II

[13] Sie saß ganz in Glut getaucht vor ihm. Sie redeten über alltägliche Dinge. So oft er seine Blicke von ihr abwandte, um sich ein wenig im Zimmer umzusehen, rückten ihre kohlschwarzen Brauen näher zusammen, und sie wurde unruhig. Er ahnte den Grund und sagte gutmütig: »Es ist sehr traulich bei Ihnen. Das Fenster geht zwar in den Hof, aber der Hof ist mit Bäumen bepflanzt, und der rinnende Brunnen in seiner Mitte giebt ihm etwas Idyllisches.«

»Besonders wenn sie Schweine schlachten, was oft vorkommt, da das Haus einem Schlächter gehört.«

»Das ist allerdings nicht sehr angenehm, weshalb ziehen Sie nicht aus?«

»Ausziehen? Wohin denn?«

»Sie haben keine Familie?«

»Mama ist seit zwei Monaten tot. Wir bewohnen schon mehrere Jahre diese Wohnung.«[13]

»Und die Frau,« er deutete auf das Nebenstübchen, »wer ist die Frau?«

»Sie hat Mutter und mich bedient und ist jetzt ganz zu mir gezogen.«

Der Professor warf einen forschenden Blick auf das Kindergesicht vor ihm, das den Ausdruck eines reifen Weibes trug. Der Gedanke an die alte Frau, die zu jeder möglichen Auskunft bereit war, erfüllte ihn mit Widerwillen. Weshalb so lange nach einer gefälligen Form suchen? Es lag hier alles so einfach. Das Mädchen berauschte ihn, und es stand da wie eine Blume am Wegrand ohne Zaun und Schutz. Ein Narr, der zögerte zuzugreifen.

»Was machen Sie immer des Abends?« begann er in etwas weniger ehrerbietigem Ton als bisher.

»Des Abends?« Sie blickte ihn ruhig an. »Nun, da gehe ich schlafen.«

»Und gerade dann ist's am schönsten im Frühling. Die Nachtigallen beginnen zu singen, und die Blumen duften am süßesten. Haben Sie nicht Lust, mit mir eine schöne Spazierfahrt zu machen, weit hinaus, irgend wo hin, wo Sie wollen.«

»Ich mache mit fremden Herren nicht Spazierfahrten.« Ihre Stimme klang eintönig hart.

Er errötete wie ein Schulknabe. »Mein Name ist Leonhart Steinwald, Professor Steinwald.[14] Soll ich Ihnen auch meinen Paß zeigen, ich führe ihn stets bei mir,« setzte er scherzend hinzu.

»Ich danke.« Ihre Lippen zogen sich geringschätzig herab. »Deshalb würden Sie mir doch nicht weniger fremd sein.«

»Was muß man denn thun, um Ihre werte Bekanntschaft fortzusetzen?« fragte er ironisch. »Oder komme ich zu spät? Sind Sie schon unfrei?«

Sie spielte mit einem Strohhalm, der an ihrem Kleidchen hing, und sah in diesem Augenblick wie ein hilfloses Kind aus.

»Ja, Sie kamen zu spät. Wenn Sie zwei Monate früher gekommen wären, hätte meine Mutter Ihnen nähere Auskunft über mich geben können.«

»Die werde ich mir schon selbst geben,« sagte er, die weiche Regung in sich übertrotzend.

»Glauben Sie?« Zwischen ihren roten Lippen drang ein klirrendes Lachen hervor. Sie war aufgesprungen und richtete sich vor ihm auf. Er fühlte sein Herz pochen. Das alles war ja toll. Dieses dürftig angezogene junge Ding in der elenden Kammer, das ihn behandelte wie einen Knaben! Die Alte draußen hatte sie wohl gut abgerichtet.

Er stand auf. Seine Nasenflügel bebten nervös.

»Ich bedauere sehr, wenn ich nicht Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich bin allerdings weder ein Adonis, noch ein Banquier, das[15] letzte hat Ihre Wächterin draußen wohl mit geübten Blicken erkannt.« Er griff nach seinem Hut, verneigte sich leicht und schritt hinaus. Eine halbe Minute später fühlte er seinen Arm ergriffen.

»Sie werden sofort zurückkehren. Sie werden mir Rechenschaft geben über die Worte, die Sie gesprochen haben.« Ein Schreck, halb freudig, halb schmerzlich ergriff ihn. Er sah in Flammen, und diese Flammen trugen ein Menschenantlitz, ein berückendes Antlitz.

»Ich weiß wahrhaftig nicht, mein Fräulein –«

»Aber ich weiß es.« Sie drängte ihn mit ihrer jungen, ungestümen Kraft in die Stube zurück.

»Wofür halten Sie mich, Herr – Herr Professor? Mit welchem Rechte halten Sie mich dafür? Sagen Sie es nur: mein dürftiges Kleid war der Freibrief, der Ihnen das Recht auf Ihre Unverschämtheit gab. Nicht? War es das? Haben Sie doch wenigstens den Mut, ja zu sagen.«

Sie stand ihm so nahe, daß er ihren glühenden Atem spürte. Ihre zornigen Finger bohrten sich schmerzhaft in seinen Arm.

»Ich sage kein Wort, bevor ich nicht weiß, wer Sie sind, wie Sie heißen.«

»Ich heiße – Hofer, Marie Therese Hofer. Wer ich bin? Ein junges Mädchen ohne Vater und Mutter, wie Sie mir sehr deutlich ins Bewußtsein gebracht haben.«[16]

»Gehören Sie etwa dem – Theater an?«

»Noch nicht.«

»Was heißt das?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Fräulein – Hofer, so sagten Sie ja wohl, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie gekränkt habe. Ich habe nichts anderes gethan, als was hundert junge Männer täglich thun: ich bin einem jungen Mädchen, das mich interessiert, nachgefolgt und habe versucht, seine Bekanntschaft zu machen.«

»Hätten Sie das auch gethan, wenn ich ein schönes Kleid getragen und im vornehmen Stadtviertel gewohnt hätte?«

»Nein.«

»Sehen Sie wohl.« Und plötzlich hatten sich ihre Augen mit Thränen gefüllt, und sie brach in ein heißes, fassungsloses Weinen aus. Leonhart Steinwald würde viel darum gegeben haben, jetzt aus dem Zimmer verschwinden zu können. Thränen einer Frau waren ihm fürchterlich. Er mußte sehr an sich halten, um die Fassung nicht zu verlieren. Er nahm sanft Marie Theresens Hand.

»Fräulein Hofer, nicht weinen! Lachen Sie doch über den einfältigen Büchermann, der eine Plumpheit beging. Sehen Sie, wir Gelehrte genießen ja eine gewisse Berühmtheit wegen der verkehrten Streiche, die wir anfangen. Wollen wir beide Frieden schließen, ja? In einigen Tagen muß ich weiter reisen. Lassen Sie mich nicht[17] mit Beschämung auf dieses Ereignis zurückblicken. Zeigen Sie mir noch ein freundliches Gesicht, bevor ich gehe.«

In diesem Augenblick öffnete sich behutsam die Thür, und die Alte schob den Kopf herein.

Marie Therese machte eine herrische Handbewegung, und die Thür schloß sich wieder.

»Ich will unter einer Bedingung Ihre Bitte erfüllen: daß Sie nie wieder von einem Mädchen Gemeines denken, weil es ein armseliges Kleid trägt.«

»O, Fräulein Hofer, nicht so herb! Es lag mehr Naivität als berechnende Dreistigkeit in meinem Benehmen. Ich sah Sie in der Kirche weinen, dann ergriff mich Ihr Äußeres, nicht die Schlichtheit Ihres Anzugs –«

»Zum Schluß noch eine Schmeichelei.«

»Nein, nein, wirklich nicht. Sie spannen einen ja grausam auf die Folter. Leben Sie wohl, Fräulein Hofer.«

Sie blickte ihn kurz mit ihren schönen, verweinten Augen an. Er durchschritt wie im Traum den Hof. Der Arm, in den sie ihre zornigen Finger gebohrt, schmerzte ihn. Und das erfüllte ihn mit heimlicher Freude. Er trug ein Andenken von ihr mit.

Das Zimmer, das er in dem Gasthof bewohnte, dessen Kundschaft er schon seit Jahren war, lag nach dem Garten hinaus. Er liebte es, weil es ruhiger war als die nach vorne gelegenen.[18]

Aber diese Nacht war es hier lauter als auf dem Marktplatz; durch die geöffneten Fenster drang ein lauer, würziger Wind, und Leonhart war, als wäre es der Hauch ihres Mundes, der einen Augenblick lang sein Antlitz berührt hatte. Er hörte weiche, schluchzende Töne aus den Kehlen der Vögel und glaubte ihr leises Weinen zu vernehmen. Er war wie in einem Fieber, wie in einem Bann. Das alles konnte doch nicht Verstellung gewesen sein! Und wieder Wahrheit? Lagen nicht doch gar zu viele Widersprüche in ihr? Naivität und reifstes Wissen der Frau, Demut, Stolz, Religiosität und ätzender Skeptizismus. Eins konnte nur das Echte sein, das andere war erlogen. Oder sollte es Menschen mit so viel Widerspruch in der Brust geben? Leonhart wälzte sich ruhelos in seinem Bett hin und her. Er konnte zu keinem Ergebnis kommen. Freilich, die Natur selbst birgt die wunderlichsten Gegensätze in sich. Bald ist sie grausam, bald mitleidig. Bald hoheitsvoll, bald niedrig. Und dieses junge Weib war ein Stück von ihr. Ein unverfälschtes. Wie sie in der Kirche gebetet hatte! Und später, wie sie brannte in ihrer Gekränktheit! Der Professor sann und sann. Er trieb den trägen Strom seiner Phantasie zu schnellerem Laufe an. Er tauchte unter in ihm. Sein zarter Körper zitterte und glühte. Und seine Seele kniete entzückt vor dem Schöpfer und stammelte: Wenn sie doch echt wäre! Alles an[19] ihr echt. Das Kind und das Weib! Die Fürstin und das brutale junge Tier in ihr mit seinem wilden Drauflosstürmen.

Am anderen Morgen stand er müde und mit sich unzufrieden auf. Es war doch der helle Unsinn, sich solchen Träumen hinzugeben. Wohin sollten sie führen? Zu einem festen Verhältnis? Gott bewahre! Er, der eben jetzt ein schwieriges, ungeheuer gelehrtes archäologisches Werk herausgab, sollte Zeit finden, ein junges Mädchen zu unterhalten!

Bei dem Begriff ›junges Mädchen‹ mußte er lächeln. Sie war eigentlich so garnicht wie ein junges Mädchen. Aber gerade deshalb! Sie würde ihn geistig gewiß sehr beschäftigen, und dazu besaß er keine Zeit. Fort von hier!

Am nächsten Abend reiste er ab, nachdem er sich gewaltsam gezwungen hatte, die Nähe ihrer Wohnung zu meiden. Er besuchte noch ein paar nahe gelegene Städte, wo er in den Kunstsammlungen sich etliche Notizen zu machen hatte. Dann kehrte er heim.

Er begann, seine Vorlesungen wieder aufzunehmen. Abends ging er wie sonst auch in die Weinstube, wo einige unverheiratete Kollegen sich einzufinden pflegten.

Es hatte sich nichts in seiner Umgebung geändert, und doch erschien ihm auf einmal alles in trübseligen grauen Farben. Er erhielt die[20] ersten fertig gedruckten Bogen seines Werkes, an dem er jahrelang mühselig gearbeitet hatte, und legte sie fast gleichgiltig beiseite. Man überhäufte ihn mit Einladungen, er folgte ihnen manchmal, spielte aber keine vorteilhafte Figur. Man sah ihm an, wie sehr ihn die Konversation der Gäste langweilte, wie gleichgiltig ihm diese hübschen netten Frauen waren, die sich seiner so freundlich annahmen, wie wenig ihn augenblicklich die wissenschaftlichen Themen interessierten, die die Kollegen unter sich erörterten. Einmal fragte ihn ein Bekannter, wohin er seine diesjährige Sommerreise machen würde. »Ich weiß noch nicht,« antwortete er lakonisch.

»Es ist auch eigentlich ganz verteufelt langweilig,« fuhr der andere fort. »Überall dasselbe. Überall Berg-oder Wassersport, Frauen, die ihre Tugend eingekampfert bei ihren Gatten in der Stadt lassen, grasende Jungfrauen, meckernde Kinder mit seufzenden Gouvernanten. Zum Auswachsen! Ja, die Welt ist eine komische Alte mit immer wiederholtem Refrain. Wer doch ein Kolumbus wäre!« Da schlug Steinwalds Herz auf. Ich bin einer. Ich, ich! Wenn du wüßtest, was ich entdeckt habe! An meiner Stelle würdest du noch heute Nacht abreisen. O, ich Narr, ich Narr!

Und plötzlich überkam ihn die Erinnerung, die Sehnsucht so mit Macht, daß ihm klar wurde, wohin er seine Sommerreise machen würde.[21] Sein Werk war ja vollendet, nun hatte er Zeit, sogar Zeit für sein Herz. Sogar Zeit, um glücklich zu sein. Oder hatte ihm bisher nur der Mut gefehlt, und der kam jetzt mit den warmen, lachenden Sommertagen.[22]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 13-23.
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