XIII

[92] »Hörst du die Glocken?«

»Glocken? Ja doch, ich höre sie. Jetzt höre ich sie. Es müssen ihrer viel tausend sein. Kleine und größere und eine ganz große, mächtige mit tiefem, breitem, metallenem Klang. Sie schwingen bald ferner, bald näher. Bald kommen sie von rechts, bald von links. Es sind Auferstehungsglocken und Sterbeglöckchen dabei. Und Abendglocken. Und wenn sie zu singen anfangen, dann geht über die grünen Wiesen ein goldiger Hauch, und ich weiß nicht, weshalb mir so wehmütig zu Mute wird. O Marie Therese, ist das Leben schön!«

»Grüne Wiesen sehe ich nicht,« meinte sie, auf das weite Meer hinausblickend. »Ich sehe Teiche auf dem breiten, unermeßlichen Feld da drüben. Du siehst doch die Furchen, die seinen Boden durchqueren.«

»O ja, und es blüht weiß heraus.«

»Willst du deinen Kopf nicht an meine Schulter lehnen?«[92]

»Nein.«

»Mir kommt immer vor, man müßte auf dem Wasser gehen können, wenn man wollte, wenn man ernstlich wollte. Mir ist so nach Wundern zu Mut. Oft in Nächten ist mir, als flöge ich über den Erdboden dahin. Ich möchte beschwören, daß es nicht Einbildung ist. Aber was es ist, weiß ich nicht.«

»Vielleicht werde ich es dir bald sagen können, Marie Therese.«

»Blick' mich nicht so sonderbar an. Siehst du den Rauch, der aus unserm Häuschen steigt? Die Fischerin bereitet unser Abendbrot. Wollen wir uns an den Tisch mit der traulichen Lampe setzen?«

»Ja, thun wir's.« –

»Diese Nacht wirst du gut schlafen. Leonhart, Leonhart, jetzt noch nicht. Jetzt schlafe noch nicht!«

»Lassen Sie ihn doch!«

»Dann tragen Sie alles wieder hinaus, ich allein kann nicht essen.«

Das hagere Fischerweib mit dem zerpflückten Gesicht trug die paar Schüsseln wieder ab und half, Leonhart auf sein Lager ausstrecken, dann entfernte es sich.

Marie Therese saß schneeweiß neben dem Schlummernden. Die Nacht lag auf der Schwelle der Fischerhütte und tauchte ihren Finger in das Meer, daß es schwarz und ruhig wurde. Marie[93] Therese senkte den Kopf tief auf die Brust. Zuerst in der Niederung. Jeder muß von ihr aus den Gipfel erklettern. Jeder ging zuerst in ihr, bevor er hinauf kam. Dann aber, nachdem man oben seiner Glorie bewußt geworden, wenn man dann niedersteigt, diesmal mit ganz andern, stolzen, des Weges bewußten Füßen! Ob das nicht vielleicht das Größere ist, als ruhig auf der Höhe zu verharren? Wenn es das wäre! ...

Ihr Kopf sank müde auf das Kissen, auf dem sein bleiches Gesicht ruhte. Sie hörte die Glocken in den Lüften, sie sah fremdartige Lichtscheine über die dunklen Meerestiefen eilen.

Ich träume wohl, dachte sie. Dann hob ein leises Rauschen an. Das ist meine Seele, die ihre Flügel entfaltet. Wird sie das große Weltmeer überschreiten können, oder wird sie erlahmen? Sie sah eine weiße Blume einsam auf den schwarzen Wellen treiben, und bittere Thränen stiegen ihr in die Augen.

Also doch nicht ...

Aber das war ja ein Traum, ein Traum ...

Sie wollte sich gewaltsam aufraffen und fuhr sich über die Augen. Schlief Leonhart?

Er lag so seltsam ruhig da. Sie legte ihr Ohr an sein Herz. Es gab keinen Laut von sich. Ein grausiges Ahnen erfaßte sie. Sie zog sich ein langes Goldhaar aus und hielt es an seine Lippen. Es blieb unbewegt, da wußte sie's ...[94]

Sie trat ans Fenster und preßte die zitternden Lippen zusammen. Aber das Gesicht, das ihr von draußen entgegenblickte, war finster und dräuend. Sie kehrte sich wieder ab und trat an das Bett zurück.

Das flackernde Lämpchen warf ungewisse Lichter über die ruhende Gestalt, auf die hagern, blassen Hände, die friedlich auf der Brust lagen. Diese einsamen Hände! ...

Und plötzlich erschütterte ein ungeheures Weh ihr Herz. Du Geizige! Du Erbarmungslose! Du Harte! Du ohne Gnade! Die Steine der Wüste wären weich und gnädig unter seinen Füßen geworden! Das Raubtier hätte die Güte seines Blickes besiegt. Der Bettler hätte ihm die Arme unter das Haupt gebreitet. Du aber ließest ihn hungernd und arm von deiner Schwelle gehen. Der Sand hat seiner müden Stirn als Stütze gedient, weil deine stolzen Schultern nur zögernd es thun wollten. Nun wird die Erde, gnädiger als du, ihn aufnehmen in ihren Schoß. Geh und verzweifle mit all' deinen Schätzen. Erzähle den Fischen des Meeres und den Vögeln der Wälder von deiner Unbesiegbarkeit. Zeige deine Schönheit der einsamen Quelle im Schatten! .. Ein Schauer ging über ihren Leib. Und wenn ich weich gewesen wäre, hätte ich ihn erretten können, Herr?

Die Seligkeit der Freude hätte seine versiegende Lebenskraft neu rinnen gemacht. Die[95] Quellen deines Lebens hätten sich in die seinen ergossen und neue Fülle in ihnen erweckt.

Herr, Herr! Dann will ich weich sein! ...

– – – – – – – – – – – – –

Flammen des Morgenrots schlugen an das Fenster. Marie Therese that die Wimpern auf. Ihr Haar war naß von Thränen.

Ich mache ihn wieder lebendig, rief eine lodernde Kraft in ihr. Mit ausgebreiteten Armen neigte sie sich über ihn und sah ihn an.

Er schlug die Augen auf.

»Marie Therese, hast du geschlafen? Deine Thränen haben mein Antlitz genetzt, aber ich wollte dich nicht aufwecken ...«

»Allelujah!« hauchte sie ...


»Die grünen Wiesen sind versunken. Die Glocken sind verklungen. Die Sterbeglocken und die, die Auferstehung läuteten. Ich sehe nur ein gewaltiges blaues Meer, auf dem stolze Schiffe ihre Wimpel blähen.«

»Es ist die Gesundheit, die aus dir spricht.«

»Wie ist es möglich, daß ich gesund wurde?«

»Du wolltest Marie Therese als Braut sehen. Sie schlief so lange. Und du hast erlebt, daß sie aufwachte.«

»Wenn ich es nicht erlebt hätte!«

»Unsägliches Elend für mich!«[96]

»Noch nicht nach Hause kehren. Noch nicht. Bis der Mond voll ist ...«


»Hörst du die Vögel im Traum singen? So sangen sie, als ich zum erstenmal hier saß an deiner Seite und deine Hände fest hielt. Ich fürchtete sie so, deine Hände. Jetzt liebe ich sie. Es sind meine Hände. Leonhart, niemand weiß noch, daß wir zurückgekehrt sind. Selbst das Mädchen ist noch daheim. Leonhart, morgen werden es alle wissen. Sie sollen deine Augen strahlen sehen. Leonhart, hast du mich lieb? So nimm mich doch! Hier, leg' deine Hand auf mein Herz. Fühlst du, wie es klopft?«

»Du träumst.«

»Stolzer! Ich bitte dich, laß es nicht vergeblich anklopfen. Willst du mich zu deinen Füßen sehen? Ich will sie mit meinen Thränen benetzen und mit meinem Gold überschütten ...«

»Du bist zu mir gekommen! ...«


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

»Es ist ein Wunder! Dein Gesicht blüht, und die Farbe der Gesundheit bräunt deine Wangen. Als du uns verließest, warst du ein Sterbender. Marie Therese, lassen Sie mich Sie umarmen. Sie haben mir den liebsten Freund gerettet! Wie haben Sie es angefangen?«

»Ich habe ihn geküßt. Ich gab ihm mein Haar zum spielen hin. Und ich lachte so lange,[97] bis auch er zu lachen begann. Und da war er gerettet!«

»Selige Frau! Wie hat Gott doch seine ganze Allmacht in deine Hände gelegt! Wenn du Ja winkst, kommt das Glück und krönt die Stirne deines Liebsten mit dem Kranz des Siegers. Wenn du verneinend dein Haupt bewegst, so ist er zum Tode verurteilt. Wahrlich, ihr Frauen, ihr seid Schicksalsgöttinen!«

Es strahlte die Sonne in den Gassen. An den Häusern lehnten junge Maien und verbreiteten Pfingstgeruch. Leonhart und Marie Therese hielten einander an den Händen gefaßt und schlenderten planlos dahin. Junge Studenten, die eben im Begriff waren, nach Hause in die Ferien zu reisen, begegneten ihrem geliebten Lehrer und griffen ehrerbietig an die Mütze. Und wenn sie ein Stückchen weiter gegangen waren, kehrten sie sich behutsam um und sahen der Frau mit leuchtenden Augen nach.

»Wollen wir zu Klausner?« fragte sie.

»Natürlich, zu Klausner, zu Klausner!«

Er blickte ihnen befremdet entgegen.

Und während seine Blicke erstaunt und immer erstaunter über Leonharts Gesicht glitten, streckte sich ihm ihre Hand entgegen. Noch ergriff er sie nicht. Noch sah er nur ihn, den schwerkrank Geglaubten. Und nun richteten sich seine Augen auf sie. Lange und grabend, bis sie fast ungeduldig und über und über rot wurde.[98]

Da bog er ihren Kopf zu sich und drückte einen Kuß auf ihre Wange. »Sie haben ihn gerettet! Ich wußte, daß der Tag, an dem Sie ihm Ihre Arme ganz öffneten, ein großer Entscheidungs- und Siegestag für ihn sein würde. Weil Sie diesen Tag so lange hinausschoben, haßte ich Sie. Nun sind wir Freunde!« ...

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 92-99.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Neukirch, Benjamin

Gedichte und Satiren

Gedichte und Satiren

»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon