Zweiunddreißigster oder 16. November-Sektor

[289] Schwindsucht – Leichenrede in der Kirche des stillen Landes – Ottomar


Es wäre mir vielleicht auch besser, ich suchte beiden weniger mit der Feder nachzukommen als zu Fuß. Die Lesewelt kann jetzt an meinen Sachen kosten und naschen, indes ich der Ostermesse entgegenhuste, weil ich mir an jenen Sachen und am Schreibtisch, woran ich mich niederkrümme, eine hübsche vollständige Hektik in die zwei Lungenflügel geschrieben. Das sämtliche Publikum sagt nicht »hab Dank« zu mir, daß ich mich um meinen gesunden Atem und um meine sedes gedacht und empfunden: es ist fast alles an mir zu, und es kann wegen der doppelten Sperrordnung nach entgegengesetzten Richtungen wenig durch mich passieren. Ich wandele daher hinter den Pflugscharen aller Auenthaler, um den Broden der Furchen – wie die besten britischen Hektiker tun1 – einzuziehen als Mittel gegen meine Luftsperre und andere Sperre. Gleichwohl würde mich das einfältige Publikum, in dessen Dienst ich mich so elend gemacht, auslachen, wenn es mich den Pflug-Ochsen wie eine Krähe nachschreiten sähe. Ist das Rechtschaffenheit? – Muß ich nicht ohnehin alle Nacht zwischen den Armen von zwei Pudeln schlafen, die ich mit meiner Lungensucht anstecken will, wie ein Ehemann von Stande? Bin ich aber dann, wenn ich die zwei Beischläfer durch Nacht- und Morgengabe mit meinem Übel dotiert habe, des Malums selber los, oder sagt nicht vielmehr Herr Nadan de la Richebaudière, neue Hunde müßt' ich kaufen und infizieren, weil eine halbe Hunde-Menagerie zum Auslader eines einzigen Menschen nötig ist? So kann ich mein Honorar bloß in Hunden vertun. Ich will den Schaden sogar verschmerzen, den meine Rechtschaffenheit dabei leidet, weil ich mich gegen die armen einsaugenden Hunde, deren Lungenflügel ich lähmen[289] und beschneiden will, so freundlich wie Große gegen die Opfer ihrer Rettung stellen muß.

Inzwischen ist doch das noch das verdrüßlichste Skandal, daß ich gegenwärtig im – Viehstall schreibe; denn dieser soll auch (nach neuern schwedischen Büchern) eine Apotheke und einen Seehafen gegen kurzen Atem abgeben. Meiner wollte sich indes noch nicht verlängern, ob ich gleich schon drei Trinitatis hier sitze und drei lange Sektores (gleichsam Josephs-Kinder) am Geburtorte viel dümmerer Wesen in die Welt setze. Man muß selber an einem solchen Orte der Hektik wegen im juristischen oder ästhetischen Fache (weil ich beides Belletrist und Rechtskonsulent bin) gearbeitet haben, um aus Erfahrung zu wissen: daß da oft die erträglichsten Einfälle viel stärkere Stimmen als die der literarischen und juristischen Richter gegen sich haben und dadurch zum Henker gehen.

Während Fenk und Gustav mehr Traurigkeit als Geld verreiseten, ob sie gleich nicht so lange ausblieben wie alle meine inrotulierten Akten: so ging auch Oefel weiter, nämlich in seinem romantischen Großsultan, und tockierte mit dem größten Vergnügen den Kummer seines Freundes hinein. Oefel dankte Gott für jedes Unglück, das in einen Vers ging, und er wünschte zum Flor der schönen Wissenschaften, Pest, Hungernot und andre Gräßlichkeiten wären öfter in der Natur, damit der Dichter nach diesen Modellen arbeiten und größere Illusion daraus erzielen könnte, wie schon den Malern, welche geköpfte Leute oder aufgesprengte Schiffe malen wollten, mit den Urbildern dazu beigesprungen wurde. So aber mußt' er oft aus Mangel an Akademien selber seine sein und war einmal einen ganzen Tag genötigt, tugendhafte Regungen zu haben, weil dergleichen in seinem Werk zu schildern waren – ja oft mußt' er eines einzigen Kapitels wegen mehre Male ins B-- gehen, welches ihn verdroß.

Es geht andern Leuten auch so: der Gegenstand der Wissenschaft bleibt kein Gegenstand der Empfindung mehr. Die Injurien, bei denen der Mann von Ehre flutet und kocht, sind dem Juristen ein Beleg, eine Glosse, eine Illustration zu dem Pandekten-Titel von den Injurien. Der Hospital-Arzt repetiert am Bette[290] des Kranken, über welchen die Fieberflammen zusammenschlagen, ruhig die wenigen Abschnitte aus seiner Klinik, die herpassen. Der Offizier, der auf dem Schlachtfeld – dem Fleischhacker-Stock der Menschheit – über die zerbrochnen Menschen wegschreitet, denkt bloß an die Evolutionen und Viertel-Schwenkungen seiner Kadettenschule, die nötig waren, ganze Generationen in physiognomische Fragmente auszuschneiden. Der Bataillenmaler, der hinter ihm geht, denkt und sieht zwar auf die zerlegten Menschen und auf jede daliegende Wunde; aber er will alles für die Düsseldorfer Galerie nachkopieren, und das reine Menschen-Gefühl dieses Jammers weckt er erst durch sein Schlachtstück bei andern und wohl auch bei – sich. – So zieht jede Erkenntnis eine Stein-Kruste über unser Herz, die philosophische nicht allein. –

Beata opferte fast ihre Augen dem Anteil auf, den sie an niemand anderem (wie sie dachte) nahm als an dem Hingeschiednen. Ihre schweren Blicke waren oft nach dem Eremitenberg gerichtet; abends besuchte sie ihn selbst und brachte dem Schlafenden das Letzte, was die Freundschaft dann noch zu geben hat, im Übermaß. So dringen also die Griffe des Unglücks in weiche Herzen am tiefsten; so sind die Tränen, die der Mensch vergießet, desto größer und schneller, je weniger ihm die Erde geben kann und je höher er von ihr steht, wie die Wolke, die höher als andre von der Erde sich entfernt, die größten Tropfen wirft. Nichts richtete Beaten auf als die Verdopplung des Almosens, das sie gewissen Armen wöchentlich oder nach jeder Freude gab; und der einsame Umgang mit der Residentin, mit ihrer Laura und den beiden Gärtners-Kindern.

Die zwei Reisenden waren besser daran. Da der Doktor Fenk die Ärzte des Landes ex officio visitierte, welche Arzneien machten, nebst den Apothekern, die Repressalien gebrauchten und Rezepte machten: so ärgerte er sich zum Glück so oft, daß er keine rechte Stunde hatte, sich zu betrüben; auf diese Weise brachten Landphysici, die immer auf dem Lande waren (es müßten denn gerade Seuchen grassieret haben), und Hebammen, die in der Nottaufe die Wiedergeburt junger Nichtchristen noch besser besorgen als deren Geburt, und welche Pharao hätte haben sollen, diese[291] brachten den bekümmerten Pestilenziarius wieder etwas auf die Beine. Zorn ist ein so herrliches Abführmittel der Betrübnis, daß Gerichtpersonen, die bei Witwen und Waisen versiegeln und inventieren, diese nicht genug ärgern können; daher legier' ich künftig meinen Erben, die mein Tod zu sehr kränkt, nichts testamentarisch als das Mittel dagegen, Erbosung über den Seligen.

Beide kehrten endlich unter entgegengesetztem Herzklopfen wieder zurück, und ihr Weg führte sie vor Ruhestatt, dem Rittersitze Ottomars, und neben dem verwaiseten Tempel des Parks vorbei. Der Tempel war aber erleuchtet; es war weit in die Nacht; um den Tempel hing ein summender Bienenschwarm von Jagdkleidern, in denen der halbe Hof steckte. Fenk und Gustav drängten sich also durch immer größere Herren und Pferde hindurch, gingen wie Kometen vor einem Stern nach dem andern vorbei und in die Kirche hinein: darin waren ein oder zwei unerwartete Dinge – der Fürst und ein Toter; denn das hinten am Altar fechtende Ding war kein unerwartetes, sondern der Pastor. Gustav und Fenk hatten sich in den Beichtstuhl gestopft. Gustav konnte sein Auge kaum vom Fürsten reißen, der mit jenem edeln gleichgültigen Gesicht, das Leuten von Ton oder aus großen Städten und Leichenbittern selten mangelt, über den Toten wegstreifte – der Fürst hatte jenes Herz der Großen, das ein Petrefakt im guten Sinne und unter ihren festen Teilen der erste ist und das recht schön verrät, daß sie sich an die Unsterblichkeit der Seele halten und daß sie, wenn sie einen von den Ihrigen begraben lassen, nicht zu Hause sind.

Auf einmal legte sich der Doktor auf das Pult des Beichtstuhls nieder und bedeckte das Gesicht; er stand wieder auf und sah mit einem Auge, das er nicht abtrocknen konnte, nach dem aufgedeckten Leichnam hin und suchte vergeblich zu sehen. Gustav schauete auch hin, und die Gestalt war ihm bekannt, aber kein Name, um welchen er vergeblich den sprachlosen Doktor fragte – endlich nennte der Leichenredner den Namen. Ich brauch' es nicht erst in Doppelfraktur zu sagen, daß der Tote, auf dem jetzo so viele harte Augen und ein Paar trostlose ruhten, so aussah wie der Schauspieler Reinecke, dessen edle Bildung nun auch[292] der schwere Grabstein auseinanderdrückt – ich hab' es nicht nötig, dem Pastor den Namen Ottomar nachzusprechen. Der arme Doktor schien seit einiger Zeit bestimmt zu sein, daß der Schmerz seine Nerven zu einem Nerven-Präparat herauslösete und sich daran übte. Sonderbar wars, daß Gustav nicht am gestorbenen, sondern bloß am traurenden Freunde Anteil nahm.

Der gute Medizinalrat knüllte das Gesangbuch, das unter seiner Hand lag, gewaltsam zusammen; er hörte nicht das Abreiten des Fürsten, der nur drei Minuten dagewesen, um sich den Totenschein zu holen, aber jedes Wort des Pastors vernahm er, um von der neuesten Krankheitgeschichte seines Freundes etwas zu erfahren; allein er erfuhr nichts als seine Todesart (hitziges Fieber). Endlich war alles vorbei, und er ging stumm und zwischen die Trauerkerzen hineinstarrend auf die Bahre zu, schob, ohne Blick und Laut, was ihn hindern konnte, weg mit der linken Hand und zuckte hin nach des Schläfers seiner mit der rechten. Als er endlich die Hand, welche Alpen und Jahre von seiner abgerissen hatten, wieder damit umschlossen hielt, ohne doch dem näher zu sein, nach dem er sich so lange gesehnet, und ohne die Freude des Wiederfindens: so war sein Schmerz noch dicht, dunkel und warf sich schwer über seine ganze Seele her, ohne eine Gestalt zu haben. – Aber als er in jener Hand zwei Warzen wiederfand, die er sonst bei ihrem Druck so oft gefühlet hatte: so nahm der Schmerz die Schleiergestalt der Vergangenheit an; Mailand ging mit den Blüten seiner Weinberge und mit den Gipfeln seiner Kastanien und mit den schönen Tagen unter beiden vorüber und sah traurig die zwei Menschen an, die nichts mehr hatten – Hier wär' er mit den zwei gießenden Augen auf die zwei ewig trocknen gefallen, wenn nicht der Leichenmarschall gesagt hätte: »Das tut man nicht gern, es ist nicht gut.« Bloß eine Locke gab ihm das Grab vom ganzen geraubten Freunde zurück, eine Locke, die für das Auge so wenig und für den fühlenden Finger so viel ist. Er schlichtete die Hand, die den letzten Brief so traurig geschlossen, sanft wieder über die unberührte und verließ seinen Ottomar auf lange.

Er hatte nicht bemerkt, daß des Verstorbnen Spitzhund und zwei tonsurierte fremde Menschen da waren, wovon der eine sechs[293] Finger hatte. – Außer der Kirche auf dem Wege, dessen eine Richtung nach dem Ottomarschen Schloß und dessen andre um den Eremitenberg lief, sahen Gustav und Fenk einander mit einer stummen trostlosen Frage an – sie antworteten einander durch den Abschied. Der Doktor kehrte um und setzte seine Reise fort – Gustav ging in den Park und dachte unten am Fuße des Eremitenberges dem Schicksale – nicht seines Freundes noch seinem eignen, sondern dem – aller Menschen nach ....

Und wann schreib' ich dies? Heute, am 16. November, wo der Namentag des eingesargten Ottomars ist. –

1

Die drei Kuren, die ich oben im Texte gegen meine Lungensucht gebrauche, hab' ich von drei Völkern: das Nachspazieren in frisch gepflügten Furchen raten die Engländer – das Stärken durch eine Hunde-Schlafgenossenschaft rät ein Franzos (de la Richebaudière) – das Atmen der Luft in Vieh-Ställen wird schwedischen Hektikern vorgeschrieben.

Quelle:
Jean Paul: Die unsichtbare Loge, in: Jean Paul: Werke. Band 1, München 1970, S. 289-294.
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