Erstes Fruchtstück

[409] Brief des Doktor Viktor an Kato den Ältern über die Verwandlung des Ich ins Du, Er, Ihr und Sie – oder das Fest der Sanftmut am 20ten März


Flachsenfingen, den 1ten April 1795


Mein lieber Kato der Ältere!


Einen Wortbrüchigen wie Sie, der so heilig zu meinem Feste zu reisen versprach und doch nicht kam, muß man nicht wie die Wilden andere Fälscher ihres eignen Wortes damit strafen, daß man ihm die Lippen vernäht – dabei verlöre nur der Zuhörer –, sondern daß man sie ihm wässerig macht. Wenn ich Ihnen unser Friedenfest der Seele recht treu und reich werde geschildert haben: so will ich mir vor dem Fluche die Ohren zuhalten, den Sie über Ihren schlimmen Genius ausstoßen. Wir philosophierten alle am Feste, und alle bekehrten sich, mich ausgenommen, der ich zu keinem Neubekehrten taugte, weil ich der Heidenbekehrer selber war.

Unsere Flotille von drei Kähnen – der Furchtsamkeit der Damen wegen mußten wir den dritten nehmen – lief den 20ten März nachmittags um 1 Uhr aus, stach in den Fluß, gewann die hohe See, und nach 1 Uhr konnten wir schon die Staubfäden und Spinnengewebe der Insel deutlich erkennen. Um 1/4 auf 2 Uhr stiegen wirklich ans Land der Professor – dessen Eheliebste nebst einer Kleinen und einem Kleinen – Melchior Jean Paul – der Regierungrat Flamin – die schöne Luna (hier tun Sie Ihren ersten Fluch) – der Endes-Unterschriebene und die Frau desselben.

Es wurde einiger Burgunder ausgeschifft; in den Frühlinganfang, der heute um 3 Uhr 38 Minuten bevorstand, wollten wir auf einem Strome der Zeit hineinfahren, den wir ansehnlich gefärbt und versüßet hatten. Über die Insel, Kato, waren viele außer sich und wünschten meistens, sie hätten dieses holde bowlinggreen des Rheins, dieses Lustlager in den Wogen nur eher[409] betreten. Luna, älterer Kato (irr' ich nicht, so haben Sie diese weiche Seele, die statt eines Körpers eine weiße Rose bewohnen und röten sollte, schon einmal gesehen), Luna weinte halb vor Entzücken (denn halb wirds Trauer über jeden Abwesenden gewesen sein), halb vor Entzücken nicht sowohl über die Erlen-Familien am runden Ufer oder über die italienischen Pappeln, die trunken und zitternd in den umfangenden wiegenden Lüften lagen, noch über die grün-sonnigen Gänge, sondern zwar erstlich über alles dieses und über den Frühling-Himmel und über den Rhein, der ihm seinen zweiten Himmel über Amerika vormalte, und über die Ruhe und Wonne ihrer Seele, aber doch hauptsächlich über die Alpe mitten im Eilande.

Die Alpe wird bei Gelegenheit in diesem Schreiben abgeschattet. Ich fragte Lunen sogleich, wo Sie wären; »auf der Frankfurter Messe«, repartierte sie. Wars denn wahr?

Eine ankommende Gesellschaft wird nicht wie die Bruchschlange von jeder Berührung des Zufalls in zehn zappelnde Stücke zerlegt; sogar die Weiber blieben bei uns, denen ich durch mein Anordnen des Abendessens alle Gelegenheit zu häuslichen Verdiensten abschnitt. Die Barataria-Insel sollte heute zu einem gelehrten Waffenplatz und Kriegtheater werden. Ich liebe das Disputieren; gelehrte Zänkereien sind einer Gesellschaft so ersprießlich als verliebte der Liebe oder als Schlägereien der Marionetten-Oper. – Gewisse Menschen sind gleich den Herrnhutern, die sonst den Beichtstuhl und das Beichtkind wechselnd machten und sich einander ihre Seelen malten, ihre eigne Steckbriefe und heften Anschlagzettel von ihrem Innern in dreier Herren Landen an – – und so bin ich: einen Fehler, den ich an mir finde oder ändere, nämlich einen deutschen Anzeiger davon, trag' ich sogleich durch die halbe Stadt, wie Damen den Zeugenrotul von einem fremden. Seit drei Wochen, mein lieber Kato, ist nun meine ganze Seele mit einem unverrückten Sonnenschein von Ruhe und Liebe überdeckt, den mir der sel. Oberpikeur, der ihn selber nicht hatte, ohne sein Wissen vermachte; und jetzo rast' ich nicht, bis ich diesen köstlichen Nachlaß auf euch alle weiter vererbe.[410]

Als Polizeileutenant der Insel konnt' ich also auch Polizeianstalten über die Gespräche auf ihr treffen; und ich lenkte unsers auf den Pikeur. Die Wespen sumsten nun aus ihrem Neste; die erste Wespe war Ihr Hr. Bruder Melchior selber, der in den Geiz des Pikeurs seinen Stachel schoß und sagte: diese Leute, die ihre Beute im Sarge erst der Armut vererbten, glichen den Hechten, die im Fischkasten den verschluckten Raub sogleich von sich geben; sie sollten es aber lieber wie Judas Ischariot machen und noch vor ihrem Hängetag ihre Silberlinge in die Kirchen werfen. Der zweite Bruder war die zweite Wespe, Hr. Jean Paul, der sagte: »Bloß Geizhälse sterben nie lebensatt, noch unter den Händen des Todes suchen sie mit ihren etwas zu verdienen und kütten sich, wie die zerschnittene Napfmuschel, noch fürchterlich mit der blutigen Hälfte an die Erdscholle fest.« – »Ach«, sagt' ich, »jeder Mensch ist in irgend etwas ein ausgemachter Filz. Ich kann einen Menschen, der sich nur auf eigne Kasteiungen und Mortifikationen einschränkt, nicht mehr so bitter verfolgen, als ich sonst tat: was für ein außerordentlicher Unterschied ist denn zwischen einem gelehrten antiken Wardein, der alle Freuden seines Lebens destilliert, abdampfet und anschießen läßt in den Rost eines Münzkabinetts, und was für einer zwischen dem Filze, der die Exemplare seines Münzkabinetts wie Stimmen zugleich wiegt und zählt? Wahrlich ein geringerer als der unserer Urtel über beide.« Nun wollt' ich geschickt auf den Pikeur überlenken; aber man bat mich allgemein, nach der Uhr zu sehen. Den Insulanern hatt' ich als Vice-Re beim Hafen alle Uhren wie Degen abgenommen, damit sie heute ohne Zeit, bloß in einer seligen Ewigkeit lebten; nur Paul behielt seine, weil es eine von den neuen Genfern war, deren Zeiger, immer auf 12 Uhr hinweisend, erst nach dem Druck einer Springfeder die rechte Stunde angibt. –

Es war schon 3 Uhr vorbei: in 38 Minuten hielt der Frühling, dieser Vor-Himmel der Erde, dieses zweite Paradies, seinen großen Einzug über die mürben Ruinen des ersten; aus dem Himmel waren schon alle Wolken geräumt, Frühlinglüfte hingen kühlend um die im Blauen brennende Sonne; und drüben auf einem Weinhügel des Rheins schlug schon in einem zusammengeschlichteten[411] Gebüsche von abgeschnittenen Kirschenzweigen ein vom Frühling vorausgeschickter Vorsänger, eine Nachtigall, und wir konnten in ihrem durchsichtigen Gitterwerk die Töne in ihrem Kehlengefieder zittern sehen.

Wir stiegen auf den künstlichen Gotthardsberg, der sich mit Rasenbänken und ausgelaubten Nischen umgürtet und auf dessen Gipfel eine Eiche statt einer Krone steht. Oben sind statt eines zwingenden Rundes aus Rasen, das jedem seine Richtung vorschreibt, bloß einzelne Rasensitze. – Der Mensch, die Eintagfliege über einer Welle Zeit, braucht überall Uhren und Datumzeiger zu Abmarkungen am Ufer des Zeitenstroms; er muß, obgleich jeder Tag ein Geburt- und Neujahrtag ist, doch einen eignen dazu münzen: es schlug in uns 38 Minuten – aus dem wellenschlagenden Blau herab schwamm ein weites Wehen nieder und wiegte, im Auseinanderwallen, die quellenden Reben und die matten Pfropfreiser und die weichen Holunderfühlfäden und die kräftige spitzige Wintersaat und warf die ziehenden Tauben höher. Die Sonne beschauete sich trunken über der Schweiz im glänzenden erhabnen Eisspiegel des Montblanc, indes sie unbewußt wie mit zwei Armen des Schicksals Tag und Nacht in Hälften zerstückte und jedem Lande und Auge so viel herunterwarf wie dem andern. – Wir sangen Goethes Lied auf den Frühling. – Die Sonne zog uns von dem Berge in die Höhe wie Tau, und die losfallende Erde rührte taumelnd an unsere Füße, und die Lethe des Lebens, der Wein, hüllte das dunkle Ufer zu, worin er zog, und spiegelte bloß Himmel und Blüten ab. – Klotilde sagte jetzo, als ich weghörte, nicht zu uns, sondern zu Ihrer Luna – ich bin jetzt, lieber Kato, erinnerungtrunken, und ich lade Sie hiemit sogleich ein auf den loten April-: »Ach wie schön ist die Erde zuweilen, Teuerste ich glaube, wir sollten sie weniger herabsetzen – sind wir nicht wie Orest in der Iphigenie und glauben in der Verbannung zu sein, indes wir schon im Vaterlande sind?«

Jeder Tritt vom Berge herab senkte uns wieder in die gewöhnliche Sumpfwiese des Lebens ein. »Was hilft uns«, sagte Melchior ordentlich unmutig, »alle diese Pracht in und außer uns, wenn morgen eine einzige leidenschaftliche Erschütterung eine Lauwine[412] von Schneeklumpen auf alles Warme und Blühende in uns wirft. – Der April im Universum verdrießt mich nicht, aber der in der Menschen Brust – man ist am härtsten nach der Erweichung und bis zum Weinen zerschmolzen nach einer mörderischen Erschütterung, wie das Erdbeben warme Quellen gibt. – Morgen, das weiß ich, feind' ich und fahr' ich in der Sitzung wieder alles an. – Jämmerlich, jämmerlich! Und du, Flamin, bist gar nicht besser!« Dieser sagte rührend-aufrichtig: »jawohl!« – Luna und meine Frau nahmen die Professorin zwischen sich und jede eines ihrer Kinder auf den Schoß und setzten sich auf den untersten grünenden Wall des Berges, auf die Sonnenseite der Nachtigall: wir waren zu lebhaft zum Sitzen.

»Ach«, sagte Jean Paul und lief mit hinabhängenden gefalteten Händen auf und ab und schüttelte den Kopf und warf den Hut weg, um wenigstens die Augen höher und freier zu haben, »ach, wer ist denn anders? Den Schwur einer ewigen Menschenliebe tun wir in allen Stunden, wo wir weich sind oder jemand begraben haben oder recht glücklich waren oder einen großen Fehler begangen oder die Natur lange betrachtet haben oder im Rausche der Liebe oder in einem irdischern sind; aber anstatt menschenfreundlich werden wir bloß meineidig. Wir schmachten und dürsten nach fremder Liebe, aber sie gleicht dem Quecksilber, das sich zwar so anfühlt wie Quellwasser und so fließt und so schimmert und das doch nichts ist als kalt, trocken und schwer. Gerade die Menschen, denen die Natur die meisten Geschenke gemacht hat und die also andern keine abzufordern, sondern bloß zu erteilen hätten, begehren, gleich Fürsten, desto mehr vom Nebenmenschen, je mehr sie ihm zu geben haben und je weniger sie es tun. Gerade zwischen den ähnlichsten Seelen sind die Mißhelligkeiten am peinlichsten, wie Mißtöne desto härter kreischen, je näher sie dem Einklange sind. – Man vergibt ohne Ursache, weil man ohne Ursache zürnte; denn ein gerechter Zorn müßte ein ewiger sein. Nichts beweiset die elende Unterordnung unserer Vernunft unter unsere herrischen Triebe so auffallend, als daß wir unter den Heilmitteln gegen Haß, Kummer, Liebe u.s.w. die bloße platte Zeit aufstellen – die Triebe sollen vergessen oder [413] ermüden, zu siegen – die Wunden sollen unter dem Markgrafen- oder sympathetischen Pulver des Flugsandes in der Sanduhr der Zeit versanden. – – Gar zu jämmerlich! – Was hilft aber alles und am Ende mein Klagen?«

»Die Sache ist« – antwortete der helle sanfte Professor, in dessen Kolorite nur einige pedantische Tuschen gebraucht sind –: »die Gefühle der Menschenliebe125 helfen nichts ohne Grundsätze.« – »Und Grundsätze«, sagte Paul, »nichts ohne Gefühle.«

»Folglich« – fuhr der Professor fort; denn ich konnte mit meinem Pikeur nicht zum Schlagen kommen und hielt müßig mit ihm im Hintertreffen – »müssen beide so verbunden sein wie Genie und Kritik, wovon jenes allein nur Meister- und Schülerwerke, und diese allein nur Alltagwerke liefern kann. Mich dünkt, der Mangel an Liebe kommt nicht von unserer Kälte, sondern von der Überzeugung her, daß der andere keine verdiene; die kältesten Menschen würden die bessere Meinung von ihren Mitbrüdern und die größere Wärme gegen sie zugleich bekommen.«

»Muß man denn aber nicht, Hr. Professor«, sagte Klotilde, »eben das Unrecht dem Feind vergeben? Das Recht soll man ja nicht vergeben?«

»Natürlich nicht« – antwortete er, aber weiter wollt' er sich nicht stören lassen. »Eigentlich kann keine andere Häßlichkeit und Schädlichkeit ein Gegenstand unsers Hasses sein als die moralische.«

»Ich könnte Sie hier sogleich«, sagte Jean Paul, »mit grimmigen Tiergefechten und kriegenden Kinderstuben aufhalten; denn beide fühlen keine Immoralität des Feindes und hassen ihn doch; aber ich kann mich selber beantworten, wenigstens so so. Hasseten[414] wir nicht bloße Immoralität: so müßte der hereinhangende Zweig, der uns entgegenschlüge, und der Mensch, der ihn abgeschnitten, um dasselbe damit gegen uns zu tun, uns auf gleiche Art erbittern. Die Entrüstung eines geschlagenen Kindes ist vom Abscheu des Selbsterhaltungtriebes, z.B. von dem Abscheu vor Scheidewasser oder vor Wunden, verschieden; es ist in ihm ein doppeltes, wesentlich verschiedenes Unbehagen vorhanden, das über die Wirkung und das über die Ursache. – Wesen, die der Moralität fähig sind, unterscheiden sich von denen, die es nicht sind, nicht im Grade, sondern in der Art; folglich kann kein nichtmoralisches mit der Zeit oder stufenweise in ein moralisches übergehen. Wenn nun Kinder in irgendeinem Alter völlige nichtmoralische Wesen wären: so könnten sie in keinem Jahre auf einmal anfangen, andere zu werden. Kurz ihr Zorn ist nur ein dunkleres Gefühl der fremden Ungerechtigkeit. Bei den Tieren weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß in ihnen Verwandtschaften unserer moralischen Gefühle sein müssen – wer ihnen Seelen-Unsterblich keit verleiht wie wir, der muß ihnen ohnehin einige Anfanggründe und präexistierende Keime der Moralität einräumen, wären auch diese von ihrem tierischen Wulste noch stärker als das Gewissen bei Schlafenden, Wahnsinnigen und Trunknen überschwollen.......Ach, hier ist Nacht an Nacht! – Und diese Dunkelheit, Hr. Professor, sei meine Strafe für mein Unterbrechen und Verbauen Ihres Lichts.« –

»Wenn also«, fuhr er fort, »der Haß sich bloß gegen moralische Fehler richtet: so ists sonderbar, daß wir niemals, auch sogar für die größten, uns selber hassen.«

»Mich dünkt«, sagte Flamin, »man sei sich aber zuweilen wegen seiner Übereilungen spinnefeind.« – »Auch würden Ihre Gründe«, setzte Jean Paul hinzu, »ebensogut gegen die Liebe gelten, halb wenigstens; aber antworten Sie nur dem da!«

»Uns selber«, sagt' er, »hassen wir nie, sondern wir verachten oder bedauern uns nur, wenn wir gesündigt haben; gleichwohl das wollt' ich noch dazufügen – feinden wir alle Menschen, unser Ich ausgenommen, der Laster wegen an. Kann das recht sein? – Selberhaß, Hr. Regierungrat«, fuhr er mit höherer Stimme fort,[415] »ist nicht möglich; denn Haß ist nichts als ein Wunsch des fremden Unglücks, d.h. ein Wunsch der Strafe, nicht einer bessernden, sondern einer rächenden. Eine solche Züchtigung kann sich aber der bußfertigste Sünder selber nicht wünschen; und sogar dieser Wunsch wäre nichts als ein versteckter der Besserung, d.h. der Beglückung. Einem fremden Sünder aber gönnen wir kaum schnelle Bekehrung, wenigstens keine ohne den Durchgang durch vergeltende Büßungen. Was also in unserer Empfindung gegen fremde Fehler mehr ist als in der gegen eigne, das ist eine Verfälschung von unserer Eigensucht – Der kleinste Haß begehrt das Unglück des Feindes: das hab' ich noch zu erweisen.«

Seine eigne Frau wandte ein: »Mein eignes Herz sagt mir ja deutlich, daß ich meine ärgste Feindin weder um Haus und Hof noch um ihre Kinder noch ins Elend bringen möchte – ich hielt' es nicht einmal aus, wenn eine meinetwegen ein Auge naß machen müßte.«

»Recht gut!« verfolgt' er kalt, »die bessere Seele wird nie ihrem Gegenfüßler einen Beinbruch vergönnen, noch ihn hülflos ohne einen Flocken von Wundfäden oder einen Wunsch der Heilung verlassen im Knochenbruch; aber ich weiß, daß dieselbe bessere Seele sich an seinen kleinern Schnittwunden des Lebens belustigt – an seinen Beschämungen – an seinem Spielverlust – am Rückgange seiner Schlitten-Lustfahrt – an seinem komischen Gebärdenspiel und Anzuge – am Ausfallen seines Haars –« (Hier kam er unschuldigerweise unserm Jean Paul in seines, dessen Scheitel das Schicksal der neunten Kurwürde hat.) »Die mildeste Seele verbirgt nur hinter ihre weiche Teilnahme an großen Schmerzen das harte Wohlgefallen an kleinen, die doch das kleinere Beileid fodern. Die zartesten Menschen, die ihrem Feinde nicht die kleinste Hautwunde ritzen könnten, schlagen seinem Herzen doch mit Vergnügen tausend tiefere.« – »Ach, wie ist das möglich?« sagte Luna. – »Es wäre auch wohl nicht möglich«, antwortete ihr Klotilde, »wenn der Seelenschmerz eine so bestimmte Physiognomie und so sichtbare Tränen hätte wie der körperliche.«[416]

»Ja«, sagte der Professor, »– das ists... Um sich gegen Lasterhafte sanfter zu machen, denke man sie sich nur ganz in seine Hände geliefert: was würde man ihnen denn antun wollen? Die peinliche Frage oder Folter würden wir nach dem ersten Bekenntnisse ihrer Mängel einstellen. Aber eben durch die Unmöglichkeit, die Strafe auszuteilen, wird unsere Entrüstung sowohl verewigt als verdoppelt.«

»Ja, wahrlich!« sagte Melchior. »Je öfter ich von den zwei lebendigen Guillotinen des Jahrhunderts, deren Lippen Parzenscheren waren, von Alba und Philipp, lese oder meinetwegen von den zwei andern Völker-Schnittern, Marat und Robespiere: desto schärfer frißt mir, da ihnen der Tod die Amnestie-Akte geschrieben, das Ätzwasser des Grimms ihr Strafurtel in mein eignes Herz.«

»Und doch«, fiel ich einmal ein und ließ den Pikeur bei dem Nachtrab, »soll mir und Ihnen heute jemand den Herzog und den König lebendig einhändigen und zwei Kessel warmes Öl dazu... nein, ich könnte keinen hineinwerfen, es müßte denn das Öl recht lange in der Kälte gestanden sein; ich würde sie mit einer Realterrition und mit einigen hundert Infamienstrafen begnadigen. Ach, welcher eiserne Mensch wäre doch das, der ein von Qualen berstendes Herz und ein Angesicht, auf das der Wurm der Pein seine Windungen zöge, nicht wenn er könnte mit einer kühlenden heilenden Hand besänftigte und labte. – Aber«, fuhr ich hurtig fort, um einmal von meinem Pikeur Gebrauch zu machen, »im Affekte stellet uns die Erinnerung an alle vorige Irrtümer desselben nicht im geringsten gegen jetzige sicher.«

»Sie lassen mich«, fiel der Professor ein, »nur nicht zum Worte. Denn ich bin noch manche Erweise schuldig, die ich so gern abtrage. Unser Haß verkehrt als Affekt allemal jede Tat in ein ganzes Leben – jede Eigenschaft in eine Person, oder richtiger, da wir die Person doch nur im Spiegel ihrer Eigenschaften erblicken, eine Eigenschaft in alle; nur in der Freundschaft, nicht im Hasse wissen wir recht leicht den verdorbenen Bestandteil von der Person zu trennen, ja bei ihr verstatten wir uns die umgekehrte Verwandlung der Attribute (Eigenschaften) ins Ich. –[417]

Wir hassen, insofern wir hassen, immer so, als hätte der Gegenstand weder vergangne Tugenden, noch Anlagen dazu, kein Mitleiden, keine Wahrheit, keine Kinderliebe, keine einzige gute Stunde, gar nichts. Kurz wir machen, da wir nur auf das Ich, nicht auf die augenblickliche Erscheinung desselben zürnen, das Wesen, dessen Strafe wir aussprechen, zu einem rein-bösen Wesen. Und doch ist nicht einmal eines denkbar; die Stimme des Gewissens, die in ihm tönte, obwohl umsonst, würde das erste Gute sein, der Schmerz, den es fühlte, das zweite, und jede Freude und jeder Trieb des Lebens wieder eines.«

»Ach, wie schön«, sagte Luna, »daß es kein so böses Wesen gibt und daß wir keines ganz zu hassen brauchen.«

»Das Ich kann schon darum«, schloß er weiter, »nicht angefeindet werden, weil es noch dasselbe ist, wenn es sich bessert und unsre Zuneigung erringt.«

In der Eiligkeit des Kampfes wurde von den zwei Hohlspiegeln, die uns die fremde moralische Verzerrung noch wilder verzerren, einer vergessen, es war unsere Ichsucht. Wenn ich oft Frauen von gleichem Wert und Selbstgefühle auf dem Markte keifen hörte und sah, und wenn die erste mit Lust das Schimpfwort wie einen glühenden Stein in die Brust der zweiten schleuderte, die mit Unlust in Wellen um den Stein aufsod und brauste, indes die dritte sich auf dem Mittelwege kühl dabei verhielt: so schämt' ich mich der Menschheit, daß dieselbe Injurie oder Immoralität, die auf alle dieselbe Wirkung machen sollte, in dem einen Menschen eine zu starke, im zweiten eine zu schwache, im dritten eine gleichgültige nachließ.

Auf den zweiten Verzerr-Spiegel zeigte Paul: auf die Sinne. Denn diese machen den Essig des Hasses um die Hälfte schärfer, indem sie das Sinnliche des Feindes, seine Kleider, Mienen, Bewegungen, Töne etc. gar in den Sauertopf als Essigmutter werfen.

Hier erschien der gordische Knoten, den ich nur mit dem Pikeur zerhauen konnte: »Wer rettet uns denn von den Sinnen?« fragt' ich mit einiger Hoffnung. – »Ich lasse«, fuhr Melchior auf, »wenigstens meiner Menschenliebe die Sinne nicht abrechnen: sie sind das Stroh, womit das Feuer unter dem steigenden Luftball[418] des Herzens unterhalten wird.« Aber Jean Paul drängte mich von dem Knoten zurück: »Ich bewahre«, sagt' er, »ein gutes versüßendes Mittel, wenn ein Sünder meine Sinne erbittert. Ich nehm' ihn und zieh' ihm wie ein siegender Feind alle Kleider aus und lass' ihm nicht einmal Hut und Zopf – wenn er nun so jämmerlich und kahl wie ein Toter vor mir steht (in der Phantasie nämlich): so fängt der Schelm schon an, mich zu dauern. Das langt aber nicht zu: ich muß mich noch mehr versüßen und gehe weiter und schlitze ihn durch einen langen Schnitt in die drei Kavitäten (Höhlungen) von oben bis unten entzwei wie einen Karpfen, so daß ich leicht das Gehirn und Herz pulsieren sehen kann. Der bloße Anblick eines roten Menschenherzens – dieses Danaidengefäßes der Freude, dieses Behältnisses von so manchem Jammer – macht als eine lebendige Lorenzodose mein eignes weich und schwer; und ich habe oft auf dem anatomischen Theater einem Straßenräuber nicht eher vergeben, als bis uns der Prosektor das Herz und das Gehirn des Inquisiten vorwies. Du unglückliches, du jammervolles Herz, wie manche glühende und wieder gefrierende Blutwellen mögen sich durch dich gewälzet haben! mußt' ich allzeit mit innerster Rührung denken. – Verfing aber alles nichts an mir: so tat ich das Äußerste und schlug den Feind tot und zog das nackte flatternde Seelchen, den Abendschmetterling, aus der Gehirnkammer-Verpuppung und hielt mir so den zappelnden Abendvogel zwischen den Fingern vors Gesicht und sah den Vogel an – ohne allen, allen Groll.«

»Sich den Feind«, sagt' ich, »entkleidet oder entkörpert zu denken, um ihn so zu ertragen wie Tote, die man vielleicht eben deswegen so liebt, das ist ja ganz meine Operation, wenn ich oft den gehässigen Eindruck einer abscheulichen Physiognomie mir dadurch zu mildern trachte, daß ich solche schinde und dann die skalpierte Haut zurückschlage.«

Nunmehr nahm ich mir ernstlich vor, die Throninsignien und den Zepter der Unterredung nicht mehr aus meinen Händen zu geben. Ich hob also an: »Wer schenkt uns aber Kraft oder Zeit, mitten im Waffentanze der Welt, in den schnellen Evolutionen unserer Affekten uns diese wahren Grundsätze nicht bloß erinnerlich,[419] sondern sinnlich und lebhaft zu machen? Wer kann der Äther-Flamme der Menschenliebe unter so vielen Menschen, die sie ausgießen, ersticken und überbauen, genug Brennstoff nachschüren? Wer hält uns für den Mangel eines heitern milden Temperaments schadlos? wer oder was?« – Als ich diesem Waffengriffe oder Schafte den Pikeur als Spitze anmachen wollte: wurde das kalte Abendessen hergetragen, und die Professorin lief weg, ihre Kinder zu holen. Denn das Essen mußte vor Sonnenuntergang abgetan sein, weil es als eine neue Lage grünes Brennholz die Flamme des Enthusiasmus auf einige Zeit verschlichtet und die gerade purpurne Feuer-Pyramide zersplittert. – Man wartete vergeblich auf mein Fortfahren; ich schüttelte und nickte: wenn wir wieder beisammen sind und alle sitzen.

Unter dem Essen konnte ich gemächlich meine Sprachmaschine aufstellen und drehen: »Ich fragte vor dem Essen einige Male fing ich an –: wer kann uns alle Grundsätze der Menschenliebe beleben, auffrischen, tätig machen? Der Oberpikeur, versetz' ich; aber ich befahre, ich habe durch öfteres Anlaufen und Ansetzen zu meinem Fechtsprunge eine größere Erwartung davon erregt, als mir und dem Sprunge frommen mag. Der Pikeur ließ mich einen Tag vorher, ehe das Stümpchen von seinem Lebenlichte gar in den Leuchter versank und zerfloß, vor sein hartgedrücktes Krankenlager kommen und verlangte von mir – kein Rezept – eine Haussuchung. Er zog meinen Kopf zu seinem magern Kopfkissen nieder und sprach so: ›Sie sehen, Hr. Doktor, der Tod setzt mir sein Weidmesser schon an die Kehle. Ich fahre aber wohlgemutet dahin, und was ich Zeitliches hinter mir lasse, wend' ich der Armut zu. Ich habe mir – dessen darf ich mich rühmen – in meinem ganzen Leben wenig zugute getan und bloß für Arme gedarbt, gekargt und geschwitzt – und ein solcher Christ macht sein Testament mit Freuden: er weiß, er wird dort belohnt. Aber ein harter Stein liegt mir auf dem Herzen: ich habe weder Kind noch Kegel, weder Hund noch Katz', und pfeif' ich auf dem letzten Loche, so ist die alte Frau, die mir die Stube auskehrt, ganz allein im Hause. Nun kann sie mich – sie ist ein grundehrliches Ding, aber blutarm – ausstehlen, eh' gerichtlich versiegelt ist.[420] Hr. Doktor, Sie fleh' ich an, Sie sind ein Freund der Armen wie ich und rezeptieren oft gratis, Sie sollen mit dem Notarius, dem ich nicht mehr traue als meiner Vettel, zum Besten einer armen Jägerschaft und hiesigen Hausarmut, die ich gestern mit meinem sauern Schweiß testamentlich bedacht, in alle Stuben gehen und alles ehrlich inventieren und über alles, was im Hause ist, ein Notariatinstrument ausfertigen lassen. Hier beim ersten Artikel fängt der Notarius an, bei den Hosen unter dem Kopfkissen, weil mein Geldbeutel drinnen steckt.‹

– Ein Mensch, dessen Stoppeln der Tod vollends umstürzt und einackert, hat bei mir ein größeres Recht als das der ersten Bitte, er hat das der letzten. Ich erschien den andern Tag und brachte den Notarius und meinen Haß gegen den argwöhnischen Sterbenden mit. Ich half mit lustiger Kälte die Effekten der Krankenstube protokollieren: seinen von der abgescheuerten Jagdtasche gebohnten Jagdrock, seine abgegriffne Gewehrkammer, die er oft in Stürmen vor dem Fuchshau als Wild-Schildwache präsentiert hatte, und sogar den ledernen Unterzieh-Schuh des Daums und die lange Mumien-Bandage der Nase, die er über den Wunden beider getragen, als er sich solche mit seiner eignen Vogelflinte geschossen hatte.

Da wir die übrigen stummen Zimmer, die leeren Schalengehäuse seiner vertrockneten Tage, durchgingen: fing schon das gefrorne Blut in mir aufzutauen an und rollte in wärmere leichte Quecksilberkügelchen auseinander. Als ich aber gar mit dem Notarius in die Rumpelkammer stieg und da die Trödelbude seiner alten Schlafröcke durchblätterte, dieser Raupenbälge und Bluthemden seiner Fiebernächte, in denen ich ihn noch einmal dürsten und stöhnen sah – ferner seinen Patenbrief und seinen daraus in Silber nachgestickten Namenzug auf den Halskrägen der Hühnerhunde – und das Kniestück seiner schönen Mutter, der er als ein lächelndes Kind im Schoße saß, und das drahtene, mit grüner Seide übersponnene Brautkränzchen seiner Frau.... (Um Gottes willen, stört mich nur jetzt nicht mit Zureden, wahrlich ich habe schon davon gegessen) – – als ich diese Opernkleider, diese Opernkasse und diese Theatermaschinen in die[421] Hände nahm, womit der kranke Schauspieler unten die Proberolle eines Harpaxes zum Besten der Armen hienieden gespielt: so tat mir nicht nur der moralische Kassedefekt und der magere Freuden-Monatsold des siechen Mannes im Erdgeschosse weh, sondern ich wünschte ihm auch nicht mehr Strafe und Elend, als er sich selber wünschen würde, wenn er sich vor dem Sturze ins tiefste Erdgeschoß aufrichtig bekehrte; nein, eher weniger Elend. Ich hatte also keinen Haß mehr; denn ich setzte mich nicht bloß in seine äußere Stelle – wie andere tun, die sich bloß mit ihrer eignen ganzen Seele, ihren Wünschen und Gewohnheiten etc. in des andern physische Stelle denken –, sondern in seine innere, in seine Seele, in seine Jugend, seine Wünsche, seine Leiden, in seine Gedanken. Ich sagte, indem ich die Treppe herunterging: ›Armer Pikeur, ich habe keine satirische Freude mehr an deinem nagenden Argwohn, an deinen Irrtümern und Selbgeschossen des Geizes, an deinem knickernden Hunger – du mußt eine ganze lange Ewigkeit mit deinem Ich auskommen und leben wie ich mit meinem. – Du mußt mit ihm aufstehen und umherziehen und allein für dasselbe sorgen – und du mußt dich ja lieben wie ich mich; ja wider Willen auch die Not und die Sünde an diesem Ich aushalten. – Ziehe damit in Frieden hin in die andere Welt, wo statt der zerbrochnen Gläser schon neue gestimmte für die verstimmte Harmonika deines Lebens werden zu finden sein im großen Geister-Hause.‹

Auf der Treppe schrie mir die alte Frau das Verscheiden des Mannes entgegen. Ich traf im Bette den gelben naßkalten Körper ohne Sinne an und sah, daß er bald das letzte Bühnenkleid abwerfe, den Leib. Den andern Tag verkündigte mir das Geläute seine Zurückkehr in die Erde, in diese theatralische Anzieh-Stube der Seelen und Blumen – wie auf andern Bühnen werden wir herein– und hinausgeklingelt.

Noch unterweges probiert' ich mein gemäßigteres System auch dem armen Notariat-Teufel an, und am Tage darauf wurde es den Juristen anversucht, die aus den Kollegien kamen – (Jean Paul! wahrlich ich bin jetzt mild, kommuniziere uns deinen Einfall nachher, fahr mir nur jetzt nicht dazwischen) – Ich tats, sag'[422] ich, und sogar mit den Plebejern unter ihnen, die diesen Stand, den einzigen freimütigen im Staate, verunehren, konnt' ich einen Frieden meines Herzens schließen. Denn ich durfte ja nur denen Advokaten und denen von meinen medizinischen Kollegen, denen ich oft so hitzig die von ihnen selber gemünzten Preismedaillen abschnitt und einschmolz, das Dach über dem Kopfe abdecken, das Mauerwerk aus dem Sparrwerk brechen und ihre Stuben allen vier Winden aufmachen: dann konnt' ich hinein gucken und darin alles sehen, was mich versöhnte, ihre Haushaltung, ihre schuldlosen Weiber, ihren Schlaf, d.h. ihren Schein-Tod, ihre Krankheiten, ihre Tränen, ihre Geburt- und Trauertage. Wahrlich um einen Mann zu lieben, brauch' ich mir nur seine Kinder oder Eltern zu denken und die Liebe von und zu ihm. – Diese menschenliebende Seelenwanderung legt man in jeder Minute leicht zurück, ohne den Luftball der Phantasie und ohne die Täucherglocke des Tiefsinus. Beim Himmel! es ist eine Sünde, daß ich erst dreißig Jahre alt werden mußte, eh' ich darhinter kam, was die Eigenliebe eigentlich will, meine und jede nichts als Wiederholungen des Ich sucht sie um sich zu haben, sie dringt darauf, daß jeder Infant der Erde ein Pfarrsohn sei wie ich – daß jeder edle Menschen verloren und gewonnen – daß jeder ein Leibarzt sei und vorher in Göttingen den Wissenschaften obgelegen – daß er Sebastian heiße und daß gegenwärtiger Berghauptmann sein Leben in 45 Hundposttagen geschrieben – kurz daß es auf der Erde 1000 Millionen Viktors gebe statt eines einzigen. Ich bitte jeden, in seiner eignen Seele Auskundschafter herumzuschicken und nachsehen zu lassen, ob sie nicht tausendmal hasse126 , weil der andere eine Speckkammer auf dem Magen trägt, oder weil er so dünn ist wie eine Fadennudel, oder weil er Kreissekretär ist, oder weil er sein Kalbfleisch mit Butter begießet127 oder weil er katholischer Nachtwächter in Augsburg ist und einen Rock, links weiß, rechts rot und grün, trägt. Die Menschen sind[423] so sehr in ihre Ich eingesunken, daß jeder den Küchenzettel fremder Leibgerichte gähnend anhört und doch mit dem Intelligenzblatte der seinigen andere zu erfreuen meint.«

Die befiederte Echo, die Nachtigall, schlug den Tönen der ungehörten Sphären-Musik nach und brachte sie uns hernieder; aber ich mußte meinen Herabschuß vom Berge Senis gar hinaustun und gab, da ich schon das Lob des Vogels besorgte, es ihm nickend hurtig voraus. »Göttlich! Himmlisch! – Ich horche immer gelegenheitlich mit hin! – Aber nur noch eines: in den Tanzsälen, in den Vorzimmern, in großen Gesellschaften, deren heißer Lerchenrost einem Swift alles Fett ausbrät, werd' ich seit meinen empfindsamen Reisen in fremde Seelen froher und fetter. Diese Duldung des Sünders schließt eine noch größere des Narren und die größte des Dunsen ein, obgleich die große Welt diese drei geduldeten Sekten gerade im umgekehrten Verhältnis ihres Unwerts bekriegt. Diese Amnestie der Menschheit macht die Pflichten der Liebe leichter und die hohen Entzückungen der Freundschaft und Liebe gerechter, weil die Glut der letztern das Herz oft für die übrigen Menschen verglaset und verkalkt. Daher ist die letzte und beste Frucht...«

Klotilde sah mich fragend und bittend um die Erlaubnis eines Wortes und fast zurechtweisend an, da ich mich in die Stelle derer zu setzen vergaß, denen ich diese Versetzung anlobte. Ich hielt errötend inne. Jean Paul bemerkte: »Daherfahren die Zuhörer im Konzertsaale gerade bei den schönsten Adagios, die sie am meisten erweichen, am meisten über Getöse auf und fluchen und weinen in einer Minute.« – »Mich beschämt«, sagte Klotilde, »eine eigne Erfahrung. Ich legte neulich Sillys Brief in ›Allwills Papieren‹ vor Tränen weg und ging voll vom Buche ins Casino; aber ich darf die harten Urteile nicht bekennen, die ich jenen Abend einige Male innerlich über meine Bekannte fällete. Ich mutete ihnen zu, sie sollten alle in meiner Stimmung sein, da sie doch nicht gerade von Sillys Briefe herkamen.«

»Das wollt' ich eben«, beschloß ich, »noch beifügen: die letzte und beste Frucht, die spät in einer immer warmen Seele zeitigt, ist eben Weichheit gegen den Harten – Duldung gegen den Unduldsamen[424] – Wärme gegen Ichsuchtler – und Menschenfreundschaft gegen den Menschenfeind.«....

– – Es ist sehr sonderbar, geliebter Kato. Gerade eben kommt Jean Paul und erzählt mir eine Mordgeschichte von menschlicher Ungerechtigkeit, die mir wie ein Glüheisen zischend durchs volle Herz fährt. Alle meine Grundsätze stehen licht und klar wie Gestirne um meine Seele, aber ich muß untätig den Wellen, mit denen mein Blut auf dem unterirdischen Erdbrand kochend aufspringt, von oben herab zusehen und ihr Fallen und Auskühlen abwarten. Ach, wir arme, arme Sterbliche! – Jean Paul, der die Geschichte schon vorgestern wußte und also die kühlende Methode ebensolange vor mir gebraucht hatte, will an meiner Stelle die Gemäldeausstellung unserer insularischen Blumenstücke besorgen und ein Nachschreiben anschließen. Recht! Denn ich könnt' es heute wahrlich nicht. – Am 10ten April hat sich die Luft gekühlt: da kommen Sie gewiß schon der Franzosen wegen, die den 10ten ihre Wahlversammlungen anfangen: wir müssen hier von ihren großen Festen und Messen wenigstens die Zahlwochen und Nach-Kirchweihen feiern. – Ach, wie beklommen hör' ich auf. – Jetzo lesen Sie weiter, aber nicht

Ihren

Viktor


Nachschreiben von Jean Paul


Guter Bruder!


Das tugendhafte Zürnen unsers Viktors wird sich bald stillen. Die Ursache, warum er (und jetzt ich) Dir die große Bekehrung unsrer unfriedlichen Triebe schriftlich berichten, ist, damit wir uns recht schämen müssen, wenn wir einmal länger poltern als eine Minute oder länger hassen als einen Augenblick. Diese umfangende Liebe begehrt ein Opfer, das zögernder hingegeben wird, als man denkt, das Opfer des selbstgefälligen Vergnügens, das der Zorn in den Anblick fremder Sünden, und die Satire in den der fremden Torheiten als einen versüßenden Zusatz128 mengt[425] und an deren Stelle nur das reine Mitleiden über die ewigen Krankheitversetzungen und chronisch-blutenden Wunden und Narben der hülflosen Menschheit tritt.

Aber nun will ich mit unserer schwimmenden Insel und mit ihrem seligen Helldunkel ganz nahe vor Dein Auge rudern!

Die Sonne hatte sich über die Nebel-Alpen herumgezogen und stand weißglühend über Frankreich in Westen, gleichsam um bald als ein funkelndes Schild der Freiheit in seine Ebene, als ein Vermählung-Ring des Himmels und der Erde in sein flutendes Meer hineinzufallen. Die Abendschatten überschwemmten schon die zwei ersten Stufen des Berges, und der verfinsterte Rhein ergriff mit einem Arm der Nacht die Erde. Wir stiegen unsere kleinen Stufen hinauf, so wie die Sonne ihre großen hinabging, und sie richtete sich immerfort gegen uns aus ihrem brennenden Grabe auf mit ihrem auferstehenden Heiligenangesicht. Der Berg erhob unsere Augen und unsere Seelen. Ich nahm, an meine Fehler erinnert, Viktors Hand und sagte: »Ach, Lieber! wenn es einmal wäre, daß ein Mensch mit allen Menschen Frieden schlösse und mit sich, wenn einmal sein zerrüttetes Herz mitten im Sauerteige der hassenden und gehaßten Welt nur den milden süßen Lebensaft der Liebe auffaßte und bewahrte, wie die Auster mitten im Schlamm nur helles reines Wasser in ihr Gehäuse nimmt; ach, wenn er das voraus wüßte: dann könnte wohl ein froher Abend wie dieser seine dürstende zerlechzte Brust erquicken und füllen und den ewigen Seufzer befriedigen.« – Viktor antwortete (aber er schauete sich nicht um, sondern hielt sein glänzendes und beglänztes Angesicht, das sein menschenliebendes Herz mit dem Rote eines wärmern Blutes übergoß, bloß gegen die halb aus der Erde brennende Sonne gekehrt): »Vielleicht werden wir es können – wir werden überall glücklich sein, wo ein Mensch lächelt, sollt' ers auch nicht verdienen – wir werden nicht mehr aus Pflicht der höflichen Verleugnung, sondern aus Liebe freundlich mit jedem Bruder sprechen, und für Herzen, die keine innre Entrüstung mehr zu decken haben, wird es keine verwickelte Lagen mehr geben. – – Ruhet die Frühlingsonne heute nicht wie ein gebrochnes Mutterauge über ihrer Welt und[426] blicket warm an alle Herzen, an böse und gute? – Ja, du Ewiger, wir alle hier geben jetzt allen deinen Wesen unsre Hand und unser Herz, und wir hassen nichts mehr, was du geschaffen hast.«

Wir waren fortgerissen und umfaßten uns mit Tränen ohne Worte im ersten Dunkel der Nacht. Auf der Begräbnisstelle der Sonne stand der Zodiakalschein als eine rote Grabes-Pyramide und loderte unbeweglich in die stumme blaue Tiefe hinauf.

Die Stadt Gottes, die hoch über der Erde schwebt, erschien aus der ewigen Ferne, auf den Bogen der Milchstraße gebauet, mit allen ihren angezündeten Sonnen-Lichtern. Wir stiegen den Berg herab – jede Stelle der Erde war jetzo ein Berg – eine unsichtbare Hand trug die Seele über den dunkeln Dunstkreis, und sie schauete wie von Alpen herab, und sie sah nichts als die glänzenden Spitzen andrer Gebürge, und alles Niedrige, alles Tiefe, alle Gräber und alle kleine Ziele und Laufbahnen der Menschen waren mit einem großen Dufte zugehüllt.

Wir verloren uns voneinander in die Gänge, aber in unsern Herzen waren wir alle beisammen – wir kamen wieder zueinander, aber in unsrer Seele blieb die Stille ungestört; denn jedes Herz schlug wie das andere, und ein Gebet war von einer Umarmung in nichts verschieden als in der Einsamkeit. –

Die zerstreueten Flammen unserer Gefühle hatten sich allmählich in unserm Geiste zusammengezogen zu einer heißen Sonnenkugel und kleine Minuten zu einer Ewigkeit, wie die Alten glaubten, daß die herumflatternden Flammen der Nachmitternacht sich am Morgen in eine Sonne verdichten129.

Ach! ich schwacher Unbekannter mit solchen Paradiesen stand unter blätterlosen Zweigen traurig vor dem gestirnten dunkelblauen Rhein, der wie ein himmlisches, zwischen zwei Republiken geknüpftes Band130 wallend auf der deutschen Erde aufliegt, und mir war, als könnte der Durst und das Feuer einer so kleinen Brust nur mit seinen großen Wellen gelöscht werden. Ach, wir sind alle so: im flüchtigen Gefühle unsrer kleinen Größe und[427] Wonne wollen wir alle an großen Gegenständen ruhen und sterben, wir wollen alle uns in den tiefen Himmel stürzen, wenn er über uns zitternd funkelt, und an die bunte Erde, wenn sie neben uns wallend blüht, und in den unendlichen Strom, wenn er gleichsam aus der Vergangenheit in die Zukunft zieht.

Unsre Freundinnen und die Kinder hatten still den Ankerplatz so schöner Stunden verlassen – ich sah sie singend wie Schwanen über die Wellen ziehen und in diese ihre Lenzblumen werfen, damit sie als Erinnerungen an unser Insel-Ufer zurückschwämmen; und die zwei Kinder schliefen sanft in stillen Armen zwischen der Pracht des Himmels und der Erde, und die Arme und die Lieder und die Fluten wiegten sie.

Als es 12 Uhr wurde und der Frühling seinen ersten Morgen hatte: suchte und rief uns alle Viktor auf den Berg zusammen, wir wußten noch nicht weswegen. Der Rhein klang hinauf und hinab – die hellen Frühlingtöne der Nachtigall glitten zerschneidend durch sein Brausen – die Sterne der zwölften Stunde fielen tropfend in das verfinsterte Grab der Sonne und loschen aus in der grauen Asche des westlichen Gewölks – als plötzlich eine gerade schöne Flamme in Abend aufstieg und ein harmonisches Schmettern sich durch die Finsternis riß.

»Denkt ihr denn nicht«, sagte Viktor, »an euer Frankreich, für das heute am 21ten März die erste Stunde des Tages anbricht, an dem die sechstausend Ur-Versammlungen sich wie Gestirne vereinigen, damit aus Millionen Herzen ein einziges Gesetz entstehe?« –

Und als ich gen Himmel sah, kam mir die gebogne Milchstraße wie der eiserne Waagbalken des bedeckten Schicksals vor, in dessen Schalen, aus Welten ausgewölbt, die zertrümmerten blutigen Völker liegen und der Ewigkeit vorgewogen werden Aber die Waage des Schicksals schwankt bloß darum auf und nieder, weil die Gewichte erst seit einigen Jahrtausenden in sie geworfen worden. Wir traten zusammen und sagten, in der Begeisterung der Nacht und der Töne, unter den steigenden und fallenden Sternen, vereinigt: »Du armes Land, deine Sonne und dein Tag steige einmal höher und werfe das Bluthemde deiner[428] blutigen Morgenröte zurück – möge der höhere Genius dein Blut von deinen Händen und deine Tränen von deinen Augen abwischen – o, dieser Genius baue und trage und schirme den großen freien Tempel, der sich über dich als zweiter Himmel wölbt, aber er tröste auch jede Mutter und jeden Vater und jedes Kind und jede Gattin und alle Augen, die den geliebten zerdrückten Herzen nachweinen, die geblutet haben und zerfallen sind und die nun als Grundsteine unter dem Tempel liegen.« –

Was ich jetzt sage, kann ich nur meinem Bruder erzählen, denn nur er wird es vergeben. Ich und Viktor stiegen in einen Kahn, den ein langes Seil ans Ufer kettete und mit welchem der Zug des Stroms spielte; wir arbeiteten uns gegen das Ufer zurück, und dann ließen wir den Kahn wieder mit den Wellen der Mitternacht entgegen fließen. In unsrer Seele war wie außer uns Wehmut und Erhebung sonderbar gemischt: die Musik des Ufers wich und kam – Töne und Sterne stiegen auf und sanken ein die Wölbung des Himmels stand im zitternden Rhein wie eine geborstene Glocke, und oben über uns ruhte das von der alten Ewigkeit bewohnte Tempel-Gewölbe mit seinen festen Sonnen unerschüttert – der Frühling wehte vom Morgen her, und die Baumgerippe auf dem Totenacker des Winters wurden zum Auferstehen angeregt. Auf einmal sagte Viktor: »Mir ist, als wäre der Rhein der Strom der Zeit; denn unser schwankendes Leben wird ja von beiden Strömen nach Mitternacht gerissen.« Auf einmal rief mir mein Bruder auf der Insel zu: »Bruder, kehre in den Hafen zurück und schlafe, es ist zwischen 1 und 2 Uhr.«

Diese brüderliche, sich durch die Töne und die Wellen drängende Stimme warf plötzlich eine neue Welt, vielleicht die Unterwelt, in meine offne Seele: denn es leuchtete auf einmal der Blitz der Erinnerung über mein ganzes dunkles Wesen, daß ich gerade in dieser Nacht vor 32 Jahren in diese überwölkte, mit täglichen Nächten bedeckte Erde getreten und daß die Stunde zwischen 1 und 2 Uhr, worin mich mein Bruder in den Hafen und zum Schlafe gerufen, meine Geburtstunde gewesen sei, die so oft dem Menschen beide nimmt.

Es gibt schauerliche Dämmeraugenblicke in uns, wo uns ist,[429] als schieden sich Tag und Nacht – als würden wir gerade geschaffen oder gerade vernichtet – das Theater des Lebens und die Zuschauer fliehen zurück, unsre Rolle ist vorbei, wir stehen weit im Finstern allein, aber wir tragen noch die Theaterkleidung, und wir sehen uns darin an und fragen uns: »Was bist du jetzo, Ich?« Wenn wir so fragen: so gibt es außer uns nichts Großes oder Festes für uns mehr – alles wird eine unendliche nächtliche Wolke, in der es zuweilen schimmert, die sich aber immer tiefer und tropfenschwerer senkt – und nur hoch über der Wolke gibt es einen Glanz, und der ist Gott, und tief unter ihr ist ein lichter Punkt, und der ist ein Menschen-Ich. –

Für diese Augenblicke ist das aus schwerer Erde gebildete Herz nicht lange gemacht. Ich ging in die süßern über, wo das volle tränentrunkne Herz nichts kann und nichts will als bloß weinen. Ich hatte nicht den Mut, meinen teuern Viktor von der erhabnen Nachbarschaft um ihn herabzuziehen auf meine Geringfügigkeiten; aber ich bat ihn, nur noch ein wenig mit mir in dieser Stille, über diesem düstern, in die Mitternacht rinnenden Strome zu verharren. Und dann lehnt' und drückt' ich mich warm an meinen sanften Liebling, und die kleinen Tropfen der gesenkten Augen fielen ungesehen in den großen Strom, gleich als wär' er der weite Strom der Zeit, in den jedes Auge seine Zähren und so viele tausend Herzen ihre Bluttropfen fallen lassen und der darum weder schwillt noch eilt.

Ich dachte nach und sah in den Rhein: »so rinnt es und rinnt es, das gaukelnde wallende Leben, aus seiner verhüllten Quelle wie der Nil. Wie wenig hab' ich bisher getan und genossen! Unsre Verdienste und unsre Freuden sind nicht groß! – Unsre Verwandlungen sind größer, unser Herz und unser Kopf kommen tausendfach verändert und unkenntlich unter die Erde, wie der Kopf der eisernen Maske131 oder wie Ermordete so lange verwundet und zerschnitten werden, bis sie nicht mehr kenntlich sind. – – Ach und doch werden wir nur verändert, aber wir selber verändern[430] so wenig in der Erde, nicht einmal in uns. – – Jede Minute kommt uns als das Ziel aller vorigen vor. – Die Saat des Lebens halten wir für die Ernte, den Honigtau an den Ähren für die süße Frucht, und wie Tiere käuen wir die Blüten. – – Du großer Gott! welche Nacht liegt um unsern Schlaf! wir fallen und wir steigen mit geschlossenen Augen und fliegen blind und in einem festen Schlafe umher132.«......Meine Hand hing in den Strom hinaus und seine kalten Wogen hoben sie. Ich dachte: »Wie brennt doch das kleine Licht in uns mitten im wehenden Sturme der Natur so gerade und unbeweglich auf! Alles um mich stößet mit Riesenkräften zusammen und ringet! Der Strom ergreift die Inseln und die Klippen, der Nachtwind tritt in den Strom und watet herauf und drängt seine Wellen zurück und ringet mit den Wäldern – selber droben im friedlichen Blau arbeiten Welten gegen Welten. – Die unendlichen Kräfte ziehen wie Ströme gegeneinander und begegnen sich wirbelnd und brausend, und auf den ewigen Wirbeln laufen die kleinen Erden um den Sonnenstrudel. – Und die sanft heraufsteigenden schimmernden Reihen der Sternbilder sind bloß unabsehliche Kettengebürge von tobenden Sonnenvulkanen.... Und doch ruhet in diesem Sturme der Menschengeist so still und friedlich wie ein stiller Mond über windigen Nächten – in mir ist jetzt alles ruhig und sanft, ich seh' den kleinen Bach meines Lebens vor mir rinnen und in den Zeitenstrom mit andern tropfen – der helle Geist schauet durch die brausenden Blutströme, die ihn umziehen, und durch die Stürme, die ihn überhüllen und verfinstern, hell hindurch und sieht drüben stille Auen, leise lichte Quellen, Mondschimmer und einen ruhigen schönen Engel, der langsam darin wandelt.«- In meiner Seele stand ein stiller Karfreitag, windstill und regenfrei und lau, wiewohl mit einem sanften Gewölke bezogen.

Aber das klare Bewußtsein der Ruhe wird bald ihr Untergang. Ich sah hin auf drei um die Insel schwimmende Hyazinthen, die Klotilde im Scheiden den Wellen zugeworfen: »Jetzt in deiner Geburtstunde«, sagt' ich zu mir, »spült das Meer der Ewigkeit tausend[431] kleine Herzen ans steinige Ufer der Erde: ach, wie wird es ihnen einmal an der Feier ihrer Geburttage sein? – Und was mögen die unzähligen Brüder denken, die mit dir vor 32 Jahren in diese Dunstkugel mit verbundnen Augen stiegen? Vielleicht erdrückt ein großer Schmerz den Gedanken an ihren Anfang vielleicht schlafen sie tief jetzo, wie ich sonst – oder noch tiefer, tiefer.«... Und nun sanken alle meine jüngern und ältern Freunde, die schon tiefer schlafen, recht schwer auf die gebrochne Brust...

»Ich weiß wohl, was du jetzt so still übersinnst und so stumm betrauerst«, sagte mein Viktor. Ich antwortete: »nein« – und nun sagt' ich ihm alles... Du gute beste Seele!

Als ich ihn lange genug umarmt hatte: kehrten wir eilig zurück – und ich umfaßte meine andern Brüder – und ich sehnte mich nach Dir, mein Teurer. – – Wir zogen endlich aus der Baustelle eines friedlichern Lehrgebäudes für unser Herz, aus der stummen Insel fort, und der hohe Berg, das erhabne Gerüst für die Vasen unsrer Freudenblumen, die Empor im großen Tempel, unser Leuchtturm im Hafen der Ruhe, schauete uns lange nach, und der hangende Garten unsrer Seele lag auf ihm im Sternenlicht. –

Und als wir ans Ufer traten: stieg der Hesperus als Morgenstern, dieser nah' aufspringende Funke der Sonne, über den Morgennebel auf und kündigte früher als das Morgenrot seine blühende Mutter an. – Und als wir bedachten, daß er als der Abendstern um unsre Nacht unten herumziehe, um als Morgenstern die Nachmitternacht und den Osten mit der ersten glänzenden Tauperle zu schmücken: so sagte jedem sein froheres Herz: »und so werden alle Abendsterne dieses Lebens einmal als Morgensterne wieder vor uns treten.«

Denke auch an Morgen, mein Bruder, wenn Du nach Abend siehest, und wenn vor Dir eine Sonne untergeht, so wende Dich um und siehe wieder in Morgen einen Mond aufsteigen: der Mond ist der Bürge der Sonne, wie die Hoffnung die Bürgin der Seligkeit. – Aber komm nun bald zu Deinem Viktor und zu Deinem Bruder

J. P.[432]

125

Im ganzen Aufsatze ist nicht von der praktischen Menschen- und Feindes-Liebe, die sich durch Taten und durch Enthalten von Rache äußert und die keinem Rechtschaffenen schwer sein kann, sondern von den misanthropischen und philanthropischen Gefühlen die Rede, worüber die bloße Moral wenig vermag, von der innern Liebe ohne Taten, von der peinlichen geheimen Entrüstung über Sünder und Toren. Es ist leichter, sich für die Menschen aufzuopfern als sie zu lieben, es ist leichter, dem Feinde Gutes zu tun als ihm zu vergeben. – Die Sehnsucht und die Seltenheit der Liebe hat erst einen Maler gehabt – F. Jacobi; wir brauchen keinen zweiten.

126

Wenigstens stärker, da, wenn man einmal kalt gegen jemand ist, alles Äußerliche, das Schöne wie das Häßliche, die Kälte nur mehret.

127

Ein Franzos beschwor es, er könne die Engländer nicht ausstehen, parce-qu'ils versent du beurre fondu sur leur veau roti.

128

Die wachsende Menschenliebe bricht dem satirischen Vergnügen an fremder Torheit immer mehr ab, die Torheit eines Busenfreundes macht uns nichts als bittern Schmerz: warum wollen wir nicht alle Menschen als Busenfreunde behandeln?

129

Pomp. Mel. de S. O. 1. 18.

130

Schweiz und Holland.

131

Bekanntlich wurde das Gesicht des sogenannten Mannes mit der eisernen Larve nach seinem Tode mit so vielen Wunden verstümmelt, bis diese die eiserne durch eine andere ersetzten.

132

Eine Art Seevögel schläft fliegend und woget sich auf und nieder, und die Berührung des Meers weckt sie oft. Marollas Reise nach Afrika.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 409-433.
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