Zweiter Tag in Flätz

[55] Am Frühmorgen spürt' ich mich aufgeweckt durch das bekannte Zudeckbett, es hatte sich wie ein Inkube auf mich gesetzt; ich gaffte auf; in einem Winkel saß still ein rotes, rundes, kernhaftes, aufgeputztes Mädchen, wie eine volle Tulpe von Lebens-Frische aufgebläht und leise flatternd mit bunten Bändern, gleichsam als mit Blättern. »Wer ist dort, wie kommt man herein?« rief ich halbblind; »Ich habe dich nur leise zugedeckt, und du solltest erst ausschlafen,« – sagte Bergelchen – »ich bin die ganze Nacht gegangen, damit ich recht früh käme; sieh nur her!« Sie zeigte mir ihre Stiefel, das einzige Reise-Stück (die Achilles-Ferse), das sie vor dem Tore, als sie in der Mause der Toilette war, nicht hatte abstreifen können. – »Brach« – fragt' ich, über ihre um 6 Stunden beschleunigte Nachkunft um so mehr bestürzt, da ich es die ganze Nacht und selber jetzt über ihr unbegreifliches Hereinkommen gewesen – »brach etwan frischer Jammer über uns aus und ein Brand, Mord, Raub?« – Sie versetzte: »Der Ratz« (sie wollte sagen die Ratte) »ist gestern verreckt, dem du so lange nachgestellt; weiter passierte eben nichts.« – »Und auch alles ist richtig nach meinem Ordnungs-Zettel zu Hause besorgt?« fragt' ich. – »Jawohl,« versetzte sie, »ich hab' ihn aber gar nicht gelesen, er ist mir weggekommen, du hast ihn wohl mit eingepackt.« –[55]

Indes ich verzieh alles der blühenden kecken Ritterin oder Fußgängerin. – Ihr Auge, dann ihr Herz brachte mir ja frisches kühles Morgenwehen mit Morgenrot in meine schwülen Vorstunden. Auch mußt' ich ja ohnehin nachher der freundlichen, ins Leben hineinhoffenden und hineinliebenden Seele den verdienten Himmel des heutigen Tages mit der trüben Nachricht der fehlgeschlagnen Professur verfinstern. Daher vergab und verschob ich möglichst. Ich fragte, wie sie hereingekommen, da noch das ganze spanische Reiter-Werk von Sesseln an der Türe feststehe. Sie lachte, sich dabei nach Dorfsitte bückend, stark und sagte: sie hätte es vorgestern mit ihrem Bruder verabredet, daß er sie durch seine Stube, da sie meine Sperr-Vorsicht kennte, in meine einließe, damit sie mich heimlich wecken könnte. Jetzt fuhr der Dragoner laut lachend ins Zimmer und sagte: »Wie geschlafen, Herr Schwager?«

Aber auf diese Weise war mir freilich die halbe Gespenstergeschichte wie von einem Biester und Hennings aufgelöset und aufgedeckt; und ich durchschauete sogleich des Dragoners ganzen Gespensterplan, den er ausgeführt. Etwas bitter sagte ich ihm meine Vermutung und der Schwester meine Geschichte. Aber er log und lachte, ja er versuchte noch frech genug, mir am hellen Morgen Geister zum zweiten Male weiszumachen und aufzuhalsen. Ich versetzte kalt, an mir find' er hierin sehr den unrechten Mann; gesetzt auch, ich wäre einem Luther, Hobbes, Brutus ähnlicher, die sämtlich Geister gesehen und gefürchtet. Er erwiderte – und riß die Tatsachen aus ihrer Motivierung –: »er sage ja weiter nichts, als daß er nachts irgendeinen armen Sünder ganz erbärmlich habe krächzen und lamentieren hören; und daraus habe er geschlossen, es sei eine arme desperate Nachtmütze von Mann, der ein Gespenst zusetze.« Endlich gingen auch seiner[56] Schwester die Augen über die gemeine Rolle auf, die er mit mir zu spielen vorgehabt; sie fuhr ihn derb an, schob ihn mit zwei Händen aus meiner und seiner Türe schnell hinaus und rief nach: »Warte, du Schadenfroh, ich gedenk' dirs!« Darauf kehrte sie schnell sich um und fiel mir um den Hals und dabei am falschen Ort ins Lachen und sagte: »Der dumme Junge! Aber ich konnte das Lachen nicht mehr verbeißen; und der Narr soll doch nichts merken. Vergib dem Pinsel, du als ein gelehrter Mann, seine Eselei.«

Ich fragte sie, ob sie auf ihrer Nachreise auf keine Geisterwelt gestoßen sei – wiewohl ich wußte, daß ihr Tiere, ein Wasser, ein halber Abgrund nichts sind –; nein, aber vor den geputzten Stadtleuten, sagte sie, habe sie sich am Morgen gescheuet. O wie lieb' ich diese weichen Harmonikas-Bebungen weiblicher Furcht!

Endlich mußt' ich den Koloquinten-Apfel anbeißen oder anschneiden und ihr die Hälfte davon zureichen, nämlich die Nachricht der Fehlbitte um die Professur. Da ich aber das freudige Herz mit der vollständigen rohen Wahrheit verschonen und einer schweren Fracht etwas abschneiden mußte, die sich besser Männerschultern aufpackt, so begann ich: »Bergelchen, die Professor-Sache geht einen andern, aber an sich guten Gang – der General, nach welchem ich den Teufel und seine Großmutter frage, legt es auf einen Generalsturm an – und den soll er haben, so gewiß als ich die Nachtmütze aufhabe.« – »So bist du also noch nichts geworden?« fragte sie. »Vor der Hand zwar nicht!« versetzt' ich. »Aber doch bis Sonnabend abends?« sagte sie. »Das nicht«, sagt' ich. »Nun so bin ich hart geschlagen, und ich möchte zum Fenster hinausspringen«, sagte sie und drehte das Rosen- und Morgengesicht weg, um die feuchten Augen darin mir nicht zuzukehren, und schwieg sehr lange. Dann fing sie mit schmerzhaft zitternder[57] Stimme an: »Du großer Heiland, stehe mir am Sonntag in Neusattel bei, wenn mich die hochtrabenden vornehmen Weiber in der Kirche sehen und ich blutrot werde aus Scham!« –

Jetzt sprang ich im Mitjammer aus dem Bette vor die liebe Seele hin, der die hellen Zähren über die schönblühenden Wangen flossen, und rief: »Du treues Herz, zermartre mich doch nicht so ganz! Gott soll mich strafen, wenn ich nicht noch in den Hundstagen alles werde, was du nur willst – Sprich, willst du Bergrätin werden oder Baurätin oder Hofrätin, Kriegsrätin, Kammerrätin, Kommerzienrätin, Legationsrätin oder des Henkers- und Teufels-Rätin: ich bin dabei und werd' es und such' an. Morgen schick' ich reitende Boten nach Hessen und Sachsen, nach Preußen und Reußen, nach Friesland und Katzen-Ellenbogen und begehre Patente. Ja ich treib's weiter als einer und werde zugleich alles, Flachsenfinger Hofrat, Scheerauer Akzisrat, Haar-Haarer Baurat, Pestitzer Kammerrat (denn wir haben das Geld), und stelle dann allein und eigenhändig mit einem einzigen Podex und Corpus eine ganze Ratssitzung von auserlesenen Räten vor – und stehe als eine ganze Ehrenlegion und ein Ehrengelag bloß auf zwei Beinen da – Dergleichen hat noch kein Mensch getan.«

»O! Nun du bist ja engel-gut!« (sagte sie, und frohere Zähren rollten) »du sollst mir selber raten, was die vornehmsten Räte sind, damit wirs werden.« – »Nein,« fuhr ich beteuert fort, »dabei bleib' ich nicht einmal; mir ists nicht genug, daß du dich ordentlich bei der Kaplänin kannst als Baurätin melden lassen, bei der Stadtpredigerin als Legationsrätin, bei der regierenden Bürgermeisterin als Hofrätin, bei der Chausseeeinnehmerin als Kommerzienrätin, oder wie du wo willst« – »Ach du mein gar zu gutes Attelchen!« sagte sie. »Sondern« (fuhr ich fort) »ich werde auch korrespondierendes Mitglied verschiedner besten gelehrten[58] Gesellschaften in verschiedenen besten Hauptstädten (worunter ich bloß zu wählen habe), und zwar kein gemeines wirkliches Mitglied, sondern ein ganzes Ehren-Mitglied; und dann streck' ich wieder dich als ein auf mir Ehrenmitglied wachsendes Ehrenmitglied aus.«

Verzeiht, Freunde, diesen Breiumschlag oder Täuschungsbalsam für eine verwundete Brust, deren Blut zu rein und köstlich ist, als daß man es nicht mit allen möglichen Stillungs-Mitteln aus Spinnweben ins schöne Herz zurückzuschließen trachten sollte.

Jetzt kamen schöne, schönste Stunden. Ich hatte die Zeit besiegt wie mich und Berga; selten beseligt, so wie ich, ein Sieger zugleich die überwindende und die überwundene Partei. Berga holte ihren alten Himmel zurück und zog die staubigen Stiefel aus und blumige Schuhe an. Köstlicher Morgentrunk! Wie berauscht ein liebendes Herz! Ich spürte ordentlich (ist die niedere Rede-Blume erlaubt) ein Doppel-Bier von Mut in mir, seitdem ich ein Wesen mehr um mich zu beschirmen hatte. Überhaupt werd' ich – was der treffliche General nicht ganz zu wissen scheint – nicht wie andere durch Mutige mutiger, sondern am stärksten durch Hasen, weil an mir das schlechte Beispiel sich zum Widerspiel umdreht. Kleine Pinselstriche mögen hier Mann und Frau mehr abschatten als verschatten! Als der nette Kellner mit der grün-seidenen Schürze Morgenbrezeln heraufbrachte – weil ich gesagt hatte: Johann, zwei Portionen! –, so sagte sie zu ihm: er verbände sie sehr damit, und hieß ihn Herr Johann.

Bergelchen – mehr in Marktflecken als Hauptstädten aufgewachsen – wurde ordentlich bestürzt über die Kaffeebretter, Waschtische, Papiertapeten, Wandleuchter, alabasterne Schreibzeuge mit ägyptischen Sinnbildern und über den vergoldeten Klingel-Drahts-Knopf, den ja jeder abdrehen und einstecken[59] konnte. Daher hatte sie nicht den Mut, durch den Saal voll Kronleuchter zu gehen, bloß weil ein pfeifender vornehmer Federhut darin auf- und abspazierte. Ja ihrem armen Herzen wurde ordentlich die Brust zur Schnürbrust, wenn sie zum Fenster hinaus auf so viele geputzte und fahrende Städter guckte (ich pfiff frisch ein gaskonisches Liedchen darunter hinein) – und wenn sie daran dachte, wie sie nachher samt mir mitten durch dieses blendende Vorzimmer-Gewühl brechen müßte. Hier verfangen Schlüsse noch weniger als Beispiele. Ich wollte mein Bergelchen durch einige meiner nächtlichen Traum-Gigantesken heben – z.B. durch die, daß ich, auf einem Walfisch reitend, mit einer Dreizacks-Gabel drei Adler gespießet und gespeist, und durch mehr dergleichen –; aber ich machte keinen Effekt, vielleicht weil ich eben dadurch dem furchtsamen Frauenherzen das Schlachtfeld näher als den Sieger, den Abgrund näher als den Springer darüber vor das Auge geschoben.

Jetzt wurde mir ein Pack Zeitungen gebracht voll lauter kräftigster Siege. Obgleich diese nur auf der einen Seite vorfallen und auf der andern ebenso viele Niederlagen vorkommen: so verquicken doch jene sich mehr mit meinem Blute als diese und flößen mir – wie sonst Schillers Räuber – eine wunderbare Neigung ein, irgend jemand auf der Stelle zu dreschen und zu fegen. Unglücklicherweise für den Kellner hatte dieser sich eben, wie ein Heer, dreimalige Klingel-Ordre zum Marsche geben lassen, bevor er sich mobil und herauf gemacht. »Herr!« – fing ich an, den Kopf voll Schlachtfelder und den Arm voll Triebe, ihn abzuklopfen, und Berga fürchtete alles, da ich das ihr bekannte Zorn und Alarmzeichen gab, nämlich die Mütze hinten am Hinterkopfe in die Höhe stieß – »ist das Manier gegen Gäste? Warum kommt Er nicht prompt? Komm' Er mir nicht wieder so, und geh' Er, Freund!« – Ungeachtet sein Rückzug mein Sieg war, so kanonierte[60] ich doch noch auf der Wahlstatt lebhaft fort und feuerte desto lauter (er sollt' es hören), je mehrere Treppen er hinuntergeflogen. Bergelchen – die sich ganz entsetzte über mein Ergrimmen, zumal in einem ganz fremden Hause und über einen vornehmen Putzbengel mit Seidenschurz – suchte alle ihre sanften Worte hervor gegen wilde einer Kriegsgurgel und gab mir Gefahren zu bedenken. »Gefahren«, versetzt' ich, »wünscht' ich ja eben, nur gibts keine für den Mann, stets wird er ihnen entweder obsiegen oder entspringen, entweder die Stirn bieten oder den Rücken.« –

Ich konnte kaum aufhören, mich zu erbittern, so süß war mirs und so sehr fühlt' ich mich vom Zornfeuer erfrischt und in der Brust wie von einem Geierfelle lind geheizt. Es gehört auch allerdings unter die unerkannten Wohltaten – worüber man sonst predigte –, daß man nie mehr in seinem Himmel und Monplaisir (ein Lustschloß) ist als so recht im Toben und Grimm. Himmel, was könnte nicht ein gewichtiger Mann darin versuchen? Die Gallenblase ist ja für uns die größte Schwimmblase und Montgolfiere, die uns nichts kostet als ein paar fremde teils Schimpfworte, teils Dummheiten. Und hat denn nicht der einstürmende Luther, mit dem ich mich auf keine Weise vergleiche, in seinen Tischreden bekannt: er predige, singe, bete nie so gut als im Zorn? – Wahrlich, er allein reichte hin, manchen zum Zorne zu reizen.

Nun wurde der ganze Vormittags-Morgen mit Beschauen und Behandeln verbracht; und zwar am längsten in der breiten Gasse unseres Hotels. Berga sollte sich erst ins Markt-Gedränge einschießen; sie sollte erst einsehen, daß sie mehr »nach der Modi«, mit ihr zu reden, aufgeschmückt sei als hundert andere ihres Ungleichen.[61] Aber bald vergaß sie über den Haushalt den Anputz und auf dem Töpfermarkte den Nachttisch.

Ich meines Ortes spielte bloß, während ich voll echter Langweile sie auf ihren Marktplätzen voll langen Hinab-Hinaufhandelns umhergeleitete, in mir den verborgnen Weltweisen; ich wog das leere Leben und das schwere Gewicht, das man darauf legt, und die tägliche Angst des Menschen, daß dasselbe, diese leichteste Flaumfeder der Erde, davonfliege und ihn befiedere und mitnehme. Diese Gedanken verdank' ich vielleicht den Straßenbuben, die ihre Meßfreiheit dazu anlegten, daß sie auf einander um mich her mit Steinen feuerten; ich dachte mich nämlich dabei lebhaft in einen Mann hinein, der nie im Krieg gewesen und der also, da er nicht selber erfahren, daß oft tausend Kugeln keinen einzigen treffen, von so wenigen Steinwürfen doch besorgt, daß sie ihm Nase und Auge einschießen. O das Schlachtfeld allein säet, düngt und bildet Mut, sogar gegen die täglichen, häuslichen und kleinsten Gefahren. Denn erst, wenn er aus dem Schlachtfeld kommt, da singt und kanoniert der Mensch, dem Kanarienvogel gleich, der, obwohl so melodisch, so scheu, so klein, so zart, so einsam, so weichfederig, gleichwohl dahin abzurichten ist, daß er Kanonen – wenn auch von kleinerem Kaliber – abfeuert.

Nach dem Mittags-Essen (auf unserem Zimmer) kamen wir aus dem Fegfeuer des Meßgetümmels, wo Berga an jeder Bude etwas zu bestellen und ihrer Nachtreterin etwas aufzuladen hatte, endlich im Himmel an, in der sogenannten Hunde-Wirtschaft, wie das beste Flätzer Wirts- und Lust-Haus außer der Stadt sich nennt, wo Messens-Zeiten Hunderte einkehren, um Tausende vorbeigehn zu sehen. Schon unterwegs wuchs meinem Weibchen als meinem Ellenbogen-Efeu dermaßen der Mut, daß sie unter dem Tore, wo ich mich, da nach der bekannten militärischen Prozeßordnung nicht nahe an der Schildwache vorübergegangen[62] werden darf, deshalb auf die entgegengesetzte Seite hinwarf, ruhig dicht am Schieß- und Stech-Gewehr der Torwache vorüberstrich. Draußen konnt' ich ihr den umbetteten, vergitterten, riesenhaften, schon außen mit Treppen aufsteigenden Schabackers-Palast mit Fingern zeigen, worin ich gestern gehauset und (vielleicht) gestürmt; »lieber den Riesen möcht' ich begucken«, sagte sie, »und den Zwergen; zu was sind wir denn mit ihnen unter einem Dach?«

Im Lusthause selber fanden wir hinlängliche Lust, umrungen von blühenden Gesichtern und Auen. Da setzt' ich mich heimlich in einem fort über Schabackers Refus mit Erfolg hinweg und machte mir überhaupt bis gegen Mitternacht einen guten Tag; ich hatt' ihn verdient, Berga noch mehr. Gleichwohl sollt' ich noch nachts um 1 Uhr eine Windmühle zu berennen bekommen, die freilich mit etwas längern, stärkern und mehreren Armen schlägt als ein Riese, wofür Don Quixote eine solche Mühle gern angesehen hätte. Ich lasse nämlich auf dem Marktplatz aus Gründen, die sich leichter denken als sagen, Bergelchen um einige zwanzig Schritte vorausgehen und begebe mich aus gedachten Gründen ohne Arg hinter eine versteckte Bude, die wohl die Silberhütte und der Silberschrank eines rohen Krämers sein mochte, und verweile davor natürlich nach Umständen; – sieh, kommt daher gerudert mit Spieß und Speer der Budenwächter und münzt und prägt mich so unversehends und unbesehen zu einem Schnapphahn und Raubfisch seiner Buden-Gassen aus, obgleich der schwache Kopf nichts weiter sieht, daß ich in einer Ecke stehe und nichts weniger tue als – nehmen. Ein Ehrgefühl ohne Kallus ist für solche Angriffe niemals abgestumpft. Nur aber, wie war einem Manne, der nichts im Kopfe hat – höchstens jetzt Bier statt Hirn –, in der Nachmitternacht Licht zu geben? –[63]

Ich verhehle mein Wag-Mittel nicht: ich griff zum Fuchsschwanz, ich spiegelte ihm nämlich vor, ich hätte einen sogenannten Hieb und wüßte in der Betrunkenheit mich schlecht zu finden und zu halten – ich spielte daher alles nach, was mir aus diesem Fache zu Gesicht gekommen, schwankte hin und her, setzte die Füße tanzmeisterlich auswärts, geriet in Zickzacke hinein bei allem Aussegeln nach gerader Linie, ja ich stieß meinen guten Kopf (vielleicht einen der hellsten und leersten der Nacht) als einen vollen gegen wahre Pfosten – –

Gleichwohl sah der Buden-Vogt, der vielleicht öfter betrunken gewesen als ich und die Zeichen besser kannte, oder der es gar selber in dieser Stunde war, die ganze Verstellung für bloßes Blendwerk an und schrie entsetzlich: »Halt, Strauchdieb' du hast keinen Haarbeutel, du Windbeutel bist ja noch weniger besoffen als ich! – Wir kennen uns wohl länger. Steh! Ich komm' dir nach. Willt du im Markt deine Diebsfinger haben? – Steh, Hund, oder ich forciere dich!«

Man sieht hier seinen ganzen Zustand; ich entsprang zickzackig zwischen den Buden diesem rohen Trunkenbolde, so eilig als ich konnte; dennoch humpelte er mir nach. Aber meine Teutoberga, die einiges gehört, rannte zurück, faßte den betrunkenen Markt-Portier beim Kragen und sagte, obwohl (nach Dorfweise) zu schreiend: »Dummer Mann, schlaf' Er seinen Rausch aus, oder ich zeig's Ihm! Weiß Er denn, wen Er vor sich hat? Meinen Mann, den Feldprediger Schmelzle unter dem Herrn General und Minister von Schabacker bei Pimpelstadt, Er Narr! Pfui, schäm' Er sich, Kerl!« Der Wächter brummte: »Nichts für ungut!« und[64] taumelte davon. »O du Löwin,« sagt' ich im Liebes-Rausch, »warum bist du in keiner Todesgefahr, damit ich dir nun den Löwen zeigte als Gemahl!«

So gelangten wir beide liebend nach Hause; und ich hätte vielleicht zum schönen Tage noch den Nachsommer einer herrlichen Nachmitternacht erlebt, hätte mich nicht der Teufel über Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf die 206te Seite geführet, wo dieses steht: »Es wäre doch möglich, daß einmal unsere Chemiker auf ein Mittel gerieten, unsere Luft plötzlich zu zersetzen durch eine Art von Ferment. So könnte die Welt untergehen.« Ach, ja wahrlich! Da die Erdkugel in der größern Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde bloß ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner fernsten Spitzbubeninsel oder in Neuholland ein Zersetz-Mittel für die Luft, dem ähnlich, was etwa ein Feuerfunke für einen Pulverkarren ist: in wenig Stunden packt mich und uns in Flätz der ungeheuere herschnaubende Weltsturm bei der Gurgel, mein Atemholen und dergleichen ist in der Erstick-Luft vorbei und alles überhaupt – Die Erde ist ein großer Rabenstein mit Galgen geworden, wo sogar das Vieh krepieret – Wurm- und[65] Wanzenmittel, Bradleysche Ameisenpflüge und Rattenpulver und Wolfstreiben und Viehsterbekassen sind im Welt-Schwaden, im Welt-Sterb dann nicht sonderlich mehr vonnöten, und der Teufel hat alles geholt in der Bartholomäus-Nacht, wo man das verfluchte »Ferment« zufällig erfunden.

Indes verbarg ich der treuen Seele jeden Todes-Nacht-Gedanken, da sie mich doch entweder nur schmerzlich nachempfunden oder gar lustig ausgelacht hätte. Ich befahl bloß, daß sie am Morgen (des Sonnabends) für die zurückkehrende Landkutsche fertig und gestiefelt dastände, sollt' ich anders ihren Wünschen gemäß an die Überschwängerung mit Räten, die ihr so am Herzen lag, früh genug kommen. Sie war so freudig meiner Meinung, daß sie gern den Jahrmarkt aufgab. Auch ruht' ich ruhig, mit der Fußzehe an ihre Finger geknüpft, die ganze Nacht hindurch.

Der Dragoner nahm und zupfte mich am Morgen heimlich beim Ohre und sagte mir in dasselbe hinein, er habe ein lustiges Meßgeschenk für seine Schwester vor und reite deshalb auf seinem gestern vom Roßtäuscher eingetauschten Rappen etwas früher voraus. Ich bot ihm meinen Vor-Dank.

Am Morgen lief jeder lustig vom Stapel, ausgenommen ich; denn ich behielt noch immer, auch vor dem besten Morgenrote, das nächtliche Teufels-Fer ment und Zersetz-Mittel meiner Gehirn-Kugel sowohl als der Erd-Kugel gärend im Kopfe; ein Beweis, daß die Nacht mich und meine Furcht gar nichts hatte übertreiben lassen. Der mir verdrüßliche blinde Passagier setzte sich auch wieder ein und sah mich wie gewöhnlich an, doch ohne[66] Effekt; denn diesmal, wo ich Welt-Umwälzungen, nicht bloß die meinigen, im Kopfe hatte, war mir der Passagier mehr ein Spaß und Spuk; da niemand unter Fuß-Absägen das Herz-Gespann verspürt oder unter dem Summen der Kanonen sich gegen das der Wespen wehrt, ebenso konnte mir ein Passagier mit allen Brandbriefen, die etwa sein verdächtiges Gesicht in meine nahe oder späte Zukunft wirft, bloß lächerlich zu einer Zeit vorkommen, wo ich bedachte, das »Ferment« könne ja mitten auf meinem Wege von Flätz nach Neusattel von irgendeinem Amerikas-, Europas-Manne, der ganz unschuldig versucht und versetzt, zufällig erfunden und losgelassen werden. Die Frage, ja Preisfrage wäre aber nun, inwiefern es seit Lichtenbergs Drohung nicht etwa welt- und selbst-mörderisch aussieht, wenn aufgeklärte Potentaten scheidekünstlerischer Völker es nicht ihren Scheidekünstlern, die so leicht Leib von Seele scheiden und Erde mit Himmel gatten, auferlegen, keine andere chemische Versuche zu machen als die schon gemachten, die doch bisher den Staaten weit mehr genützt als geschadet.

Leider blieb ich in diesen jüngsten Tag des Ferments mit allen Sinnen versunken, ohne auf der ganzen Rückreise nach Neusattel mehr zu erleben und zu bemerken, als daß ich daselbst ankam, wo ich zugleich wieder den blinden Passagier seines Weges gehen sah.

Nur mein Bergelchen schauete ich in einem fort unterwegs an, teils um sie noch so lange zu sehen, als Leben und Augen dauern, teils um auch bei kleinster Gefahr derselben, es sei nun eine große oder gar ein ganzes hereinstürzendes Goldau und verzehrendes[67] Welt-Gericht, wenn nicht für sie, doch an ihr zu sterben und so verknüpft mit ihr ein geplagtes und plagendes Leben hinzuwerfen,

worin ihr ohnehin nicht die Hälfte meiner Wünsche für sie erfüllt geworden.

So wäre denn meine Reise an sich vollendet – gekrönt mit einigen Historiolen – vielleicht künftig noch belohnter durch euch, ihr Freunde um Flätz herum, wenn ihr darin etwa einige gut geschliffne Jätemesser finden solltet, womit ihr leichter das Lügen-Unkraut ausreutet, das mich bis jetzt dem wackern Schabacker verbauet – – Nur sitzt mir noch das verfluchte Ferment im Kopfe. Lebt denn wohl, solang' es noch Atmosphären einzuatmen gibt. Ich wollt', ich hätte mir das Ferment aus dem Kopfe geschlagen.


Euer

Attila Schmelzle.


N. S. Mein Schwager hat seine Sache ganz gut gemacht, und Berga tanzt. Künftig das Nähere! – –[68]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 55-69.
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