III

[23] Es war in der Nähe der Johannisnacht. Eine große, gnädige Bereitwilligkeit lag allenthalben. Ein seliger Überfluß. Sogar die Würmchen erhielten ein Lichtgewand. Da sah er durchs Fenster in ihr Stübchen. Sie saß vorm Tisch und schnitt mit andächtiger Miene kleine Männchen aus Zeitungspapier aus. Er lächelte, klopfte an und trat ein. Sie fuhr bestürzt zurück.

»Darf ich mich einen Augenblick setzen?« sagte er ganz demütig. Sie nickte zögernd. Er sah auf die Spitzen seiner Stiefel und suchte nach einem Wort. Aber es wollte ihm garnichts einfallen. Da meinte sie einfältig: »Nie hätte ich geglaubt, daß Sie wiederkommen würden.«

Er atmete erleichtert auf. Gott sei Dank, daß sie ihm ein wenig half.

»Ich hätte es beinahe auch nicht geglaubt. Aber da fiel mir ein, daß die Zeit um Johanni die Zeit der Gnade sei. Man macht Wallfahrten zu guten Heiligen, denen man seine Wünsche[23] vorträgt, die sie erhören. Und so kam ich hierher.« Er bemerkte, wie sich ihr schönes Gesicht bei seinen letzten Worten verfinsterte, und fühlte, daß er wieder eine Dummheit gesagt hatte. Er bemühte sich, sie schnell gut zu machen.

»Ich möchte mit Ihnen eine Stunde plaudern, Fräulein Marie Therese, ich verkehre das ganze Jahr hindurch nur mit Büchern und schrecklich gelehrten Herren.«

»Und weshalb lassen Sie sich nicht von den Töchtern Ihrer Kollegen Märchen erzählen, die wollen wohl nicht?«

»Fräulein Marie Therese, weshalb sind Sie so bitter?«

»Heißt das bitter sein?« Sie legte nach Art der Kinder den Kopf auf den Tisch und blickte ihn von der Seite an. »Ich bin doch nicht bitter. Ich bin nur klug.«

»Sind Sie das wirklich? Wenn Sie es sind, dann – dann müßten Sie sich sagen, daß ein Mann wie ich nicht eine Reise unternehmen wird, um einem jungen Mädchen Phrasen zu sagen.«

»Haben Sie meinethalben die Reise hierher gemacht?«

»Jawohl.«

»Nun, und?« Sie begann wieder Männchen auszuschneiden.

»Sind Sie schon beim Theater?«

»Noch nicht. Aber –«[24]

»Was geht Sie das an, wollen Sie sagen?«

»Ungefähr so.«

»Marie Therese, so springt man mit Gecken, nicht mit vernünftigen Menschen um.«

Sie hielt in ihrem Spiel inne und sah ihn an.

»Vernünftigen Menschen? Sind Sie einer? Wodurch haben Sie mir das bewiesen?«

»Ich will es thun.«

Sie brach in ein geringschätziges Lachen aus. Er biß die Zähne zusammen, erhob sich und schritt hinaus. Wie ein Träumender irrte er planlos durch die Straßen, durch den Park, durch das Dorf, das sich mit seinen schmucken Bauernhäuschen an die Stadt anschloß. Dann kehrte er wieder um. Ob heute noch ein Zug nach J. ging? Die paar Habseligkeiten waren schnell in den Koffer gelegt, und eine weitere Reise zu machen, verspürte er jetzt gar keine Lust. Er würde einfach nach Hause zurückkehren. Instinktiv schlug er den Weg nach seinem Gasthof ein. Er öffnete die Thür seines Zimmers.

Marie Therese saß auf dem Sofa und blickte ihm gelassen entgegen.

»Sie haben mir so leid gethan, als Sie fortgingen, das wollte ich Ihnen sagen.«

Er hätte sie am liebsten an seine Brust gerissen, aber er wußte, daß er sie da verloren haben würde. Er sagte höflich: »Wenn Sie wünschen, können wir ins Lesekabinett hinab gehen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich will ja doch[25] gleich fort.« Mit bebender Hand schob er sich einen Sessel in ihre Nähe.

»Also doch. Sie haben also doch –«

Ihre Augen richteten sich fragend auf ihn und brachten ihn in Verwirrung.

»Sie haben also doch – Güte.«

Zum erstenmale sah er sie sonnig lächeln. Es stand ihr wunderbar lieb.

»Ich möchte gern gut und freundlich sein dürfen, aber ich kann's doch nicht.«

»Weshalb denn nicht, Fräulein Marie Therese?«

»Weil sie dann wie die Hunde hinter dem Wild hinter mir her wären.«

»Wer denn?«

»Wer denn? Nun – die Frauen nicht.« Sie errötete.

Ihm gab's einen schmerzlichen Stich. Hatte er nicht auch zu jenen gehört?

»Aber ich begreife nicht – fragen soll ich ja nicht, sonst sind Sie gleich wieder bös. Eins schwöre ich Ihnen, Marie Therese, als ich heute bei Ihnen eintrat, hatte ich die reinsten, besten Absichten. Daß Sie ein stolzes Menschenkind sind, haben Sie mir neulich gezeigt. Ich kann Ihnen sagen, ich wäre andernfalls auch nicht zum zweitenmal hierher gekommen.«

Ihr Gesichtsausdruck hatte sich langsam verändert. Das Bittere, Wissende war daraus verschwunden.[26] Die Augen blickten ihm jung und harmlos entgegen.

»Aber wenn Sie nicht – schlechte Absichten gehabt hätten, weshalb haben Sie mich denn damals verfolgt?« Sie lehnte sich ins Sofa zurück. »Mama sagte immer, wenn ein Mann ein Mädchen hochachtet, läuft er ihm nicht auf der Straße nach.«

»Aber liebstes Kind, ich war ein Fremder und kannte Sie nicht. Wer Sie sind, sehe ich erst jetzt, nachdem ich Sie ein wenig kennen gelernt habe.«

»Nun, und was bin ich denn?«

»Ein ganz einziges Geschöpf, aber werden Sie nicht gleich zornig.«

»Nein, nein. Aber das mit der Einzigkeit ist ein Irrtum. Ich bin ein schlichtes Ding. Bloß Mamas Tochter. Aber das verstehen Sie nicht. Sehen Sie, ich fange an zu glauben, daß Sie wirklich ein anständiger Mensch sind. Wenn das der Fall sein sollte, wäre es sehr nett, denn ich kenne keinen einzigen, der mir wohl wollte, ohne zugleich sich wohl zu wollen.«

Er zuckte zusammen. »Marie Therese, darf ich eine Frage thun?«

»Fragen Sie.«

»Wie alt sind Sie?«

»Bald achtzehn.«

»Sie reden manchmal wie eine alte Frau[27] und sehen dabei aus, als ob Sie zwölf Jahre zählten.«

»Ja, ich weiß viel. Mama hat mir manches mitgeteilt, mich gewarnt, mich vorbereitet.«

»Und Ihr Vater? Ist er tot?«

Wie eine Wolke über die Sonne flog ein Ausdruck der Härte über ihr Gesicht. »Ja, er ist tot.«

»Sie sind doch zur Schule gegangen?«

»Natürlich, wie die meisten Kinder.«

»Aber Ihre Bildung ist nicht die eingedrillte eines Schulmädchens.«

»Mama, Mamas Einfluß.«

»Wie schade, daß ich sie nicht kennen gelernt habe.«

Marie Therese erhob sich.

»Habe ich Sie wieder geärgert?« fragte er bestürzt.

»Nein, aber ich muß fort.«

»Nur noch ein Wort!«

»Bitte.«

»Ist das mit dem Theater Ernst oder Scherz?«

»Es ist mein Ernst. Sowie der letzte Edelstein verkauft ist –«

»Wie?«

»Nun – das werden Sie wieder nicht verstehen. Wir – Mama und ich – lebten schon lange von dem Verkauf der Pretiosen Mamas. Sie war aus sehr vornehmer Familie und so weiter. Noch ein Stein aus ihrem Juwelenschatz[28] ist da. Wenn der verkauft ist, dann – dann muß ich doch etwas anfangen, um leben zu können. Man rät mir, zur Bühne zu gehen.«

»Wer ›man‹?«

»Alle Leute.«

Leonhart starrte nachdenklich vor sich hin. »Und dabei gehen Sie zur Kirche. Hat Gott etwa mit den Brettern etwas zu schaffen?«

»Nun, er soll mich doch davor bewahren,« rief sie mit der überlegenen Klugheit eines ungeduldigen Kindes.

Er drehte sich auf dem Absatz herum, um den Strahl der Freude zu verbergen, der sein Gesicht erhellte.

»Weshalb haben Sie Abscheu davor?«

Sie zuckte mit mitleidigem Lächeln die Schultern, als ob sie sagen wollte: Dummer Mensch!, verneigte sich leicht und schritt hinaus. Er wollte ihr ein Abschiedswort nachrufen, aber sie war pfeilschnell die Treppe hinab geeilt und aus dem Haus verschwunden.

Leonhart ging lange in seiner Stube auf und nieder. Dann trat er vor den Spiegel und begann nach Art der Einsamen mit sich selbst zu reden. Ja, mein Lieber, du, der du dich seit langem für einen Todeskandidaten hältst und deshalb allen Heiratsgedanken fern bliebst, schwer wurde es dir ja wohl nicht – du bist rettungslos verliebt. Es ist ein großer Leichtsinn über dich hereingebrochen, etwas dir ganz fremdes.[29] Du wärst imstande – er hielt inne und betrachtete sich. Eigentlich bin ich ein ganz einnehmender Herr. Vornehme Blaßheit, aristokratisches Oval des Gesichts, die Leute wissen ja nicht, woher die Hagerkeit rührt, Augen, von denen in meiner Studentenzeit die Backfische behaupteten, daß sie bis ins Herz drängen, und so weiter. Sogar eine Hand breit bin ich höher als Madame Marie Therese, obschon sie für ein Mädchen recht groß ist.

Aber du bist ein deutscher Professor, mein Lieber, und die sind gegen dumme Streiche geeicht.

Oder wäre das keiner, was dir vorhin durch den Kopf fuhr? Ein Windhauch schlug das Fenster zu, das Glas klirrte wie leises Lachen.

Als der Professor eine Stunde später die Treppe hinab kam, warf ihm der Portier einen sonderbar fragenden, erstaunten Blick zu. Steinwald runzelte ärgerlich die Brauen. Er ging dreimal um das Hotel herum, ohne es zu bemerken. Dann kam ihm ein listiger Gedanke. Der Portier kannte sie gewiß. Von ihm konnte er genauere Nachrichten über sie einziehen. Aber er verwarf seinen Einfall bald wieder.

Am Abend schickte er ihr einen Brief. Ob sie erlaube, daß er sie noch einmal aufsuche.

Der Portier überbrachte ihm am nächsten Tag die Antwort. Wer sie abgegeben hätte?

»Die Frau Haube.«[30]

»Die Alte?«

»Ja, die Alte.« – Es wäre sonst eine tüchtige Person. Als die Mutter der –

»Schon gut, schon gut.«

Der Professor trat mit den Krakelfüßen Marie Theresens ans Fenster. »Es wird mich freuen, Sie zu empfangen. Marie Therese.«

Eine Stunde später ist er drüben bei ihr. Sie sitzt wie jüngsthin am Tisch. Ihr feuergelbes Haar ist schlecht gekämmt. Sie trägt ein häßliches, verwaschenes Kleid. Ihre Füße stecken in großen, unförmigen Schuhen. Als ob sie sich absichtlich unschön gemacht hätte! Er überfliegt mit einem Blick all diese Einzelheiten. Und wieder triumphiert etwas in ihm. Von Koketterie keine Spur.

Ihr Gesicht selbst bemüht sich, einen gleichgiltigen Ausdruck anzunehmen. Sie bedeutet ihn, Platz zu nehmen. Er bleibt stehen, schreitet dann zweimal durch das Stübchen und richtet sich endlich vor ihr auf. »Man nennt das in medias res vorgehen, was ich jetzt thue. Ich kann Sie nicht mehr los werden, Marie Therese, wie soll ich es anders machen? Wollen Sie meine Frau werden?«

Sie schaut ihn sprachlos an. Er drängt sie zu reden.

»Scherzen Sie?«

»Scherzen? Mit Ihnen? Wissen Sie, daß[31] ich Furcht vor Ihnen habe? So ein junger Vulkan will vorsichtig behandelt sein.«

»Ein junger Vulkan?« Sie lächelt geschmeichelt wie ein Kind. »Ich bin doch nur ein armes junges Ding.«

»Ja, nun thun Sie demütig.«

»Jetzt darf ich's ja.«

Er faßt sie an beiden Händen.

»Marie Therese, lieben Sie jemand?«

»Aber freilich, viele.«

»Keine Witze.«

Sie macht sich von ihm los. »Nein, ich – ich bin ganz für mich allein.«

»Glauben Sie, daß Sie mir gut sein könnten?«

»Ich denke es – aber ich weiß es nicht.«

»Soll ich Ihnen meine Geschichte erzählen?«

»Bitte!«

»Ich bin ganz armer Leute Kind. Seit meinem zehnten Jahr bin ich selbständig und erhalte mich. Was ich wurde, verdanke ich nur mir. Ich besitze eine nicht geringe Portion Bauernstolz. Aber ich kann's nicht leugnen, die Aristokratie des Blutes hat für mich etwas Berauschendes. Sie fände ich meist in der wohlhabenden Klasse. Die aber imponiert mir nicht. Ein barfüßig Prinzeßlein hab' ich all meine Tage gesucht. Hier sitzt es. Will es meine Hausfrau werden?«

»Woher wissen Sie, daß ich ein Prinzeßlein bin? Ich heiße doch Hofer.«[32]

Er lachte. »Halten Sie mich nicht für so einfältig. Und wenn Sie nicht einmal Hofer hießen, würde ich doch wissen, daß edles Blut in Ihren Adern fließt.«

»Ist es edel? Ich weiß es nicht. Aber Sie haben recht. Meine Mutter entstammt einer vornehmen französischen Emigrantenfamilie.«

»Wessen Namen tragen Sie?«

»Den Namen der Adoptiveltern meiner Mutter.«

»Und –«

»Fragen Sie nur ruhig weiter, und stocken Sie nicht. Mein Vater hat zwar Komödie mit Mama gespielt, aber der Priester fehlt dabei nicht.«

»Also –«

»Das heißt, in meinem Taufschein ist sein Name nicht genannt, aber vor mir selbst brauche ich nicht zu erröten, denn ich bin nicht das Kind einer sogenannten schwachen Stunde –«

»Gott, wie reden Sie wieder! Nur das nicht, das zerreißt mir das Herz! Auf Ihren unschuldigen Lippen diese Sprache!«

Sie lachte höhnisch. »Woher wissen Sie –«

»Marie Therese!« Er warf die Arme um sie und zog sie an seine Brust. Sie sträubte sich wie ein zappelnder Vogel in der Schlinge. Er ließ sie nicht los. Dann wurde sie ruhiger. Zuletzt lag ihr Haupt ganz still an seiner Schulter.

Da gab er sie frei und strich sanft über ihr Haar.

»Ich habe ein gutes Vermächtnis zu hinterlassen.[33] Einen stolzen, makellosen Namen. Nun habe ich eine gefunden, die ihn tragen darf. Ich, Marie Therese, ich sag's dir ganz leise ins Ohr, ich habe nicht lange mehr zu leben. Du wirst dann dastehen in all deiner Jugendherrlichkeit, frei von Sorgen, frei von jeglicher Verpflichtung, und kannst beginnen, was du willst. Aber halte meinen Namen wert, so lang du ihn trägst, hörst du? Und vergiß nicht, mich zu segnen, daß ich dich vor dem Sumpf bewahrt habe, in den du dich begeben wolltest.«

Sie sah wortlos in sein Gesicht. Lange, wohl zwei Minuten lang. Etwas Ungekanntes ging in ihr vor. Dann legte sie ihre heißen vollen Lippen auf seinen Mund.[34]

Quelle:
Maria Janitschek: Frauenkraft. Berlin 1900, S. 23-35.
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