Nr. 36. Kompassmuschel

[820] Träume aus Träumen


Auf der hellen Gasse war dem aus dem Zablockischen Hause wankenden Notar, als sei ihm etwas aus den Händen gezogen, etwa ein ganzer brennender Christbaum oder eine Himmelsleiter, die er an die Sonne anlegen wollen. Plötzlich sah er – ohne zu fassen wie – die böse Aftersängerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr Wina gehen, in die katholische Kirche. Letztere macht' er ohne Umstände zur Simultankirche und trat der zarten Nonne nach, um von ihr die Zeile: »Wann, o Schicksal, wann wird endlich« fortsingen zu hören; denn sein inneres Ohr hörte sie noch ganz deutlich auf der Gasse.

Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars, ihr schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet, ihr[820] weißes Kleid floß die Stufen herab. – Der Meßpriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle Bewegungen – die Altarlichter loderten wie Opferfeuer – ein Weihrauchwölkchen hing am hohen Fensterbogen – und die untergehende Sonne blickte noch glühend durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wölkchen – unten im weiten Tempel war es Nacht. Walt, der Lutheraner, dem ein betendes Mädchen am Altare eine neue himmlische Erscheinung war, zerfloß fast hinter ihrem Rücken in Licht und Feuer, in Andacht und Liebe. Als wäre die Heilige Jungfrau aus dem beflammten Altarblatte, worauf sie gen Himmel stieg, herabgezogen auf die Stufen, um noch einmal auf der Erde zu beten, so heilig-schön sah er das Mädchen liegen. Er hielt es für Sünde, fünf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin gerade ins fromme Angesicht zu sehen, obgleich diese fünf Schritte ihn fünf goldne Sprossen auf der Himmelsleiter höher gebracht hätten. Zuletzt zwang ihn sein Gewissen, gar selber – wiewohl er protestantisch dachte – hinter den stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten; die Hände waren schon längst gehörig gefaltet gewesen, eh' er nur darauf gedacht, etwas dazu zu beten.

Es ist aber zu glauben, daß in der Welt hinter den Sternen, die gewiß ihre eignen, ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat, schon das unwillkürliche Händefalten selber für ein gutes Gebet gegolten, wie denn mancher hiesige Handdruck und Lippendruck, ja mancher Fluch droben für ein Stoß- und Schußgebet kursieren mag; indes zu gleicher Zeit den größten Kirchenlichtern hienieden die Gebete, die sie für den Druck und Verlag ohne alle Selbst-Rücksichten bloß für fremde Bedürfnisse mit beständiger Hinsicht auf wahre männliche Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten, droben als bare Flüche angeschrieben werden. Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern Engel des Lichts ausgeschneuzet werden, wenn solche Konsistorialvögel zu völligen Galgenvögeln gerupft im Himmel fliegen: so dürfen verkannte Galgenvögel dieser Art in ihren theologischen Journalen, falls sie droben welche schreiben, mit Recht darauf aufmerksam machen, daß die zweite Welt wunderliche[821] Heiligen habe und noch manche Aufklärung brauche, bis sie so weit vorrücke, daß sie Gebete auf dem Theater und Gebete auf dem Schreibepult, nach einem liturgischen Stilistikum, sozusagen abgeflucht, gleich gut aufnehme.

Walt blieb, bis Wina aufstand und vorüberging, um sie anzusehen. Er konnt' es aber nachher gar nicht begreifen, daß er, als sie in der größten Nähe war, unwillkürlich wie krampfhaft die Augen zugedrückt; »und was halfs mir viel«, sagt' er, »daß ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte?«

Er schweifte aus der Stadt hinaus. Es war ihm, als wenn zwei einander entgegenwehende Stürme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten. Draußen stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte Licht. Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor, große Erregungen – z.B. wenn er irgendeinen Virtuosen gesehen, und wär's auf dem Tanzseile gewesen – dadurch zu nähren und zu stillen, daß er sich frei einen Superlativ des Falls austräumte, wo er die Sache noch millionenmal weitertrieb. Er wagte dreist den herrlichsten Traum über Wina und sich. »Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein«, fing er an, »zufällig reis' ich durch mit Suite; ich bin etwa ein Markgraf oder Großherzog, nämlich der Erbprinz davon – noch jung (doch ich bins jetzt auch), so bildschön, sehr lang, mit so himmlischen Augen, ich bin vielleicht der schönste Jüngling in meinem Lande, ganz ähnlich dem Grafen – Sie sah mich vor dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber; da wirft ein Gott aus dem Himmel den unauslöschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust, als er das Zeichen, einen Erbprinzen auf einem Araber, erblickt. Ich sah sie aber nicht im Galopp.

Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf, sondern besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg, wovon man mir versicherte, daß er die schönsten Aussichten des Dörfchens um sich sammle. Und ich fand es auch wahr. Ich komme vor die hinabsteigende Sonne, auf goldnen Bergen der Erde stehen goldne Berge der Wolken; o nur die glückliche Sonne darf hinter die seligen Gebürge gehen, welche das alte, ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens umschließen – Und ich[822] sehne mich bitter hinüber, weil ich noch nicht lieben durfte als Prinz, und träume mir Szenen. Da schlägt eine Nachtigall hinter mir so heiß, als zöge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust; sie sitzt auf der linken Schulter der Pfarrtochter, die, ohne von mir zu wissen und mich zu sehen, herauf vor die Abendsonne gegangen war. Und ihre beide Augen weinen, und sie weiß nicht warum, denn sie schreibts den Tönen ihrer zahm gemachten Philomele zu. Ein Wesen seh' ich da, wie ich noch nie gesehen, ausgenommen im Konzert – doch es ist eben Wina – eine Menschen-Blume seh' ich, die ohne Bewußtsein prangt und deren Blätter nichts öffnet und schließet als der Himmel. Abendröte und Sonne möchten ordentlich gern näher zu ihr, das Purpurwölkchen wünschte herunter, weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht, sie zieht alles Leben an sich heran. Eine Turteltaube läuft um ihre Füße und girrt mit zitternden Flügeln. Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren Büschen und singen um die singende herum.

Hier wendet sich ihr Blau-Auge von der Sonne und fällt aufgeschlagen auf mich; aber sie zittert. Auch ich zittere, aber vor Freude, und auch ihretwegen. Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin; wir sind uns in nichts gleich als in der Schönheit, denn meine Liebe ist noch heißer als ihre. Sie bückt ihr Haupt und weint und bebt, und ich glaube nicht, daß allein mein hoher Stand sie so erschüttert.

Was gehen mich gefürstete Hüte und Stühle mehr an? Ich schenke alles dem Gott der Liebe hin; ›wenn du mich auch kennst, Jungfrau‹, sag' ich, ›so liebe mich doch.‹ Sie redet nicht, aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schulter und singt. ›Sieh!‹ sag' ich ehrerbietig und mehr nicht; und nehme ihre rechte Hand und drücke sie mit beiden Händen fest an mein Herz. Sie will sie aber mit der linken holen und losmachen; aber ich fasse und drücke nun auch die linke. So bleiben wir, ich seh' sie unaufhörlich an, und sie blickt zuweilen auf, ob ichs noch tue. ›Jungfrau, wie ist dein Name?‹ sag' ich spät. So leise, daß ichs kaum vernehme, sagt sie: ›Wina.‹ Mich durchzittert der Laut wie eine ferne alte Bruder-Stimme.[823]

›Wina bedeutet Siegerin‹, antwort' ich. Sie drückt, glaub' ich, schwach meine Hand; die Liebe hat sie erhoben, über Pfarrers- und über Prinzenstand. So blick' ich sie unaufhörlich an, und sie mich zuweilen – die rufenden Nachtigallen schließen uns ein die blühenden Abendwolken gehen unter- der lächelnde Abendstern geht unter – der Sternenhimmel zieht sein Silber-Netz um uns – wir haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben. Da fängt eine ferne Flöte hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut, was uns schmerzt und freuet: ›Es ist mein guter Bruder‹, sag' ich, ›und im Dorfe wohnen meine lieben Eltern.‹« – Hier kam Walt zu sich; er sah umher, im Flusse (er stand vor einem) sank sein Fürstenstuhl ein, und ein Wind blies ihm die leichte Krone ab. »Es wär' auch zuviel für einen Menschentraum, sie gar zu küssen«, sagt' er und ging nach Hause. Unterwegs prüft' er die Rechtmäßigkeit des Traums und hielt ihn so Stück für Stück an den moralischen Probierstein, daß er ihn auf die beste Weise zum zweiten Male hatte. So hält sich die fromme Seele, welche bange schwimmt, gern an jedem Zweige fest, der auch schwimmt. So ist die erste Liebe, wiewohl die unverständigste, doch die heiligste; ihre Binde ist zwar dicker und breiter – denn sie geht über Augen, Ohren und Mund zugleich –, aber ihre Schwungfedern sind länger und weißer als irgendeiner andern Liebe.

Vor Neupeters Hause unten sah er lang zu seinem Fenster auf, seine Zelle kam ihm ordentlich fremd vor und er sich, und es war ihm, als müsse der Notar jede Minute oben herausgucken auf ihn herunter. Plötzlich fing am Fenster eine Flöte an; er fuhr sehr kurz zusammen, da sein lieber Bruder ihn droben erwartete. Er brachte ihm das Feuer zu, in welches Wina ihr mildes Öl gegossen. Vult war ganz liebreich und freundlich; denn er hatte unterdessen im Doppel-Roman das neue Stück Gartenland besehen und umschritten, das Walt bisher daran fertig gemacht und gemauert – und hatte da gefunden, daß die grünen Hängbrücken, die vom Herkules-Tempel der Freundschaft wegführten, sehr schön gut gebogen und angestrichen, die Moos- und Rinden-Einsiedelei der ersten Liebe aber, die sich selber noch für einsam[824] und einherzig hält, vortrefflich, nämlich still und dunkel und romantisch angelegt worden, so daß nun nichts weiter mehr fehlte als die Vogelhäuser, Klingel-Häuschen, Satyrs und andere Garten-Götter, die Vult seines Orts und Amts von der Brücke an ausschweifend zu postieren hatte.

Er pries gewaltig, wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzückte als erweichte. »Brüderlein«, sagt' er, »kennt' ich dich und die Macht der Kunst nicht so gut, so schwür' ich, du wärest schon auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe gestanden und hättest geblitzt; so wahr und hübsch steht jeder Funke da.« Denn Vult hatte bisher, ungeachtet oder vielmehr wegen aller Offenherzigkeit des Bruders, das Vergißmeinnicht der Liebe nicht in ihm bemerkt, weil alles in ihm voll Liebes-Blumen stand, und weil Vult selber jetzt nicht viel aus den Weibern machte. Sein Schmollgeist, sagt' er oft, meide den weiblichen; man müsse aus einem lackierten Stäbchen, das nur für die weiblichen Blumen in der Erde steht, eine römische Säule werden, deren Kapitäl jene Blumen bloß bekränzen.

Sehr erstaunte Walt – der im Doppel-Roman nur der Dichter, nämlich das stille Meer gewesen, das alle Bewegungen, der Seegefechte und des Himmels, abspiegelt, ohne selber in einer zu sein –, als Vult aus dem Buche von weitem schließen wollte, er liebe vielleicht. Er glaubte dem gereiseten Flötenisten aufs Wort; sagte aber selber keines davon und war heimlich ganz vergnügt, daß ers jetzt gerade so habe, wie ers hinschreibe. Stundenlang frappierte ihn eine neue Rolle, worin er etwas zu spielen hatte, was schon millionenmal auf allen Planeten gespielet worden.

Als nun die Brüder nach ihrer Gewohnheit ihre gegenseitigen Tagesgeschichten gegeneinander austauschen wollten: so ging dem Notar die seinige sehr schwer und klebend von der Zunge; – er hielt sich mehr an den General und an dessen mémoires érotiques, um seine eignen zu decken.

Er lobte die geistige reine Blüte in jenen; Vult lächelte darüber und sagte: »Du bist eine verdammt gute Seele!« Die Liebe, welche das ganze Herz öffnet, so wie verschenkt, verschließet und behält doch den Winkel, wo sie selber nistet; und diktiert[825] dem besten Jüngling die erste Lüge, wie der besten Jungfrau die längste.

Walt begleitete – bei seinen innern Bewegungen, deren Blutkügelchen wie höhere Kugeln einen freien Himmel zum Bewegen brauchten – den Bruder nach Hause. Dieser begleitete erfreut wieder jenen; Walt wieder diesen, um vor Winas Fenstern auf dem Heimwege vorbeizukommen. So trieben sie es oft, bis der Notarius siegte.

Einsam unter dem breiten Sternenhimmel konnt' er die glühende Seele recht ausdehnen und abkühlen. »Sollt' ich denn den romantischen, so oft gedichteten Fall jetzt wirklich in der Wirklichkeit erleben, daß ich liebte?« sagte er. »Nun so will ich«, setzt' er dazu, und der bisher winterlich eingepuppte, gefrorne Schmetterling sprengte die Puppen-Hülse weit ab und fuhr auf und wiegte feuchte Schwingen, »lieben wie niemand und bis zum Tod und Schmerz – denn ich kanns ja gut, da sie mich nicht kennt und nicht liebt und ich ihr nichts schade und sie sehr von Stand ist und jetzt vollends auf einen Monat verreiset. Ja es sei ihr ganz und voll hingereicht, das unbekannte Herz, und wie unterirdischen Göttern will ich ihr schweigend opfern. O ich könnte diese Sterne für sie pflücken zum blitzenden Juwelen-Strauß und weiche Lilien aus dem Monde darein binden und es in ihrem Schlafe neben ihr Kissen legen; wüßt' es auch kein Wesen, wer es getan, ich wäre zufrieden.«

Er ging die Gasse herab an Zablockis Haus. Alle Lichter waren ausgelöscht. Eine kernschwarze Wolke hing sich über das Dach; er hätte sie gern herabgerissen. Alles war so still, daß er die Wanduhren gehen hörte. Der Mond schüttete seinen fremden Tag in die Fenster des dritten Stockwerks. »O wär' ich ein Stern«, so sang es in ihm, und er hörte nur zu, »ich wollte ihr leuchten; – wär' ich eine Rose, ich wollte ihr blühen; – wär' ich ein Ton, ich dräng' in ihr Herz; – wär' ich die Liebe, die glücklichste, ich bliebe darin; – ja, wär' ich nur der Traum, ich wollt' in ihren Schlummer ziehen und der Stern und die Rose und die Liebe und alles sein und gern verschwinden, wenn sie erwachte.«[826]

Er ging nach Hause zum ernsten Schlaf und hoffte, daß ihm vielleicht träume, er sei der Traum.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 820-827.
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