37. Summula

[232] Neue Mitarbeiter an allem – Bonas Brief an Theoda


Noch immer blieb der Doktor Strykius ungeprügelt – und Theoda voll Sehnsucht nach Bona, und der Hauptmann unentschlossen zur Reise: als der Landesherr des Badeorts ankam und mit ihm die Aussicht auf neue scènes à tiroir, auf neue Spektakelstücke und Szenenmaler für diese kleine Bühne; besonders die Aussicht auf die Erleuchtung der Höhle.

»Wird die Höhle erleuchtet,« dachte der Doktor, »so find' ich vielleicht einen entlegenen finstern Winkel darin, worin ich den Höhlen-Aufseher (Strykius) vor der Hand mit einem Imbiß der zugedachten Henkermahlzeit bewirte; oder mit einem Vorsabbat[232] seines Hexensabbats – dergleichen wäre eben wahre Kriegbefestigung im juridischen Sinne – ja ein bloßer im Finstern recht geworfner Stein wäre wenigstens eine Ouvertüre für seinen nicht offnen Kopf. In jedem Falle kann ich bei der Erleuchtung die Knochen der Höhlenbären, die darin liegen sollen, besser suchen und holen; der Kerl bleibt mir ja immer.«

Wirklich wurde die Erleuchtung der Höhle, gleichsam die einer unterirdischen Peterskuppel, auf den nächsten Sonntag angekündigt. Für Theoda nahte das mütterliche Totenfest »Weiter wollt' ich ja hier nichts mehr«, sagte sie.

Vormittags am sehnlich erwarteten Sonntag langte aus Pira zu Fuße der schweiß-bleiche Zoller und Umgelder Mehlhorn mit einem Gevatter-Brief an den Doktor an. Glaubwürdige Zeugnisse hat man zwar nicht in Händen, womit unumstößlich zu beweisen wäre, daß Katzenberger auf seinem Gesichte über diese Freudenbotschaft besondern Jubel, außerordentliche Erntetänze oder Freudenfeuer, mit Freudentränen vermischt, habe sehen lassen; aber so viel weiß man zu seiner Ehre desto gewisser, daß er sich im höchsten Grade anstrengte (er beruft sich auf jeden, der ihn gesehen), starke Freude zu äußern, nur daß es ihm so leicht nicht wurde, auf die Schwefelpaste seines Gesichts die leichten Rötelzeichnungen eines matten Freudenrots hinzuwerfen; besonders wenn man bedenkt, daß er auf seinem Janus-Gesicht zwei einander deckende Gefühle zu beherbergen hatte, Lust und Unlust. Kurz er bracht' es bald dahin, daß er, da er anfangs so verblüfft umhersah wie ein Hamster, den ein schwüler Hornung vorzeitig aus dem Winterschlaf reißt, dann lebendig aufblickte und aufsprang. Gegen den gutmütigen Mehlhorn war aber auch Härte so leicht nicht anwendbar; er stand da mit dem weißen Vollgesicht, so lauter Nachgeben, lauter Hochachten und Hoffen und Vaterfrohlocken! Wenigstens der Teufel hätte ihn geschont.

Da ohnehin an kein Abschrecken vom Gevatterbitten mehr zu denken war: so überschüttete ihn der Doktor mit allem, was er Bestes, nämlich Geistiges hatte, mit Herzens-Liebe, Hochachtung, innern Freudenregungen und dergleichen verschwenderisch, gleichsam mit einem Patengeschenk edlerer Art, um nur an[233] schlechte massive Gaben gar nicht zu denken. Sein Herz fühlte sich weit seliger dabei, wenn er eine geliebte Hand recht herzlich drücken und schütteln durfte, als sie füllen mußte.

Da ihm bei jeder Geburt Mißgeburten in den Kopf kamen – solche hätt' er mit Jubel aus der Taufe gehoben und beschenkt mit seinem Namen Amandus –, so warf er bei der Möglichkeit wenigstens einiger wissenschaftlichen Mißbildung nur wie verloren die Frage hin: »Der Junge ist wohl höchst regelmäßig gebaut?« – »Herr Doktor,« versetzte der Zoller, » wahrlich wir alle können Gott nicht genug dafür danken; er ist aber, wie die Wehmutter sagt, wie aus dem Ei geschält für sein Alter.«

»Aus dem Leuwenhoekischen Ei für sein Alter von neun Monaten,« versetzte er etwas verdrießlich, »was? – Versteigen Sie sich doch um Gottes Willen nicht mit einem Anachronismus in die Physiologie!« – »Gott, nein« fuhr Mehlhorn fort, »und die Wöchnerin ist gottlob so frisch wie ich selber.« – »Ja, das ist sie, Gott sei Dank!« rief Theoda, nach der Lesung des Briefchens von Bona, in das wir alle auch hineinsehen wollen, und stürzte vor Freude dem Zoller an den Hals, der mühsam einen dicken Schal unter der Umhalsung aus der Tasche herausarbeitete, um ihn zu übergeben. »Noch heute«, sagte sie, »geh' ich zu Fuße mit Ihnen und laufe die ganze Nacht durch, denn sie verlangt mich, und nichts soll mich abhalten.« Bona hatte sie allerdings zum Schutzengel weniger ihrer Person als des Haushaltens angerufen, aber eigentlich nur, um selber Theodas Engel zu sein, deren unglückliche Lage, wo nicht gar unglückliche Liebe, sie nach ihren letzten Tageblättern zu kennen glaubte und zu mildern vorhatte.

Allein Mehlhorn konnte sein Ja und seine Freude über die schnelle Abreise nicht stark genug ausdrücken, sondern bloß zu schwach; denn da der Mann einen Tag und eine Nacht lang mit seinem Gevatter-Evangelium auf den Beinen gewesen: so sehnte er sich herzlich, in der nächsten statt auf den Beinen nur halb so lange auf dem Rücken zu sein im Bette. Der Vater sagte, er stemme sich nicht dagegen, gegen Theodas Abreise; überall lass' er ihr Freiheit. Er sah zwar leicht voraus, daß sie der Umgelder als galanter Herr unterwegs kostfrei halten würde; aber solchen[234] elenden Geld-Rücksichten hätt' er um keinen Preis die Freiheit und die Freilassung einer volljährigen Tochter geopfert. Dazu kam, daß er sich öffentlich seines Gevatters schämte; der Zoller war nämlich in der gelehrten Welt weder als großer Arzt noch sonst als großer Mann bekannt. Was er wirklich verstand – das Zollwesen –, hatte Katzenberger ihm längst abgehört; aber der Doktor gehörte eben unter die Menschen, welche so lange lieben, als sie lernen – was die armen Opfer so wenig begreifen, welche nie vergessen können, daß sie einmal von dem Übermächtigen geachtet worden. –

Katzenbergers Herz war in dieser Rücksicht vielleicht das Herz manches Genies; wenigstens so etwas von moralischem Leerdarm. Bekanntlich wird dieser immer in Leichen leer gefunden – nicht weil er weniger voll wird, sondern weil er schneller verdaut und fortschafft; – und so gibts Leer-Herzen, welche nichts haben, bloß weil sie nichts behalten, sondern alles zersetzt weitertreiben.

Aber schnell nach der Einwilligung des Doktors erkannte die vorher freudenberauschte Theoda die nähern Umstände der Zeit. Hier fiel ihr Licht auf ihren unbesonnenen Antrag, den Gevatter totzugehen. Sie nahm ihn erschrocken zurück und schlug ihm sofort den schönern und hellern Gang vor, den in die abends erleuchtete Höhle.

Aber um sich für ihr Entsagen zu belohnen, las sie den folgenden Brief der Kindbetterin wieder und ruhiger:

»Herz! Ich darf dir nicht viel antworten auf alle deine gelehrten Briefe. Ich bin diese Nacht niedergekommen, und zwar mit einem herrlichen, großen Jungen, der wie das Leben selber aussieht; und ich ärgere mich nur, daß ich ihn nicht gleich an die Brust legen darf, meinen schreienden Amandus; auch ich bin nicht sonderlich schwach, ob mir gleich der Physikus Briefschreiben und Aufstehen bei Seligkeit verboten. Du hast, du Leichte, dein dickes Halstuch, das du durchaus in der Abendkälte nicht entraten kannst, bei mir liegen lassen, du Leichtsinnige, und mein einfältiger Mehlhorn konnte es in allen Kommoden nicht herausfinden, bis ich endlich selber aufstand und es erst nach einer Stunde ausstöberte, weil der Mensch den Schal für einen Mantel[235] oder so etwas angesehen und ihn unter die andern Sachen hineingewühlt hatte. Zur Strafe muß er dir in der Rocktasche das bauschende Ding hintragen. Aber wie ich lese, bist du ja um und um mit lauter Fallgruben von Mannsleuten umgeben. O, komme doch recht bald nach Pira und pflege mich, und wir wollen darüber recht ordentlich reden, denn ich kann die Feder nicht führen, wie etwa du. Deinen Nieß könnt' ich keine Stunde leiden; der Hauptmann wäre mehr mein Mann. So einen mußt du einmal haben, einen Vernünftigen und Gesetzten, keinen Phantasten, denn ich wundere mich oft, wie du bei deinem Verstande und Witze, wo wir Weiber alle dumm vor dir stehen, doch so närrisch und unüberlegt handeln und dir oft gar nicht sogleich helfen kannst, aber doch andern die herrlichsten Ratschläge erteilst. Hätte ich deine Feder und wäre so vif wie du, ich wollte mich in der Welt ganz anders stehen. Jedoch bin ich herzlich zufrieden mit meinem Mehlhorn, da ers mit mir auch ist in unserer ganzen Ehe, weil er einsieht, daß ich die Haussachen und Weltsachen so gut verstehe wie er sein Zollwesen. Nur bitte ich dich inständig, mein Herz, lasse ja niemal zu, daß ihm dein Herr Vater etwan aus Höflichkeit viel mit Wein zuspricht; Mehlhorns schwacher Kopf verträgt auch den allerschlechtesten Krätzer nicht, den ihm etwa dein Herr Vater vorsetzen möchte; sondern er spricht darauf ordentlich kurios-stolz und sogar, so sehr er mich auch lieb hat, gegen mein Hausregiment, was dir gewiß nicht lieb über deine alte Freundin zu hören wäre. – Und dich wilde Fliege selber beschwör' ich hier ordentlich, gieße im Bade vor so vielen Leuten nicht dein altes Teelöffelchen voll Arrak in deinen Tee; denn du hältst immer den Löffel zu lange über der Tasse und gießest fort, wenn es schon überläuft, und dann überläuft es bei dir auch, wenn du diese Wirtschaft trinkst. Tu es ja nur bei mir, nur nicht dort. – Nun so komme nur recht schleunig zu

deiner

Bona.[236]


Schreibe mirs wenigstens, im Falle du nicht kannst. Deine Tanzschuhe hast du auch stehen lassen, und er hat sie mit eingesteckt.«

– So weit der Brief.

Was nun den zu Gevatter gebetenen Katzenberger anlangt, so besaß er zu viel Ehrgefühl und Geld, als daß er sich nicht hätte verpflichtet fühlen sollen, seinen Gevatter an der öffentlichen Wirttafel mit schlechtem Tisch-Krätzer zu erfreuen und ihn eine glänzende Tafel voll Blasmusik abgrasen zu lassen, wo außer Grafen und Herren der Völkerhirt selber saß; so wurde denn ein erster Tisch- oder Fechter-Gang verabredet und angetreten, wohin, denk' ich, alles, was in der künftigen Nachwelt Anspruch auf höhere Bildung macht, uns ohne weiteres, wenn auch in bedeutender Ferne (nämlich von Zeit) ohnehin nachfolgen wird.


(Der Schluß folgt im dritten Bändchen.)[237]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 232-238.
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