Nr. 46. Edler Granat

[877] Der frische Tag


Am frühen Morgen brach die Truppe, wie Truppen, die Zelte lärmend ab und aus dem Lager auf. Die Fuhrleute stäubten das Nachtstroh von sich. Die Rosse wieherten oder scharrten. Die Frische des Lebens und Morgens sprengte brennenden Morgentau über alle Felder der Zukunft, und man hielt es sehr der Mühe wert, solchen zuzureisen. Das Getöse und Streben belebte romantisch das Herz, und es war, als reite und fahre man gerade aus dem Prosa-Land ins Dichter-Land und komme noch an um 7 Uhr, wenn es die Sonne vergolde. Als vor Walten die über alles blasse Jakobine wie ein bleicher Geist einsaß, sah er in den Traum und Abend hinein, wo er diesen weißen Geist wieder finden, auch über die Blässe fragen konnte; denn er erriet fast leichter Seelen-Schminke als Wangen-Schminke, diese rote Herbstfarbe fallender Blätter statt der Frühlingsröte jungfräulicher Blüte. Weiße Schminke erraten Gelehrte noch schwerer oder gar nicht, weil sie nicht absehen können, sagen sie, wo sie nur anfange.

Die Maske saß auf und sprengte seitab nach St. Lüne zu. Gottwalt wußte, daß, wenn er den Weg nach Joditz einschlüge, der weissagende Traum, daß er da mittags essen werde, schon halb in Erfüllung gehe; – er nahm also diesen Weg. Es sei, daß der[877] zweite Reisetag an der Natur den blendenden Glanz abwischet, oder daß sein unruhiger Blick in das geweissagte Rosenhof und dessen Gaben das leise Grün der Natur, das wie ein Gemälde nur in ein stilles Auge kommt, verscheuchte: genug, statt des gestrigen beschaulichen Morgens hatt' er jetzt einen strebenden, tätigen. Er saß selten nieder, er flog, er stand und ging als Befehlshaber an der Spitze seiner Tage. Wär' ihm Don Quijotes Rosinante auf einer Wiese grasend begegnet, er hätte sich frei auf die nackte geschwungen (er wäre sein eigner Sattel gewesen), um in die romantische Welt hineinzureiten bis vor die Haustüre einer Dulzinee von Toboso. Er sah vorrübergehend in eine hackende Ölmühle und trat hinein; die Riesenmaschinen kamen ihm lebendig vor, die hauenden Rüssel, die unaufhaltbaren Stampf-Mächte und Klötze wurden von seltsamen Kräften und Geistern geregt und aufgehoben.

Durch den rein-blauen Himmel brausete ein unaufhörlicher Sturm – der seine eigne Windharfe war –; aber nichts weht weiter in Zauber- und Zukunfts-Länder als eine solche unsichtbare tönende Gewalt. Geister flogen im Sturm; die Wälder und Berge der Erde wurden von Überirdischen geschüttelt und gerückt;-die äußere Welt schien so beweglich zu werden, wie es die innere ist.

Überall lagen auf den Felsen Ritterschlösser – in den Gärten Lustschlösser – an den kleinen Rebenbergen weiße Häuserchen – zuweilen da eine rotglänzende Ziegelhütte, dort das Schieferdach einer Korn- oder Papiermühle. – – Unter allen diesen Dächern konnten die seltensten Väter und Töchter und Begebenheiten wohnen und heraustreten und auf den Notar zugehen; er versah sich dessen ohne Furcht.

Als eine zweite Straße seine zu einem Kreuzwege, diesem Andreaskreuze der Zauberinnen, durchschnitt: so wehten ihn tiefe Sagen schauerlich aus der Kindheit an; im Brennpunkte der vier Welt-Ecken stand er, das fernste Treiben der Erde, das Durcheinanderlaufen des Lebens umspannt' er auf der wehenden Stelle. Da erblickt' er Joditz, wo er Vults Traume nach essen sollte. Es kam ihm aber vor, er hab' es schon längst gesehen, der[878] Strom um das Dorf, der Bach durch dasselbe, der am Flusse steil auffahrende Wald-Berg, die Birken-Einfassung und alles war ihm eine Heimat alter Bilder. Vielleicht hatte einmal der Traumgott vor ihm ein ähnliches Dörfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn durchschweben lassen37. Er dachte nicht daran, sondern an Abenteuer und an die Natur, die gern mit Ähnlichkeiten auf Steinen und in Wolken und mit Zwillingen spielet.

Im Joditzer Wirtshaus wurd' er wieder überrascht durch Mangel an allem Überraschenden. Nur die Wirtin war zu Hause und er der erste Gast. Erst später kam mehr Leben an, ein Böheimer mit vier Verkaufschweinchen und dem Hunde; aber da dieser sehr lamentierte, daß er lieber vier Herden treiben und absetzen wollte als allemale die letzten Äser, mit denen es nie ein Ende nehme: so ließ sich Walt seine Sonnenseite nicht länger zur Winterseite umdrehen, sondern zog mit einer Portativ-Mahlzeit davon.

Er gelangte in einen felsigen stillen Wald und glitt vom Weg ab und lief so lange einer immer enger ablaufenden Schlucht nach, bis er an die sogenannte stille Stelle kam, die er im Tagebuche so beschreibt:

»Die Felsen drängen sich einander entgegen und wollen sich mit den Gipfeln berühren, und die Bäume darauf langen wirklich einander die Arme zu. Keine Farbe ist da als Grün und oben etwas Blau. Der Vogel singt und nistet und hüpft, nie gestört auf dem Boden, außer von mir. Kühle und Quellen wehen hier, kein Lüftchen kann herein. Ein ewiger dunkler Morgen ist da, jede Waldblume ist feucht, und der Morgentau lebt bis zum Abendtau. So heimlich eingebauet, so sicher eingefasset ist das grüne Stilleben hier und ohne Band mit der Schöpfung als durch einige Sonnenstrahlen, die mittags die stille Stelle an den allgewaltigen Himmel knüpfen. Sonderbar, daß gerade die Tiefe so einsam ist wie die Höhe. Auf dem Montblanc fand Saussure nichts als einen Tag- und einen Nachtschmetterling, was mich sehr erfreuete. Am Ende wurde ich selber so still als die Stelle und schlief ein.[879]

Ein Zaubertraum nach dem andern legte mir Flügel an, die bald wieder zu großen Blumenblättern wurden, auf denen ich lag und schwankte. Endlich war mir, als rufe mich eine Flöte beim Namen und mein Bruder stehe dicht an meinem Bette. Ich schlug die Augen auf, allein ich hörte fast gewiß noch eine Flöte. Ich wußt' aber durchaus nicht, wo ich war; ich sah die Baumgipfel mit Glut-Rot durchflossen; ich entsann mich endlich mühsam der Abreise aus Joditz und erschrak, daß ich eine ganze Nacht und den prophezeieten Abend in Rosenhof hier verschlafen hätte; denn ich hielt die Röte für Morgenröte. Ich drängte mich durch den tauenden Wald hindurch und auf meine Straße hinaus – ein prächtiges Morgen-Land faltete vor mir die glühenden Flügel auf und riß mein Herz in das allerheiterste Reich. Weite Fichtenwälder waren an den Spitzen gelbrot besäumt, freilich nur durch mordende Fichtenraupen. Die liebe Sonne stand so, daß es der Jahreszeit nach 5 3/4 Uhr am Morgen sein mochte, es war aber, die Wahrheit zu sagen, 6 1/2 Uhr abends. Indes sah ich die Lindenstädter Gebürge rot von der entgegenstehenden Sonne übergossen, die eigentlich der östlichen Lage nach über ihnen stehen mußte.

Ich blieb im Wirrwarr, obgleich die Sonne vielmehr fiel als stieg, bis ein junger hagerer Maler mit scharfen und schönen Gesichtsknochen und langen Beinen und Schritten und einem der größten preußischen Hüte vor mir dahin vorüber wollte, mit einer Maler-Tasche in der Hand. ›Guten Morgen, Freund‹, sagt' ich, ›ist das die Straße nach Rosenhof, und wie lange?‹ – ›Dort hinter den Hügeln liegts gleich. Sie können in einer Viertelstunde noch vor Sonnenuntergang ankommen, wenn die Fähre eben da ist.‹ Er entlief mit seinen gedachten Schritten, und ich sagte: ›Dank, gute Nacht.‹ Es war mir aber gewaltsam, als wenn sich die Welt rückwärtsdrehte, und als wenn ein großer Schatte über das Sonnen-Feuer des Lebens käme, da ich den Morgen zum Abend machen mußte.« So weit seine Worte.

Jetzt stand der Notar still, drehte sich um, eine lange Ebene hinter ihm schlossen unbekannte Berge zu; vor ihm standen sie, wie Sturmbalken der Gewitter, gehörnt und gespalten hinter den[880] Hügeln gen Himmel, und die Berg-Riesen trugen die hohen Tannen nur spielend. Der fliegende Landschaftsmaler, sah er, setzte sich auf die Hügel und schien, nach seiner Richtung zu schließen, die verdeckte Stadt Rosenhof auf sein Zeichenpapier heraufzutragen. Gott, dachte Walt, nun begreif' ichs einigermaßen, wie die Stadt liegen mag, wie göttlich und himmlisch, wenn der Landschaftsmaler von Bedeutung sich davor setzt und nur sie abreißet, indes er hinter seinem Rücken eine Landschaft weiß, die einen Fremdling, der jene nicht kennt, ordentlich mit Abend-Glanz und Ansicht überhäuft.

Als er oben vor die Aussicht kam, stand er neben dem Stand- und Sitzpunkte des Malers still und rief nach dem ersten Blick auf die Landschaft aus: »Ja, das ist des Malens wert.« – »Ich zeichne bloß«, sagte der gebückte Maler, ohne aufzublicken. Walt blieb stehen, und sein Auge schweifte von dem breiten Rosana-Strome zu seinen Füßen aufwärts zur Stadt am Ufer und Gebürg und stieg auf die waldigen zwei Felsen-Gipfel über der Stadt und fiel auf die Fähre, die, voll Menschen und Wagen zwischen Seilen, zu seinem Ufer voll neuer Passagiere herüberglitt, und sein Auge flog endlich den Strom hinab, der, lang von der Abendsonne beglänzt, sich durch fünf grüne helle Inseln brennend drängte.

Die Fähre war gelandet, neues Schiffsvolk und Fuhrwerk eingestiegen, sie wartete aber noch und, wie es ihm vorkam, auf ihn. Er lief hinab und sprang auf das Fahrzeug. Allein es wartete auf schwerere Befrachtung. Er schauete auf drei hier einlaufende Straßen hinauf. Endlich bemerkte er, daß im Abendglanze ein zierlicher Reisewagen mit vier Pferden, lange Staubwolken nachschleppend, daherrollte.

Darüber mußte der Notar frohlocken, weil schon ein Fuhrmanns-Karren mit Pferden auf der Fähre stand und der Reisewagen mit den seinigen sie noch viel gedrängter und bunter machte, als sie es schon durch den Kongreß von Bettlern, Boten, Spaziergängern, Hunden, Kindern, Wandergesellen und Grummet-Weibern war, wozu noch der Tiroler, der Geburtshelfer und der Bettelmann kam, die ihm unterwegs begegnet waren. Die Fähre war ihm ein zusammengepreßter Marktplatz, der[881] schwamm, ein stolzes Linien-Schiff zwischen zwei Linien-Seilen, ein Bucentauro, aus welchem seine Seele zwei Vermählungsringe auswarf, einen in den Seestrom, einen in den glänzenden Abendhimmel. Er wünschte halb und halb, die Überfahrt wollte sich durch einige Gefahr, die andern nichts schadete, noch trefflicher beleben.

Ein schöner stattlicher Mann stieg vorher aus dem angekommenen Wagen aus, eh' dieser auf das enge Fahrzeug getrieben und da gehörig eingeschichtet wurde; er traue seinen Pferden nicht, sagte der Herr. Walt fuhr ihm fast ohne ausgezeichnete Höflichkeit entgegen vor Jubel, denn er sah den General Zablocki vor sich. Dieser, durch Reisen häufiger an solche Erkennungen gewöhnt, bezeugte ein ruhiges Vergnügen, seinen erotischen Sekretär hier anzutreffen. Der lange Postzug stolperte endlich in die Fähre mit dem Wagen herein, und aufzitternd sah Walt, daß Zablockis schöne Tochter darin saß, die Augen auf die fünf Inseln heftend, welche der Sonnenglanz mit Rosenfeuer überschwemmte. Sein Herz brannte sanft in seinem Himmel, wie die Sonne in ihrem, und ging selig auf und selig unter. Schon der leere Bekannte wär' ihm auf unbekanntem Boden wie ein Bruder erschienen; aber nun die still geliebte Gestalt – sie gab ihm einen Seelen-Augenblick, den kein Traum der Phantasie weissagt.

Er stand an der Morgenseite des Kutschenschlags und durfte allda ohne Bedenken, da auf der Fähre alle Welt fest stehen muß, verharren und in einem fort hineinsehen (er hatte sich gegen den Wagen umgekehrt); er schlug aber die Augen oft nieder, aus Furcht, daß sie ihre herumwende und von seinen gestöret werde, ob er gleich wußte, daß sie, geblendet von der Sonne, anfangs so viel sähe als nichts. Er vergaß, daß sie ihn wahrscheinlich gar nie angesehen. Nach der herrlichen Pracht-Sonne und nach den fünf Roseninseln sah er nicht hin, sondern genoß und erschöpfte sie ganz dadurch, daß er der stillen Jungfrau und dem stummen Abendtraume, womit sie auf den goldnen Inseln ruhte, mit tausend Wünschen zusah, es mög' ihr doch noch besser ergehen, und himmlisch, und darauf noch herrlicher.

Von weitem wars ihm, als wenn die Rosana flösse und die[882] Fähre schiffte und die Wellen rauschten, und als wenn die waagrecht einströmende Abendsonne Hunde und Menschen mit Jugendfarben überzöge und jeden Bettler und Bettelstab vergoldete, desgleichen das Silber der Jahre und Haare. Aber er gab nicht besonders acht darauf. Denn die Sonne schmückte Wina mit betenden Entzückungen und die Rosen der Wangen mit den Rosen des Himmels; – und die Fähre war ihm ein auf Tönen sich wiegender Sangboden des Lebens, ein durch Abendlicht schiffendes Morgenland, ein Charons-Nachen, der das Elysium trug zum Tartarus des Ufers. Walt sah unkenntlich aus, fremd, überirdisch, denn Winas Verklärung warf den Widerschein auf ihn.

Ein Krüppel wollte ihm in der Nähe etwas von seiner Not vorlegen, aber er faßte nicht, sondern hassete es, wenn ein Mensch an einem solchen Abend nicht selig war, wo sich die bisher betrübte Jungfrau erheiterte und sich die Sonne gleichsam wie eine liebe warme Schwester-Hand an das Herz drückte, das bisher oft in mancher kalten dunkeln Stunde schwer geschlagen.

»Hätt' er nur kein Ende, der Abend«, wünschte Walt, »und keine Breite die Rosana – oder man beschiffte wenigstens ihre Länge, fort und fort, bis man mit ihr ins Meer verschwämme und darin unterginge mit der Sonne.«

Eben war die Sonne über dem Strome untergegangen. Langsam wandte Wina das Auge ab und nach der Erde, es fiel zufällig auf den Notar. Er wollte einen Gruß voll Verehrungen spät in den Wagen werfen, aber die Fähre schoß heftig vom Ufer zurück und zerstieß das wenige, was er zusammengebauet.

Der Wagen fuhr bedächtlich ans Land. Walt gab an 4 Groschen Fährgeld; »für wen noch?« fragten die Fährleute. »Für wer will«, versetzte Walt; darauf sprangen, ohne zu fragen und zu zahlen, mehr als zu viele ans Land. Der General wollte zu Fuß in die schöne Garten-Stadt, Walt blieb neben ihm. Jener fragte, ob ihm gestern keine Komödianten begegnet. Er berichtete, daß sie diesen Abend in Rosenhof spielten. »Gut!« sagte Zablocki – »so essen Sie abends bei mir im Granatapfel- Sie übernachten doch? – und morgens sieht man in Sozietät die ganze splendide Felsen-Gruppe, die Sie droben über der Stadt bemerken.«[883]

Die Entzückung über diese Gabe des Geschicks spricht Walt in seinem Tagebuch kurz so aus: »Wie ich vor ihm darüber meine Freude aussprach, lieber Bruder, das kannst du dir vielleicht besser denken als ich jetzt.«

37

Es gibt zwar ein zweites Joditz mit gleicher Gegend – das Kindheitsdorf des gegenwärtigen Verfassers –, es liegt aber nicht in Haßlau, sondern im Vogtland, wohin gewiß nicht der Notar gekommen.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 877-884.
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