6

[55] In der Pomona gings lebhaft zu.

Gäste kamen und entfernten sich, um neuen Platz zu machen. Die kleinen Stuben, aus denen das Speisehaus bestand, waren dicht gefüllt. An einem Tisch im letzten Zimmer entdeckte Hildegard ihre neue Bekannte. Die Lehrerin trat gleich auf sie zu und stellte sie einer jungen Dame vor, die an demselben Tische aß.

»Fräulein Glanegg« sagte Elvira, »studiert Naturheilmethode, um später eine Anstalt zu eröffnen.«

»O bis dahin hats noch lange Zeit« meinte das hübsche blonde Mädchen, das sehr wohlgenährt und zufrieden aussah.

»Kann ich die Speisekarte haben?« fragte Hildegard eine vorübereilende Kellnerin.

»Gleich« wurde geantwortet.

Hildegard sah sich indessen um. Soviel Leute auch da waren, soviel Wünsche und Begehren auch geäußert wurden, es geschah alles ohne Lärm, ohne Hast. Man[55] sprach halb flüsternd und aß dabei mit großen Löffeln das Gemüse von den Tellern, auf denen es serviert wurde. Als Hildegard nach etwa einer Viertelstunde noch nicht bedient wurde, rief sie abermals das Mädchen. Nun erhielt sie ihre bestellten Maccaroni.

»Hier muß man Geduld haben« meinte Elvira, »die Mädels bedienen die Herren zuerst, wir Frauen kommen später an die Reihe.«

»Und lassen Sie sichs gefallen?«

»Aber ich bitte Sie, was soll man denn machen?«

»Kellner anstellen.«

»Puh; lieber eine Stunde lang warten, als solch einen faden Gecken herumschwänzeln sehen.«

Hildegard lachte.

»Sie haben es aber scharf auf die Männer abgesehen.«

»Mag sein, aber nicht mit Unrecht.«

»Und doch lassen Sie ihnen willig den Vortritt.«

»Willig nicht, nur gezwungen. Es ist eben so im Leben, was kann man dagegen machen?«

»Aber dann wäre ja die ganze Frauenbewegung nur eine Komödie. Sie beanspruchen doch gleiche Rechte.«

Die Lehrerin wischte sich mit der Papierserviette die Lippen und lehnte sich zurück.

»Wir wollen doch nicht mit solchen Kleinigkeiten unsere Reform beginnen. Wir wollen nicht von unten[56] nach oben, sondern von oben nach unten reformieren. Räumt man uns erst die gesellschaftliche Stellung des Mannes ein, dürfen wir ebenso im Gerichtssaal, auf dem Katheder wirken wie er, dann ergiebt sich alles andere von selbst. Abwarten.«

Hildegard bestellte sich noch einen Teller Paradiesäpfel. »Ich denke, wir haben lange genug gewartet. Wenn die Frauen« setzte sie nachdenklich hinzu »wirklich überzeugt von dem Recht ihrer Ansprüche wären, würden sie nicht viel mutiger auftreten?«

Das junge Mädchen am Tische nickte.

»Das kann ich nicht leugnen. Wir sind sehr feig. Als der Arzt, unter dem ich meine ersten Studien begann, mir eines Tages eine Liebeserklärung machte, blieb ich aus Angst fort, statt ihn gehörig abzukanzeln.«

»Na hören Sie, wenn Sie von Feigheit reden, wer ist dann mutig unter uns?«

Fräulein Glanegg lachte, daß man ihre glänzenden Zahnreihen sah, und entgegnete nichts. Elvira winkte der Kellnerin. Man bezahlte. Dann erhoben sich die drei Damen. Vor dem Hause nahmen sie Abschied von einander. Fräulein Glanegg stieg in einen Pferdebahnwagen, und Hildegard schloß sich Elvira an, um sie zu ihrer Schule zu begleiten.

»Ein hübsches Mädchen« sagte sie im Gehen.

»Ja, nichtwahr?«[57]

»Verkehrt sie auch bei Frau von Werdern?«

»Gott bewahre« rief Elvira, »die würde dort nicht geduldet werden. Unsere Emanzipierten halten sehr auf die gesellschaftliche Sauberkeit, das muß man ihnen lassen. Und Gott sei Dank! Denken Sie nur, was würde es unserer Sache für Schaden bringen, wenn solche sogenannte interessante Existenzen sich daranhingen.«

»Spielen Sie auf dies junge Mädchen an?«

Elvira blieb stehen und blickte Hildegard an.

»Wissen Sie, ich für meinen Teil habe nichts gegen Fräulein Glanegg einzuwenden, aber – doch hören Sie. Es bleibt natürlich unter uns. Sie lebt mit einem zwanzig Jahre älteren Manne zusammen, der Vater von drei Kindern ist, und dessen Frau sich in den dürftigsten Verhältnissen befindet.«

»Weshalb trennt er sich nicht von der Gattin, um die Glanegg zu heiraten?«

»Das ist ja eben das Unglaubliche an der Sache. Sie will nicht geheiratet werden. Sie ist für die ›freie Liebe‹.«

»Das ist stark« meinte Frau Wallner, »und zu seiner Frau zurückkehren mag er auch nicht?«

»I wo! Er liebt ja die Andere.«

Hildegard schüttelte den Kopf. »So etwas begreife ich nicht. Es kommt mir einfach verrückt vor.«

In diesem Augenblick fuhr eine elegante Equipage[58] vorüber, aus der eine Dame Elvira gnädig zunickte. Die Lehrerin verneigte sich tief. »Frau von Kranbüchler, Eine unserer Hauptstützen. Nächsten Sonnabend werden Sie sie wohl bei Frau von Werdern treffen. Sie ist alle paar Abende da.«

»Wer ist sie denn?«

»Eine sehr reiche, von ihrem Manne geschiedene Frau. Die Frauenbewegung ist ihr Schooßkind.«

»Sie hat wohl keine andern Kinder?«

»Doch, sogar deren drei. Aber diese verfügen über Gouvernanten, Erzieherinnen, Bonnen, so daß die eigene Mutter wenig mehr für sie zu thun findet.«

»Und da widmet sie sich der Frauenbewegung?«

»Jawohl.«

»Aber dann ist es ihr ja bloßer Zeitvertreib, nichts anderes.«

Elvira zuckte die Schultern. »Möglich. Jedenfalls ist ihr Geld, mit dem sie sehr freigebig umgeht, für unsere Sache gut zu gebrauchen.«

Die beiden Frauen gingen eine zeitlang schweigend neben einander, dann meinte Hildegard: »Diese Glanegg verläßt meine Vorstellung nicht; wissen Sie, im weitern Sinne gehört sie doch auch zu den Emanzipierten. Nur diese ganze Bewegung konnte ihr den Boden ebnen, auf dem sie jetzt geht.«

»Das leugne ich nicht« meinte Fräulein Kampfmann,[59] »aber sagen Sies nie im Salon der Frau von Werdern. Der bloße Name der Glanegg macht ihr unwohl.«

Hildegard schüttelte den Kopf. »Ich finde mich in all diesem nicht zurecht.« Dann reichte sie Elviren die Hand hin. Sie waren vor der Schule angekommen.

Frau Wallner setzte einsam ihren Weg fort. Sie spürte von Stunde zu Stunde eine immer größere Leere in sich wachsen. Etwas wie eine tiefe Beschämung bemächtigte sich ihrer. Sie mußte doch sehr naiv gewesen sein früher, – oder nein, eigentlich grenzenlos hochmütig, oder noch etwas anderes: borniert. Sie trat in eine Konditorei, die auf ihrem Wege lag, ließ sich eine Tasse Chokolade geben, und versank in Gedanken. Merkwürdig, früher hatte sie so wenig selbst gedacht. Immer mit den Gedanken Anderer. Beim Lesen von Büchern, in der Kirche, in der Gesellschaft ihrer Freundinnen. Alle möglichen Einflüsse hatten auf sie gewirkt, nur ihr eigenes Selbst hatte sie nie aufgefordert, sein Bekenntnis zu sagen. Wie wäre das auch möglich gewesen? Als braves Kind wurde sie erzogen zu denken wie ihre Eltern, gute Kleinbürger, dachten. Dann kam sie zur Schule, wo ziemlich beschränkte Lehrerinnen, die im Plappern fremder Sprachen das Heil ihrer Schülerinnen sahen, ihre Erziehung leiteten. Dann geriet sie unter den Einfluß ihrer Freundinnen, tadelloser Gesellschaftsgänse,[60] die keinen Schritt vom Wege thaten, aber auch keine Ahnung besaßen, was einen wirklichen Menschen ausmacht. Die ganze Ödheit des jungen wohlerzogenen Mädchens schmückte sie. Die Schablonenjungfrau, wie sie im Ballsaal und im Wohlthätigkeitsbazar prangt, war ihr Ideal, dem sie auch ähnlich wurde.

Eines Tages kam ein junger warmherziger Schwabe in ihr elterliches Haus. Er war Maler und hatte in Stuttgart sein Atelier. Er wollte sich um Studien zu machen kurze Zeit in dem lieblichen Konstanz aufhalten. Ja damals! Hildegard seufzte auf. Er verliebte sich in ihre blonden Haare, ihren rosenfarbenen Teint, ihre blitzenden Zähne. Er warb um sie. Drei Monate später war Hochzeit. Einhart war nicht dazu gekommen, die Seele seiner Erkorenen kennen zu lernen. Wann auch? In so geordneten Verhältnissen werden keine Opfer gefordert noch gebracht. Aus der guten Stube des elterlichen Hauses kam sie in die gute Stube ihres eigenen Heims. Als die Eltern tot waren, Vermögen hatten sie nicht hinterlassen, mußten sich die jungen Leutchen etwas einschränken. Aber Einhart verdiente viel. Er war von Stuttgart nach Konstanz übergesiedelt, und alles ging flott. Da begannen ihre Eifersuchtsanwandlungen, die ersten Schatten, die auf ihr Glück fielen. Er in seiner warmen Güte rechnete mit ihnen.[61] Er wollte ihr entgegenkommen und stellte ihr die Zumutung, die die Philisterin in ihr so empört hatte. Jahre des Zwistes begannen. Sie war beständig von Bitterkeit erfüllt. Sie mochte nicht, daß er malte, wünschte aber doch auch wieder nicht, daß der Verdienst fortfiel, den seine Kunst ihnen eintrug. Und als er in seiner Verzweiflung nach dem letzten Mittel gegriffen hatte, sie nach beiden Seiten hin zufriedenzustellen, denn er hing sehr an ihr, wandte sie sich erbost ganz von ihm ab. Er hatte kein böses Wort, keinen Vorwurf für sie gehabt. »Thue, was du nicht lassen kannst« war das Einzige gewesen, das sie ihm entrungen hatte. »Geh, wohin du magst.« »Aber ich will von dir geschieden sein.« »Das geht nicht so schnell« hatte er mit gepreßter Stimme geantwortet. »Laß es dir einstweilen an der Trennung genügen. Ich will indessen die notwendigen Schritte einleiten.« Und sie war von ihm gegangen, mit seinem Geld in der Tasche, von einem letzten ruhigen Blick seines Auges begleitet. –

Sie bezahlte rasch und eilte hinaus. Sie mußte Luft schöpfen. – – – – –

Nach längerem planlosen Hinirren kehrte sie nach Hause zurück. Sie entkleidete sich und begab sich zu Bette. Der dunkle Vorhang glitt lautlos nieder. Heute flößte er ihr keinen Schrecken ein. Es war ihr alles[62] gleichgültig, was sie betraf. Sie wollte nur eins: sich anschauen. Dieser Hang zur Selbstschau war ihr neu. Und indem sie einschlief, dachte sie: Wie seltsam! Für alles sorgen unsere guten Eltern, nur für etwas nicht: sie bringen uns das Denken nicht bei. Statt uns mit Spielzeug zu überhäufen, dessen Zweck es ist, uns zu »zerstreuen«, sollten sie uns lieber in ein kahles Zimmer führen. »So Kind, nun bleibe eine Weile in Deiner eigenen Gesellschaft.«[63]

Quelle:
Maria Janitschek: Die Amazonenschlacht, Leipzig 1897, S. 55-64.
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