II.

[251] Das Glück, auf dem linken Ohre taub zu sein


Der Verfasser dieses Aufsatzes, der das oben gedachte Glück schon von Kindheit auf genossen, wird sich für belohnt ansehen, wenn er durch ihn einige Leser der Zeitung für die elegante Welt, die vielleicht jahrelang einhörig, wie Kant einäugig, gewesen, ohne es zu wissen, anreizt, daß sie ein Ohr um das andere zuhalten, um zu erforschen, ob etwan eines davon die Gaben seines linken hat.

Außer der Wasserspitzmaus – die bekanntlich im Wasser die Ohren mit Klappen schließen kann – und außer den Fledermäusen mit Ohrdeckeln wüßt' ich niemand, am wenigsten Menschen, welche ähnliche, den Augenlidern gleiche Ohrenlider hätten; fast jeder hört, und zwar selten die angenehmsten Sachen. Ist man hingegen mit einseitiger Taubheit versehen, so wird leicht – mit einem Finger – zweiseitige auf so lange, als man braucht, zusammengebracht; besonders sieht der Einhörige vier Plätze – gleichsam vier Freudenweltteile – vor sich aufgetan, den Musiksaal, das Schauspielhaus, das Gesellschaftzimmer und das Bette.

Ich will, wenn es verziehen wird, die Leser in die vier Pfähle meines Himmels hineinführen; mögen auch sie einige taube Blüten der Freude pflücken.

Einseitige Taubheit ist in einem Musiksaale, wo man weniger Ton- als Mißtonkünstler zu genießen bekommt, vielleicht so schätzbar als starkes Gähnen. Nach Haller ist man so lange taub, als man gähnt, und die gütige Natur schreibt also selber das Gähnen als das nächste Schirmmittel gegen langweilige Einwirkungen vor. Ein Einhöriger aber erreicht denselben Zweck, nur viel höflicher, wenn er die Hand, anstatt vor den Mund, unter leichtem Vorwand vor das Hör-Ohr hält, wie ich, und so lange aufmerksam[251] ausruht, als das Zerrtonstück dauert. Goethe wünscht den Zuhörern Unsichtbarkeit der Spieler, nämlich ihrer Gebärdungen; wer nun noch Unhörbarkeit künstlich dazusetzen kann, hat, glaub' ich, alle Vorteile verknüpft, die von schlechten Konzerten zu ziehen sind. In guten gewinnt ein Mann, der steht und geht, noch größere durch Einhörigkeit; denn er kann, sooft neben seinem gesunden Ohre Lob- und andere Sprüche wie Prosa die zarte Poesie des Tönens stören und quälen, sich leicht so gut wegstellen, daß er der rohen Klapperjagd neben sich geradehin das tote Ohr zukehrt.

Im Schauspielhause ist Einhörigkeit noch nötiger, ja unschätzbar; nicht nur, weil sich oft das Tonspiel mit dem Schauspiel vereinigt – folglich der vorige Vorteil mit dem folgenden – noch auch bloß, weil beide Künste die Einzigkeit haben (welche die Tanzkunst durch Figuranten vermeidet), daß Meister und Schüler zugleich (es müßten denn jene fehlen) ein Kunstwerk verknüpft gebären – noch etwa, weil es hundert Gründe dafür gibt – sondern hauptsächlich, weil unzählige dafür da sind, indes einer hinreiche für alle. Es haben nämlich nicht nur mehre Personen, welche ihre Logen auf ganze Jahre mieteten, die gute Bemerkung gemacht, daß es bei den meisten Trauer- oder gar Schau- oder vollends Lustspielen wenig mehr zu gewinnen gebe als im Grec-Spiel, im Pochspiel und im Sticheln, sondern auch ich, aber ohne über Nachteil zu klagen. Denn mit einem Finger, der sich ans rechte Ohr anlehnt, halt' ich mir den Poeten und seine agierenden Truppen so gut vom Leibe, als ob ich warm zu Hause säße in der Vorstadt, ungemein heiter aussehend und wohl verschanzt. – Sooft vollends in der Oper die Musik aufhört, so eilt niemand mehr als ich mit der Rechten – womit die anderen klatschen – ans gute Ohr und mauert die heilige Jubelpforte der Töne, z.B. eines Mozarts, so lange damit zu, bis das Sprechen etwas nachgelassen; – aber eben dieser herrliche Wechsel zwischen zwei Ohren macht mich vielleicht zu einem leidenschaftlichern Operfreunde, als ich öffentlich gestehen darf. Le Sage, ein Liebhaber der Pariser Bühne, setzte, als er ganz taub geworden, die Besuche derselben fort und schöpfte den alten Genuß daraus, zum Erstaunen vieler; ich[252] aber erkläre mirs ohne Mühe aus dem Vorigen. Ich habe sogar einen wackern Geschäftmann gekannt, welcher, um kein Schauspiel zu versäumen, in jedes mit seinem Aktenpack unter dem Arme kam, sich ins Punschzimmer setzte und da so lange neben seinem Glase seine Akten durchging, bis das Stück geendet war und er sich erfrischt und neu belebt mit andern Zuschauern nach Hause begab. Ja wäre bei der jetzigen Bühnenverbesserung nicht – nach dem Muster der Orientfürsten, welche ihrem Weiberrate der fünfhundert jungen nur Männer zu Vorstehern geben, die keine sind, sondern stumme, taube und beinahe (als Zwerge) unsichtbare – eine Bühne zu erbauen möglich, welche die Spieler durch perspektivische Künste in eine so abgemeßne Entfernung von den Zuhörern stellte, daß diese sich wirklich täuschten und nichts zu hören und zu sehen glaubten?

Nirgend ist aber wohl partielle Taubheit von größerem Nutzen als da, wo sie am häufigsten anzuwenden ist, im Sprech– oder Hörzimmer, das größte auf der Erde, wenn diese es nicht selber ist. Da es auf der einen Seite so unschicklich ist, einen Nebenmenschen mitten in seiner Rede stehen zu lassen und davonzugehen – oder auch ihm ganz laß und abgespannt zuzuhören – oder vollends vor seiner Unterhaltung beide Ohren zuzuhalten – und da doch auf der andern Seite in mehren deutschen Reichkreisen und Zirkeln und cercles fast an jedem Abend Dinge gesagt werden, an welche man sich den Morgen darauf mit der größten Langweile erinnert: so kenn' ich kein größeres Glück, ich meine keine schönere Ausgleichung zwischen Selber- und Menschen-Liebe, als linke Taubheit; vergnügt und munter ruh' ich vor meinem gesprächigen Nachbar auf der Hand mit dem rechten Ohre, um es zu decken, und betreibe ohne Händel und Skandal (das Vexierohr halt' ich ihm offen hin) meine innern Angelegenheiten während der auswärtigen.

Dies alles muß jetzt viel weitläuftiger gesagt und dann wiederholt werden.

Jeder hat Stunden, wo er klagt, daß sie ihm langweilig hinflössen, weniger wegen Mangel an Gesellschaft als wegen Dasein derselben. –[253]

Jeder hat gesellige Tage, die er Novemberhefte des Lebens nennt, um figürlich und beißend zu sein – er will nämlich damit entweder sagen, jede Sache werde in Gesellschaften zweimal gesagt, gleichsam von Doppelspaten gezeigt, oder sonst etwas –

Jeder Deutsche hat Jahre, wo er über neue Auflagen des Vademekums in Gesellschaften ergrimmt – über die mündlichen Geschäftbriefe der Geschäftmänner – über die langweilige Theaterjournalistik des Kriegtheaters –

Jeder Deutsche hat seine Zeit, wo er wünscht, die übrigen Deutschen möchten sich mehr aufs Reden legen, da sie, ungleich den Kindern, früher schreiben als sprechen gelernt, und wo er auf Sprechklubs in London und auf bureaux d'esprit in Paris für sie dringt, damit sie, sagt er, eine lebendige Sprache mehr lebendig als zu tot reden und nicht, wie Muscheln, die besten Perlen erst durch langes Modern aufdecken und hergeben –

Und so weiter; denn jeder Deutsche klagt hauptsächlich, daß der andere gesellig lieber Erzählungen mache als Bemerkungen – lieber fremde Einfälle als eigne – lieber die längsten Erzählungen als schöne – lieber Berichte als contes – lieber Stichworte des Spiels als sonst ein gutes Wort –

Wird gar von Amt-, Huldigung-, Kanzelrednern oder von dem Bruder Redner (einem sehr ernsten frère terrible) gesprochen, so sind die Klagen wirklich herb – –

Aber hier liegt nun die Schuld (darauf sollte die lange Periode wo möglich führen) viel weniger an den Sprechern als an den Hörern selber, welche, anstatt wie gute Barometer nur eine Öffnung zu haben, zwei Ohren öffnen und folglich Luft einlassen. Ein Mann aber mit einhörigem Ohr – das er so leicht zumacht als ein dummes Buch – schätzt geselligen Verkehr. Kann er denn nicht – dies weiß er – mitten unter gedachten Reden wie zufällig ans Hör-Ohr den Stockknopf legen – oder den Kopf auf die Hand oder es sonst verschließen – oder, ohne es zu tun, sich umdrehen und jedem sein geschloßnes Ohr zuwenden und dadurch so glücklich werden als wenige? – Wie selig war ich oft in den vornehmsten Männerzirkeln, wo, als in Epikurs- und Augias-Ställen, die kotigsten Anekdoten aller Art umliefen,[254] wenn ich, nichts als mein blindes Ohrtor zeigend, in meinem zugemauerten Konklave mitten unter moralischen Sterkoranisten die köstlichsten biographischen Madonnen erzeugte und anbetete! – Ähnlicherweise durften sonst in Jülich und Berg (einige Dörfer ausgenommen) Protestanten an katholischen Heiligen-Tagen, nach Reichgesetzen, nur arbeiten, wenn sie Türen und Fenster verschlossen. – Wie wurd' ich oft von mancher Erzählung gelabt, wenn sie lang und langweilig genug war, daß ich während ihres Verlaufs, mit offenem Gesicht am verschloßnen Kopf, heiter am neuesten Druckbogen fortarbeiten konnte, z.B. an diesem! Wurd' ich dann wieder, wie ein Siebenschläfer und Epimenides, wach, so umzog mich eine verjüngte Welt, und frische Gespräche versuchten ihr Heil.

– – Hier komme ich leider scheinbar in den Fall der Buchhändler und Fürsten, welche das Allgemeinste oft als Herold dem Bestimmtesten vorausschicken, die Ewigkeit dem Markttage, wenn ich auf die Partie Ohren-Körke oder Hörschirme aufmerksam und be gierig mache, welche mir ein abgedankter Vielkünstler, der lange auf Bühnen, Flöten, Karten und Weiberherzen gespielt, als Faustpfänder einer kleinen Schuld auf dem Halse gelassen. Die Schirme (dem Anfühlen nach von Resina mit etwas Baumwolle) sind gut und geschmackvoll genug. – Meine Adresse ist: J. P. F. Richter, Legationrat, in Herrn Registrator Schramms Hause in Baireuth.38 Als mir der Tonkünstler dieser geselligen Still-Leben die mündlichen Empfehlungen derselben vormachte, versucht' ich einige von den Schirmen dem Ohre ein und fand sie bewährt. Der Künstler erzählte noch zu ihrem Vorteil, er habe, da er leider alles leichter bei sich behalte als ein Geheimnis, zwei seiner Sperröhren, als er in die Loge zum ½ Ã | – aufgenommen worden, aus Meineidangst zu sich gesteckt und damit kurz vor dem Vortragen der Geheimnisse sich die Ohren, gleich Zähnen, so wohl plombiert, daß er kein einziges vernommen, sondern noch bis diese Stunde seinen Schwur spielend erfülle; ja er stehe, setzt' er hinzu, jedem kühn zur Rede, der ihn probieren wolle, ob er etwas wisse. So viel ist gewiß, daß man mit dieser[255] Ohrklausur – oder diesem Ton-Ableiter und Ohr-Portier – jedem, welchen hohen Standes er auch sei, auf der Stelle Schweigen auferlegen kann, er mag noch so laut fortreden; der Mann ist ein e-muet (stummes E) für mich und kann nicht einlaufen in den gesperrten Hafen der Gesellschaftin sel. – – – Jetzt aber zum Wichtigern zurück!

Da wohl der Vorteil kein Publikum in der Welt interessiert, daß ich schon von Natur zur Höflichkeit geschaffen bin, nämlich als Linkstauber jeden an meiner Rechten, als der Hör- und Windseite, gehen zu lassen, um doch in Diskurse zu geraten: so bitt ich die Welt, sofort den vierten Nutzen der Einhörigkeit zu betrachten und mit mir an mein Bette zu treten, wo ich liege – aber eben auf dem Hör-Ohr – und folglich nicht einmal merke, wie viel eintreten.

Je näher man dem längsten Schlafe kommt, desto mehr achtet man das Vorschlafen. Einem alten Manne wäre daher mein linker Vorzug mehr zu gönnen; seinen Regenschirm muß er ja zugleich gegen Schnee und Hagel tragen. Es sei nun, weil der Schlaf ein Vorspiel und Vorzimmer des Todes ist, welcher alle Sinne früher schließt als das Ohr, oder weil man in jenem (wie in diesem) die Augen zumacht, auf Augenschluß aber (nach Eschkes Bemerkung) leiseres Hören folgt, oder weil der scheue Greis mehr befürchtet und mithin behorcht, genug er kann wenig schlafen vor Lärm. So bedeutet es nasses Wetter, wenn Türen und Fenster nicht zugehen. Hunde – Mäuse – Wirthausgäste – Redoutenwagen – der eigne Atem, der zu laut wird – alles weckt den Mann und wacht um ihn; die Frühlingstürme, die ihm nicht viel Blumenstaub ins welke Leben wehen, samt den Passatstürmen der Nachtwächter brechen in seine Ohren ein und stehlen den Schlaf. Ich hingegen, mit der Gabe, ein Ohr weniger zu haben, lege mich (außer in verdächtigen Zeiten und Orten) auf das behaltene und höre nichts mehr, sondern nur Träume – am Janustempel des Lebens sind die Flügeltüren geschlossen – der allgemeine Friede kehrt ein – und das Übrige ist aus.[256]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 251-257.
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