaubt er gleich, sie liebe ihn. Wenn ein Mann einer Frau Aufmerksamkeit erweist, so weint sich seine Gattin die Augen rot. Wie ist das alles beschränkt! Lauter Tasten und Fürchten, nirgends Sicherheit und Wissen.«

»Wir sind Menschen.«

»Ich komm' gleich wieder,« rief Marie Therese mitten im Gespräch. Sie warf den Pelz um, stülpte die Mütze auf und eilte hinab.

»Guten Tag, Herr Doktor Bernhart.« Er zog bestürzt den Hut. »Weshalb kommen Sie nicht hinauf, da Sie doch unserer Wohnung so nahe sind?«

Er wich ihren Blicken aus.

»Was meinen Sie, daß ich denke, wenn ich Sie hier unten gehen sehe. Ich denke: entweder muß er ein Tropf sein oder mich für eine Dirne halten.«

Ein zorniger Blitz brach aus seinen Augen.

»Sind Sie das, die Freie, die so spricht?«

»Freilich, eben die. Wenn Sie mir nicht gleichgiltig wären, meinen Sie, ich sähe Ihnen vom Fenster meines Gatten zu? Nachgestürmt wär' ich Ihnen, gleich das erste Mal. Vor der ganzen Welt. Beweise dich nun! Trauen Sie mir feige Rücksicht für jemand zu?«[85]

»Sie sind bitter, meine Gnädige. Sind mir drei Worte gewährt?«

»Nein. Ich rate Ihnen etwas. Gehen Sie nach Indien oder Mexiko und sammeln Sie Kräuter. Verstehen Sie mich? Wenn Sie das eine Zeitlang gethan haben, kehren Sie wieder.«

»Sie waren mir wie eine Offenbarung Gottes.«

»Ich bin sie auch. Hier meine Hand. Sehen Sie den bleichen Kopf dort oben am Fenster? Lassen Sie uns, Hand in Hand, hinauf lächeln. Er grüßt. Leben Sie wohl, Bernhart.« ...

»Du hast ein feuchtes Gesicht.«

»Schneeflocken fielen darauf.«

»Marie Therese, du tötest siebenmal im Tag.«

»Und mach' ich nicht wieder lebendig? Warte ab, was aus dem werden wird.«

»Woher nimmst du das Recht, in die Schicksale der Menschen einzugreifen? Wer bist du, Marie Therese?«

Sie legte ihr Gesicht in seine fiebernden Hände. Und sie wurden kühl wie Jasminbüsche, auf die sich die Juninacht senkt ...[86]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 82-87.
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