21. Summula

[187] Hemmrad der Ankunft im Badeorte – Dr. Strykius


Als man am Morgen, nachdem der Doktor schon seine Flaschen-Stöpsel eingesteckt hatte (worunter zufällig ein gläserner), neu erfrischt von den letzten Siegen über alle Anstoßsteine, eben einzusitzen und heiter auf den breiten, beschatteten, sich durchkreuzenden Kunststraßen dem Badorte zuzufahren gedachte: so stellte sich doch noch ein dicker Schlagbaum in den Weg, nämlich ein Galgen. Es hatte nämlich Katzenberger unten in der Wirtstube von einem Durchstrom froher Leute, die abends zum glücklichen Wirte zurückkommen und länger da bleiben wollten, wenn sie alles gesehen, die Nachricht vernommen, daß diesen Vormittag in Potzneusiedl (auch in Ungarn gibt es eines) ein Posträuber gehangen werde und daß er selber, wenn er nur einige Meilen seitwärts und halb rückwärts umfahre, gerade zu rechter Zeit zum Henken kommen könne, um abends noch zeitig genug in Maulbronn einzutreffen. Himmel, so aufgeheitert im Angesicht wie das ganze Morgenblau brachte Katzenberger zu Tochter und Nieß seine heitere Nebenaussicht hinauf, den Abstecher nach Potzneusiedl zum Postdiebe zu machen. –

Aber von welchen Wolken wurde sein helles Berghaupt umschleiert, nicht bloß vom Nein des Reise-Bündners Nieß, der[187] durchaus noch am Morgen in Maulbronn einpassieren wollte, sondern noch mehr von dem heftig-bittenden Nein seiner Tochter, deren Herz durchaus sich zu keinem Einnehmen einer solchen Mixtur von Brunnenbelustigung und Abwürgung bequemen konnte! Am Ende fand der Doktor selber einen Umweg über eine Richtstätte zum Lustorte für eine Weiberseele nicht zum anmutigsten, und er stand zuletzt aus Liebe für die sonst selten flehende Tochter, wiewohl unter mehr als einem Schmerze, von einem lachenden Seitenwege ab, wo ihm ein Galgenvogel als eine gebratene Taube in den Mund geflogen wäre, indem er am Diebe das Henken beobachten, vielleicht einige galvanische Versuche auf der Leiter nachher und zuletzt wohl einen Handel eines artigen Schaugerichts für seine Anatomiertafel hätte machen können. Der Gehenkte wäre dann eine Vorsteckrose an seinem Busen auf der ganzen Reise ins Maulbronner Rosental gewesen – –

So aber hatt' er nichts, und der Potzneusiedler Dieb hing wie eine Tantalusfrucht unerreichbar vor seiner Seele, und er mußte sichs auf der Landstraße von Stunde zu Stunde bloß schwach vormalen: jetzo wirft das Gericht die Tische um – jetzo fährt der Räuber seinem Galgen zu – jetzo hangt er ruhig herab – und er pries die Potzneusiedler glücklich, die um den Rabenstein stehen und alles genießen konnten.

Es war eigentlich nicht sehr zum Aushalten mit ihm an diesem Morgen, und er merkte an, nur um verdrießliche Dinge vorzubringen, es gebe schmerzhafte Erinnerungen, die man so wenig vergesse wie die erste Liebe; so könn' er z.B., erzählt' er, bis diesen Morgen nicht ohne neues Schmerzgefühl daran denken, daß er einmal in Holland, auf einer Treckschuyte fahrend, einem Hering den Kopf abgebissen, um den Rumpf aufzuspeisen, aber im; Vergreifen den köstlichen Hering selber am Schwanze ins Wasser geschleudert und nichts behalten habe als den Kopf: »Nach diesem Hering sehn' ich mich ewig«, sagte er. – »Mir ganz denkbar,« sagte Nieß, »denn es ist traurig, wenn man nichts behält als den – Kopf

Als sie alle endlich in dem unmittelbaren Fürstentümchen Großpolei (jetzo längst mediatisiert) den letzten Berg hinabfuhren[188] ins Bad Maulbronn, das ein Städtchen aus Landhäusern schien, und als man ihnen vom Turme gleichsam wie zum Essen blies: so mußte den drei Ankömmlingen, wovon jede Person sich bloß nach ihrer Ziel-Palme scharf umsah, nämlich:


die erste, um angebetet zu werden,

die zweite, um anzubeten,

die dritte, um auszuprügeln,


ganz natürlicherweise die präludierende Bad-Ouvertüre der ersten Person, Nieß, als eine Famatrompete erklingen, der zweiten, Theoda, als ein Verwandel- oder Meßglöckchen zum Niederfallen, und der dritten, Katzenberger, als eine Jagd- oder auch Spitzbubenpfeife zum Anfallen.


Wenn sie freilich Flexen mehr als ein Vogelschwanzpfeifchen vorkam, weil sein Herz nur sein Vor-Magen war, und er erst alles von hinten anfing, so ist dieser Einleg-Riese, wie man Einleg-Messer hat, viel zu klein, um hier angeschlagen zu werden.

Indes zeigt dieses widertönige Quartett, wie verschieden dieselbe Musik in Verschiedene einwirke. Da sie aber dies mit allem in der Welt und mit dieser selber gemein hat: so mag für sie besonders der Wink gegeben werden, daß ihr weites Ätherreich mit demselben Blau und mit derselben Melodie einen Jammer und einen Jubel trage und hebe.

Der Doktor bezog zwei Kammern in der sogenannten großen Badewirtschaft- bloß sein Herz war noch in Potzneusiedl unter dem Galgen –, und Nieß mietete ihm gegenüber eines der niedlichsten grünen Häuserchen.

Aber der rechte Musik-Text fehlt vor der Hand der begeisterten Theoda; auf der Badeliste, wornach sie zuerst fragte, erschien noch kein angelangter Theudobach. Doch hatte sie die Freude, in der großpoleischen Zeitung angekündigt zu lesen: »Der durch mehre Werke bekannte Theudobach, habe man aus sicherer Hand, werde dieses Jahr das Maulbronner Bad gebrauchen.« Die Hand war sicher genug, denn es war seine eigne.

Der Doktor fragte, ob der Brunnenarzt Strykius da sei; und ging, als man ihm ein feines, um das Brunnen-Geländer flatterndes Männchen zeigte, sogleich hinab.[189]

Dieser Strykius, ein gerader Abkömmling vom berühmten Juristen Strykius – dem er absichtlich die lateinische Namens-Schleppe nachtrug, um dem deutschen Strick zu entgehen –, war bekanntlich eben der Rezensent der Katzenbergerschen Werke gewesen, den ihr Verfasser auszustäupen sich vorgesetzt. Auf Musensitzen – wie in Pira –, die zugleich rezensierende Musenvätersitze sind, ists sehr leicht, da alle diese Kollegien untereinander kommunizieren, den Namen des apokalyptischen Tiers oder Untiers zu erfahren; bloß in Marktflecken und Kleinstädten wissen die Schulkollegen von nichts, sondern erstaunen. Mehr als durch alle Strykischen Rezensionen in der allg. deutschen Bibliothek, in der oberdeutschen Literaturzeitung u.s.w. war der milde Katzenberger erbittert geworden durch lange grobe hämische und späte Antworten auf seine gelehrten Antikritiken. Denn dem Doktor wars schon im Leben bloß um die Wissenschaft zu tun, geschweige in der Wissenschaft selber. Da er indes eine unglaubliche Kraft zu passen besaß: so sagte er ein akademisches Semester hindurch bloß freundlich: »Ich koch's,« und tröstete sich mit der Hoffnung, den Brunnenarzt persönlich in der Badezeit kennen zu lernen.

Diese sehnsüchtige Hoffnung sollte ihm heute erfüllt werden, so daß ihm statt des potzneusiedlischen Galgenstricks wenigstens der Maulbronner Strick oder Strykius zuteil wurde. Er traf unten an dem Brunnenhause – dem Industriekomptoir und Marktplatze eines Brunnenarztes – den verlangten. Der Brunnenarzt lief, da er mit der gewöhnlichen Neugier dieses kürzesten Amtes schon Katzenbergers Namen erjagt hatte, ihm entgegen und konnte, wie er sagte, die Freude nicht ausdrücken, den Verfasser einer haematologia und einer epistola de monstris und de rabie canina persönlich zu hören und zu benützen und ihm, wo möglich, irgendeinen Dienst zu leisten. »Der größte«, versetzte der Doktor, »sei dessen Gegenwart, er habe längst seine Bekanntschaft gewünscht.« – Strykius fragte: »wahrscheinlich hab' er seine schöne Tochter als ihr bester Brunnenmedikus hierher begleitet, wenn sie das Bad gebrauche.«

»Nicht eines zu gebrauchen,« antwortete er, »sondern einem[190] Badegaste eines zuzubereiten und zu gesegnen, sei er angelangt.« – »Also auch im Umgange der scherzhafte Mann, als den ich Sie längst aus Ihren epistolis kenne? Doch Scherz beiseite«, sagte Strykius und wollte fortfahren. »Nein, dies hieße Prügel beiseite«, sagte der Doktor. »Ich bin wirklich gesonnen, einen kritischen Anonymus von wenig Gewicht, den ich hier finden soll, aus Gründen, solange wir beide, nämlich er und ich, es aushalten, was man sagt, zu prügeln, zu dreschen, zu walken. Indes will ich als ein Mann, der sich beherrscht, nur stufenweise verfahren und früher seine Ehre angreifen als seinen Körper.«

»Nun diesen Scherz-Ernst abgetan,« – sagte der Brunnenarzt, sich totlachen wollend – »so versprech' ich Ihnen hier wenigstens fünf Freunde des Verfassers der Hämatologie, Männer vom Handwerk.«

»Es soll mich freuen,« sagte der Doktor, »wenn einer darunter mich rezensiert hat, weils eben das Subjekt ist, dem ich, wie ich Ihnen schon anvertraut, so viel Hirn ausschlagen will, als ein Mensch ohne Lebensgefahr entbehren kann, welches, wie Sie wissen, bis auf zwei Unzen steigt, es müßte denn sein, daß ich aus Liebe mich auf bloßes Einschlagen der Hirnschale einzöge. – Wenn schon jener Festung-Kommandant jeder davonlaufenden Schildwache fünfundzwanzig Streiche aufzählen ließ, die einen Geist gesehen: wieviel mehr kann ich einer kritischen geben, die keinen Geist in meinen Werken gesehen! Wie?«

»Tun Sie, was Sie wollen, Humorist; nur sein Sie heute mit Ihrer blühenden Tochter mein Gast im großen Brunnensaale«, sagte Strykius; er fand seine Bitte gern gewährt und schied mit einem eiligen Handdruck, um einem verdrüßlichen Grafen zu antworten, der eben gesagt: »Franchement, Mr. Médecin, ich habe bisher von dem detestabeln Gesöff nur die Hälfte Ihrer vorgeschriebenen Gläser verschluckt; ich verlange nun durchaus bloß diese Hälfte verordnet.«

»Gut,« versetzte er, »von morgen an dürfen Sie keck mit der bisherigen Hälfte fortfahren.«

Diese Antwort vernahm noch der Doktor mit unsäglichem Ingrimm; er, der sich von keinem Generale und Ordens-Generale[191] und Kardinale nur eine einzige von 1000 verordneten Merkurialpillen hätte abdingen lassen. Strykius milde Höflichkeit verdroß ihn mehr, als die größte Grobheit getan hätte, auf die er zufolge der anonymen in den Rezensionen so gewiß gezählet hatte; einen rauhen, widerhaarigen, stämmigen Mann hatte er zu finden gehofft, dem der Kopf kaum anders zu waschen ist als durch Abreißen oder Abhaaren desselben, wenigstens einen Mann, der wie ein Teich unter seinen weißen Wasser-Blüten scharfgezähnte Hechte verberge – – aber er, ein so gebognes, wangenfettes, gehorsamstes, untertänigstes Zier-Männ chen, das noch niemand ein hartes Wort gesagt als etwa Frau und Kindern, gegen niemand ein Elefant als gegen Elefanten-Käfer und Elefant-Ameisen!... Nichts erbittert mehr als anonyme Grobheit eines abgesüßten Schwächlings!

Allerdings gibt es ein oder das andere Wesen in der Welt, das Gott selber kaum stärken kann ohne den Tod – das sich als ewiger Bettelbrief gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedeninstrument gern brechen läßt – das eine Ohrfeige empfängt und zornig herausfährt, es erwarte nun, daß man sich bestimmter ausdrücke – das nicht sowohl zu einem armen Hunde und Teufel als zu einem niesenden fürstlichen mit Silberhalsband sagt: Gott helf, oder contentement – dessen Zunge der ewig geläutete Klöppel in einer Leichenglocke ist, welche ansagt: ein Mann ist gestorben, aber schon ungeboren – das erst halb, ja dreiviertels erschlagen sein will, bevor es dem Täter geradezu heraussagt auf dem Totenbette im Kodizill, es sei dessen erklärter Todfeind – das jeder so oft zu lügen zwingen kann, als er eben will, weil es sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht – und dem nur der Feind gern begegnet und nur der Freund ungern. – –

Indem ich ein solches Wesen mir selber durch den Pinsel und das Gemälde näher vor das Auge bringe: erwehr' ich mich doch nicht eines gewissen Mitleidens mit solchen tausendfach eingeknickten Seelen, die nun Gott einmal so dünnhalmig in die Erde gesäet hat; und welchen, obwohl am wenigsten durch schnelles Aufschrauben, doch auch nicht durch schweres Niederdrücken aufzuhelfen ist, sondern vielleicht durch allmähliches Ermuntern und Aufwinden und durch Abwenden der Versuchung.[192]

Aber an das letzte war bei Katzenberger nicht zu denken. Des Brunnenarztes Sprech- und Tat-Marklosigkeit neben seiner harten, heißen Schreib-Strengflüssigkeit im Richten setzten in ihm nun den Vorsatz fest, den Badearzt auf eine ausgedehnte Folterleiter von Ängsten und Ehren-Giften zu setzen und ihn erst auf der obersten Stufe zu empfangen mit dem Prügel. Strykius war der erste Patient, den er durch Heilmittel nicht heilen wollte, so sehr war er ergrimmt; und er war entschlossen, ihn durch zuvorkommende Unhöflichkeiten wo möglich zu einer zu zwingen und als umrollender Weberbaum das hin- und herfliegende Weberschiffchen zu bearbeiten. Es ist indes oft ebenso schwer, manche grob zu machen als andere höflich.

Zu Hause setzte er in Strykius' Namen einen öffentlichen Widerruf von dessen Rezensionen auf, den er ihn zu unterschreiben und herauszugeben in der Prügelstunde zwingen wollte.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 187-193.
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