Achtzehnter Sektor

[145] Scheerauische Molukken – Röper – Beata – offizinelle Weiberkleider – Oefel


Ich würde närrisch handeln und schreiben, wenn ich – da uns alle, Leser sowohl als Einwohner dieser Biographie, Scheerau so nahe angeht; da Gustav, der Held, dahin als Kadett kommt; da ich, der Hofmeister, daraus komme; da Fenk, der Doktor, noch daselbst ist und da Fenk in dieser Geschichte noch wichtig werden kann – drei Papiere von Dr. Fenk trotz aller dieser Gründe nicht einrückte. Die Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und einem Brief, die der Pestilenziar geschrieben.

Ich weiß gewiß, daß es einigen hohen Fremden, die durch die scheerauischen höhern Zirkel gereiset, bekannt ist, daß der Doktor eine Zeitung schreibt, die nicht gedruckt wird, nämlich eine geschriebne Gazette oder Nouvelles à la main, wie mehre Residenzstädte sie haben. Dörfer haben gedruckte Neuigkeiten, kleine Städte mündliche, Residenzstädte schriftliche. Das Papier ist Fenks Marforio und Pasquino, der seine satirischen Arzneien austeilt.

Seinen ersten Zeitungartikel flecht' ich ein, schon bloß des Journals für Deutschland wegen. Dieses so platte und so wortreiche Journal – denn sonst wär' es weder von noch für Deutschland geschrieben – rückte eine gute Abhandlung von mir nicht ein, die ich über den außerordentlichen Handelflor in Scheerau eingeschickt, weil vielleicht keine Regierung in Deutschland weniger[145] bekannt ist als die scheerauische. Wahrhaftig man sollte denken, dieses Fürstentum verstecke sich wie ein Walfisch unter die Eisrinde der Polarmeere, so unbekannt sind die wichtigem Nachrichten von ihm; z.B. solche wie die, daß wir Scheerauer seit der neuen Regierung den ganzen ostindischen Handel und die Molukken an uns gezogen, von denen wir jetzo unsere Gewürze selber holen, welche letzte die Regierung eigenhändig dazu aus Amsterdam verschreibt. – – Aber das steht ja eben im ersten Zeitungsartikel.


Nro. 16

Gewürzinseln und Molukken in Scheerau


Der Brandenburger Weiher bei Baireuth ist ein ausgegrabner Landsee von 500 Tagwerken, und vor einigen Monaten saß ich eine Stunde darin; denn man trocknet ihn jetzt zum Besten seiner bleichen Küstenbewohner aus. Der scheerauische Weiher, an dem vier Regenten weitergraben ließen, hat 129 Tagwerke mehr und ist für Deutschland wichtig: denn durch seine aërostatischen Dünste wird er so gut wie das Mittelländische Meer das Wetter in Deutschland ändern, sobald der Wind über beide geht. Die Ebbe und Flut muß genau genommen sogar auf einer Träne oder im Saufnäpfchen eines Zeisigs stattfinden, wie viel mehr auf einem solchen Wasser: – die Diözes von Inseln, die diesen Teich so putzt und furniert, z.B. Banda, Sumatra, Zeylon und das schöne Amboina, die großen und kleinen Molukken, traten erst unter der jetzigen Regierung aus dem Wasser – oder vielmehr ins Wasser. Herrn Buffon, wenn er noch lebte, und andre Naturforscher müßt' es frappieren, daß die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Auftürmungen von Korallen entstanden – auch nicht durch Erdbeben, die den Dromedar-Rücken des Meergrundes aus dem Wasser aufkrümmten – selber durch keinen Vulkan in der Nähe, der diese Berge ins Wasser hineingesäet hätte; denn Sumatra, die großen und die kleinen Molukken wurden bloß in kleinen Partien auf unzähligen Schubkarren und Leiterwagen an die Küsten[146] herbeigeschoben – und weil auf den Karren Steine, Sand, Erde und alle Ingredienzien einer hübschen Insel waren, so brachten die Fronbauern, landesherrliche sowohl als ritterschaftliche, die ebenso viele (Tabak-) rauchende und Inseln bildende Vulkane waren, in kurzem die Molukken fertig, indes die ritterschaftlichen Brücken über landesherrliche Wasser noch nicht angefangen sind. Die Absicht des Landesherrn ist, den ganzen ostindischen Handel bei Asien in Scheerau so bei der Hand zu haben wie eine Rappémühle – und ich denke, wir haben ihn; nur mit dem Unterschiede, daß die scheerauischen Gewürzinseln noch besser sind als die holländischen. Auf den letzten muß man erst das Reifen des Pfeffers, der Muskatnüsse etc. abpassen; aber auf unsern liegt schon alles reif und trocken da, und man darfs nur ans Essen reiben: das macht, weil wir alle diese Früchte schon ganz zeitig aus – Amsterdam verschreiben. Es ist nämlich so:

»Entweder alles oder nichts ist ein Regale. Der Rechtskundige kann es nicht billigen, daß die Fürsten, wiewohl sie die kostbarsten, aber seltensten Produkte zu ihren Regalien erheben, gleichwohl die gemeinen, aber desto ergiebigern in den Händen der Landeskinder lassen und dadurch den Fiskus schwächen. Der Jurist findet bei den südasiatischen Fürsten, so despotisch sie sonst sind, mehre Folgerichtigkeit, welche nicht das Wild, oder Salz, oder Bernstein, oder Perlen, sondern das ganze Land und den ganzen Handel nehmen und beide bloß jährlich verpachten. Die deutschen Fürsten haben hiezu größere Befugnis als alle andre; denn alle europäische Reiche haben indische Besitzungen, haben ein Neu-England, Neu- Frankreich, Neu-Holland; aber ein Neu-Deutschland hat das Alt-Deutschland nicht, und das einzige Land, welches ein Fürst noch wegzunehmen hat, ist sein eignes, man müßte denn aus Polen oder der Türkei ein Neu-Österreich, Neu-Preußen etc. zu machen wissen.

Allein dieses sah bisher kein Regent als der scheerauische ein, der diese Grundsätze seinem geheimen Kabinette vorlegte, aber schon vor dem Abstimmen seinen Entschluß gefasset hatte: daß nun die Leute alles Gewürz bei ihm nehmen sollten. Er selber schafft nun, gleich der Natur, auf seinen Molukken die Gewürze,[147] die sein Land isset, indem er sich durch den Kommerzien-Agenten von Röper den Samen dieser Gewürze – Pfeffer-Körner, Nüsse etc., aber nicht zum Pflanzen, sondern zum Kochen – aus Amsterdam spedieren lässet. Daher umschnüret (weil die Molukken bei der Gewürz-Defraudation litten) ein Pfeffer- und Zimt-Kordon von Kadetten und Husaren das Land; niemand könnte eine Muskatnuß einschwärzen als die Muskattaube in ihrem dicken Gedärm. Alles, was meine scheerauische Leser aus den Läden nehmen, der Kaufladen mag einem großen Hause gehören, das mehr Schiffe und Reisediener auf den Beinen erhält als ich Setzer, oder er mag von einem armen Höker gemietet sein, dessen Schilderung mich schon dauert, dessen Strazza eine Schiefertafel ist und dessen Kapitalbuch eine schmierige Stubentür und dessen Kaufmannsgüter nicht zu Schiffe, sondern als Landfracht unter dem Arme oder auf der Achse, d.h. an einem Stocke auf der Achsel gebracht werden – in beiden Fällen käuet der scheerauische Leser Erzeugnisse aus Molukken, die vor seiner Nase sind. –

Einer, der dergleichen beurteilen kann, fället nachher dem Gewürz-Inspektor von Herzen bei, welcher im scheerauischen Intelligenzblatte schreibt, 1) daß jetzt das Land Pfeffer und Ingwer um niedrigern Preis erhalten könnte, weil bloß der Fiskus imstande wäre, sie in größern, mithin in wohlfeilern Partien zu beziehen – 2) daß der Regent jetzt vermögend sei, diese Leckereien, die unsern Beutel über Indien leeren, unter allen Deutschen zuerst den Scheerauern abzugewöhnen, indem er bloß den Preis beträchtlich zu steigern brauchte – 3) und daß eine neue Dienerschaft ihr Brot hätte.

Ich brauch' es nicht zu verteidigen, daß unser Fürst – da die russische Kaiserin Dörfern das Stadtrecht gibt – Schutt-Hügeln das Inselrecht erteilt, oder daß er ihnen ostindische Namen schenkt, da jeder Tropf von Schiffer bei der größten Insel, die er noch dazu mehr entdeckt als macht, Patenstelle vertreten darf. Unser Sumatra ist über 1/4 Quadratviertelstunde groß und hat hauptsächlich Pfeffer – die Insel Java ist noch größer, aber noch nicht fertig – auf Banda, das dreimal so groß als der Konzertsaal ist, liefert die Natur Muskatnüsse, auf Amboina Gewürznelken – auf Teidor[148] steht ein artiges Landhaus eines bekannten Scheerauers (des Doktors hier selber) – die kleinen Molukken, die in den Weiher hineinpunktiert sind, kann ich samt ihren Produkten in die Westentasche stecken, sie haben aber ihr Gutes. – Wer noch in keiner Seestadt, in keinem Hafen war: der kann hieher in den Scheerauer reisen und selber nachmittags ein Zeuge davon werden, was in unsern Tagen der Handel ist, den die verbundnen Hände aller Völker heben – hier kann er sich einen Begriff von Kauffahrteiflotten machen, von denen er so viel, aber nur blind gelesen und die er hier wirklich über unsere Teich segeln sieht – er kann die sogenannte Gewürzflotte des Herrn Kommerzien-Agenten von Röper sehen, die gleich einem hitzigen Klima die nötigen Gewürze, die er verschrieben, unter alle Inseln austeilt – er kann auch auf arme Teufel stoßen, die auf ein wenig Floßholz sich aus Ostindien die wenigen Kaufmannsgüter abholen, die sie kreuzerweise absetzen – am Hafen und Ufer, wo er selber steht, kann er bemerken, was der Küstenhandel ist, den da sogenannte Fratschler-Weiber mit Pfeffer- und Welschen-Nüssen im kleinen treiben.«


Ende von Nro. 16


Das zweite Stück der Fenkischen Zeitung ist eine Schilderung eben dieses Kommerzien-Agenten von Röper ohne seinen Namen. Wenn der Leser diese Abschweifung gelesen hat: so wird er sagen, es war gar keine.


Nro. 21

Ein unvollkommner Charakter, so für Romanenschreiber im Zeitungkomptoir zu verkaufen steht


Im Roman gefallen wie in der Welt keine vollkommen-gute Menschen; aber auch auf der andern Seite wird einer weder Lesern noch Nebenmenschen gefallen, der ganz und gar ein Schelm ist – bloß halb oder dreiviertel muß ers sein, wie alles in der großen Welt, Lob und Zote und Wahrheit und Lüge.[149]

Im Zeitungkomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im Scheerauischen um das wenige, was sie dafür geben können, verkäuflich erlassen. Ich versichere die Herrn Schreiber, daß ich etwa nicht die Unvollkommenheiten dieses Schelms übertreibe, um ihn teuerer abzusetzen; der Inhaber nimmt den Schelm wieder zurück, wenn er nicht Bosheit genug hat.

Dieser unvollkommne Charakter wurde im Kirchenstaat gezeugt und an der Grenze von Unter-Itali en geboren; und kaufte sich, nach seiner Taufe und Mündigkeit, Hecheln und Mausfallen. Die wenigsten Deutschen wissen, daß sie die Italiener, bei denen dieser Handelzweig blühet, reich auskaufen. Unser Charakter schwang sich bald von einem Hechel-Kommissionär zu einem Hechel-Associé empor; er verfertigte die Mausfallen, die er aus Italien bezog, in Deutschland, und die Mauslöcher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Münzstädte. Die Hechel, die er vor dem Einkauf seines Adeldiploms an gegenwärtigen Tiermaler verkaufte, schlug er ihm für sechstehalb Gulden los.

Er muß schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem großen Hause gehandelt haben; denn er brachte eine Kaufmann-Seele schon fertig mit. Es war nicht klug von mir, daß ichs nicht eher erzählet habe, daß er als Knabe von neun Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte und mit dem Pockengifte feil hielt, das man aus seiner Apotheke, nämlich von seinem Körper nahm zum Einimpfen. Er gab keine Blatter umsonst her, sondern verlangte sein Geld dafür und sagte, er sei ein Pocken-Sämereihändler, aber noch ein junger Anfänger. Diesen Handel mit eigner Manufaktur legt' ihm bald der Arzt und die Natur, und der Doktor sagte, er sei so teuer wie ein Apotheker. Daher wollt' er sogar selber einer werden.

Er wurd' auch einer, aber nach dem mecklenburgischen Idiotikon; denn in diesem heißet jeder Materialladen eine Apotheke. Nämlich in Unterscheerau änderte er die Religion und den Nährzweig und bauete sich einen Laden, der bloß für Käufer Hechel und Mausfalle war. Hier hielt er sich einen Ladenjungen, ein Küchenmensch, einen Friseur, einen Barbier und einen Vorleser[150] des Morgensegens – alle diese Personen machten nur eine Person aus, seine eigne; diese war und tat wie ein Ensoph alles.

Da bei unserem Schelm als einem unvollkommnen Charakter Tugenden in Fehler vererzt sein müssen – ich würd' ihn sonst keinem Roman-Bauherrn antragen –: so nehme man mirs nicht übel, daß ich auch seine weiße Seite neben seine schwarze bringe, wie man auf böheimischen Tafeln immer weiße und schwarze Gerichte nebeneinander stellet.

Er ging damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit doch gut gekleidet heraus. Seinen Hut, seine Ringfinger und seine Weste bordierte echtes Gold; seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und seinen Rücken das englische Schaf. Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemäß, das Verschwendung zu nennen, was hier seltene verheimlichte Wohltätigkeit war; alles, was der unvollkommne Charakter anhatte, waren – Pfänder; denn um die Leute vom Verpfänden abzubringen, drohte er jedem, jedes Pfand, worauf er leihe, würd' er so lange anziehen, als es bei ihm stände. Auf diese Art hielt er manchen ab, und die Kleidung dessen, bei welchem menschenfreundliches Warnen nichts verfing, legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an. Es war daher weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Härte, daß er an sich, so wie mehre Dienst-Personen, so auch mehre Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie ein Regenbogen oder wie eine Kleidermotte, die sich von Tuch zu Tuch durchfrißt.

Da ich so gewiß weiß, daß Verschwendung ihn nicht verunzierte, so sehr es den Anschein hat: so will ich allen Anschein durch die Nachricht wegnehmen, daß er jeden Sonnabend sein Pfund Fleisch im Zölibate kaufte, aber – denn sonst bewiese es noch nichts – nicht aß. Er aß allerdings eines und mit dem Löffel; aber es war vom vorigen Sonnabend. Der unvollkommne Charakter holte nämlich jeden Sonnabend sein Andachtfleisch aus der Bank und veredelte und dekorierte damit sein Sonntag-Gemüs. Aber er nahm nichts zu sich als den vegetabilischen Teil. Am Montag hatt' er den tierischen noch und würzte mit ihm ein zweites[151] Gemüs – am Dienstage arbeitete das abgekochte Fleisch mit neuem Feuer an der Kultur eines frischen Krautes – am Mittwoch mußt' es vor ihm mit matten Fettaugen auf einer andern Kräutersuppe liebäugeln – und so ging es fort, bis endlich der Sonntag erschien, wo das ausgelaugte Fleischgeäder selber zum Essen, aber in einem andern Sinne, kam und Röper das Pfund wirklich aß. Ebenso kann man mit einem Pfund Leibnizischer, Rousseauischer, Jakobischer1 Gedanken ganze Schiffkessel voll schriftstellerischen Blätterwerks kräftig kochen.

Diese Sparsamkeit legierte der unvollkommne Charakter noch mit einigem Betrug. Er interpolierte die Güter, die er gut bekam, und schrieb zurück, er habe sie schlecht bekommen, sie wären so und so und er könnte sie nur um den halben Preis gebrauchen. Ein Drittel des Preises spielt' er so dem Kaufmann geschickt genug aus der entfernten Tasche. Waren, Fässer, Säcke, die in seinem Hause nur ein Absteig-Quartier hatten und weiterreisen mußten, gaben ihm den Transito-Zoll durch ein kleines Loch heraus, das er in sie hineinmachte, um das wenige daraus sich zu entrichten, was dem Fuhrmann aufgebürdet werden konnte, wenns fehlte. – Er legte ein Münzkabinett oder Hospital für arme invalide amputierte Goldstücke an. Andern verrufenen Münzen gab er den ehrlichen Namen, den sie verloren, wieder und zwang seine Faktore, sie als legitimiert und rehabilitiert anzunehmen. Ein Goldstück[152] mochte noch so schlecht in sein Haus gekommen sein, er dankte es wie einen Offizier nie ohne Avancement ab. So decken solche edlere Seelen sogar die Mängel des Geldes mit dem Mantel der Liebe zu.

Auf diese Art breiteten sich seine Kaufmanns- und Feldgüter immer mehr aus, und in seinem von der freundschaftlichen Wärme des Publikums angebrüteten Herzen regte sich, wie ein Ei-Infusiontierchen, ein federloses durchsichtiges mattes Ding, das er Ehre nannte. Der unvollkommne Charakter ließ sich also einen Charakter als Kommerzienrat kommen.

Jetzt, da er die Ehre recht beim Flügel und aufs Papier befestigt hatte, konnt' er sie eher beleidigen als vorher, als er sie noch nicht unter seinen Papieren besaß. Er machte also seine Lieberklärung dem reichsten und geizigsten Vater einer schönen Tochter, welche die Liebe gegen einen Offizier zum letzten Schritte hingerissen hatte. Die Tochter haßte seine Lieberklärung; aber der Charakter mit Hülfe des Vaters bemächtigte sich ihrer sträubenden Hand, zog sie daran zum Altar, schraubte den Ring ihr an und pfählte ihre Hand in seine. Ihr zweites Kind war sein erstes.2

Da indessen seine Ehre sich nach diesem Blutverlust und diesen Ausleerungen schlecht auf den Füßen erhalten konnte: so mußt' er daran denken, ihr ein recht stärkendes Amulett, ein Ignatius-Blech, einen Lukas- und Agathazettel umzuhängen – ein Adeldiplom. Sie wurde aus der Reichshofrats-Kanzlei von Wien auch glücklich hergestellt.

Da er nicht mit seiner Frau, sondern nur mit seinen Gläubigern Güter-Gemeinschaft hatte: beurlaubte er sich vom Kaufmannstande mit einem unschuldigen Falliment und rettete sich und sein reines Gewissen und die Güter seiner Frau und seine eigne auf seinen Landgütern, um da seinem Gott zu dienen.

Ich meine seinen Göttern. – Freunde hatte übrigens der[153] unvollkommne Charakter nicht. Seine Begriffe von Freundschaft waren zu edel und hoch und verlangten die reinste uneigennützigste Liebe und Aufopferung vom Freunde; daher ekelten ihn die niedrigen Tröpfe um ihn an, die nicht sein Herz, sondern seinen Beutel verlangten und die ihn bloß an sich drückten, um etwas aus ihm herauszudrücken. Er konnte einen solchen Eigennutz nicht einmal vor sich sehen, und sein Haus litt daher, wie die menschliche Luftröhre oder wie Sparta, nichts Fremdes in sich. Er glaubte mit Montaigne, man könne nicht mehr als einen Freund, so wie eine Geliebte, recht lieben; daher schenkt' er sein Herz einer einzigen Person, die er unter allen am höchsten schätzte – seiner eignen nämlich – diese hatt' er geprüft; ihre uneigennützige Liebe gegen ihn selber vermochte ihn, daß er Ciceros Ideal erreichte, welcher schrieb, daß man für den Freund alles, sogar das Schlimme tun könne, was man für sich nicht täte.

Er ist der größte Stoiker im Scheerauischen; er sagt nicht bloß, an allen Vergnügungen sei nichts: sondern er verachtet auch alle zeitliche Güter, weil sie ihn nicht glücklich machen können. Diese Verachtung derselben ist vom heftigsten Bestreben nach ihnen wohl nicht zu trennen, weil ein Weiser, wie die Stoiker in der Note3 sagen, ein Leben, in dessen Mobiliarvermögen nur eine Kratzbürste oder ein Stallbesen drüber ist, einem Leben, dem bloß dieses wenige fehlte, vorziehen wird, ob er gleich nicht durch jenes glücklicher wird. Daher legt der unvollkommne Charakter auf die kleinsten Effekten, wie der alte Shandy auf die kleinsten Wahrheiten, einen so großen Wert wie auf die größten; daher muß er mit den Nußschalen heizen, mit abgelösten Siegeln siegeln, auf fremde leere Briefräume eigne Briefe schreiben etc. Der unvollkommne Charakter hat hierin Ähnlichkeit mit dem Geizigen, der mit ähnlichen Kleinigkeiten wuchert und den keine Gründe widerlegen können: denn wenn ich einen Groschen nicht wegwerfen darf, so darf ich auch keinen Pfennig, keinen halben Pfennig, keinen 1/100000 Pfennig; die Gründe sind dieselben.[154]

Im Menschen liegt ein entsetzlicher Hang zum Geiz. Den größten Verschwender könnte man zu noch etwas Schlimmern, zum größten Knicker machen, wenn man ihm so viel gäbe, daß er es für viel und der Vermehrung wert hielte; und umgekehrt. So will der Wassersüchtige desto mehr Wasser, je höher er davon geschwollen ist; mit seinem Wasser fället zugleich der Durst darnach.

Der unvollkommne Charakter dankt dem Himmel für zweierlei, erstlich daß er in keinen Geiz, zweitens in keine Verschwendung gefallen sei – daß er seiner Frau und seinem Kinde nichts versagt, alles gibt und bloß dummen Leuten, die Stoff zur Verschwendung behalten wollen, diesen Stoff aus den Händen nimmt, wie die alten Deutschen, Araber und Otaheiter nur Fremde, nie aber Inländer bestehlen – daß er keusch ist und lieber die Geldkatze eines Kaufmanns als den Gürtel der Venus löset – daß er Armen ganz anders beispringen wollte, wenn er so viel Pfennige hätte wie der und der – daß er aber gleichwohl sein bißchen sich so wenig wie der Traurige seinen Kummer nehmen lasse und daß er einmal am Jüngsten Tage werde befragt werden, ob er mit seinen Pfunden (Sterling) gewuchert. – –

Dieser verkäufliche Charakter im Zeitungkomptoir ist wie ein englischer Missetäter Ware und Verkäufer zugleich und will vom Romanschreiber nichts für sein ganzes Wesen haben als gratis den Roman, in den er geworfen wird.


So weit Fenk, der alle Menschen trug, aber keinen Unmenschen, keinen Filz. Ich habe diesen unvollkommnen Charakter für meine Biographie an mich gehandelt (denn er selber existiert auch biographisch unter dem Namen Röper); es fehlet ihr ohnehin an echten Schelmen merklich; ja wenn ich auch Röpern mit den Teufeln der epischen Dichter vergleiche und mich mit den Dichtern selber: so sind wir beide doch nicht sehr groß.

Wenn die Leser einen Brief vom Doktor Fenk hätten, der seine vorige Härte entschuldigte – der uns an Scheerau, an den Doktor und an eine mir so liebe Person erinnerte und der zum Ganzen recht paßte: so würden sie den Brief in die Lebensbeschreibung[155] mit einknüpfen. Ich habe den nämlichen Brief und das nämliche Recht; und schicht' ihn hier ein.


Fenk an mich

»Nimm den armen Überbringer dieses zum Klienten an; der Maußenbacher hat seine Saug- und Schöpfwerke dem armen Teufel eingeschraubt und zieht. Die sämtlichen Spitzbuben von Advokaten in Scheerau dienen ihm gegen keinen reichen Edelmann zu Patronen, den sie einmal zu ihrem eignen zu bekommen wünschen.

Ich bin zwar selber täglich in Maußenbach und advoziere; aber der Knicker nimmt keine uneigennützigen Gründe an; und sonst hat Röper für alles andre Gefühl und Vernunft. Es wird einmal eine Zeit kom men, wo man unsre vergangne Dummheit so wenig begreifen wird als wir künftige Weisheit, ich meine, wo man nicht bloß, wie jetzo, keine Bettler, sondern auch keine Reichen dulden wird.

Vom Vater einer schönen Tochter zwingt man sich gut zu denken. Ich nötige mich auch: an deiner Klavierschülerin Beata sahest du nur die grünen Blätter unter der Knospe; jetzo könntest du die aufbrechenden Rosenblätter selber sehen und den Duft-Nimbus darum. Eine solche Tochter eines solchen Vaters! Das heißt, die Rose blüht auf einem schwarzen, im Schmutze saugenden Wurzelgeflecht.

Ich bin dort, sie zu heilen; der Alte will für sein Geld was haben; aber in Maußenbach bedenkt kein Mensch, daß der Abt Galiani, den man vier Tage vor meiner Abreise aus Italien begrub, gesagt hat, daß die Weiber ewige Kranke sind. Jedoch bloß an Nerven; die Gefühlvollsten sind die Kränklichsten; die Vernünftigsten oder Kältesten sind die Gesündesten. Wenn ich ein Fürst wäre: ich resolvierte fürstlich und setzte in einem allerhöchsten Reskript Hausarrest darauf, wenn eine Frau auch nur einen einzigen Medizinlöffel austränke. Ihr armen hintergangnen Geschöpfe, warum habt ihr so viel Zutrauen zu uns Männern überhaupt und zu uns Doktoren insbesondere und lasset es euch gern gefallen, daß wir, die Arzneigläser wie in einer Reiheschank verzapfend, euch auf einem Medizinwagen so lange spazieren fahren,[156] bis wir euch auf den Leichenwagen abladen? ... So sagt' ich manchmal zu ihnen; und dann nahmen sie alle Arzneien noch lieber ein, die ich ihnen verordnete.

Die einzigen Arzneien, die Weibern mehr nützen als schaden, sind höchstens Kleider. Nach vielen Naturforschern verlängert das Mausern das Leben der Vögel; aber auch das der Weiber, setz' ich dazu, die allemal so lange siechen, bis sie wieder ein neues Gefieder anhaben. Aus der Therapeutik lässet sichs schlecht erklären; aber wahr ists; und je vornehmer eine ist, mithin je kränklicher, desto öfter muß sie sich mausern, wie auch der Sumpfsalamander sich alle fünf Tage häutet. Ein weiblicher Krebs, der auf eine neue Schale wartet, hockt erbärmlich in seinem Loche. Jedes Gift kann ein Gegengift werden; und da gewiß ist, daß Kleider Krankheiten geben können, z.B. die Hektik, Pest etc.: so müssen sie unter Anleitung eines vernünftigen Arztes auch Krankheiten heben können. Ein aufgeklärter Medikus wird meines Bedünkens, wenn die Hällische Hausapotheke, d.i. die Kleiderkommode, nichts hilft, aus keiner Apotheke als aus dem Auerbachischen Hofe in Leipzig rezeptieren. Da du mancher Preßhaften damit beispringen kannst: so will ich dir aus meiner weiblichen materia medica folgende offizinelle Halstücher, Kleider etc. hersetzen:

Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahlketten. Der Stahl- und Magenschild des atlassenen Gürtels erwärmt den Magen und andre intestina sehr.

Die Edelsteine, die sonst aus Apotheken gegeben wurden, sind noch jetzo äußerlich gut zu gebrauchen.

Blumenbouquets, sobald sie von Seide sind, sind probate Arzneipflanzen und stärken durch den Geruch das Gehirn.

Schals sind Brustarzneien, und nicht ein roter Faden (welches Aberglaube ist), sondern ein Halsband mit einem Medaillon ist nach neuern Ärzten kranken Hälsen dienlich.

Mit der peruvianischen Rinde wird viel betrogen, aber echte ist ein Rock à la peruvienne.

Da alle Wunden nach der neuern Chirurgie durch bloße Bedeckung geheilet werden: so tut statt des englischen Taftpflasters bloßer Taft am Leibe dieselben Dienste.[157]

Ein neuer Visitenfächer ist bei starken Ohnmachten unentbehrlich; ob aber ein Muff unter die erweichenden Mittel, falsche Touren unter die Haarseile, und ein Sonnenschirm unter die kühlenden Mittel, und eine Kleidgarnitur unter die Bruchbänder und Bandagen gehöre – das können ein oder dreihundert Beispiele noch nicht erweisen.

Wir halten uns lieber daran, daß ein Frisierkamm ein Trepan gegen Kopfübel, eine Repetieruhr gegen intermittierenden Puls und ein Ballkleid ein Universale gegen alles ist.

So ist also, scherzhaft zu reden, der Damenschneider ein Operateur, sein Nähfinger ein Arzneifinger, sein Fingerhut ein Doktorhut ....

... Warum vergaß ich dich, edle Beata? Dich heilt eine Parüre nicht; und wenn künftig einmal dein schönes Herz erkrankte – so würde nichts es heilen als das beste Herz, oder es stürbe. – –

Wundere dich über mein Feuer nicht. Ich komme gerade von ihr und vergesse alle Fehler, die ich vor vierzehn Tagen noch von ihr wußte. Mädchen, die oft krank sind, gewöhnen sich eine Miene von geduldigem Ergeben an, die ›zum Sterben schön‹ ist. Ich habe ihren Lieblingausdruck unterstrichen, aber nur von ihrer Zunge kann er im schönsten sterbenden sinkenden Laute fließen. Diese Geduld gewöhnet ihr außer ihren ewigen Kopfschmerzen auch ihr Vater an, der sie gleich sehr quält und liebt und der ihr zu Gefallen (nach dem Egoismus des Geizes) eine Welt abschlachtete. Wenn die Seele mancher Menschen (sicher auch diese) zu zart und fein für diese Morast-Erde ist: so ist es auch oft der Körper mancher Menschen, der nur in Kolibri-Wetter und in Tempe-Tälern und in Zephyrn ausdauert. Ein zarter Körper und ein zarter Geist reiben einander auf. Beata hängt, wie alle von dieser Kristallisation, ein wenig zur Schwärmerei, Empfindsamkeit und Dichtkunst hin; aber was sie in meinen Augen hoch hinaufstellt, ist ein Ehrgefühl, eine demütige Selberachtung, die (meinen wenigen Bemerkungen nach) ein Erbteil nicht der Erziehung, sondern des gütigsten Schicksals ist. Diese Würde sichert ohne prüde Ängstlichkeit die weibliche Tugend. Wenn man aber dieses weibliche point d'honneur erst einerziehen, ja einpredigen muß – ach wie leicht ist nicht[158] eine Predigt besiegt! – Weiber, die sich selber achten, umringt eine so volle Harmonie aller ihrer Bewegungen, Worte, Blicke! ... Ich kann sie nicht schildern, aber die sind zu schildern, die der Rose gleichen, welche unten, wo man sie nicht bricht, die längsten und härtesten Dornen hat, aber oben, wo man sie genießet, sich nur mit weichen und umgebognen verpanzert.

Ich weiß nicht, ob es dir etwas Altes ist, daß Töchter ihren Müttern jede Wahrheit und alle Geheimnisse sagen; mir ists etwas Neues, und nur eine beste Tochter, wie Beata, kann es.

Vor vierzehn Tagen erinnerte ich mich eines Fehlers von ihr nicht so schwach als heute, welcher der ist, daß sie zu wenig Freude an der – Freude und zu große an traurigen Phantasien hat. Es gibt zu weiche Seelen, die sich nie freuen können (so wie nie beleidigt fühlen), ohne zu weinen, und die ein großes Glück, eine große Güte mit einem seufzenden Busen empfangen. Wenn aber diese vor rohen Seelen stehen, die den verborgnen Dank und die stumme Freude nicht erraten können: so werden sie gezwungen, nicht Empfindung, aber den Ausdruck derselben vorzuheucheln. Beatens Vater will für jedes seiner Geschenke, deren Wert er bis zu Apothekergranen auswiegt, eine springende Freude; sie hingegen fühlt höchstens später darauf eine; die Erscheinung irgendeines lichten Glücks selber blitzet ihr auf einmal über alle traurige Tage hin, die wie Gräber in ihrer Erinnerung liegen. Auch an dieser Beata seh' ichs wieder, daß der weibliche Leib und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig für geistige Anstrengung sind und daß beide sich nur durch die immerwährende Zerstreuung der häuslichen Arbeit erhalten; die höhern Weiber erkranken weniger an ihrer Diät als an ihren exzentrischen Empfindungen, die ihre Nerven wie den Silberdraht durch immer engere Löcher treiben und sie aus Fadennudeln in geometrische Linien zerdehnen. Eine Frau, wenn sie Schillers Feuerseele hätte, stürbe, wenn sie damit eines seiner Stücke machte, im fünften Akte selber mit nach.

Ich verstehe deine verliebte Fragartikel recht gut: freilich steigt der geheime Legationrat von Oefel hier oft aus. Er scheint zwar keine zärtlichern Geschäfte hier zu haben als kaufmännische und[159] vom Kommerzien-Agenten nichts verschrieben zu fodern als Pfeffer für Zeylon und Muskatnüsse für Sumatra, folglich seine Tochter und ihre Güter am allerwenigsten. – Desgleichen ist die Ministerin, dieser Zoll- und Almosenstock voll männlicher Herzen, zwar auch mit da und hat Oefels angeöhrtes oder gehenkeltes schon an ihren Reizen hängen; aber der Teufel trau' geheimen Legationräten, zumal Oefeln. Ich sage dir, er mag Beaten kapern oder nicht, so wundert mich jedes. Du wirst dich freilich damit trösten, lieber Jean Paul, daß du erstlich größere Reize hast als er und zweitens gar nicht weißt, daß du die Reize hast, welches in der Konversation viel tut. Es ist wohl etwas daran; denn Oefel will nicht sowohl gefallen als bloß zeigen, daß er gefallen könnte, wenn er nur wollte, und er erlaubt sich daher alle Launen, bloß damit man etwas zu tadeln und zu vergeben und er gutzumachen habe; er ist auch – weil ein Hofmann und ein Demant außer der Härte noch reine Farbenlosigkeit haben müssen, um fremde Farben und Lichter treuer nachzustrahlen – sogar zu einem Hofmann zu eitel und kauft sich mit fremder Gunst nur seine eigne. Ich will dich mit noch mehr ›Zwars‹ trösten, bis ich meine Aber hole. Beata sieht zwar aus, als ob sie sich alle Minuten frage: ›warum bewunder' ich ihn nicht?‹; die Ministerin sieht aus, als ob sie jene alle Minuten frage: ›warum beneidest du mich nicht, da mein Lehnmann ein Forte-Piano mit hundert Zügen und Tritten ist wie ich selber?‹ – denn er behält keine Stellung und kann sich in jede wagen; jede Bewegung scheint aus der andern herzufließen; seine Seele ändert ebenso spielend wie der Körper die Positionen und biegt sich, wie ein Springbrunnen bei Wind, in die entlegensten Materien hinüber; ihn macht nichts irre, er jeden; er weiß hundert Eingänge zu einer Predigt, fängt an, um anzufangen, bricht ab, um abzubrechen, und weiß selber nicht eher als seine Zuhörer, was er will – – kurz es ist ein Nebenbuhler, lieber Paul! – Ich kann jetzt das versprochene Aber nicht recht hereinbringen.

Aber obgleich meine schöne Patientin ihn so kalt überblickt wie einen, der uns ein Kleid anprobiert, so setzt er doch das Gegenteil voraus und wirft Leuchtkugeln zu seiner Erhellung und Dampfkugeln zu ihrer Verfinsterung in sie und sticht schon im[160] voraus die Münzstempel für seine künftige Eroberung-Medaillen. – Männer oder Männchen wie Oefel haben einen solchen Überfluß von Treue, daß sie ihn nicht einer, sondern unter tausend Weibern verteilen müssen; Oefel will ein ganzes weibliches Sklavenschiff kommandieren: er fragt dabei nach dir so wenig wie nach der Ministerin, die ihn liebt, weil es ihr letzter Liebhaber ist, und die er liebt, erstlich weil er an ihrem Triumphwagen, vor welchem sonst mehre Tröpfe eingespannt waren, gern als Gabelpferd allein ziehen will, zweitens weil sie mehr List und weniger Empfindung als er besitzt und ihn beredet, es sei gerade umgekehrt.

Da ich nun unsere Beata, die du gern in dein Leben und in dein Buch hineinhaben möchtest, in das Leben und das Buch des Oefels (er ist auch über einem) verflechte, so hab' ich, trauter Paul, dem alten Röper so viele Kabinett-Predigten darüber gehalten, daß die Kränklichkeit seiner Tochter nicht durch einen, sondern durch ein paar hundert Ärzte zu besiegen sei, d.h. durch Gesellschaft – daß der Alte ihr eine Gesellschaft oder vielmehr sie einer geben will, ohne selber für eine die Alimentengelder auszugeben. Er will sie auf irgendein Beet des Hofgartens verpflanzen: ›Sie soll auch Welt mitkriegen‹, sagt er und hat selber keine. Er würde, wenn er dürfte, die ganze weibliche Welt von ihren Altären und Bilderstühlen und Präsidentenstühlen und ordentlichen Sesseln auf Melkstühle und Werkstühle und Schemel herabziehen und drücken; gleichwohl sollen seiner Tochter durch Juden und durch Diamant-Pulver Facetten oder Glanzecken angeschliffen werden, die er selber hasset. Ist sie am Hofe, so sieht sie nachher der Legationrat alle Tage – und Jean Paul hat nichts.

Dieser Jean fragte mich auch pfiffigerweise, ob er nicht Gerichthalter beim Vater der besagten Tochter werden könne, weil er, der Jean, von dem Abdanken des jetzigen gehört habe – Herr Kolb (eben der Gerichthalter) ist aber noch da, zankt sich noch, sagt jede Woche: ›Wenn jeder die Streiche von Röper wüßt', die ich‹ ....; Röper sagt jede Woche: ›Wenn jeder die Streiche von Kolb wüßte, die ich‹ ...., und so sind beide aneinander durch wechselseitige Besorgnisse geleimt. – – Jetzt ist ohnehin nicht daran[161] zu denken; denn in vierzehn Tagen lässet sich der alte Röper von seinem Rittergute huldigen. Ein Geiziger scheuet sich, zu ändern und zu wagen.

›Warum lässest du deine gute Schwester so lange im giftigen Hüttenrauche des Hofes stehen? Ist das, was sie dort gewinnen kann, wohl so viel wert wie das, was sie mitbringt und dort verlieren kann, ihr reines, weiches, obgleich flüchtiges Herz? Auf meinen Reisen dacht' ich anders, aber jetzt in der Einsamkeit ist mir ein kokettes Insekt, eine kokette Krebsin, die bald vor-, bald rückwärts kriecht, die ihre große und kleine Scheren immer aufsperrt und sie immer wieder erzeugt, wenn man sie abgerissen, die in der Brust statt des Herzens einen Magen trägt und doch kaltblütig ist wie alle Insekten, eine solche inkrustierte Krebsin ist mir widerlicher als eine schalenlose in der Mause der Empfindsamkeit, die zu weich ist und aus der Romanschreiber die empfindsame Krebsbutter machen. Empfindelei bessert sich mit den Jahren, Koketterie verschlimmert sich mit den Jahren. – Warum schaffst du deine Philippine nicht nach Haus?‹ Auf diese Fragen hat mir Jean Paul nicht geantwortet; ich aber auf seine: denn ich räche mich nicht; ich wünschte vielmehr, besagter Paul drückte Beatens Finger heute an unrechte Finger mehr als auf die rechten Tasten und jetzt im Lenz-Alter sähe sie sich neben dem Klavier fragend nach Paulo um und überleuchtete ihn mit dem blauen Himmel ihres weiten Auges; der arme Teufel, eben der Paul, würde sich nicht mehr kennen und dann sagen: ›Ohn' ein schönes Auge geb' ich für alles andre Schöne nicht einen Deut, geschweige mich; aber über ein Himmels-Augenpaar vergess' ich alle benachbarte Reize und alle benachbarte Fehler und den ganzen Bach und Benda, wie er ist, und meine Mordanten und die falschen Quinten und weit mehr.‹ Leb wohl, Vergeßlicher!


Dr. Fenk.«


Wir verstehen uns, herzlicher Freund; wer selber einmal Satiren geschrieben hat, vergibt alle Satiren auf sich, zumal die boshaftesten, bloß die dummen nicht. Aber, ob es der Doktor gleich im Scherze verfochten hat, so muß ich doch solche Leser, die weit von[162] Scheerau wohnen, ohne Rücksicht auf mich benachrichtigen, daß der besagte Legationrat Oefel die unbedeutendste Haut ist, die wir beide nur kennen, wie er denn bloß unter Weibern weniger, aber unter Männern allzeit verlegen ist und im kleinen Zirkel viel mehr als im großen, zu geschweigen, daß er immer die Aufmerksamkeit aufsucht und auch erjagt, welche bescheidne Leute geschickt vermeiden, die allgemeine nämlich. Wenn ihm diese überall gelingt: so soll er sie doch nicht in meinem Buche haben .... Die folgende Sache ist freilich unmöglich – zumal meiner verdammten lang- und kurzbeinigen oder spondäischen Stellage und Konsole wegen, auf die mein übrigens von Kennern beurteilter Torso gelagert ist – – aber ausmalen kann sich doch ein Mensch die unmögliche Sache, welche diese ist, daß ich mich einmal Beaten mit einer Lieberklärung zeigte und so – wider eigne Erwartung – selber der Held dieser Lebensbeschreibung und sie die Heldin würde – – ich bin ordentlich verdutzt, denn ich wollte wahrhaftig nur sagen und setzen, daß ich bei Röper Gerichthalter würde und hernach im Grunde – weil ich jeden Gerichttag zärtlich wäre, oder eine zärtliche Bestie, wie eine Frau sich ausdrückt, die mehr zum schönen als schwachen Geschlecht gehört – gar sein Schwiegersohn – Mit Freuden wollt' ich dem so guten Leser, der Mitfreude fühlt, alles biographisch beschreiben und ihn ergötzen .... Aber, wie gesagt, die Sache ist fatalerweise wohl unmöglich, so weit ich in die Zukunft schauen kann; und dies bloß eines verdammten unsymmetrischen Drahtgestelles wegen, das doch der, den sein Unglück darauf geheftet, durch tausend Glasuren und Rasuren wieder gutmachen will und auf welchem ja Epiktet gleichfalls lange stand.

Im Feuer bin ich ganz aus meinem biographischen Plan herausgegangen; es sollte bisher der Lesewelt geschickt verhalten werden (und glückte auch), daß alle diese Avantüren noch nicht alt sind und daß in kurzem das Leben dieser Personen mit meiner Lebensbeschreibung davon Hand in Hand gleichzeitig gehen werde – – jetzt aber hab' ich alles losgezündet – Es muß nun überhaupt ein neuer Sektor angefangen werden, worin mehr Vernunft ist ...

1

Friederich Jakobi in Düsseldorf. Wer an seinem Woldemar – das Beste, was noch über und gegen die Enzyklopädie geschrieben worden – oder an seinem Allwill – wodurch er die Stürme des Gefühls mit dem Sonnenschein der Grundsätze ausgleichet – oder an seinem Spinoza und Hume – das Beste über, für und gegen Philosophie – die zu große Gedrungenheit (die Wirkung der ältesten Bekanntschaft mit allen Systemen) oder den Tiefsinn oder die Phantasie oder einige Züge, die gewisse seltnere Menschen heben, bewundert: einem solchen wird dabei das erste Anbellen, unter welchem Jakobi in den Tempel des deutschen Ruhms treten mußte, sehr widrig ins Ohr fallen; aber er muß sich nur erinnern, daß in Deutschland (nicht in andern Ländern) neue Kraftgeister immer an der Tempelschwelle anders empfangen werden (z.B. von bellenden Dreiköpfen) als im Tempel selber, wo die Priester sind; und sogar einem Klopstock, Goethe, Herder ging es nicht anders. Aber vollends du armer Hamann in Königsberg! Wie viele Mardochais haben in der Allgemeinen deutschen Bibliothek und in andern Journalen an deinem Galgen gezimmert und an deinem Hängstrick gesponnen! – Inzwischen bist du doch glücklicherweise nur scheintot vom Galgen gekommen.

2

Gebe doch der Himmel, daß der Leser alles versteht und sich hier nur einigermaßen noch der ersten Sektoren erinnert, wo ihm erzählt wurde, daß die Frau des Kommerzien-Agenten Röper die erste Geliebte des Rittmeisters Falkenberg gewesen und dem Agenten ihren Erstgebornen von dem Rittmeister als Morgengabe zugebracht.

3

Si ad illam vitam, quae cum virtute degatur, ampulla aut strigilis accedat, sumturum sapientem eam vitam potius quo haec adjecta sint nec beatiorum tamen ob eam causam fore. Cic. de finib. bonor. et mal. Lib. IV.

Quelle:
Jean Paul: Die unsichtbare Loge, in: Jean Paul: Werke. Band 1, München 1970, S. 145-163.
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