Eilfter Zettelkasten

[158] Frühling – Investitur – und Niederkunft


Ich stehe von einem wunderbaren Traume auf; aber der vorige Kasten macht ihn natürlich. Mir träumte: alles grüne – alles dufte – ich schaue nach einem unter der Sonne blitzenden Turmknopf hinaus, ruhend im Fenster eines weißen Gartenhäuschens, die Augenlider voll Blumenstaub, die Achseln voll dünne Kirschenblüten, die Ohren voll Gesumse des benachbarten Bienenstandes. – Darauf trete langsam zwischen die Rabatten der hukelumische Pfarrer und steige ins Gartenhaus und sage feierlich zu mir: »Wohlgeborner Herr, eben ist meine Frau von einem Knäblein entbunden worden, und ich unterfange mich, Dieselben zu bitten, an solchem das heilige Werk zu verrichten, wenn es in den Schoß der Kirche aufgenommen wird.« –

Ich fuhr ganz natürlich auf, und der – Pfarrer Fixlein stand noch leibhaftig neben meinem Bette und bat mich zu Gevatter: denn Thiennette war heute nachts um 1 Uhr niedergekommen. Die Geburt war darum so glücklich als wie in einem Gebärhause vorübergegangen, weil der Vater schon etliche Monate darauf gedacht hatte, den sogenannten Klapperstein, der im Horste des Adlers gefunden wird, beizuschaffen und Geburtshülfe damit zu leisten: denn dieser Stein verrichtet in seiner Art alles, was die Mütze eines alten Minoriten in Neapel, von dem Gorani erzählt, an solchen Kreißenden erzwingt, die sie aufsetzen ....

– Ich könnte den Leser noch länger kränken; aber ich lasse willig nach und decke ihm die Sachen auf.

Einen solchen Mai wie den diesjährigen (von 1794) hat die Natur bei Menschengedenken nicht – angefangen: denn wir haben erst den funfzehnten. Leute von Einsichten mußten sich seit Jahrhunderten jedes Jahr einmal ärgern, daß die deutschen Sänger Mailieder machten, da andere Monate eine poetische Nachtmusik weit eher verdienen; und ich bin oft so weit gegangen, daß ich den Sprachgebrauch der Marktweiber angriff und statt Maibutter Juniusbutter sagte, desgleichen nur Junius-, März-,[158] Aprillieder. – Aber du, diesjähriger Mai! verdienest alle Lieder auf deine rauhen Namensvettern auf einmal! – Beim Himmel! wenn ich jetzt aus der gaukelnden helldunkeln Akazienlaube des Schloßgartens, in der ich dieses Kapitel schreibe, heraustrete in den weiten lebendigen Tag und zum wärmenden Himmel aufsehe und über seine unter ihm aufquellende Erde: so tut sich vor mir der Frühling wie ein volles kräftiges Gewitter mit einem blauen und grünen Glanze auf. – Ich sehe die Sonne am Abendhimmel in Rosen stehen, in die sie ihren Strahlenpinsel, womit sie heute die Erde ausgemalet, hineinwirft – und wenn ich mich ein wenig umsehe in ihrer Gemäldeausstellung: so ist ihre Schmelzmalerei auf den Bergen noch heiß – auf dem nassen Kalk der nassen Erde trocknen die Blumen mit Saftfarben gefüllt, und an den Bächen die Vergißmeinnicht mit Miniaturfarben – unter die Glasur der Ströme hat die Malerin ihr eignes Auge gefasset, und die Wolken hat sie wie ein Dekorationsmaler nur mit wilden Umrissen und einfachen Farben gezeichnet; und so steht sie am Rande der Erde und blickt ihren großen, vor ihr stehenden Frühling an, dessen Faltenwurf Täler sind, dessen Brustbouquet Gärten und dessen Erröten ein Frühlingsabend ist und der, wenn er sich aufrichtet, der – Sommer wird.

Aber weiter! In jedem Frühling – und in einem solchen gar geh' ich zu Fuße den Zugvögeln entgegen und verreise den hypochondrischen Bodensatz des Winters. Ich glaube aber nicht, daß ich nur den Turmknopf von Hukelum, der in einigen Tagen abgehoben wird, geschweige die Pfarrleute gesehen hätte, wär' ich nicht beim flachsenfingischen Superintendenten und Konsistorialrat gewesen. Bei diesem kundschaftete ich Fixleins Lebenslauf – jeder Kandidat muß seinen an das Konsistorium liefern und sein noch tolleres Bittschreiben um den Turmgiebel aus. Ich ersah mit Vergnügen, wie lustig der Kauz in seinem Entenpfuhl und Milchbad von Leben schnalze und plätschere – und nahm mir die Reise zu seinem Ufer vor. Es ist sonderbar, d.h. menschlich, daß wir originelle Menschen und originelle Bücher das ganze Jahr lang wünschen und preisen: haben und sehen wir sie aber, so erzürnen sie uns – sie sollen uns ganz anstehen und[159] schmecken, als ob das eine andere Originalität könnte als unsere eigene.

Es war Sonnabends, den dritten Mai, daß ich, der Superintendent, der Senior capituli und einige weltliche Räte aufbrachen und einstiegen und uns in zwei Wägen vor die Haustüre des Pfarrers bringen ließen. Die Sache war: er war noch nicht – investieret, und morgen sollt' ers werden. Ich dachte nicht, als wir am weißen Spalier des Schloßgartens vorbeifuhren, daß ich darin ein neues Werkchen schreiben würde.

Ich sehe den Pfarrer noch in seinem Perücken-Grauwerk und Kopfgehäuse an die Wagentüre anspringen und uns herausziehen – so lächelnd – so verbindlich – so eitel als aufmerksam auf die herausgezogne Fracht. – Es schien, als hätt' er den Reiseflor des Schmerzes auf der Lebensreise gar niemals umgenommen – und Thiennette schien ihren niemals zurückgeschlagen zu haben. Wie war alles im Hause so nett, aufgeschmückt und poliert! Und doch so still, ohne das verdammte Sturmläuten der Bedientenglocken und ohne die faulen Trommelbässe des Treppen-Pedalierens! Indes die Herren im obern Zimmer anständig saßen, zog ich nach meiner Art wie ein Geruch im ganzen Hause herum, und mein Weg führte mich durch die Wohnstube, über die Küche und endlich in den Kirchhof am Hause. Guter Sonnabend, ich will deine Stunden, so gut ich kann, mit schwarzem Judenpech von Dinte in die Uhrblätter fremder Seelen zeichnen! – In der Wohnstube hob ich vom Schreibtisch einen an Rücken und Ecken vergoldeten Band mit dem Rückendekret: »Heilige Reden von Fixlein, erste Sammlung« auf – und da ich nach dem Druckort sehen wollte, war die heilige Sammlung geschrieben. Ich fühlte die Schreibspulen an und tunkte in die Negerschwärze der Dinte ein – und ich befand, daß alles ganz gut war: bei herumfliegenden Gelehrten, die nur ein Departement der auswärtigen Angelegenheiten haben und keines der innern, ist außer einigen andern Dingen nichts schlechter als Dinte und Federn. Auch fand ich eine Kupferplatte, auf die ich wieder zurückkommen werde. –

In der Küche, die man zum Schreiben eines englischen Romans nicht nötiger hat wie zum Spielen eines deutschen, konnt' ich[160] mich neben Thiennetten stellen und mit schüren helfen und in ihr Gesicht und in ihr Kochfeuer zugleich sehen. Ob sie gleich in der Ehe war, wo weiße Rosen auf den Wangen zu roten werden worin die Mädchen einem Gleichnis in der Note36 gleichen –, und obgleich das Bratenholz eine erlogene Schminke auf sie warf: so erriet ich doch, wie blaß sie ungefähr sonst gewesen war, und meine Rührung über ihre Farbe stieg durch den Gedanken an ihre Bürde noch höher, die ihr heute nachts das Schicksal nicht sowohl abgenommen als bloß in ihre Arme und näher an ihr Herz geleget hat. Wahrlich ein Mann muß nie über die mit einer Ewigkeit bedeckte Schöpfungsminute der Welt nachgesonnen haben, der nicht eine Frau, deren Lebensfaden eine verhüllte unendliche Hand zu einem zweiten spinnt, und die den Übergang vom Nichts zum Sein, von der Ewigkeit in die Zeit verhüllt, mit philosophischer Verehrung anblickt; – aber noch weniger muß ein Mann je empfunden haben, dessen Seele vor einer Frau in einem Zustande, wo sie einem unbekannten ungesehenen Wesen noch mehr aufopfert als wir den bekannten, nämlich Nächte, Freuden und oft das Leben, sich nicht tiefer und mit größerer Rührung bückt als vor einem ganzen singenden Nonnen-Orchester auf ihrer Sarawüste; und schlimmer als beide ist einer, dem nicht seine Mutter alle andere Mütter verehrungswürdig macht. –

»Es ist dir weiter nicht dienlich, arme Thiennette,« (dacht' ich) »daß sich jetzt unter dem Vollgießen deines bittern Krankenkelches die lärmenden Feste häufen.« Die Investitur und die Knopf-Erhöhung meint' ich. Mein Rang, dessen Diplom der Leser in den »Hundsposttagen« eingeheftet findet und der sonst der ihrige war, hetzte mir ein Heer zurückhaltender, verlegner und schwankender Äußerungen von ihr auf den Hals, die ich mit Mühe zerstreuete, und womit allemal die Leute vor Höhern oder Niedern aufziehen, zu denen sie sonst gehört hatten. Ich konnte weder mit ihr noch mit ihm den Sonnabend und Sonntag recht ins Geleise kommen, bis die andern Herren fort waren. Die alte Mutter wirkte, wie dunkle Ideen, stark und fortdauernd, aber[161] ohne sich zu zeigen: das wird durch ihre abgöttische Scheu vor uns erklärt und zum Teil durch einen stillen Kummer, der sich wie eine Wolke in ihr (wahrscheinlich über die Niederkunft ihrer Schwiegertochter) aufzog.

Ich kreuzte, solange das Mond-Achtel noch flimmerte, auf dem Gottesacker herum und milderte meine Phantasien, die zu leicht mit dem Braun zerbröckelter Mumien malen, nicht nur durch das Abendrot, sondern auch durch die Erwägung, wie leicht unser Aug und Herz sich sogar mit den Trümmern des Todes versöhne, eine Erwägung, zu der mir der pfeifende Schulmeister, der das Gebeinhaus auf morgen ordnete, und die singende Pfarrmagd verhalf, die Gräber abgrasete. Warum wollen wir uns diese Angewöhnung an alle Gestalten des Schicksals nicht auch auf die andere Welt von unserer Natur und von unserem Erhalter versprechen? – Ich blätterte die Leichensteine durch und denke noch jetzt, der Abergläubige37 hat recht, der dem Lesen derselben Verlieren des Gedächtnisse beilegt: – allerdings vergisset man tausend Dinge dieser Erde ...

Die Investitur am Sonntage, dessen Evangelium vom guten Hirten auf den Aktus paßte, muß ich kurz abfertigen, weil alles Erhabene die Redseligkeit nicht leiden kann. Ich werde aber doch das Wichtigste mitgeteilet haben, wenn ich berichte, daß dabei getrunken wurde – im Pfarrhaus –, gepauket – im Chor –, vorgelesen – vom Senior die Vokation, vom weltlichen Rate das Ratifikationsreskript – und gepredigt – vom Konsistorialrate, der den Seelsorger nahm und ihn der Gemeinde und diese jenem präsentierte, gab und zusicherte. Fixlein fühlte, er gehe als ein Hoherpriester aus der Kirche, in die er als ein Landpfarrer gekommen war, und hatte den ganzen Tag nicht das Herz, einmal zu fluchen. Wenn der Mensch feierlich behandelt wird, so sieht er sich selber für ein höheres Wesen an und begeht sein Namensfest mit Andacht.

Dieses Aufdingen, diesen Klosterprofeß ordnen die geistlichen Oberrabbi und Logemeister – die Superintendenten – sonst[162] gerne an, wenn der Pfarrer schon einige Jahre der Gemeinde vorgestanden ist, der sie ihn vorzustellen haben, wie die ersten Christen die Einweihung und Investitur zum Christentum, die Taufe, gern in den Tag ihres Todes verlegten; – ja ich glaube nicht einmal, daß die Investitur etwas von ihrem Nutzen verlöre, wenn sie und das Amtsjubiläum auf einen Tag aufgesparet würden, um so mehr, da dieser Nutzen ganz in dem besteht, was Superintendent und Räte teils schmausen, teils kriegen.

Erst gegen Abend lernten wir beide uns kennen. Die Investitur-Offizianten und Hebungsbedienten hatten nämlich den ganzen Abend sehr – geatmet. Ich meine so: da die Herren aus den ältesten Meinungen und neuesten Versuchen wissen mußten, Luft sei nichts als verdünntes, auseinandergeschlagenes Wasser: so konnten sie doch leicht erraten, daß umgekehrt Wasser nichts sei als eine dickere Luft. Und Weintrinken ist nichts als das Atmen einer zusammengekelterten, mit einigen Wohlgerüchen bestreueten Luft. Nun kann in unsern Tagen nicht genug (flüssiger) Atem von geistlichen Personen geholet werden durch den Mund, da ihre Verhältnisse ihnen das Atmen durch die kleinern Poren untersagen, das Abernethy unter dem Namen Luftbad so anempfiehlt: soll denn der Speiseschlund bei ihnen etwas anders sein als der Wand- und Türnachbar der Luftröhre, der Mitlauter, der Nebenschößling der letztern? – Ich verlaufe mich: ich wollte berichten, daß ich abends der nämlichen Meinung zugetan war, daß ich aber diese Luft oder diesen Äther nicht wie jene zum lauten Gelächter verbrauchte, sondern zum stillern Beschauen des Lebens. Ich ließ sogar gegen meinen Gevatter einige Reden schießen, die Gottesfurcht verrieten, welches er anfangs für Spaß nehmen wollte, weil er wußte, ich wäre von Hofe und Rang. Aber der Hohlspiegel des Weinnebels hing mir endlich die Bilder meiner Seele vergrößert und verkörpert als Geister-Gestalten mitten in die Luft hin. – Das Leben schattete sich mir zu einer eiligen Johannisnacht ein, die wir schießende Johanniswürmchen glimmend durchschneiden – ich sagte zu ihm, der Mensch müßte sich, wie die Blätter der großen Malve, in den verschiedenen Tagszeiten seines Lebens bald nach Morgen, bald nach Abend richten,[163] bald in der Nacht gegen die Erde und gegen ihre Gräber zu – ich sagte, die Allmacht des Guten trieb' uns und die Jahrhunderte den Toren der Stadt Gottes zu, wie der Widerstand des Äthers nach Euler die umkreisende Erde der Sonne zuführt usw.

Er hielt mich dieses Einschiebessens wegen für den ersten Theologen seiner Zeit und hätte von mir, wenn er Kriege hätte anfangen müssen, vorher Gutachten eingeholt, wie sonst kriegführende Mächte von den Reformationstheologen. Ich verhalte mir aber doch nicht, das, was die Pfarrer Eitelkeit der Erde nennen, ist etwas ganz anders, als was die Philosophie so nennt. Als ich ihm vollends eröffnete, ich schämte mich nicht, ein Autor zu sein, sondern beschriebe dieses und jenes Leben, und ich hätte seine eigne Biographie beim Herrn Superintendenten zu Gesichte bekommen und wäre imstande, daraus eine gedruckte zu fertigen, falls er mir mit einer und der andern Fleischfarbe zu Hülfe kommen wollte: so war bloß meine Seide, die leider nicht bloß gegen das elektrische Feuer, sondern auch gegen ein besseres isoliert, das Gitter, das sich zwischen mich und seine Arme stellte: denn er war wie die meisten armen Landpastoren nicht imstande, irgendeinen Rang zu vergessen oder seinen mit dem höhern zu verquicken. Er sagte: »er würd' es venerierlich erkennen, wenn ich seiner im Drucke gedächte; aber er befahre zu sehr, sein Leben sei zu einer Beschreibung zu gemein und zu schlecht.« Gleichwohl machte er mir die Schublade seiner Zettelkästen auf und sagte, er glaube mir damit vorgearbeitet zu haben.

Die Hauptsache aber war, er hoffte, seine errata, seine exercitationes und seine Briefe über das Raubschloß würden, wenn ich vorher ihnen den Lebenslauf ihres Verfassers vorausschickte, besser aufgenommen, und es wäre so viel, als begleitete ich sie mit einer Vorrede.

Kurz ich blieb, als den Montag die andern Herren mit ihrem Nimbus wegdampften, allein bei ihm als Niederschlag sitzen und sitze noch fest, d.h. vom fünften Mai an bis (das Publikum sollte den Kalender von 1794 neben sich aufgeschlagen hinlegen) zum funfzehnten – heute ist Donnerstag, morgen ist der sechzehnte und Freitag und die sogenannte Spinatkirmes und die[164] Aufziehung des Turmknopfes, die ich nur abzuwarten vorhatte, eh' ich ginge. Jetzt geh' ich aber nicht, weil ich Sonntags den Taufbund als Tauf-Agent für mein Patchen schließen muß. Wer mir gehorcht und den Kalender aufgeschlagen hat, der kann sich leicht vorstellen, warum mans auf den Sonntag verschiebt: es fället da jener denkwürdige Kantatesonntag ein, der einmal in unserer Geschichte wegen seiner närrischen, narkotischen Schierlings-Kräfte – jetzt aber nur wegen der schönen Verlobung richtig ist, die man nach zwei Jahren mit einer Taufe zelebrieren will. Ich bin zwar nicht imstande – aus Armut an Farben und Pressen –, die weiche duftende Blumenkette von vierzehn Tagen, die sich hier um mein krankes Leben ringelt, aufs Papier abzufärben oder abzupressen; aber mit einem einzigen Tage kann ichs versuchen. Ich weiß wohl, der Mensch kann weder seine Freuden noch Leiden erraten, noch weniger kann er sie wiederholen, im Leben oder Schreiben.

Die schwarze Stunde des Koffees hat Gold im Munde für uns und Honig: hier in der Morgenkühle sind wir alle beisammen, wir halten populäre Gespräche, damit die Pfarrerin und die Kunstgärtnerin sich darein mischen können. Der Frühgottesdienst in der Kirche, worin oft das ganze Volk 38sitzt und singt, wirft uns auseinander. Ich marschiere unter dem Glockengeläute mit meinem Stachel-Schreibzeug in den singenden Schloßgarten und setze mich in der frischen Akazienlaube an den betaueten zweibeinigen Tisch. Fixleins Zettelkästen hab' ich schon in der Tasche bei mir, und ich darf nur nachschauen und aus seinen nehmen, was in meine taugt. Sonderbar! so leicht vergisset der Mensch eine Sache über ihre Beschreibung: ich dachte jetzt wahrlich nicht ein wenig daran, daß ich ja eben auf dem zweibeinigen Laubentische, von dem ich rede, jetzt alles dieses schreibe.

Mein Gevatter arbeitet unterdessen auch für die Welt. Seine Studierstube ist die Sakristei, und der Preßbengel ist die Kanzel, die er braucht, um die ganze Welt anzupredigen: denn ein Autor ist der Stadtpfarrer des Universums. Ein Mensch, der ein Buch macht, hängt sich schwerlich; daher sollten alle reiche Lords-Söhne[165] für die Presse arbeiten: denn man hat doch, wenn man zu früh im Bette erwacht, einen Plan, ein Ziel und also eine Ursache vor sich, warum man daraus steigen soll. Am besten fähret dabei ein Autor, der mehr sammelt als erfindet – weil das letztere mit einem ängstlichen Feuer das Herz kalzinieret –; ich lobe den Antiquar, Heraldiker, Notenmacher, Sammler, ich preise den Titelbarsch (ein Fisch, namens perca diagramma, wegen seiner Buchstaben auf den Schuppen) und den Buchdrucker (ein Speckkäfer, namens scarabaeus typographus, der in die Rinde der Kienbäume Lettern wühlt) – beide brauchen keinen größern oder schönern Schauplatz der Welt als den auf dem Lumpenpapier und keinen andern Legestachel als einen spitzigen Kiel, um damit ihre vierundzwanzig Lettern-Eier zu legen. – In Rücksicht des räsonierenden Katalogs, den der Gevatter von deutschen Druckfehlern machen will, sagt' ich ihm einige Male: »er wäre gut und gründe sich auf die Regel, nach der man ausgezählet hat, daß z.B. zu einem Zentner Cicero-Fraktur vierhundertundfunfzig Punkte, dreihundert Schließquadrätchen etc. nötig sind; aber er sollte doch in politischen Schriften und in Dedikationen nachrechnen, ob für einen Zentner Cicero-Fraktur nicht funfzig Ausrufungszeichen viel zu wenig wären, so wie sechstausend Spatia in philosophischen Werken und in Romanen.«

An manchen Tagen schrieb er nichts; sondern steckte sich in den Schlauch und Rauchfang seines Priesterrocks und ließ im Ornate drüben beim Schulmeister die wenigen Abc-Schützen, die nicht wie andere Schützen des Frühlings wegen auf Urlaub waren, in der Fibel exerzieren. Er tat nie mehr als seine Pflicht, aber auch nie weniger. Es überlief sein Herz mit einer gelinden Wärme, daß er, der sonst unter einem Scholarchat sich duckte, jetzt selber eines war.

Um zehn Uhr begegnen wir uns aus unsern verschiedenen Museen und besichtigen das Dorf und besonders die biographischen Möblen und heiligen Örter, die ich gerade diesen Morgen unter meiner Feder oder meinem Storchschnabel gehabt, weil ich sie mit mehr Interesse nach meiner Beschreibung betrachte als vor ihr. –[166]

Dann wird gespeiset.

Nach dem Tischgebet, das zu lang ist, tragen wir beide die Karitativsubsidien oder Kammerzieler und milden Spenden, womit die Eingepfarrten dem Religions- und Tilgungsfond des Gotteskastens beispringen wollen zum Kauf des neuen Turmglobus, in doppelte Handelsbücher ein: das eine davon wird mit dem Namen der Kollatoren oder – hat einer auch für seine Kinder dotiert – mit der letztern ihrem in eine bleierne Kapsel eingesargt und in den Turmknopf aufgebahrt; das andere bleibt unten, bei der Registratur. Es ist nicht zu beschreiben, welche Lieferungen die Ehrbegierde, in den Knopf hinaufzukommen, macht ich beteure, Bauern, die schon gut gegeben hatten, steuerten noch einmal, wenn sie taufen ließen: der Junge sollte auch in den Knopf.

Nach dieser Buchhaltung stach der Gevatter in Kupfer. Er war so glücklich gewesen, herauszubringen, daß aus einem Zuge, der einem umgekehrten lateinischen S gleichsieht, alle Anfangsbuchstaben der Kanzleischrift so schön und so verschlungen, als sie in Lehr- und Adelsbriefen stehen, herauszuspinnen sind. »Bis Sie sechzig zählen,« sagt' er zu mir »hab' ich aus meinem Stammzuge einen Buchstaben gemacht.« Ich kehrte es bloß um und zählte so lange sechzig, bis er ihn hin hatte. Diese Schönheitslinie, in alle Buchstaben verzogen, will er durch Kupferplatten, die er selber sticht, für die Kanzleien gemeiner machen, und ich darf dem russischen, dem preußischen Hofe und auch einigen kleinern in seinem Namen Hoffnung zu den ersten Abdrücken machen: für expedierende Sekretäre sind sie unentbehrlich.

Nun wird es Abend, und es ist Zeit, vom gelehrten Baum des Erkenntnisses, auf dem wir beide mit Obstbrechern halsbrechend herumgabeln, wieder hinabzurutschen in die Feld-Blumen und Gräsereien der ländlichen Freude. – Wir warteten aber doch, bis die emsige Thiennette, die wir nun als eine Mutter Gottes in unser Wesen zogen, keine andere Gänge mehr hatte als die zwischen uns. – Wir schritten dann langsam – die Kranke war matt – durch die Wirtschaftsgebäude, d.h. durch Ställe und deren Inventariums-mäßige Schweizerei und vor einer abscheulichen Lache voll Enten vorüber und vor einem Milchkeller voll Karpfen, denen[167] beiden wir, ich und die andern, wie Fürsten Brot gaben, weil wir sie am Sonntage nach der Taufe – zum Brote selber verspeisen wollten.

Dann wurde der Himmel immer freundlicher und röter, die Schwalben und die Blütenbäume immer lauter, die Häuserschatten breiter – und der Mensch vergnügter. Die Blütentrauben der Akazienlaube hingen in unsere kalte Küche, und die Schinken waren nicht – welches mich allemal ärgert – mit Blumen besteckt, sondern damit von weitem beschattet ...

Dann macht mich der tiefere Abend und die Nachtigall weicher; und ich erweiche wieder die sanften Menschen um mich, besonders die blasse Thiennette, der oder deren Herzen die heftigen Freudenschläge nach den apoplektischen Lähmungen einer gedrückten Jugend schwerer werden als die Regungen der Wehmut. Und so rinnt unser transparentes reines Leben schön unter dem Blüten-Überhang des Maies hinweg, und wir schauen im bescheidenen Genusse scheu weder voraus noch zurück, wie Leute, die Schätze heben, sich auf dem Hin- und Herwege nicht umblicken.

So gehen unsere Tage vorüber. – Nur der heutige war anders: sonst sind wir um diese Zeit schon mit dem Nachtmahl fertig, und der Pudel hat schon die Knochen-Präparate unsers Soupers zwischen den Kinnbacken; aber heute sitz' ich noch allein im Garten hier und schreibe den eilften Kasten und gucke jeden Augenblick auf die Wiesen hinaus, ob mein Gevatter nicht kömmt.

Er ist nämlich in die Stadt gegangen, um ein ganzes Warenlager von Gewürzen zu holen: er hat weite Rocktaschen. Ja er macht kein Geheimnis daraus, daß er manchen Fleischzehenten bloß in der Rocktasche vom Vormund, bei dem sein Absteigquartier ist, heimtrage, wiewohl freilich Umgang mit der feinern Welt und Stadt und die daraus fließende Sittenbildung – denn er geht zum Buchhändler, zu Schulkollegen und zu geringern Stadtleuten – weit mehr als das Fleischholen die Absicht seiner Stadtreisen ist. Er machte mich heute am Morgen zum regierenden Haupt des Hauses und gab mir die Faszes und den Thronhimmel.[168] Ich saß den ganzen Tag bei der Wöchnerin und hatte ordentlich, bloß weil mich der Mann als seinen Ehe-Figuranten dagelassen, die schöne Seele lieber. Sie mußte dunkle Farben nehmen und mir die Winterlandschaft und Eisregion ihrer verjammerten Jugend zeichnen; aber ich machte oft ihr stilles Auge durch ein leichtes elegisches Wort wider mein Vermuten naß, weil das noch von keiner empfindsamen Druckpresse ausgekelterte übervolle Herz beim geringsten Andruck überfloß. Hundertmal wollt' ich unter ihrem Berichte sagen: o ja eben deswegen fing Ihr Leben zugleich mit dem Winter an, weil es so viele Ähnlichkeiten mit ihm erhalten sollte. – Du windstiller, wolkenloser Tag! noch drei Worte über dich wird mir doch die Welt nicht übelnehmen?

Ich kam immer näher ans Herzens-Zentralfeuer der Weiber zu stehen; und sie zogen letzlich milde über den Pfarrer los: die besten Weiber verklagen oft gegen einen Fremden ihre Männer, ohne sie darum im geringsten minder zu lieben. Mutter und Frau meisterten es unter dem Essen, daß er aus jeder Bücherauktion Opera erstehe; und in der Tat haschte und rang er nicht sowohl nach guten oder schlechten Büchern – oder nach alten – oder neuen – oder solchen, die er las – oder nach Lieblingsbüchern sondern bloß nach Büchern. Die Mutter schalt es hauptsächlich, daß er so viel in Kupferplatten verschleudere: einige Stunden darauf machte sie den für den Turmknopf Geldprästationen leistenden Schultheiß, der eine herrliche Hand schrieb, darauf aufmerksam, wie gut ihr Sohn steche, und es lohne der Mühe, bei solchen Anfangsbuchstaben einen Groschen nicht anzusehen.

Sie trugen mir darauf – denn wenn die Weiber einmal im offenherzigen Ergießen sind, so schütten sie (nur muß man nicht den Zapfhahn der Fragen umdrehen) gern alles aus – ein Ringkästchen hin, worin er einen gefundnen Kammerherrnschlüssel konservierte, und fragten mich, ob ich nicht wüßte, wer ihn verloren. Wer will das wissen, da es beinahe mehr Kammerherren als Dieteriche gibt? –

Endlich fassete ich Herz, auch nach dem Schränkchen des Ertrunknen zu fragen, das ich bisher im ganzen Hause vergeblich gesucht. Fixlein selber inquirierte fruchtlos darnach. Thiennette[169] gab der Alten einen zuredenden Wink voll Liebe, und ich wurde von dieser zu einem ausgespreizten Reifrock hinaufgeführt, der das Schränkchen überbauete. Unterweges sagte die Mutter, sie hielten es vor ihrem Sohne versteckt, weil ihn das Angedenken an seinen Bruder schmerzen würde. Als wir diese Depositenkasse der Zeit, woran das Schloß abgerissen war, geöffnet hatten, und als ich in dieses Gebeinhäuschen voll Trümmer einer kindlichen spielenden Vorzeit geschauet hatte: setzt' ich mir, ohn' ein Wort zu sagen, vor, diese Spielwaren der Gebrüder Fixlein noch vor meiner Abreise vor dem lebenden auszupacken: könnt' es denn etwas Schöners geben, als die überschütteten eingesunknen herkulaneischen Ruinen der Kindheit ausgegraben zu erblicken und frei an der Luft? –

Die Wöchnerin ließ schon zweimal bei mir fragen, ob er zurückgekommen. Er und sie haben gegeneinander, eben weil sie ihrer Liebe nicht den schwächenden Ausdruck durch Phrasen, sondern den stärkenden durch Taten geben, eine unaussprechliche. Andere Brautleute nagen einander die Lippen und das Herz und die Liebe durch Küssen ab, wie von Christi Statue in Rom (von Angelo) der Fuß durch Küssen abgegangen, den man deswegen mit Blech versehen; bei andern Brautleuten kann man die Zahl ihrer Entzündungen und Ausbrüche, wie beim Vesuv die der seinigen, deren noch dreiundvierzig sind, voraus ansagen; aber in diesen Menschen stieg das griechische Feuer einer mäßigen und ewigen Liebe auf, wärmte, ohne Funken zu versprengen, und loderte aufrecht, ohne zu knistern. – Jetzt schläget magischer die Abendlohe aus den Fenstern der Gärtnershütte in meine Laube, und mir ist, als müßt' ich zum Schicksal sagen: »Hast du einen scharfen Schmerz, so wirf ihn nur lieber in meine Brust und verschone damit drei gute Menschen, die zu glücklich sind, um nicht daran zu verbluten, und zu eingeschränkt auf ihr kleines dunkles Dorf, um nicht zurückzufahren vor dem Wetterstrahl, der ein erschüttertes Ich aus der Erde über die Wolken reißet.« – –

Du guter Mann! jetzt kömmt er eilig über die Pfarrwiesen. Welche schmachtende Blicke voll Liebe ruhen schon im Auge deiner Thiennette! – Was wirst du uns heute Neues aus der[170] Stadt mitbringen! – Wie wird dich morgen der aufsteigende Turmknopf laben! –

36

Dem Frühling nämlich, der mit weißen Schneeblumen anfängt, und mit Rosen und Nelken schließet.

37

Dieser christliche Aberglaube ist nicht bloß ein rabbinischer, sondern auch ein römischer. Cicero de Senectute.

38

Denn funfzehn Personen machen nach den Juristen schon eines.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 4, München 1959–1963, S. 158-171.
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