Vierter Freuden-Sektor

[396] Der Traum vom Himmel – Brief Fenks


Seitdem ich neben meinem lebenbeschreibenden Handwerk noch das eines Damenschneiders betreibe, wächst ein ganz neues Leben in mir auf. Gleichwohl muß man dem künftigen Schröckh, der in sein Bilderkabinett berühmter Männer mich auch als einen hineinhängen will, den Rat geben, daß er sich mäßige und aus meiner Schneiderei nicht alles ableite, sondern etwas aus meiner Phantasie. Die letzte hat sich im vorigen Winter und Herbst durch das Malen so vieler Naturszenen so gestärkt, daß der gegenwärtige Frühling an mir ganz andre Augen und Ohren findet als die vorigen alle. Das hätten wir alle, ich und Leser, eher bedenken sollen. Wenn der Reiz gewisser Laster durch die täglich wachsenden Anstrengungen der Phantasie unbezwinglich wird: warum geben wir ihrem hinreißenden Pinsel nicht würdige Gegenstände? Warum richten wir sie nicht im Winter ab, den Frühling aufzufassen oder vielmehr auszuschaffen? Denn man genießet an der Natur nicht, was man sieht (sonst genösse der Förster und der Dichter draußen einerlei), sondern was man ans Gesehene andichtet, und das Gefühl für die Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe.

In keinem Kopfe aber kristallisierten sich holdere Traum- und Phantasiegestalten als im Gustavischen. Seine Gesundheit und sein Glück sind zurückgekommen: das zeigen seine Nächte an, worin die Träume wie Violen wieder ihre Lenzkelche auseinandertun. Ein solcher Edenduft wallet um folgenden Traum:[396]

Er starb (kam ihm vor) und sollte den Zwischenraum bis zu seiner neuen Verkörperung in lauter Träumen verspielen. Er versank in ein schlagendes Blüten-Meer, das der zusammengeflossene Sternen-Himmel war; auf der Unendlichkeit blühten alle Sterne weiß und nachbarliche Blütenblätter schlugen aneinander. Warum berauschte aber dieses von der Erde bis an den Himmel wachsende Blumenfeld mit dem rauchenden Geiste von tausend Kelchen alle Seelen, die darüberflogen und in betäubender Wonne niederfielen, warum mischte ein gaukelnder Wind unter einem Schneegestöber von Funken und bunten Feuerflocken Seelen mit Seelen und Blumen zusammen, warum wölkte die verstorbnen Menschen ein so süßer und so spielender Totentraum ein? – O darum: die nagenden Wunden des Lebens sollte der Balsamhauch dieses unermeßlichen Frühlings verschließen und der von den Stößen der vorigen Erde noch blutende Mensch sollte unter den Blumen zuheilen für den künftigen Himmel, wo die größere Tugend und Kenntnis eine genesene Seele begehrt. – Denn ach! die Seele leidet ja hier gar zu viel! – Wenn auf jenem Schneegefilde eine Seele die andre umfaßte: so schmolzen sie aus Liebe in einen glühenden Tautropfen ein; er zitterte dann an einer Blume herab und sie hauchte ihn wieder entzweigeteilt als heiligen Weihrauch empor. – Hoch über dem Blütenfeld stand Gottes Paradies, aus dem das Echo seiner himmlischen Töne in Gestalt eines Bachs in die Ebene herniederwallete; sein Wohllaut durchkreuzte in allen Krümmungen das Unter-Paradies und die trunknen Seelen stürzten sich aus Wonne von den Ufer-Blumen in den Flötenstrom; im Nachhall des Paradieses erstarben ihnen alle Sinne und die zu endliche Seele ging, in eine helle Freuden-Träne aufgelöset, auf der laufenden Welle weiter. – Dieses Blumengefilde stieg unaufhaltsam empor, dem erhöheten Paradiese entgegen, und die durcheilte Himmelluft schwang sich von oben herab und ihr Niederwehen faltete alle Blumen auseinander und bog sie nicht. – Aber oft ging Gott in der dunkelsten Höhe weit über der wehenden Aue hinweg; wenn der Unendliche dann oben seine Unendlichkeit in zwei Wolken verhüllte, in eine blitzende, oder die ewige Wahrheit, und in eine warm auf alles niederträufelnde und[397] weinende, oder die ewige Liebe: alsdann stand gehalten die steigende Au, der sinkende Äther, der nachhallende Bach, das rege Blumenblatt; alsdann gab Gott das Zeichen, daß er vorübergehe, und eine unermeßliche Liebe zwang alle Seelen, in dieser hohen Stille sich zu umarmen und keine sank an eine, sondern alle an alle – ein Wonne-Schlummer fiel wie ein Tau auf die Umarmung. Wenn sie dann wieder auseinander erwachten, so gingen aus dem ganzen Blumenfelde Blitze, so rauchten alle Blüten, so sanken alle Blätter unter den Tropfen der warmen Wolke, so klangen alle Krümmungen des tönenden Baches zusammen, es wetterleuchtete das ganze Paradies über ihnen und nichts verstummte als die liebenden Seelen, die zu selig waren ....


*


Gustav erwachte in eine nähere Welt, die ein schönes Gegenspiel seiner geträumten war; die Sonne war in einen einzigen glühenden Strahl verwandelt, und dieser Strahl knickte auch an der Erde ab; die Wolke der Dämmerung zog herum, Blumen und Vögel hingen ihre schlafenden Häupter in den Tau hin und bloß der Abendwind kramte noch in den Blättern umher und blieb die ganze Nacht auf ....

So schleichen unsere grünen Stunden durch unser unbesuchtes Tal, sie gleiten mit einem ungehörten Schmetterling-Fittich durch unsern Luftkreis, nicht mit der schnurrenden Käfer-Flügeldecke – die Freude legt sich leise wie ein Abendtau an und prasselt nicht wie ein Gewitterguß herab. Unsere glückliche Badzeit wird uns zum Mut, zu Geschäften, zum Erdulden auf lange, auf immer erfrischen; das grüne Lilienbad wird in unserer Phantasie eine grüne Rasenstelle bleiben, auf der, wenn einmal die Jahre alle elysische Felder, die ganze Gegend unserer Freude tief überschneiet haben, unter ihrem warmen Hauche aller Schnee zergeht und die uns immer angrünet, damit wir auf ihr, wie Maler auf grünem Tuche, unsere alten Augen erquicken .... Ich wünsch' euch, meine Leser, für euer Alter recht viele solche offen bleibende Stellen und jedem Kranken sein Lilienbad.

Tät' ichs nicht dem deutschen Publikum zu Gefallen: so würd'[398] ich schwerlich vor Freude zur Beschreibung derselben gelangen. Und doch werd' ich keinen neuen Freuden-Sektor anfangen vor dem Geburttage Beatens. Dieser wird auf der kleinen Molukke Teidor begangen, dahin sind wir vom Doktor eingeladen; der hat sein Landhaus auf dieser Insel; das Wetter wird auch schön verbleiben. – – Ich kann so viel ohne großes prophetisches Talent leicht voraussehen, daß der Geburttags- oder Teidors-Sektor alles Schöne, was je in der Alexandrinischen Bibliothek verbrannt oder in Ratbibliotheken vermodert oder in andern erhalten worden, nicht sowohl vereinigen als völlig überbieten werde.

Im nämlichen Brief, der uns nach der molukkischen Insel lockt, schreibt mir der Doktor eine Neuigkeit, die insofern hier einen Platz verdient, weil einer da ist und ich den Sektor gern voll haben möchte, indem ich bloß abschriebe.

»Der Professor Hoppedizel, der außer dem Philosophieren und Prügeln nichts so liebt als Spaßmachen, will, sobald der Mond wieder später aufgeht, den machen, daß er ein Spitzbube ist. Ich traf ihn vor einigen Tagen an, daß er sich einen langen Bart zurechtsott, ferner Brecheisen versteckte und Masken wählte. Ich fragte ihn, auf welcher Redoute er stehlen wolle. Er sagte, in der Maußenbachschen – kurz er will deinen Gerichtprinzipal dadurch, daß er mit der kleinen Bande einbricht und statt Beute Spaß macht, in einen theatralischen Kunst-Schrecken jagen. Zu wünschen wäre, dieser artistische und satirische Räuberhauptmann würde für einen wahren genommen und mit seinem Brech-Apparat auf einen Arrestanten-Wagen gebracht und öffentlich hereingefahren – nicht etwa, damit der gute Hoppedizel dabei versehret würde – sondern nur damit dieser korsarische Stoiker auf die Folter käme und dadurch drei Menschen auf einmal ins Licht setzte: erstlich sich, indem er weniger das Verbrechen als seine stoischen Grundsätze bekennte – zweitens den Pestilenziar oder mich, indem ich bei der Tortur (wie wir bei allen Schmerzen tun) die Rücksichten auf seine Gesundheit vorschriebe – drittens den Justitiar oder dich, der du zeigen könntest, daß du deine akademischen Kriminalhefte schon noch im Koffer hättest.«

Ich glaube, es wird dem Leser auch so gehen wie mir, daß uns[399] auf dem Blumengestade unter den Wohllauten der Natur dieses Seetreffen des großen Weltmeers und dieses Schießen desselben eine schreiende Dissonanz zu machen scheint.

Quelle:
Jean Paul: Die unsichtbare Loge, in: Jean Paul: Werke. Band 1, München 1970, S. 396-400.
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