Dreiundfunfzigster oder der größte Freuden-Sektor oder der Geburttags- oder Teidors-Sektor

[400] Der Morgen – der Abend – die Nacht


Heute ist Beatens Fest und wird immer schöner – mein Schreibepult ist neun Millionen Quadratmeilen breit, nämlich die Erde – die Sonne ist meine Epiktets-Lampe, und statt der Handbibliothek rauschen die Blätter des ganzen Naturbuchs vor mir .... Aber von vornen an! Übrigens lieg' ich jetzt auf der Insel Teidor.

Die Tage vor schlechtem Wetter sind auch meteorologisch die schönsten. Da wir heute als die friedlichste Quadrupel-Allianz, die es gibt, durch unser singendes Tal, eh' noch die Morgenstrahlen hereingestiegen waren, hinausgingen, um noch vor neun Uhr recht gemächlich auf der kleinen Molukke Teidor anzukommen: so streckte sich ein ganzer kristallener quellenheller Tag auf den weiten Fluren vor uns hin – wir waren bisher an schöne gewöhnt, aber an den schönsten nicht. – Die Erdkugel schien eine helle, aus Dünsten und Lüften herausgehobene Mondkugel zu sein – die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau, sozusagen ungepudert von Nebeln – alle Aussichten waren uns näher gerückt und der Dunst war vom Glase, wodurch wir sahen, abgewischt – die Luft war nicht schwül, aber sie ruhte auf den Gewürz-Fluren unbeweglich aus und das Blatt nickte, aber nicht der Zweig, und die hängende Blume wankte ein wenige aber bloß unter zwei kämpfenden Schmetterlingen .... Es war der Ruhetag der Elemente, die Sieste der Natur. Ein solcher Tag, wo schon der Morgen die Natur eines schwärmerischen Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen, an unsre Vergangenheit und an unser Sehnen erinnert, kommt nicht oft, kommt für nicht viele, darf für die wenigen, in deren schwellendes Herz er leuchtet, nicht[400] oft kommen, weil er die armen Menschen, die ihm ihre Herzen wie Blumenblätter auftun, zu sehr erfreuet, sie vom kameralistischen Feudalboden, wo man mehr Blumen mähen als beriechen muß, zu weit ins magische Arkadien verschlägt. – Aber ihr Finanziers und Ökonomen und Pächter, wenn fast alle Jahrzeiten der Haut und dem Magen dienen: warum soll nicht ein Tag – zumal für Brunnengäste – bloß dem zu weichen Herzen zugehören? Wenn man euch Härte vergibt: warum wollt ihr keine Weichheit vergeben? – O ihr beleidigt ohnehin genug, ihr gefühllosen Seelen; die schönere feinere ist euch bloß unbedeutend und lächerlich; aber ihr seid ihr quälend und verwundet sie. – Sonderbar ists, daß man andern zuweilen die Vorzüglichkeit der Talente, aber nie die Vorzüglichkeit der Empfindungen zugesteht und daß man seiner eignen Vernunft, aber nicht seinem eignen Geschmack Irrtümer zutraut.

Ein durchsichtiges Dockengeländer von Waldbäumen stand bloß noch zwischen uns und dem indischen Ozean, worin Teidor grünte, als uns der Steig durch das hohe Gras, das über ihn hereinschlug, an einer Einöde oder einem isolierten Hause vorübertrug, das zu entzückend in diesem Blumen-Ozean lag, als daß man hätte vorbeigehen oder -reiten können. Wir lagerten uns auf einer abgemähten Rasenstelle, zur rechten Seite des Hauses, zur linken eines runden Gärtchens, das sich mitten in die Wiese versteckte. Im armen Gärtchen waren und nährten sich (wie in einem toleranten Staate) auf dem nämlichen Beete Bohnen und Erbsen und Salat und Kohlrüben; und doch hatte im Zwerg-Garten ein Kind noch sein Infusions-Gärtchen. Im blendenden und roten Vogelhäuschen betrieb eine flinke Frau gerade ihre wohlriechende Feldbäckerei; und zwei Kinderhemdchen hingen am Gartenzaun, und zwei standen an der Haustür, in welchen letzten zwei braune Kinder spielten und uns beobachteten – ihnen tat am heutigen Morgen nichts wohl als ihren entblößten Füßen die Sonne. O Natur! o Seligkeit! du suchest wie die Wohltätigkeit gern die Armut und das Verborgne auf!

Das Klügste, was ich heute gesagt habe und vermutlich sagen werde, ist gewiß die Gras-Rede am Morgen neben dem Häuschen.[401] Als ich so den stehenden Himmel, die Wind- und Blätterstille betrachtete, in der der steilrechte Flügel des Schmetterlings und das Härchen der Raupe unverbogen blieb: so sagt' ich: »Wir und dieses Räupchen stehen unter und in drei allmächtigen Meeren, unter dem Luftmeer, unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere; gleichwohl sind die brausenden Wogen dieser Ozeane, diese Meilen-Wellen, die ein Land zerreißen können, so geglättet, so bezähmet, daß der heutige Sabbat-Tag herauskommt, wo den breiten Flügel des Schmetterlings kein Lüftchen ergreift oder um ein gefiedertes Stäubchen berupft und wo das Kind so ruhig zwischen den Elementen-Leviathans tändelt und lächelt. – Wenn dies kein unendlicher Genius bezwungen hat, wenn wir diesem Genius keine Zusammenordnung unsers künftigen Schicksals und unserer künftigen Welt zutrauen –« ...

O unendlicher Genius der Erde! an deinen Busen wollen wir unsre kindlichen Augen schmiegen, wenn sich der Sturm von der Kette losreißet – – an dein allmächtiges heißes Herz wollen wir zurücksinken, wenn uns der eiserne Tod einschläfert, indem er vorbeigeht! –

So wandelten wir unschuldig-zufrieden, ohne Hastigkeit und Heftigkeit den Wellen zu, die an Fenks Landhaus spülten. Sonderbar ists, es gibt Tage, wo wir freiwillig unser stilles fort-vibrierendes Vergnügen von den äußern Gegenständen uns zureichen lassen (wodurch wir ungewöhnlich gegen echten Stoizismus verstoßen); – noch sonderbarer ists, daß manche Tage dieses wirklich tun. – – Ich meine das: ein gewisses leises wellen-glattes Zufriedensein – nicht verdient durch Tugend, nicht erkämpft durch Nachdenken – wird uns zuweilen von dem Tage, von der Stunde beschert, wo alle die jämmerlichen Kleinigkeiten und Fransen, woraus unser ebenso kleinliches als kleines Leben zusammengenäht ist, mit unsern Pulsen einstimmen und unserem Blute nicht entgegenfließen – z.B. wo (wie heute geschah) der Himmel unbewölkt, der Wind im Schlaf, der Fährmann, der nach Teidor bringt, bei der Hand, der Herr des Landhauses, Doktor Fenk, schon vor einer Stunde gegenwärtig, das Wasser eben, das Boot trocken, der Anlandung-Hafen tief und alles recht ist ....[402] Wahrhaftig wir sind alle auf einen so närrischen Fuß gesetzt, daß es zu den Menschenfreuden, worüber der Zerbster Konsistorialrat Sintenis zwei Bändchen abgefasset, mit gerechnet werden kann – in Deutschland; aber in Italien und Polen weit weniger –, zuweilen einen oder den andern Floh zu greifen ...... Will man also einen solchen paradiesischen Tag erleben: so muß nicht einmal eine Kleinigkeit, über die man in stoisch-energischen Stunden wegschreitet, im Wege liegen; so wie sich über die Sonne, wenn ein Brennspiegel sie herunterholen will, nicht das dünnste Wölkchen schieben darf .... Ich bin jetzt im Feuer und versichere, ich kann mir unmöglich etwas Närrischeres denken als unser Leben, unsere Erde, uns Menschen und unsre Bemerkung dieser Narrheit ....

Der indische Ozean war ein lärmender Marktplatz wie ein sinesischer Strom, überall bewegte sich auf ihm Freude, Leben und Glanz, von seiner Oberfläche bis zu seinem Grunde, wo die zweite Halbkugel des Himmels mit ihrer Sonne zitterte. Im Landhause waren die Wände weiß, weil für einen Menschen (sagte Fenk), welcher aus der in lauter Feuer und Lichtern stehenden Natur in eine enge Klause tritt, kein Kolorit dieser Klause hell genug sein könne, um einen traurigen beschränkten Eindruck abzuwenden.

Alsdann ruhten wir aus, indem wir von einer beschatteten Grasbank der Insel zur andern gingen, von Birkenblättern und indischen Wellen angefächelt – dann musizierten – dann dinierten wir, erstlich am Tische eines Wirtes, der auf eine lustige Art fein und delikat zu sein weiß, zweitens vor den in alle Weltgegenden aufgeschlossenen Fenstern, die uns noch mehr in alle Strudel der freudigen Natur hineindrehten, als wären wir draußen gewesen, und drittens jeder von uns mit einer Hand, welche die weiche Beere des Vergnügens abzunehmen weiß, ohne sie entzweizudrücken. – Ottomar kommt abends – die zwei Mädchen haben unter Blumen und der glückliche Gustav unter Schatten sich verloren – der Lebensbeschreiber liegt hier wie der Jurist Bartolus auf dem hebenden Grase und schildert alles – Fenk ordnet auf Abend an. – Erst abends tritt das Vollicht unserer heutigen Freude ein; und ich danke dem Himmel, daß ich jetzt mit meiner biographischen Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiß,[403] als ich eben berichte: anstatt daß ich bisher immer mehr wußte und mir den biographischen Genuß der freudigsten Szenen durch die Kenntnis der traurigen Zukunft versalzte. So aber könnt' in der nächsten Viertelstunde uns alle das Weltmeer ersäufen: in der jetzigen lächelten wir in dasselbe hinein.

Da ich so ruhig bin und nicht spazieren gehen mag: so will ich über das Spazierengehen, das so oft in meinem Werke vorkommt, nicht ohne Scharfsinn reden. Ein Mann von Verstand und Logik würde meines Bedünkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.

In der I. Kaste laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.

In der II. Kaste rennen die Gelehrten und Fetten, um sich eine Motion zu machen, und weniger, um zu genießen, als um zu verdauen, was sie schon genossen habe; in dieses passive unschuldige Fach sind auch die zu werfen, die es tun ohne Ursache und ohne Genuß, oder als Begleiter, oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schönen Wetter.

Die III. Kaste nehmen diejenigen ein, in deren Kopfe die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die großen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermeßlichen Schönheitlinie nachblicken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fließet und welche die Sonne und den Bluttropfen und die Erbse ründet und alle Blätter und Früchte zu Zirkeln ausschneidet. – O wie wenig solcher Augen ruhen auf den Gebirgen und auf der sinkenden Sonne und auf der sinkenden Blume!

Eine IV. bessere Kaste, dächte man, könnt' es nach der dritten gar nicht geben: aber es gibt Menschen, die nicht bloß ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen – die in diese blühende Welt die zweite verpflanzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer – die unter dem Rauschen und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blätter daran sind – die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als[404] eine heilige Stätte der Andacht brauchen – kurz, die nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen ....

Ich weiß kein größeres Lob, als daß ich von solchen Menschen leicht auf unser liebendes Paar hinübergleiten kann – die Liebe desselben ist ein solcher Spaziergang, das Leben der hohen Menschen ist auch ein solcher. – Ich will nur noch, eh' ich mich vom erdrückten Gras aufrichte, so viel bemerken, daß Gustavs Liebe ganz in die Realdefinition einpasset, die von ihr in einer schwärmerischen Sommer-Mitternacht zu machen ist – Die edelste Liebe (kann man definieren) ist bloß die zarteste, tiefste, festeste Achtung, die sich weniger durch Tun als durch Unterlassen offenbaret, die sich wechselseitig errät, die auf beide Seelen (bis zum Erstaunen) die nämlichen Saiten zieht, die die edelsten Empfindungen mit einem neuen Feuer höher trägt, die immer aufopfern, nie bekommen will, die der Liebe gegen das ganze Geschlecht nichts nimmt, sondern alles gibt durch das Einzelwesen; diese Liebe ist eine Achtung, in welcher der Druck der Hände und der Lippen sehr entbehrliche Bestandteile sind und gute Handlungen sehr wesentliche; kurz eine Achtung, die vom größern Teile der Menschen ausgehöhnet und vom kleinsten tief geehret werden muß. Eine solche herzerhöhende Achtung war Gustavs Liebe, welche edle Augenzeugen nicht nur vertrug, sondern auch erfreuete und wärmte, weil sie ohne jenes unschuldig-sinnliche Getändel mit Lippen und Händen war, woran der Zuschauer gerade so viel Anteil wie an rollenmäßigen theatralischen Viktualien der Schauspieler nehmen kann. – Ein Zeichen der tugendhaften Achtung oder Liebe ist dies, wenn der Zuschauer desto mehr Anteil daran nimmt, je größer sie ist. Gustavs Liebe hatte – seit seinem Petrus-Falle und noch mehr seit der Vergebung dieses Falls (denn viele Fehler fühlt man erst am tiefsten, wenn sie verziehen sind) – einen solchen Zusatz von Zartheit, von Zurückhaltung, von Bewußtsein des fremden Werts gewonnen, daß er sich mehre Herzen gewann als das weichste, und andre Augen beherrschte als die schönsten an Beaten, vor denen seine Blicke, wie Schneeflocken unter der nackten Sonne im Blauen, rein, schimmernd, zitternd und zerrinnend niederfielen. – –[405]

– Eben langt alles an, Ottomar und die andern. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Meine Uhr schlägt zwei Uhr nach Mitternacht, und noch ist Beatens und des Paradieses Wiegenfest nicht beschlossen: denn ich setze mich jetzt her, es zu beschreiben; wenn ich anders auf dem Stuhl bleibe und nicht wieder in das blaue Gewölbe, das über so viele heutige Freuden seine Sternenstrahlen warf, hinausirre.

Gegen Abend flog Ottomar über das Wasser her über. Er sieht immer aus wie ein Mann, der an etwas Weites denkt, der jetzt nur ausruhet, der die hereinhängende Blume der Freude abbricht, weil ihn seine fliehende Gondel vor ihr vorüberreißet, nicht weil er daran denkt. Er hat noch seine erhaben-leise Sprache und sein Auge, das den Tod gesehen. Immer noch ist er ein Zahuri1, der durch alles Blumengeniste und alle Graspartien der Erde durchschauet und zu den unbeweglichen Toten hinabsieht, die unter ihr liegen. So sanft und stürmisch, so humoristisch und melancholisch, so verbindlich und unbefangen und frei! Er behauptete, die meisten Laster kämen von der Flucht vor Lastern – aus Furcht, schlimm zu handeln, täten wir nichts und hätten zu nichts Großem mehr Mut – wir hätten alle so viel Menschenliebe, daß wir keine Ehre mehr hätten – aus Menschen-Schonung und Liebe hätten wir keine Aufrichtigkeit, keine Gerechtigkeit, wir stürzten keinen Betrüger, keinen Tyrannen etc.

Ihn wunderte Beata, die nicht den gewöhnlich erzwungenen, sondern steigenden Anteil an unsern Reden nahm; denn er glaubt, mit einer Frau könne man von Himmel und Hölle, von Gott und Vaterland sprechen, so denke sie doch unter dem ganzen Hören an nichts als an ihre Gestalt, ihr Stehen, ihren Anzug. »Ich nehme«, sagte Fenk, »erstlich alles aus, und zweitens auch die Physiognomik; auf diese horchen alle, weil sie alle sie sogleich gebrauchen können.«

Der magische Abend trieb immer mehr Schatten vor sich voraus; er nahm endlich alle Wesen auf seinen wiegenden Schoß und legte sie an sich, um sie ruhig, sanft und froh zu machen. Wir[406] fünf Eiländer wurden es auch. Wir gingen sämtlich hinaus auf eine kleine künstliche Anhöhe, um die Sonne bis zur Treppe zu begleiten, eh' sie über Ozeane nach Amerika hinabschifft. Plötzlich ertönten drüben in einer andern Insel fünf Alphörner und gingen ihre einfachen Töne ziehend auf und ab. Die Lage wirkt mehr auf die Musik, als die Musik auf die Lage. In unserer Lage – wo man mit dem Ohr schon an der Alpenquelle, mit dem Auge auf der am Abend übergoldeten Gletscherspitze ist und um die Sennenhütte Arkadien und Tempe und Jugend-Auen lagert, und wo wir diese Phantasien vor der untergehenden Sonne und nach dem schönsten Tage fliegen ließen – da folgt das Herz einem Alphorn mit größern Schlägen als einem Konzertsaale voll geputzter Zuhörer. – O das Einlaßblatt zur Freude ist ein gutes, und dann ein ruhiges Herz! – Die dunkeln wolkigen durchschimmerten Begriffe, die der Weltweise von allen Empfindungen verlangt, müssen langsam über die Seele ziehen oder gänzlich stehen, wenn sie sich vergnügen soll; so wie Wolken, die langsam gehen, schönes Wetter, und fliegende schlimmes bedeuten. »Es gibt«, sagte Beata, »tugendhafte Tage, wo man alles verzeiht und alles über sich vermag, wo die Freude gleichsam im Herzen kniet und betet, daß sie länger dableiben und wo alles in uns ausgeheitert und beleuchtet ist; – wenn man dann vor Vergnügen darüber weint: so wird dieses so groß, daß alles wieder vorbei ist.«

»Ich«, sagte Ottomar, »werfe mich lieber in die schaukelnden Arme des Sturms. Wir genießen nur blinkende, glühende Augenblicke; diese Kohle muß heftig herumgeschleudert werden, damit der brennende Kreis der Entzückung erscheine.«

»Und doch«, sagt' er, »bin ich heute so froh vor dir, untersinkende Sonne! ... Je froher ich in einer Stunde, in einer Woche war, desto mehr stürmte dann die folgende – Wie Blumen ist der Mensch: je heftiger das Gewitter werden wird, desto mehr Wohlgerüche verhauchen sie vorher.«

»Sie müssen uns nicht mehr einladen, Herr Doktor«, sagte lächelnd Beata, aber ihr Auge schwamm doch in etwas mehr als in Freude.

Unter dem Rotauflegen des Himmels trat die Sonne auf ihre[407] letzte Stufe, von farbigen Wolken umlagert. Die Alphörner und sie verschwanden im nämlichen Nu. Eine Wolke um die andere erblaßte, und die höchste hing noch durchglühet herab. Beata und meine Schwester scherzten weiblich darüber, was diese illuminierten Nebel wohl sein könnten – Die eine machte daraus Weihnachtschäfchen mit rosenroten Bändern, eine rote Himmelschärpe – die andre feurige Augen oder Wangen unter einem Schleier – rote und weiße Nebel-Rosen – einen roten Sonnenhut u.s.w. ...

Punsch, denk' ich, wurde endlich für die Herren gebracht, von denen einer ihn in solcher Mäßigkeit zu sich nahm, daß er noch um 21/2 Uhr seinen Sektor setzen kann. Wir wandelten dann unter dem kühlenden rauschenden Baum des Himmels, dessen Blüten Sonnen und dessen Früchte Welten sind, hin und her. Das Vergnügen führte uns bald auseinander, bald zueinander, und jeder war gleich sehr fähig, ohne und durch Gesellschaft zu genießen. Beata und Gustav vergaßen aus Schonung über die fremde Liebe und Freude ihre besondere und waren unter lauter Freunden sich auch nur Freunde. O predigt doch bloß die Traurigkeit, die das Herz so dick wie das Blut macht, aber nicht die Freude aus der Welt, die in ihrem Taumeltanz die Arme nicht bloß nach einem Mittänzer, sondern auch nach einem wankenden Elenden ausstreckt und aus dem Jammer-Auge, das ihr zusieht, vorüberfliehend die Träne nimmt! – Heute wollten wir einander alles verzeihen, ob wir gleich nichts zu verzeihen fanden. Es war nichts zu vergeben da, sag' ich; denn als ein Stern um den andern aus der schattierten Tiefe herausquoll und als ich und Ottomar vor einer schlagenden Nachtigall umgekehret waren, um durch die Entfernung den gedämpften Lautenzug ihrer Klagen anzuhören, und als wir einsam, von lauter Tönen und Gestalten der Liebe umgeben, nebeneinander standen und als ich mich nicht mehr halten konnte, sondern unter dem großen jetzigen und künftigen Himmel mein Herz dem zeigte, dessen seines ich längst gesehen und geliebt: so war so etwas kein Verzeihen und Versöhnen, sondern ... Davon übermorgen!

In veränderlichen Gruppen – bald die zwei Mädchen allein, bald mit einem dritten, bald wir alle – betraten wir die in Gras[408] umgekleideten Blumen und gingen zwischen zwei nebenbuhlerischen Nachtigallen, wovon die eine unsre Insel, die andre die nächste Insel besang und begeisterte. In diesem musikalischen Potpourri hatten die Blumenblätter die wohlriechenden Potpourri zugedeckt, aber alle Birkenblätter hatten die ihrigen aufgetan, und wir teilten uns mit Absicht auseinander, um nicht eilig aus unserem zauberischen Otaheiti abschiffen zu können. –

Endlich gerieten wir zufällig unter einer Silberpappel zusammen, deren beschneiete Blätter durch den Glanz im Abend uns um sie versammelt hatten. »Wir haben hohe Zeit zum Fortgehen!« sagte Beata. Allein da wirs wollten oder wollen mußten: so ging der Mond auf; hinter einem gegitterten Fächer von Bäumen schlug er so bescheiden, als er still über die blinde Nacht wegfließet, seine Wolken-Augenlider auf, und sein Auge strömte, und er sah uns an wie die Aufrichtigkeit, und die Aufrichtigkeit sah auch ihn an. »Wollen wir nur« – sagte Ottomar, in dessen heißer Freundschaft-Hand man gern jede weibliche entriet – »bleiben, bis es auf dem Wasser lichter wird und der Mond in die Täler hereinleuchten kann – wer weiß, wann wirs wieder so haben?« Endlich füge er hinzu: »Ich und Gustav verreisen ohnehin morgen früh, und das Wetter hält nicht mehr lange.« Es ist das siebenwöchentliche unbekannte Verreisen, von dem ich alle Mutmaßungen, die es bisher so wichtig und rätselhaft vorstellten, gern hier zurücknehme.

Wir blieben wieder; das Gespräch wurde einsilbiger, der Gedanke vielsilbiger und das Herz zu voll, so wie uns der abnehmende Mond an der Aufgangschwelle auch voll vorkam. Wenn einmal eine Gesellschaft die Hand vom Türdrücker, woran sie sie schon hatte, wieder wegtut: so erregt dieser Aufschub die Erwartung größerer Vergnügungen, und diese Erwartung erregt Verlegenheit; – wir aber wurden bloß um einander stiller, verbargen unsere Seufzer über die Falkenflügel fröhlicher Stunden, und vielleicht brachte manches weggewandte Auge dem Monde das Opfer, das ihm der traurigste und der freudigste Mensch so schwer versagen kann ....

Gerade jetzt drängte ich mich wieder hinaus in seine Strahlen und komme wieder an meinen Schreibtisch und danke dem Schleier[409] der Nacht, der um das Universum doppelt herumreicht, daß er auch über den größten Schmerzen und Freuden der Menschen sich faltet .... Wir waren also auf unserer Insel so schwermütig stumm, wie an einer Pforte der fröhlichen Ewigkeit; der länderbreite Frühling zog mit seiner Herrlichkeit – mit seinem gesunknen lauen Monde – mit seinem schillernden Venusstern – mit seiner erhabnen Mitternachtröte – mit seinen himmlischen Nachtigallen vor fünf Menschen vorüber; er warf und häufte in diese fünf Überglückliche seine Knospen und seine Blüten und seine dämmernden Aussichten und Hoffnungen und seine tausend Himmel und nahm ihnen nichts dafür weg als ihre Sprache. O Frühling! o du Erde Gottes! o du unumspannter Himmel! ach! regte sich heute doch in allen Menschen auf dir das Herz in freudigen Schlägen, damit wir alle nebeneinander unter den Sternen niederfielen und den heißen Atem in eine Jubel-Stimme ergössen und alle Freuden in Gebete, und das hohe Herz nach dem hohen Himmelblau richteten und in der Entzückung nicht Kummer-, sondern Wonne-Seufzer abschickten, deren Weg so lang zum Himmel wie unserer zum Sarge ist! ... Du bitterer Gedanke, oft unter lauter Unglücklichen der Fröhliche zu sein! – du süßerer, unter lauter Glücklichen der Betrübte zu sein!

Endlich flossen vom Silberblick des steigenden Mondes die trübenden Schlacken hinweg; er stand wie eine unaussprechliche Entzückung höher in der Nacht des Himmels, aus dessen Hintergrund in den Vorgrund gemalt. Die Frösche durchschlugen wie eine Mühle die Nacht, und ihr forttönender vielstimmiger Lärm hatte die Wirkung eines Schweigens. – O welcher Mensch, den der Tod zu einem über die Erde fliegenden Engel gemacht hätte, wäre nicht auf sie niedergefallen und hätte unter irdischem Laub und auf der irdischen, vom Monde übersilberten Erde (wie von der Sonne übergoldeten) nicht an seinen verlassenen Himmel gedacht und an seine alten Menschen-Auen, seine alten Frühlinge hienieden und an seine vorigen Hoffnungen unter den Blüten? –

Ihr Rezensenten! vergebt mir nur heute und lasset mich fortfahren!

Endlich stiegen wir in die Gondel wie in einen Charons-Nachen[410] ein, wir räumten entzückt und unwillig das buschige Ufer und den aus dem Wasser an seine Blätter aufgestrahlten Widerschein. Das größte Vergnügen, der größte Dank treiben nicht waagrechte, sondern senkrechte, ins Herz greifende versteckte Wurzeln; wir konnten also zu Fenk nicht viel sagen, der von der Freudenstätte heute nacht nicht weggeht. – Du Freund! der mir teurer als allen andern ist, vielleicht wenn alles stiller und der Mond höher und reiner und die Nacht ewiger ist, gegen Morgen hin, wirst du zu weinen anfangen über beides, was die Erde dir gegeben, was sie dir genommen. – Geliebter! wenn du es jetzt in dieser Minute tust: so tu' ich es ja auch! – ...

Mit unserem ersten Tritt ins Boot durchdrangen (wahrscheinlich auf Fenks Anordnung) die Alphörner wieder die Nacht; jeder Ton klang in ihr wie eine Vergangenheit, jeder Akkord wie ein Seufzer nach einem Frühling der andern Welt; der Nacht-Nebel spielte und rauchte über Wäldern und Gebirgen und zog sich wie die Grenze des Menschen, wie Morgenwolken der künftigen Welt um unsere Frühlingerde. Die Alphörner verhallten wie die Stimme der ersten Liebe an unseren Ohren und wurden lauter in unsern Seelen; das Ruder und das Boot schnitt das Wasser in eine glimmende Milchstraße entzwei; jede Welle war ein zitternder Stern, das wankende Wasser spiegelte den Mond zitternd nach, den wir lieber vertausendfältigt als verdoppelt hätten und dessen sanftes Lilienantlitz unter der Welle noch blasser und holder blühte. – Umzingelt von vier Himmeln – dem oben im Blauen, auf der Erde, im Wasser und in uns – schifften wir durch schwimmende Blüten hin. Beata saß am einen Ende des Bootes entgegengerichtet dem andern, dem Monde und dem Freund ihrer zarten Seele – ihr Blick glitt leicht zwischen dem Monde und ihm hinab und hinauf – er dachte an seine morgendliche Reise und an seine längere Gesandtschaftreise und bat uns alle um schriftliche Denkmäler, damit er immer gut bleibe wie jetzt unter uns, und erinnerte Beata an ihr Versprechen, ihm auch eines zu geben. – Sie hatt' es schon geschrieben und gab es ihm heute beim Abschied. Der frohe Tag, der frohe Abend, die himmlische Nacht füllte ihre Augen mit tausend Seelen und mit zwei Tränen, die stehen blieben. Sie deckte[411] und trocknete das eine Auge mit dem weißen Tuche und sah Gustav mit dem zweiten rein und strömend an wie ein Spiegelbild .... Du gute Seele dachtest, du verbärgest auch das zweite Auge! –

Endlich – o du ewiges unaufhörliches Endlich! – brach auch unsere silberne Wellen-Fahrt an ihrem Ufer. Das gegenüberliegende lag öde und überschattet dort. Ottomar riß sich in der wehmütigsten Begeisterung los, und unter dem Verklingen der Schweizer-Töne sagte mein erneuerter Freund: »Es ist wieder vorüber – alle Töne verhallen – alle Wellen versinken – die schönsten Stunden schlagen aus, und das Leben verrinnt – Es gibt doch gar nichts, du weiter Himmel über uns, was uns füllet oder beglückt! – Lebt wohl! ich werde von euch Abschied nehmen auf meinem ganzen Weg hindurch.«

Die Alpen-Echos klangen in die weite Nacht zurück und fielen zu einem tönenden Hauche, der nicht der Erinnerung aus der Jugend, sondern aus der tiefen Kindheit glich. Wir schwankten, ausgefüllt vom Genuß, durch tauende Gesträuche und umgebückte schlaf- und tautrunkne Fluren, aus denen wir entschlummerte Blumen rissen, um morgen ihre zugefaltete Schlafgestalt zu sehen. Wir dachten an die sonnenlosen Pfade des heutigen Morgens; wir gingen ohne Laut vor dem zwerghaften Gärtchen und Häuschen vorüber, und die Kinder und die brotbackende Frau wurden von den Todesarmen des Schlummers gedrückt und umflochten. Die Zeit hatte den Mond, wie einen Sisyphusstein, auf den Gipfel des Himmels gewälzet und ließ ihn wieder sinken. In Osten stiegen Sterne, in Westen sanken Sterne, mitten im Himmel zersprangen kleine von der Erde abgesandte Sternchen – aber die Ewigkeit stand stumm und groß neben Gott und alles verging vor ihr und alles entstand vor ihm. Das Feld des Lebens und der Unendlichkeit hing nahe und tief über uns, wie ein Blitz, herein, und alles Große, alles Überirdische, alle Verstorbne und alle Engel hoben unsern Geist in ihren blauen Kreis und sanken ihm entgegen ....

Wir traten endlich, ich an der Hand meiner Schwester, Gustav an Beatens Hand, stiller, voller, heiliger in unser kleines Lilienbad,[412] als wir es am Morgen verlassen hatten. Gustav schied zuerst von mir und sagte: »In fünf Tagen sehen wir uns wieder.« Beaten führt' er ihrer Hütte zu, die in Lunens Silberflammen loderte. Die weiße Spitze der Pyramide auf dem Eremitenberge schimmerte tief entfernt über den langen grünenden Weg zum Tal und durch die Nacht herüber. – Neben dieser Pyramide hatten sich die zwei Glücklichen ihre Herzen zuerst gegeben, neben ihr ruhte ein Freund von seinem Leben aus, und ihre weiße Spitze zeigte den Ort, wo sein Frühling schöner ist. – Sie hörten die Blätter der Terrasse lispeln und den Lebensbaum, unter welchem sie nach dem Untergang der Sonne sich zum zweiten Mal ihre Seelen gegeben hatten .... O ihr zwei Überseligen und Guten! Jetzo schöpft ein guter Seraph für euch eine Silber-Minute aus dem Freuden-Meere, das in einer schönern Erde liegt – auf diesem eilenden Tropfen blinkt die ganze Perspektive des Edens, worin der Engel ist; die Minute wird zu euch herunterrinnen, aber ach, so schnell wird sie vorübergehen! –

Beata gab Gustav, als Wink zum Abschied, das begehrte Blatt – er drückte die Hand, aus der es kam, an seinen stillen Mund – er konnte weder Dank noch Lebewohl sagen – er nahm ihre zweite Hand, und alles rief und wiederholte in ihm: »Sie ist ja wieder dein und bleibt es ewig«, und er mußte weinen über seine Seligkeit. Beata sah ihm in sein überströmendes Herz und ihres floß in eine Träne über und sie wußt' es noch nicht; aber als die Träne des heiligsten Auges auf die Rosenwange glitt und an diesem Rosenblatte mit erzitterndem Schimmer hing – als seine fesselnde und ihre gefesselte Hände sie nicht trocknen konnten – als er mit seinem flammenden Angesicht, mit seiner überseligen zerspringenden Brust die Zähre nehmen wollte und sich nach dem Schönsten auf der Erde wie eine Entzückung nach der Tugend neigte und mit seinem Gesicht das ihrige berührte: dann führte der Engel, der die Erde liebt, die zwei frömmsten Lippen zu einem unauslöschlichen Kusse zusammen – dann versanken alle Bäume, vergingen alle Sonnen, verflogen alle Himmel, und Himmel und Erde hielt Gustav in einem einzigen Herz an seiner Brust; – dann gingest du, Seraph, in die schlagenden Herzen und gabest ihnen[413] die Flammen der überirdischen Liebe – und du hörtest fliehen von Gustavs heißen Lippen die gehauchten Laute: »O du Teure! Unverdiente! und so Gute! so Gute!«

Es sei genug – die hohe Minute ist vorübergeflossen – der Erdentag schickt sein Morgenrot schon an den Himmel – mein Herz komme zur Ruhe, und jedes andre auch!

1

Die Zahuri in Spanien sehen durch die verschlossene Erde hindurch bis zu ihren Schätzen hinab, zu ihren Toten, zu ihren Metallen etc.

Quelle:
Jean Paul: Die unsichtbare Loge, in: Jean Paul: Werke. Band 1, München 1970, S. 400-414.
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