XII

[87] Durch die Lüfte ging ein Stammeln. Ganz leise legten sich die Lippen des Frühlings auf die alten Bäume und die jungen eingeschlummerten Sträucher, und als er sie zurückzog, waren beide wie mit winzigen, kleinen grünen Flüglein gesegnet, die zur Sonne emporstrebten. Und die, denen er keine Flüglein mehr erwecken konnte, neigten das Haupt und starben.

»Hast du diese Nacht Licht gebrannt?« fragte Marie Therese ihren Gatten. »Mich dünkt, ich sah einen roten Schimmer durch die Thürritze strahlen.«

»Ja, ich hatte Licht angezündet. Ich las.«

»Aber weshalb denn in der Nacht? Lies doch am Tag.«

»Ich konnte nicht schlafen.«

Sie sah ihn forschend an. »Fühlst du dich schlechter?«

Er verneinte lächelnd. Aber bei seinem Lächeln hatte sie wahrgenommen, wie tief seine[87] Wangen eingesunken waren. Sie runzelte die Brauen. In der Nacht setzte sie sich im Bett auf und spähte nach der Thürritze. Es schimmerte hell aus ihr. Leise stand sie auf und legte das Auge an die feine Öffnung. Und da sah sie ihn auf dem Bettrand sitzen, in seinen langen weißen Bademantel eingehüllt. Und sein Gesicht hatte den Ausdruck eines gequälten Märtyrers, der hofft, bald erlöst zu sein. Sie schlüpfte wieder ins Bett zurück und drückte das Gesicht in die Kissen.

Andern Tags stand sie vor Doktor Klausner.

»Was fehlt ihm?«

Der Arzt maß sie kühl mit seinen kleinen, durchdringenden Augen.

»Das wissen Sie so gut wie ich. Sein Körper ist all den Aufregungen, insbesonders der letzten Zeit, nicht gewachsen.«

»Aufregungen? Ich wüßte nichts von solchen. Er hat mir nie ein Wort von ihnen gesagt.«

»Er ist ein Mann.« Der Doktor begann ungeduldig auf seinem Schreibtisch zu trommeln, als ob er sagen wollte: Was willst du noch hier? Wir haben nichts miteinander zu schaffen.

»Aufregungen sind keine Krankheiten,« sagte Marie Therese unsicher.

»Eine Lunge, die bei jeder stärkeren Erregung blutet, ist ein Zeichen robuster Gesundheit. Gewiß.«

»Er soll doch seine Vorlesungen aufgeben.«

»Die regen ihn an, aber nicht auf.«[88]

»Er wird doch Aufregungen vermeiden können.«

»Jetzt ist's zu spät.«

»Sie meinen, er sei so krank –«

»Das auch, und vor allem: Der richtige Zeitpunkt ist versäumt.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Sollten Sie mich nicht verstehen?« Wieder durchdrangen sie seine Blicke.

»Sie scheinen mir irgend eine Schuld beizumessen.«

»O nein! Sie haben ja die Ruhe der Zuschauerin in sich. Schauen Sie weiter zu, wie ein Docht sich verzehrt.«

»Ich bin nicht Gott, der Gewalt über Leben und Tod hat.«

»Gewiß nicht. Und aus dieser Bescheidenheit heraus lassen Sie sogar Leben, die in Ihre Hand gegeben sind, verderben.«

Marie Theresens Gesicht überflog ein Blitzen. Sie verstand ihn. Sie neigte fast unmerklich das Haupt und schritt ruhig hinaus.

Sie fand Leonhart eingeschlummert an seinem Schreibtisch sitzen und streichelte sein Haupt.

Er erwachte, sprang auf und schob sie lächelnd zurück. Was denn los wäre? Und dabei konnte er kaum aufrecht stehen, und seine Augen hatten einen glasigen, fremden Ausdruck. Er ist ein Mann, klang es ihr in den Ohren. Er haßt das Mitleid und die Zärtlichkeit, die sich ihrer bewußt ist.[89]

»Diesen Nachmittag geht's ins Kolleg,« sagte er protzig.

Als er auf dem Katheder stand, kam der alte Rednergeist über ihn. Seine Stimme klang wie eine Orgel unter aufgeregten Händen. Bald schwoll sie an, bald erstarb sie zu kaum vernehmbarem Flüstern, aber was er redete, war von zündender Wirkung. Die Studenten trampelten in ihrer jugendlichen Begeisterung. Mit dem letzten Wort, das er sprach, als seine schier unglaubliche Willensstärke ihre Dienste gethan hatte, schwand auch seine Kraft. Er drückte noch wie im Traum etliche junge Hände, die dankbar die seinen suchten, dann verschwand alles in unbestimmtem Nebel um ihn. Er tastete sich nach der Garderobe, wo jemand einen Mantel um seine Schultern legte und ihn zu einem Wagen brachte.

»Was soll das?« sagte Marie Therese zu Born, der behutsam ihren Gatten die Treppe hinaufleitete.

»Bestimmen Sie ihn, daß er Urlaub nimmt. Er kann es nicht mehr leisten.«

Sie saß, das Gesicht in die Hände gestützt, stundenlang auf einem Fleck. Und sie grübelte und grübelte. Er wurde von Tag zu Tag weißer und leichter.

Klausner weigerte sich zu kommen. Aber Born kam treu. Ohne zu reden saß er am Bette des Freundes. Ihn litt Leonhart bei sich. Sie[90] schickte er immer gleich hinaus. Dies schöne geliebte Wesen sollte nicht Zeuge seines Verfalls sein.

Eines Tages war er weiß wie nie, und seine Augen leuchteten ganz sonderbar.

Born stand am Fenster und hatte die Spitzen seines Schnurrbarts zwischen den Zähnen. Marie Therese kam leise herein und neigte sich über Leonhart.

»Komm mit ans Meer, willst du ans Meer?«

»Weshalb?« lispelte er.

»Ich weiß nicht, mir ist so, als würde dir dort besser. Meinen Sie nicht auch, Born?«

Er wandte sich um. »Wenn Klausner es erlaubt?«

»Gehen Sie doch zu ihm, und fragen Sie ihn.«

»Ich will's thun.«

Leonhart schloß die Augen wieder und entschlummerte. Marie Therese stand stumm an seinem Bett. Born empfand Mitleid mit ihr.

»Wissen Sie, daß Bernhart auf Java ist? Er hat geschrieben. Er ist sehr fleißig und macht allerlei botanische Studien.«

Sie schien seine Mitteilung nicht zu hören.

»Gehen Sie doch gleich zu Klausner,« bat sie. Er folgte ihrer Bitte und kam bald zurück.

»Klausner erlaubt alles«, bemerkte er und sah weg von ihr.[91]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 87-92.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Feldblumen

Feldblumen

Der junge Wiener Maler Albrecht schreibt im Sommer 1834 neunzehn Briefe an seinen Freund Titus, die er mit den Namen von Feldblumen überschreibt und darin überschwänglich von seiner Liebe zu Angela schwärmt. Bis er diese in den Armen eines anderen findet.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon