Geschichte der Vorrede zur zweiten Auflage

Ein Schweizer voltigierte (nach dem Berichte Stolbergs) einst so heftig als er konnte von der Stube auf den Sessel und von diesem wieder herunter – da man ihn darüber befragte, gab er an: »er mache sich lebhaft«. – Aber Normänner wie ich brauchen schon halbe Tagreisen, wenn sie so feurig werden wollen, daß sie den Plan eines Kapitels glücklich entwerfen. Schon Erasmus arbeitete sein Lob der Narrheit auf dem Sattel aus (da er nach Italien ritt), und der englische Dichter Savage sein Trauerspiel Overbury auf den Londner Gassen – wiewohl sein Leben selber eines war, kein bürgerliches, sondern ein adeliges, da er sich von seiner natürlichen Mutter, der Gräfin von Macclesfield, jährlich 200 Pf. auszahlen ließ, damit er kein Pasquill auf sie machte, sondern eben dadurch nur eines auf sie wäre –; von mir aber ist gar bekannt, daß ich vor einigen Jahren die große Tour machte, bis ich gleich einem jungen Herrn mit dem Risse oder Knochengebäude der »Mumien« wiederkommen konnte; ja sollt' ich mich einmal zu einem epischen Werke wie die Odyssee entschließen, so müßte sich wohl der Sänger so lange auf seiner pittoresken Entdeckungsreise aufhalten als der Held selber.

Hingegen zur Zeugung einer Vorrede zur zweiten Auflage hab' ich nie mehr nötig erachtet als eine Fußreise von Hof nach Baireuth, einen Katzensprung über drei Poststationen. Ich such' aber etwas darin, wenn ich das Erstaunen der Nachwelt und ihrer Vorfahren dadurch erregen kann, daß ich beide auf die baireuthische Kunststraße mitnehme, auf der ich hinlaufe – im Webstuhl der Vorrede eingesperrt und mit dem Weberschiffchen werfend –, ohne doch etwas Rechtes herauszubringen. Ich trug nämlich die offne Schreibtafel vor mir her, um die Vorrede, wie sie mir Satz[16] für Satz entfiel, darin aufzufangen; aber wenige Autoren wurden noch so in ihren Vorreden gestört. Ich will es ausführlich erzählen.

Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.

Schon der Höfer Schlagbaum, unter dem man den Chausseezoll erlegt und der hinter dem Vis-à-vis einer Dame niedersank, die ihn abgetragen, fiel hart wie ein Stoßvogel und Eierbrecher auf den Kopf des Vorberichts: denn ich wollte der Dame durchaus vorlaufen, um ihr ins Gesicht zu sehen; und mithin wurde unter dem Nachdringen wenig an die Weberei der Vorrede gedacht, wiewohl ich dem Vis-à-vis fruchtlos nachsetzte. Mit unbekannten Frauenzimmern ists ganz anders wie mit unbekannten Büchern. Ich nehme nie ein Buch, das ich noch nicht gelesen, in die Hände, ohne wie ein Rezensent vorauszusetzen, es sei elend. Hingegen bei einer unbekannten Frau nimmt jeder Mann, gesetzt er hätte schon 30 000 Abgöttinnen2 kennen und vergessen gelernt, von neuem an, diese 30 001ste sei erst die echte unverfälschte heilige Jungfrau – die Gottesgebärerin – die Göttin selber. Das nahm ich gleichfalls an auf dem Straßendamm; wenigstens konnt' ich doch eine Frau, an deren gepuderten und aufgelockten Hinterkopf die Morgenröte so deutlich anfiel, zu den gebildeten weiblichen Köpfen zählen, welche – da nach Rousseau Eisen und Getreide die Europäer kultivieret haben – den feinern Fabrikaten aus beiden, den Haarnadeln und dem Puder, jene Bildung verdanken, die nun, hoff' ich, unter den weiblichen Köpfen bürgerlichen Standes schon etwas Gemeines ist. Gegen diese äußere Kultur einer Frau sollte sich kein Ehemann sperren, der an der seinigen eine gutgemachte papinianische Kochmaschine – eine Schäferische Waschmaschine – eine englische Spinnmaschine – und eine Girtannerische Respirationsmaschine besitzen will: er zeigt sonst, daß er eine unschuldige Ausbildung mit der innern, von der überhaupt Honoratiorinnen im ganzen frei sind, verwechsele. Kultur ist, gleich dem Arsenik, den Blei-Solutionen und den Wundärzten, bloß äußerlich gebraucht etwas Herrliches und Heilsames: innen im weiblichen Kopf, der so leicht brennend wird,[17] schneuzet oder bläset der Ehemann das Licht aus Vorsicht aus, so wie man aus derselben Vorsorge nachts nie ein physisches in die kaiserliche Bibliothek in Wien einlässet. – –

Nun schlang gar der Wald die Dame hinein, und ich stand leer auf der offnen Chaussee. Mein Verlust brachte mich auf die Vorrede zur zweiten Auflage zurück. Ich fing sie in der Schreibtafel an; und hier folgt sie, so viel als ich davon nahe bei Hof fertigbrachte.


Vorrede zur zweiten Auflage


»Der Poet trägt sehr oft wie ein gebratener Kapaun unter seinen Flügeln, womit er vor allen besetzten Fenstern der gelehrten Welt aufsteigt, rechts seinen Magen, links seine Leber. Überhaupt denkt der Mensch hundertmal, er habe den alten Adam ausgezogen, indes er ihn nur zurückgeschlagen, wie man die Negerschwarte des Schinkens zwar unterhöhlet und aufrollet, aber doch mit aufsetzt und noch dazu mit Blumen garniert.«...


Allein jetzt ging hinter mir die Sonne auf. – Wie werden vor dieser Erleuchtung des ewigen, sich selber aus- und ineinander schiebenden Theaters voll Orchester und Galerien die Vorreden und das Krebsleuchten der Rezensenten und die phosphoreszierenden Tiere, die Autoren, so blaß und so matt und so gelb! Ich hab' es oft versucht, vor der jährlichen Gemälde-Ausstellung der langen unabsehlichen Bildergalerie der Natur an Buchdruckerstöcke, an Finalstöcke, an Schmutzblätter und an Spatia der Buchdrucker zu denken – – aber es ging nicht an, ausgenommen mittags, hingegen abends und morgens nie. Denn gerade am Morgen und am Abende und noch mehr in der Jugend und im Alter richtet der Mensch sein erdiges Haupt voll Traum- und Sternbilder gegen den stillen Himmel auf und schauet ihn lange an und sehnet sich bewegt; hingegen in der schwülen Mitte des Lebens und des Tages bückt er die Stirn voll Schweißtropfen gegen die Erde und gegen ihre Trüffeln und Knollengewächse. So ist die mittlere Lage einer Spielkarte aus Makulatur gemacht,[18] nur die zwei äußersten Lagen aber aus feinem Druckpapier; oder so richtet sich der Regenbogen nur in Morgen und Abend, nie in Süden auf.

Als mich die Straße immer höher über die Täler hob, wurd' ich zweifelhaft, wem ich treu bleiben sollte – ob der erhabenen Allee und Kolonnade von Bergen, die ich linker Hand, oder dem magischen Vis-à-vis mit dem gebildeten Kopfe, das ich geradeaus vor mir hatte – ich sah ein, auf der linken Tabor-Berg-Kette verkläre sich der Geist und stehe in ausgehauenen Fußtritten weggeflatterter Engel fest, aber im Vis-à-vis saß ja der herabgeflogene Engel selber.

An Vorberichte war nicht zu denken. Zum Glück nahm ich unweit Münchberg neben den großen Gerüsten der Natur, welche die Seele wie Reben stengeln, noch eines wahr, das sie zur Kriech- und Zwergbohne eindrückt, nämlich den Rabenstein und einen wohlgekleideten Herrn, der darauf botanisierte. – Beiläufig! kein Gras auf Rasenbänken oder in Festungen oder auf Wouvermans Leinwand ist ein so schönes bowling-green als das auf Rabensteinen, das gleichsam ein Ernte- und Belagerungkranz (corona obsidionalis) der siegenden Menschheit ist. Ach es stehen ohnehin so viele rote Wolken voll Blutregen über der Erde und tropfen! – Ich fassete mich jetzt als Vorredner und stellte mir vor: »Es ist nicht zu verhehlen, daß du vor der ersten Station, vor Münchberg, stehest und noch wenig mehr von dem Vorbericht herausgetrieben hast als den ersten Schuß: auf diese Art wirst du durch Gefrees, durch Berneck und Bindloch kommen ohne den geringsten Zuwachs der Vorrede, besonders wenn du darin kein Wort sagen willst, als was zu einem vorigen und künftigen wie ein Zwickstein passet. Steht es dir denn nicht frei, wie Herr von Moser zu arbeiten (der Gevatter und Vorläufer deiner Zettelkästen), der in seinem Leben keinen zusammenhängenden Bogen geschrieben, sondern nur Aphorismen, Gnomen, Sinnsprüche, kurz nichts mit Flechtwerk?« Ich mußte mir recht geben; und fuhr demnach bandfrei wie gute Klaviere und in thesibus magistralibus, ohne andere Verbindungen und Bastpflanzen als denen auf dem Rabenstein, so fort in der


[19] Vorrede zur zweiten Auflage


»Es ist eine ewige Unart der Menschen, daß sie alle Schrammen und Pockengruben ausgestandener Jahrhunderte, alle Nachwehen und Feuermäler der vorigen Barbarei nie anders wegschaffen lassen als zweimal – erstlich durch die Zeit, dann zweitens (obgleich bald darauf, oft im nächsten Jahrhundert) durch Edikte, Kreisschlüsse, Reichsabschiede, Landtagabschiede, pragmaticas sanctiones und Vikariatkonklusa – – dergestalt, daß unsere verdammten skorbutischen, rostigen, kanigen Narrheiten und Gebräuche gänzlich den fürstlichen Leibern gleichen, die ebenfalls zweimal begraben werden, das erstemal heimlich, wenn sie stinken, das zweitemal öffentlich in einem leeren zweigehäusigen Paradesarg, dem Trauerfahnen, Trauermäntel, Trauerstuten niedergeschlagen folgen.« –


Die Fortsetzung der Vorrede folgt.


Der Botaniker der Galgen-Flora hatte mich unter dem Schreiben eingeholt und gestört. Ich erstaunte, den Herrn Kunstrat Fraischdörfer aus Haarhaar3vor mir zu haben, der nach Bamberg ging, um von einem Dache oder Berge irgendeiner zu hoffenden Hauptschlacht zuzusehen, die er als Galerieinspektor so vieler Schlachtstücke, ja selber als Kritiker der homerischen nicht gut entbehren kann. – Mein Gesicht hingegen war ihm ein unbekanntes inneres Afrika. Ein Mann muß sich wenig in der literarischen Weltgeschichte umgesehen haben, dem man es erst zu sagen braucht, daß der Kunstrat sowohl in der neuen allgemeinen deutschen bibliothekarischen als in der haarhaarischen, scheerauischen und flachsenfingischen Rezensier-Faktorei mitarbeite als einer der besten Handlungdiener. Wie man einen Kürbis in einen Karpfenteich als Karpfenfutter einsetzt: so senkt er seinen nahrhaften Kopf in manches ausgehungerte Journalistikum ein als Bouillonkugel. Da nun der Kunstrat, dem ich doch nie etwas zuleide getan, schon an mehren Orten deutliche Winke fallen lassen, er[20] wolle mich in kurzem rezensieren: so war mir fatal zumute; denn es gibt zwischen nichts eine größere Ähnlichkeit und Antipathie zugleich als zwischen einem Rezensenten und Autor, wiewohl derselbe Fall auch beim Wolf und Hunde ist. Ich münzte daher meinen Namen als mein eigner Falschmünzer um und sagte mich als einen ganz andern Menschen an: »Sie sehen hier« sagt' ich zum Kunstrat, »den bekannten Egidius Zebedäus Fixlein vor sich, von dessen Leben mein Herr Gevatter Jean Paul der Welt eine zweite Auflage zu schenken gesonnen – wiewohl ich täglich noch fortlebe und mithin immer neues Leben, das man beschreiben kann, nachschieße.« – Die Seele des Kunstrates war jetzt nicht wie die nachgestochene im orbis pictus aus Punkten zusammengesetzt, sondern aus Ausrufungzeichen; andere Seelen bestehen aus Parenthesen, aus Gänsefüßen, die meinige aus Gedankenstrichen. Er forschte mich, da er mich für den Quintus hielt, nun aus, ob mein Charakter und mein Haushalten zu dem gedruckten paßten. Ich teilte ihm viele neue Züge von Fixlein mit, die aber in der zweiten Auflage stehen, weil er mir sonst öffentlich vorwirft, ich hätte mein Original mager porträtiert. Er brachte alle meine Straßenreden sogleich zu Pergament, weil er nichts behalten konnte; daher hatt' er einige hauptstärkende Kräuter zu einer Kräutermütze auf dem Rabensteine gesammelt. Fraischdörfer gestand mir, steckte einer seine Studierstube mit den Exzerpten und Büchern in Brand, so wären ihm auf einmal alle seine Kenntnisse und Meinungen geraubt, weil er beide in jenen aufbewahre; daher sei er auf der Straße ordentlich unwissend und dumm, gleichsam nur ein schwacher Schattenriß und Nachstich seines eignen Ichs, ein Figurant und curator absentis desselben.

Überhaupt ist der Tempel des deutschen Ruhms eine schöne Nachahmung des athenischen Tempels der Minerva, worin ein großer Altar für die Vergessenheit stand.4 Ja wie die Florentiner sich ihren Pandekten nur ehrerbietig in einem Staatkleide und mit Fackeln nähern, so nehmen wir aus derselben Ehrfurcht die Werke unserer Dichter nur in Bratenröcken in Gesellschaft zur Hand und nähern solche selber den Kerzen und fachen damit das Feuer[21] in allen guten Köpfen aus – Meerschaum an. – Ich bin oft gefragt worden, woher es komme, daß der alternden Welt, in deren Gedächtnis sich doch die ältesten Werke von tausend Messen her, die eines Plato, Cicero, sogar Sanchuniathons, erhalten, gleichwohl die allerneuesten, z.B. die Ritterromane von den letzten Messen, kantianische, wolffianische, theologische Streitschriften, Bunkels Leben, die besten Inauguraldisputationen und pièces du jour, Hirtenbriefe und gelehrte Zeitungen, oft in dem Monate entfallen, worin sie davon hört. Meine Antwort war gut und hieß: da es wohl keine mystische Person von einem solchen Alter gibt als die Welt, die ein wahrer alter eingerunzelter Kopf von Denner ist und die nun anfängt (wie es wohl kein Wunder ist), vor Marasmus schwach und fast kindisch zu werden: so ist sie natürlicherweise von dem Übel alter Personen nicht frei, die alles, was sie in ihrer Jugend gehört und gelesen, trefflich festhalten, hingegen was sie in ihren alten Tagen erfahren, in einer Stunde vergessen. Daher denn unsere Bücher den Lumpen in der Papiermühle gleichen, von denen sie genommen sind, unter welchen der Papiermüller die frischen allzeit früher zur Fäulnis bringt als die alten. –

Im Grunde hätt' ich das als einen abgesonderten Satz in der Vorrede zur zweiten Auflage aufstellen können.

Über Münchberg erbosete sich der Kunstrat ungemein: entweder die Häuser oben auf dem Berge oder die unten sollten weg; er fragte mich, ob Gebäude etwas anders als architektonische Kunstwerke wären, die mehr zum Beschauen als zum Bewohnen gehörten und in die man nur mißbrauchsweise zöge, weil sie gerade wie Flöten und Kanonen hohl gebohret wären, wie die Bienen sich im hohlen Baum ansetzen, anstatt um dessen Blüten zu spielen. Er zeigte das Lächerliche, sich in einem Kunstwerk einzuquartieren, und sagte, es sei so viel, als wollte man Heems5Gefäße zu Käsenäpfen und Federtöpfen verbrauchen, oder den Laokoon zum Baßgeigenfutteral und die mediceische Venus zur Haubenschachtel aushöhlen. Er wunderte sich überhaupt, wie der König Dörfer leiden könnte; und gestand frei, es mach' ihm als[22] Artisten eben kein Mißvergnügen, wenn eine ganze Stadt in Rauch aufginge, weil er alsdann doch die Hoffnung einer neuen schönern fasse.

Er war nicht von mir wegzubringen: jetzt griff er, außerhalb Münchberg, statt der Münchberger mich selber an und stäupte meine opera. Ach die Vorrede zur zweiten Auflage sowohl als das fliehende Vis-à-vis ließen mich und meine Wünsche immer weiter hinter sich, und ich hatte von der ganzen Dame wie von einer gestorbnen nichts mehr im Auge als den fernen nachfliegenden Staub, den ich indes für viel Märzenstaub und Punsch- und Demantpulver nicht weggegeben hätte. Der Kunstrat und Fraisherr kielholte und säckte jetzt meinen Gevatter – Jean Paul, denn mich hielt er, wie gesagt, für den Quintus – und verdacht' es jenem, daß er seinen biographischen Brei nicht wie Landleute recht glatt auftrage, und daß er sich überhaupt nicht vor dem Spiegel der Kritik anputze. Ich nahm mich des gekränkten abwesenden Mannes an und sagte, so viel ich aus seinem Munde wisse, so heb' er sich gerade auf den Schwungbrettern und an den Springstäben und Steigeisen der Kritik mehr als mit den Oberflügeln seiner Psyche auf, ja er habe kritische Briefe unter der Feder, worin er die Kritik auf Kosten der Kritiker preise und übe – eben diese kritische Manipulation schwelle seine Werke so sehr auf, wie die Nasen größer und langer werden durch häufiges Schneuzen. Und wahrhaftig so ist es: ich begreif' es nicht, wie ein Mensch ein Werkchen schreiben kann, das kaum ein halbes Alphabet stark ist; ein Bogen in der Ferne breitet sich ja notwendig in der Nähe zu einem Buche aus, und ein Buch zum Ries: ein opus, das, wenn ich es eben hinwerfe, gleich einem neugebornen Bären nicht größer ist als eine Ratze, leck' ich mit der Zeit zu einem breiten Landbären auf. Der Kritiker sieht freilich nur, wie viel der Autor behalten hat, aber nicht, wie viel er weggeworfen; daher zu wünschen wäre, die Autoren hingen ihren Werken hinten für die Rezensenten die vollständige Sammlung aller der elenden dummen Gedanken an, die sie vornen ohne Schonen ausgestrichen, um so mehr, da sie es ja, wie z.B. Voltaire, bei der letzten Herausgabe ihrer opera wirklich tun und hinten für feinere[23] Leser einen Lumpenboden des Auskehrigs der ersten Editionen anstoßen und aufsparen, wie etwan einige preußische Regimenter den Pferdestaub zurücklegen und vorrätig halten müssen, zum Beweise, daß sie gestriegelt haben. –

Jetzt säuerte er allmählich aus Bieressig zu Weinessig: er sagte mir geradeheraus: »Sie wissen nicht, für wen Sie fechten: Ihr Herr Gevatter hat Dero Kniestück selber zu einer Bambocchiade gemacht und Sie nicht mit den intellektuellen Vorzügen ausgesteuert und ausgestellt, die Sie doch, wie ich jetzt höre, wirklich haben. Ich konnte auf dem Druckpapier wenigen Anteil an Ihro Hochehrwürden nehmen, erst auf der Chaussee.« Ich wünschte, er zöge auch diesen zurück, und fiel absichtlich aus meinem Fixleinischen Charakter heraus, indem ich pikiert sagte: »Wenn Leser, zumal Leserinnen meinen komischen Charakter oder überhaupt einen unvollkommen nicht goutieren, so erklär' ich mir es gut: sie haben keinen Geschmack an schreibenden Humoristen, geschweige an handelnden; auch wird es einer engen Phantasie schwerer, sich in unvollkommne Charaktere zu denken als in vollkommne und sich für sie zu interessieren – endlich hat der Leser einen Helden lieber, der ihm ähnlich ist, als einen unähnlichen; unter einem ähnlichen meint er aber allzeit einen herrlichen Menschen.« – Gewiß! Denn wie Plutarch in seinen Biographien jeden großen Mann gegen einen zweiten großen wiegt und vergleicht, so hält der Leser jeden großen Charakter einer Biographie leise mit einem zweiten großen zusammen (welches seiner ist) und gibt acht, was dabei herauskömmt. Aus diesem Grunde schätzen Mädchen eine vollkommene weibliche Schönheit und Grazie ungemein hoch in der Schilderei des Romans (so sehr verschönert der Dichter das Fatalste), und sehnen sich wenig danach in der Plastik und Skulptur der Wirklichkeit – so wie häßliche Dinge, Eidechsen und Furien, nur von der Malerei, aber nicht von der Bildhauerkunst gefallend darzustellen sind –; für das Mädchen ist nämlich der Roman ein treuer Spiegel, und es kann darin die Heldin sehen.

Der Kunstrat tat jetzt vor dem Dorf, »die drei Bratwürste« genannt, den Wunsch, Ziegenmilch darin zu trinken. Ich fragte ihn,[24] ob ers wie die vornehmen Leute mache, die – weil Huart einen achttägigen Trank von Ziegenmilch als ein Hausmittel vorschlägt, ein Genie zu zeugen – sich eben deshalb zum Geiß-Kordial entschließen und dann sehen, wozu es führt. Daß sie, wenigstens die Fürsten, ihn nicht der Schwindsucht halber trinken, beweisen wohl die Versuche, die sie nachher machen. Aber der Kunstrat wurde nur darum der Milchbruder Jupiters, weil die Parzen den Lebensfaden völlig von den Spindeln seiner Beine abgeweifet hatten: er stand gleichsam schon als ein ausgebälgter, gutgetrockneter, mit Äther gefüllter Vogel im Naturalien-Glasschrank da. Er sagte, man müßte entweder sich und die Bücher oder die Kinder aufopfern, so wie der Landwirt, setzt' ich hinzu, eines von beiden schlecht annehmen muß, entweder den Leindotter oder den Flachs.

Während der Milchkur wurden wir beide einander noch verhaßter, als wirs schon waren, und das eingeschluckte Krötenlaich unserer Antipathie wurde durch die gelinge Wärme der edeln Teile zu ordentlichen Kröten ausgebrütet. Ich wurde ihm gram, weil ich hier in den drei Bratwürsten stehen mußte und allem Anschein nach in Gefrees ankam, ohne irgend etwas Schönes gesehen oder geschrieben zu haben (ich rede von dem Vis-à-vis und der Vorrede), und überhaupt weil Fraischdörfer zugleich Mattgold, Katzengold und Platzgold war. Eine elendere Mixtur gibt es nicht. Zog er nicht sogar unter dem Käuen sich wie ein Dentist seine Schneidezähne aus, weil bloß die Hundzähne echt waren und genuin? Konnt' ich nicht, als er den Rock aufknöpfte, deutlich sehen, daß der Bauch seiner Weste seiden und marmoriert, hingegen der Rücken derselben weiß und leinen war, als wär' er ein Dachs, der, wie Buffon bemerkt, als Widerspiel aller Tiere lichtere Haare auf dem Rücken hat und die dunklern unter dem Bauch? – Und was seinen Zopf anlangt, so ist wohl gewiß, daß seiner nur an der Spitze eignes Haar aufzeigt und übrigens lang und falsch ist, meiner aber klein und echt, gerade als hätte uns die Natur und Linnäus wie zwei bekannte Tiere unterscheiden wollen.6[25]

Er für seine Person setzte gleichfalls den Lavendelessig des Ingrimms auf einer guten Essigmutter an und wollte mich damit wie einen Pestkranken besprengen: er bildete sich nämlich ein, ich belög' ihn oder hätt' ihn zum Narren und wäre gar der Quintus nicht, wofür ich mich gab, sondern etwan wohl mein Gevatter selber. Er schloß das aus meinem Scharfsinn. Um hinter mich zu kommen, so ließ er den Lumpenhacker seiner Mühle los und stieß damit unter alle meine Werke auf einmal. Ich werde sogleich seine eignen Worte hersetzen. Ich habe zwar oft den Himmel gebeten, mir einen Hahn in die gelehrten Anzeigen zu schicken, der krähete, wenn ich als literarischer Petrus falle, und der über den Fall mich zu Tränen brächte – oder doch einen bloßen Kapaun, der, wie andere Kapaunen, meine Küchlein aussäße und herumführte; aber um diesen Greifgeier derselben hab' ich ihn nie ersucht, und ich seh' es ein, ich wurde erhitzt. Er fing denn schon bei den drei Bratwürsten an und hielt damit aus bis nach Gefrees – wobei er doch mich immer Se. Hochehrwürden und Jean Paul meinen Herrn Gevatter hieß – und behauptete, »es gebe weiter keine schöne Form als die griechische, die man durch Verzicht auf die Materie am leichtesten erreiche –.7 (Daher bewegt man sich jetzt nach der griechischen Choreographie am besten, wenn man das wissenschaftliche Gepäck der spätern Jahrhunderte abwirft und sich es sozusagen leicht macht.) – Auf den Kubikinhalt komm' es der Form so wenig an, daß sie kaum einen brauche, wie denn schon der reine Wille eine Form ohne alle Materie sei (und sozusagen im Wollen des Wollens besteht, so wie der unreine im Wollen des Nichtwollens, so daß die ästhetische und die moralische Form sich zu ihrer Materie verhält wie die geometrische Fläche zu jeder gegebenen wirklichen). – Daher lasse sich der Ausspruch Schlegels erklären, daß, so wie es ein reines Denken ohne allen Stoff gebe (dergleichen ist völliger Unsinn), es auch vortreffliche poetische Darstellungen ohne Stoff geben könne (die sozusagen bloß sich selber täuschend darstellen). – Überhaupt müsse man aus der Form immer mehr alle Fülle auskernen und ausspelzen, wenn anders ein Kunstwerk jene Vollkommenheit erreichen solle,[26] die Schiller fordere, daß es nämlich den Menschen zum Spiele und zum Ernste gleich frei und tauglich nachlasse (welchen hohen Grad die erhabenen Gattungen der Dichtung z.B. die Epopöe, die Ode, wegen der Einrichtung der menschlichen Natur unmöglich anders ersteigen als entweder durch einen unbedeutenden leeren Stoff oder durch die leere unbedeutende Behandlung eines wichtigen. Da aber gerade diese nur bei platten Kunstwerken anzutreffen ist: so haben die schlechten demnach mit den vollkommensten das Unterscheidungzeichen von mittelmäßigen gemein)8. – Vollends Humor, dieser sei ebenso verwerflich als ungenießbar, da er bei keinem Alten eigentlich anzutreffen sei«...

Fraischdörfer soll sogleich fortfahren, wenn ich nur dieses eingeschoben habe: ich werde einmal in einem kritischen Werkchen geschickt dartun, daß alle deutsche Kunstrichter (den neuesten ausgenommen) den Humor nicht bloß jämmerlich zergliedern, sondern auch (was ich nicht vermutet hätte, da das Vergnügen an der Schönheit durch die Unwissenheit in ihrer Anatomie sosehr gewinnt) noch erbärmlicher genießen, wiewohl sie als Richter in der Finsternis den Areopagiten gleichen, denen verboten war, über einen Spaß zu lachen (Äschin. in Timarch.) oder einen zu schreiben (Plut. de glor. Athen.) – ferner daß die krumme Linie des Humors zwar schwerer zu rektifizieren sei, daß er aber nichts Regelloses und Willkürliches vornehme, weil er sonst niemand ergötzen könnte als seinen Inhaber – daß er mit dem Tragischen die Form und die Kunstgriffe, obwohl nicht die Materie teile – daß der Humor (nämlich der ästhetische, der vom praktischen so verschieden und zertrennlich ist wie jede Darstellung von ihrer dargestellten oder darstellenden Empfindung) nur die Frucht einer langen Vernunft-Kultur sei und daß er mit dem Alter der Welt so wie mit dem Alter eines Individuums wachsen müsse. Fraischdörfer fuhr fort: »halte man an diesen Probierstein die Werke meines Herrn Gevatters, in denen fast nur auf Materie[27] gesehen werde: so begreife man nicht, wie der Rezensent der Literaturzeitung ihn noch dazu wegen der Wahl solcher zweideutiger Materien wie z.B. Gottheit, Unsterblichkeit der Seele, Verachtung des Lebens usw. preisen können.«

– Bei diesen Worten wanderten wir gerade in Gefrees ein, und ich sah die mir halb bekannte Dame wie eine Netzmelone sich wieder in ihren Schleier wickeln und abfahren: hätte also der Unglückvogel, der Kunstrat, nicht seinen Geiß-Scherbet in den drei Bratwürsten eingenommen, so würd' ich das Glück errungen haben, sie gerade bei Herrn Lochmüller zu ertappen, als sie dem Kutscher und den Pferden etwas geben ließ. So aber hatt' ich nichts. Ich fuhr entsetzlich auf in meinem Herzen und tat innerlich folgenden Ausfall gegen den Kunstrat: »Du elende frostige Lothssalzsäule! Du ausgehöhlter Hohlbohrer voller Herzen! Ausgeblasenes Lerchen-Ei, aus dem nie das Schicksal ein vollschlagendes, auffliegendes, freudentrunknes Herz ausbrüten kann! Sage, was du willst, denn ich schreibe, was ich will. – Du sollst weder meine Reißfeder noch mein Auge von dem Eisgebirge der Ewigkeit abwenden, an dem die Flammen der verhüllten Sonne spielen, noch vom Nebelstern der zweiten Welt, die so weit zurückliegt und nur die Parallaxe einer Sekunde hat, und von allem, was die fliegende Hitze des fliegenden Lebens mildert und was den in der Puppe zusammengekrümmten Flügel öffnet und was uns wärmt und trägt!« –

Da jetzt gar der griechenzende Formschneider den schönen Tag und die blaue Glasglocke der ätherischen Halbkugel lobpries und sagte: er rede hier nicht als Maler, weil dieser nicht gern unbewölkte Himmel male, sondern als Poet, dem schöne Tage sehr zustatten kommen in seinen Versen: so bracht' ich mich mit Fleiß immer mehr in Harnisch gegen ihn, besonders da nach Platner Ingrimm dem Unterleibe augenscheinlich zupasse kömmt – daher sollten Gelehrte, die immer auf den elendesten Unterleibern wohnen, einander wechselseitig auf antikritischen Intelligenzblättern noch stärker erbittern –; und ich bewegte ohne Bedenken die Lippen und ließ ihn etwas hart mit folgenden leisen Invektiven an, die ich, wiewohl innerlich, heraussagte: »Der formlose Former[28] vor mir achtet am ganzen Universum nichts, als daß es ihm sitzen kann – er würde wie Parrhasius und jener Italiener Menschen foltern, um nach den Studien und Vorrissen ihres Schmerzes einen Prometheus und eine Kreuzigung zu malen – der Tod eines Söhnchens ist ihm nicht unerwünscht, weil die Asche des Kleinen in der Rolle einer Elektra einem Polus weiter hilft als drei Komödienproben – das unzählige Landvolk ist doch von einigem Nutzen in ländlichen Gedichten und selber in komischen Opern, wie die Schäfereien genug abwerfen für Idyllenmacher – der Eustathius Nero illustriert mit dem flammenden Rom schöne homerische Schildereien, und der General Orlow hilft den Bataillen- und Seemalern mit den nötigen Akademien aus, mit Schlachtfeldern und aufgesprengten Schiffen.« –


Das hole der Teufel.


Laut indessen sagt' ich aus Verachtung wenig mehr zum Kunstrat. Ich eilte Berneck zu, wo die fliegende Bienenkönigin im Vis-à-vis wenigstens vor der Suppenschüssel halten mußte. Ich wünschte von Herzen, ein oder zwei Wagenräder fingen an zu rauchen und sie müßte halten, um schwarze Waldschnecken einzufangen und damit in Ermangelung alles Teers die Nabe einzuölen. Mein künftiger Rezensent wurde sehr matt und hungrig und wollte, da es ihm mehr an Gelenkschmiere als an Magensaft fehlt, die peripatetischen Bewegungen mit peristaltischen vertauschen; aber ich war nicht still zu halten, und er folgte mit seinem Hunger hintennach: »Sein Sie froh,« sagt' ich, »daß Sie jetzt zwei Zustände, die der Maler und der Dichter schwer oder gar nicht aus sich mitzuteilen wissen, lebendig fühlen – Hunger und Müdigkeit. Sooft ich einen Bauermann mit einem ganzen Hemde sehe (dort felget einer), so ist er mir ein Anstoß; ich berechne, wie lang es noch dauert, bis das Hemd unter den Hadernschneider taugt und zu Konzeptpapier, an das ein Gelehrter den Laich seiner Ideen streicht.« Da er meine Satire verstand, so ging sie gar nicht auf ihn: denn Satiren und Todesanzeichen gehen nur auf den, der nichts von beiden innen wird.[29]

Meine Gleichgültigkeit gegen den Kunstrat setzte mich in den Stand, vor ihm herzugehen und außer der Reise die Vorrede zur zweiten Auflage in meiner Schreibtafel fortzusetzen und einzuschreiben.


Fortgesetzte Vorrede zur zweiten Auflage9


»Und allerdings hat Kant das seltne Glück, auf einer Bühne zu agieren, der es nicht an einer Einfassung und Mauer von Köpfen fehlt, aus denen seine Laute heller und resonierend zurückschlagen, so wie die Alten in ihre Theater leere Töpfe versteckten, die der Stimme der Schauspieler mit Resonanzen nachhalfen.10Ein Autor, der Gedanken hat, verfälschet häufig damit fremde, die er verbreiten soll, und gesetzt, er schwüre, wie in den ältern Zeiten die Bücherabschreiber wirklich schwören mußten, rein und redlich abzuschreiben: so würde er doch immer sehr vom leeren Kopfe verschieden bleiben, dessen obere torricellische Leere wie in der Physik der beste Leiter der Funken ist. – Hingegen im System selbst muß man die Lücken, worin keine Wahrheiten sind, durch die Gewänder derselben, durch lange neue Termen, abwenden, wie denkende Maler durch Draperie ihren leeren Raum. –

Etwas anders ist es mit der Moral, worin wie in der Medizin der Theorist sich ganz vom Empiriker trennt. Wie in dem alten Theater der eine Akteur den Gesang hatte und der andere die körperliche Aktion dazu machte und wie die Kunst eben durch diese Teilung höher stieg, so kann es in der schweren Kunst der Tugend nicht eher zu etwas getrieben werden, als bis (wie jetzt häufiger geschieht) die Theorie und die Praxis gesondert werden, und der eine sich auf das Reden über die Tugend einschränkt, indes der andere die dazu gehörigen Handlungen versucht.«


Die Fortsetzung der Vorrede folgt.


Denn nun sanken wir in das grünende Tempe von Berneck hinein, und ich sperrte die Schreibtafel zu: sonst hätt' ich ohne[30] Grobheit weiter darin schreiben können, weil es ja so viel war, als spräch' ich mit dem Kunstrat selber, da ich ihn darin meinte.

Der Kron-, der Elias- und der Sonnenwagen hielt vor der Post, und die Direktrice meines Wegs stieg heraus. Ich sprang an wer hätt' es gedacht (ich wohl am wenigsten), daß es nichts geringers war als eine Primadonna, die schon einmal in einer von meinen Vorreden11 agierend aufgetreten war, nämlich die gute, die liebe, bekannte – Pauline, des sel. Hauptmanns und Kaufherrns Oehrmann nachgelassene Tochter.

Ich ward ordentlich ein Kind vor Freuden, wie alle Bernecker wissen. »Herr Jean Paul, wie kommen wir da zusammen?« sagte die Miß, deren Angesicht jetzt im Brautstand ein höheres Rot als im Laden hatte, gleichsam die rote Soldatenbinde des nahen Ehedienstes, die Band- und Vorsteckrose auf dem ehelichen Bande.

Fraischdörfer sott sich gleichfalls rot zu einem warmen Krebs: er hörte nun, ich sei wirklich der Autor selber, den er auf dem Straßendamm rezensiert hatte. Er sagte, es sei nur ein Glück für die Kunst, daß ich bloß in der Wirklichkeit, und in keinem Druck gelogen hätte, wo mehr daran gelegen wäre, den Charakter des wahrhaften Mannes durchzusetzen und zu halten. In drei Terzien war er weg wie Mai-Schnee. Er wird mirs aber gedenken und sich wenigstens in den Busch und Jägerschirm der allgemeinen deutschen Bibliothek stellen und daraus mit Windbüchsen nach seinem Reisegefährten schießen. Ich hielt es daher für nötig, dem Publikum schon vorher davon Nachricht zu geben: es ist nun auf jeden Pfeil seiner Armbrust (wie nach Montesquieu die Tatarn tun mußten) der Name geschrieben, der Schütze heißet Fraischdörfer. Es ist im ganzen ein Mann von Betracht und gut genug, er besieht die bambergischen Kriegstroublen und macht sich, wie ich an seinen Fingern12 sah, seine nötigen deutlichen Begriffe und noch spitzige Einfälle dabei, und wir schätzen einander. – Ich will einen davon hereinsetzen, der zugleich ein Beweis sein mag, wie gern ich seinen Lorbeer aussäe: »Die Feile,« sagte der lose Kunstrat,[31] »welche die Autoren ihren Werken zu geben unterlassen, brauchen ihre Verleger fleißig an den Goldstücken, die sie ihnen dafür zahlen.« Recht gut turniert! –

Ich dinierte froh mit der Jungfer Braut, deren künftiger Ehemann und Ehe-Peischwa oder Ehe-Bey und maitre des plaisirs niemand wird als der uns allen recht gut bekannte Herr Gerichthalter Weyerman.13Ich lass' es zu, ich suchte die Braut mehr, als daß ich sie floh, und glich mehr dem weisen Ulysses, der sich mit offnen Ohren an den Mastbaum schnüren ließ und sie dem Sirenengesange gelassen schenkte, als seinen Begleitern, die ihre mit Wachs wie hohle Stockzähne plombierten. Aber sie war auch das leuchtende Christuskind, das die fatale Correggios-Nacht, die der Kunstrat in mein Herz gemalet hatte, mit dem schönsten Widerschein versilberte: sie war doch unschuldig und gut und weich und ohne die poetischen Härten der Empfindelei, und die vielen scharfen zweischneidigen Leiden bei ihrem Vater hatten ihrem Herzen mehr gegeben als ihrem Kopfe genommen; sie duftete gleich dem Rosenholz auf der scharfen Drechselbank des Unglücks so süß wie Rosen selber. Ihr knausernder Vater hatt' ihr freilich nur die Vorgrunds-Kultur, die äußere oder körperliche, nämlich vornehme Kleidung, aber nicht vornehme Bildung verstattet (die gute Gerichthalter abends gratis in biographischen Berichten anboten), und sie glich den meisten Mädchen um mich her, an denen wie in Wien die Vorstädte modern sind, die innere Stadt selber aber mit allen ihren Vierteln verdammt altväterisch. Indes hatten ich und sie doch wie alle Freunde – und wie alle zusammengewachsene Menschen nach Haller – nur ein Herz, obwohl zwei Köpfe. Das tut denn vieles.

Wir fuhren spät ab, und ich saß ihr im Vis-à-vis – vis-à-vis. Hinter unsern grünen Bergen lag die Wüste der Kinder Israel und vor uns das gelobte Land der sanften Baireuther Ebene. Ich und die Sonne sahen Paulinen immerfort ins Angesicht und mit gleicher Wärme, und mich rührte endlich die kleine stille Gestalt. Woher kam das? Nicht bloß daher, weil ich über das gewöhnliche herrnhutische Ehe-Loseziehen der Mädchen nachsann, die[32] in gewissen Jahren größere Gefühle als Kenntnisse und im leeren Herzen ein anonymes Opfer-Feuer ohne Gegenstand haben – wie im jungfräulichen Tempel der Vesta kein Götterbild, sondern nur Feuer war – und die dann an die erste beste Erscheinung von Maschinengott ihren Altar hinschieben; – auch nicht davon bloß kam meine Rührung, daß sie nun, wie ihre meisten Schwestern, gleich weichen Beeren, von der harten Manneshand zugleich abgerissen und zerdrücket werde; – oder daß ihr weiblicher Frühling so viele Wolken und so wenige Tage und Blumen hatte und daß ich sie wie mehre Bräute mit dem schlafenden Kinde verglich, das Garofalo mit einem Engel, der eine Dornenkrone darüberhält, gemalet, auf das aber, wenn es die Ehe weckt, der Engel die Krone herunterdrückt; – Sondern das machte meine Seele weich, daß ich, sooft ich dieses freundliche rot- und weißblühende zufriedene Gesicht ansah, es gleichsam innerlich anreden mußte: »O sei nicht so fröhlich, armes Opfer! Du weißt nicht, daß dein schönes Herz etwas Besseres und Wärmeres braucht als Blut und dein Kopf höhere Träume, als die das Kopfkissen beschert – daß die duftenden Blumenblätter deiner Jugend sich nun zu geruchlosen Kelchblättern14zusammenziehen, zum Honiggefäße für den Mann, der jetzt bald von dir weder ein weiches Herz noch einen lichten Kopf, sondern nur rohe Arbeitfinger, Läuferfüße, Schweißtropfen, wunde Arme und bloß eine ruhende paralytische Zunge fordern wird. Dieses ganze weite Sprachgewölbe des Ewigen, die blaue Rotunda des Universums verschrumpft zu deinem Wirtschaftgebäude, zur Speck- und Holzkammer und zum Spinnhaus, und an glücklichern Tagen zur Visitenstube – die Sonne wird für dich ein herunterhängender Ballonofen und Stubenheizer der Welt, und der Mond eine Schusters-Nachtkugel auf dem Lichthalter einer Wolke – der Rhein trocknet in dir zur Schwemme und zum Schwenkkessel deines Weißzeugs ein und der Ozean zum Herings-Teich – du hältst in der großen Lese-Gesellschaft aller Zeitschriften den jährlichen Kalender mit und kannst wegen deines kosmologischen Nexus kaum vor Neugier die politische Zeitung erwarten, um in ihrem angebognen Intelligenzblatt den[33] Torzettel unbekannter Herren nachzulesen, die in den drei Perücken logieret haben, und ein Universalgenie stellest du dir um nicht viel, aber um etwas gescheuter vor als deinen Eheherrn. – – – Du bist zu etwas Besserem geschaffen, aber du wirst es nicht werden (wofür dein armer Weyermann nichts kann, dem es der Staat selber nicht besser macht). Und so wird der Tod deine von den Jahren entblätterte Seele voll eingedorrter Knospen antreffen, und er erst wird sie unter einen günstigern Himmelstrich verpflanzen.«15– Warum sollte mich das nicht betrüben? Seh' ichs nicht jede Woche, wie man Seelen opfert, sobald sie nur einen weiblichen Körper umhaben? Wenn dann nun die reichste beste Seele unter der Morgenröte des Lebens mit dem unerwiderten Herzen, mit versagten Wünschen, mit den ungesättigten verschmähten Anlagen eingesenket wird ins übermauerte Burgverlies der Ehe wobei sie freilich besonders von Glück zu sagen hat, wenn das Verlies keine tausendschneidige Oubliette oder wenn gar der Mann ein sanfter Kanker ist, den die Bastille-Gefangne zähmen kann –: so fühlt sich die Arme ungemein wohl dabei – die goldnen Luft und Zauberschlösser der frühern Jahre erblassen bald und zerfallen unvermerkt – ihre Sonne schleicht ungesehen über ihren bewölkten und unterirdischen Lebenstag von einem Grade zum andern, und unter Schmerzen und Pflichten kömmt die Dunkle an dem Abend ihres kleinen Daseins an – und sie hat es nie erfahren, wessen sie würdig war, und im Alter hat sie alles vergessen, was sie sonst in der Morgenröte etwan haben wollte: nur zuweilen in einer Stunde, wo ein ausgegrabenes altes Götterbild eines sonst angebeteten Herzens oder eine wehmütige Musik oder ein Buch auf den Winterschlaf des Herzens einigen warmen Sonnenschein werfen, da regt sie sich und blickt beklommen und schlaftrunken[34] umher und sagt: »Sonst war es ja anders um mich her – es ist aber wohl schon lange, und ich glaub' auch, ich habe mich damals geirrt.« Und dann schläft sie ruhig wieder ein ...

Wahrlich, ihr Eltern und Männer, ich stelle dieses quälende Gemälde nicht auf, damit es der wunden Seele, der es gleicht, eine Träne mehr abpresse, sondern euch zeig' ich die gemalten Wunden, damit ihr die wahren heilt und euere Marterinstrumente wegwerft.

Wie mir jetzt ist, und aus demselben Grunde, so war mir auch im Vis-à-vis – die hinabziehende Sonne und die schöne geduldige Gestalt vor mir und am meisten meine vorigen Dissonanzen, mit denen ich mich vor dem Kunstrat hören lassen, löseten mich und sich in diesen Mollton auf. Kurz nach der Lykanthropie16 ist man ein wahres Gottes-Lamm; nach einer Sünde (sagt Lavater) ist man am frömmsten; – daher solche Heiligen, denen um eine ausgezeichnete Frömmigkeit in jenem Leben zu tun ist, sich auf rechte Sünden in diesem legen. Ich schlug vor der Braut ganz in Zitronenblüten der Dichtkunst aus – so wie ich vorher eine Salzsäule aus satirischem Zitronensalz gewesen war, welches beiläufig ein neuer Beweis ist, daß Rezensenten nie ihren Namen sagen und nie anders als im Dunkeln hantieren sollten, weil man sonst keinen Respekt für sie zeigt, so wie auch Minervens Wappentier, die Nachteule, in der Nacht ohne Schande würgt und fliegt, am Tage aber als ein seltsamer närrischer Abortus der Natur unter das zufliegende neckende Gevögel einrückt. Um wieder zurückzukommen: der Mensch auf seiner Reise zum überirdischen Paradies und ich auf meiner ins baireuthische und die Menschheit auf ihrer langen zum Jüngsten Tage werden wie die braunschweigische Mumme unter dem Verfahren mehr als einmal sauer; aber herrlich und süß kommen wir alle und die Mumme an: ich meine, ich erzählte schon nach einer halben Stunde hinter Berneck Paulinen das Mußteil im Quintus Fixlein.

Mir war, als ob es gar keine Vorberichte zu zweiten Auflagen mehr gäbe in der Welt ... Ach du weiche Braut! ich wollte dich sehr rühren durch Erzählen, aber du rührtest mich noch mehr[35] durch Zuhören. Es muß überhaupt noch mehre Paulinen und Jean Pauls in Deutschland geben: sonst wäre gegenwärtige zweite Auflage gar nicht zu machen gewesen, wofür ich bei dieser Gelegenheit meinen wärmsten Dank abstatte – aber gar nicht den paulinischen Lesern, denn meinetwegen haben sie nichts getan, und ich hatte wenig davon? vielmehr war ich, indem sie alle vor mir meine Sachen auf dem Schoße hatten und lasen, der einzige, der nichts darauf hatte, wie in Nordamerika unter den Gästen eines Schmauses bloß der Gastgeber keinen Bissen anrührt, – sondern ich statte den besagten Dank dem Schicksal ab, und zwar dafür, daß es die Menschen nicht einander gleich gemacht (sonst stürben wir alle vor Langweile) noch unähnlich (sonst könnte keiner den andern ertragen und fassen), sondern recht ähnlich, so daß ich gleichsam für den einen runden Stock der spartischen Skytale zu nehmen bin, um den der große Genius beschriebene Blätter wickelt, und der Leser für den zweiten, an dem die Blätter, weil er ebenso gehobelt ist, geradeso aufzuwickeln und abzulesen sind wie an mir selber. – –

Ich war jetzt, da ich und die Braut eben nicht so gar weit gen Bindloch hatten, wo ich absteigen wollte, weil ichs für unschicklich hielt, mit der Verlobten starr und aufrecht unter das Baireuther Tor zu fahren und noch obendrein mich als einpassierend in das Intelligenzblatt gedruckt niederzulassen, ich war jetzt, sag' ich, eben deswegen viel zu betrübt, besonders vor dem wehenden Rauschgolde des Abends und unter den Abendliedern der freien Volieren über mir und so nahe am Verlust der weinenden Braut, zu betrübt, sagt' ich, um bis Bindloch etwan den Quintus Fixlein nach der ersten oder zweiten Auflage zu referieren: ich konnte unmöglich.

Ich holte aber meine Schreibtafel heraus und setzte etwas auf. Man sehe etwan keiner fortgesetzten Vorrede zur zweiten Auflage entgegen: »Ich beschäftige mich hier mit einer Grabschrift, Gute!« sagt' ich zu ihr. Sie hatte von ihrem sel. Vater und dessen männlichen Gästen Langweile und Vernachlässigung schon gewohnt: also vergab sie leicht mein Schreiben; allein es war ja eben etwas Rührendes für sie, und ich wollt' ihrs in Bindloch vorlesen. Auch[36] dem Leser wird die Grabschrift am Schlusse dieser Geschichte, um ihn für den entzognen, nun unmöglichen Schluß der Vorrede zu entschädigen, mit geringen und passenden Änderungen zugewandt. Ich schrieb und schrieb, und meine Augen wurden dunkel, weil ich die tiefe Sonne auf dem Rücken und überhaupt weniger Licht als Wasser in den Augen hatte. Du gute Seele! du wußtest nicht, warum meine tropften, und doch gingen dir auch deine über! – Als wir den ausgestreckten Bindlocher Berg hinunterfuhren: nahm die Vertiefung uns die vor Freude wallende Sonne; aber wie bei einer Versteigerung in Bremen oder Lauenburg wurde uns durch das Auslöschen des Lichts gleichsam der ganze von Silber-Sonnen starrende Nachthimmel zugeschlagen mit dem Auktion- und Glockenhammer von 7 Uhr.

Die Welt ruhte – auf dem Berg sproßte der Mond wie eine geschlossene Lilienglocke heraus – mein Aufsatz war fertig – wir waren den schnellen Berg herab – und ich sagte zur Braut, ich spränge herab und würd' ihr draußen etwas vorlesen, wenn sie mit abstiege, weil ich drinnen erst das Wagengerolle überschreien müßte.

Wir stiegen beide unten aus unweit einer alten Säule, vor der ich nie ohne einen Seufzer über den rauhen Druck, womit die harten Riesenhände des Schicksals uns weiche Raupen und Gulliver ergreifen und tragen, vorbeigegangen bin; diese Riesenhände schienen heute die Säule wie eine Hermes- und Gedächtnissäule hingestellt zu haben für das schwache Gedächtnis des Menschenherzens. Pauline wußte von nichts; aber ich führte sie an den unscheinbaren Pilaster und erklärte ihr – indem ich ihrs vorher zeigte –, was die verwitterte brüchige weibliche Gestalt, über die ein Wagen geht, auf der elenden erhobenen Arbeit des Pilasters bedeute. Die umliegenden Dorfschaften berichten nämlich, daß einmal eine Braut, die auf dem Kammerwagen von dem sonst steilern Bindlocher Berg den Armen ihres Bräutigams unter einem Gewitter mit scheugewordenen Pferden entgegenfuhr, unter die Räder gestürzt und vor seinen gemarterten Augen den getäuschten hoffenden Geist aufgegeben habe. Pauline konnte schwerlich, zumal da der Mond hinter dem Abendrauche dämmerte, die verwaschene[37] Skulptur dieses veralteten Jammers mehr lesen; aber ihr getroffnes weiches Herz goß, besonders so nahe an der ähnlichen Lage, gern das Abendopfer einer fortrinnenden Träne über die unbekannte zerstörte Schwester nieder, deren gebrochenes Gebein nun schon als Staub – vielleicht aus dem Staubbeutel einer Blume – umherirret, indes der Geist, der es sonst bewegte, auf der ewigen Bergstraße durch die Zeit den auffliegenden Staub, den er einmal machte und zurückließ, kaum mehr, wenn er sich umsieht, wird bemerken können. Und hier neben der Siegessäule der Marter und unter dem großen Himmel der Nacht gab ich Paulinen die kleine Dichtung, die ich hier den Herzen aller ihrer Schwestern bringe.


Die Mondfinsternis


Auf den Lilienfluren des Mondes wohnet die Mutter der Menschen mit allen ihren zahllosen Töchtern in stiller ewiger Liebe. Das Himmelblau, das nur fern über der Erde flattert, ruht dort hereingesunken auf dem Auenschnee aus Blumenstaub – keine frostige Wolke trägt einen verkleinerten Abend durch den klaren Äther – kein Haß zerfrisset die milden Seelen – wie sich die Regenbogen eines Wasserfalls durchschlingen, so windet die Liebe und die Ruhe alle Umarmungen in eine zusammen – und wenn in ihrer stillen Nacht die Erde ausgebreitet und glänzend unter den Sternen hängt, so blicken die Seelen, die auf ihr gelitten und genossen haben, nur mit süßem Sehnen und Erinnern auf die verlassene Insel hin, wo noch Geliebte wohnen und die weggelegten Körper ruhen, und wenn dann die einschläfernde schwere Erde blendend näher an die zusinkenden Augen tritt, so ziehen die vorigen Frühlinge der Erde in glänzenden Träumen vorüber, und wenn das Auge erwacht, hängt es voll Morgentau der Freuden-Tränen. Aber dann, wenn der Schattenzeiger der Ewigkeit auf ein neues Jahrhundert zeigt, dann schlägt der Blitz eines heißen Schmerzes durch die Brust der Mutter der Menschen: denn die geliebten Töchter, die noch nicht auf der Erde waren, ziehen aus dem Mond in ihre Körper, sobald die Erde sie mit ihrem kalten Erdschatten[38] berührt und betäubt, und die Mutter der Menschen sieht sie weinend gehen, weil nicht alle, nur die unbefleckten zu ihr aus der Erde wiederkehren in den reinen Mond. So nimmt ein Jahrhundert um das andere der verarmenden Mutter die Kinder, und sie zittert, wenn sie am Tage unsere raubende Kugel als eine breite feste Wolke nahe an der Sonne erblickt.

Der Zeiger der Ewigkeit nahete dem achtzehnten Jahrhundert – und die Erde voll Nacht zog gegen die Sonne – die Mutter drückte schon heiß und beklommen alle Töchter ans Herz, die noch nicht den Flor des Körpers getragen hatten, und flehte weinend: »O sinket nicht, ihr Teuern, bleibet engelrein und kehret wieder!« – Jetzt stand der Riesen-Schatte am Jahrhundert und die dunkle Erde über der ganzen Sonne – ein Donner schlug die Stunde – am finstern Himmel hing ein durchglühtes Kometenschwert herab – die Milchstraße wurde erschüttert, und eine Stimme rief aus ihr: »Erscheine, Versucher der Menschen!«

Jedem Jahrhundert sendet der Unendliche einen bösen Genius zu, der es versuche. – Fern vom kleinen Auge steht der gestirnte, die Ewigkeiten umziehende Plan des Unendlichen im Himmel als ein unauflöslicher Nebelfleck.17

Als der Versucher gerufen wurde, bebte die Mutter mit allen ihren Kindern, und die weichen Seelen weinten alle, auch die verklärten, die hienieden schon gewesen waren. Nun bäumte sich ungeheuer mit dem Erdschatten eine Riesenschlange auf der Erde auf und reichte an den Mond und sagte: »Ich will euch verführen.« Es war der böse Genius des achtzehnten Jahrhunderts. Die Lilienglocken des Mondes bückten sich welk und zusammenfallend das Kometenschwert schwankte hin und her, wie ein Richtschwert sich selber bewegt, zum Zeichen, daß es richten werde – die Schlange bog sich mit spielenden seelenmörderischen Augen, mit blutrotem Kamm, mit beleckten durchbissenen Lippen und mit gezückter Zunge ins sanfte Eden herein, der Schweif zuckte hungrig und schadenfroh in einem Grabe der Erde, und eine Erderschütterung[39] auf unserer Kugel wirbelte die laufenden Ringe und die bunten giftigen Säfte wie ein flüssiges schillerndes Gewitter herauf. O, es war der schwarze Genius, der längst die jammernde Mutter verführet hatte. Sie konnte ihn nicht anschauen; aber die Schlange fing an: »Kennst du die Schlange nicht, Eva? – Ich will deine Töchter verführen, deine weißen Schmetterlinge will ich auf dem Morast versammeln. Sehet, Schwestern, damit köder' ich euch alle.« – (Und hier spiegelten die Vipernaugen männliche Gestalten nach, die bunten Ringe Eheringe und die gelben Schuppen Goldstücke.) »Und dafür nehm' ich euch den Mond und die Tugend ab. In der Schlinge von seidnen Bändern und im Spiegelgarn von Stoffen fang' ich euch; mit meiner roten Krone lock' ich euch, und ihr wollt sie tragen; in euerer Brust fang' ich an zu reden und euch zu loben, und dann kriech' ich in eine männliche Kehle und fahre fort und bestätige es, und in euere Zunge schieb' ich meine und mache sie scharf und giftig. – Erst wenn es euch übel geht oder kurz vor dem Tode tu' ich den unnützen Gewissensbiß recht scharf und warm ins Herz. – – Nimm ewigen Abschied, Eva; was ich ihnen hier sage, das vergessen sie zum Glück, ehe sie geboren werden.« – –

Die ungebornen Seelen verbargen sich zitternd ineinander vor dem so nahen kalten dampfenden Giftbaum, und die Seelen, die rein wie Blumendüfte wieder aus der Erde aufgestiegen waren, umfasseten sich weinend in furchtsamer Freude, in süßem Zittern vor einer überwundenen Vergangenheit. Die geliebteste Tochter, Maria, und die Mutter aller Menschen hielten einander an ihrem Herzen, und sie knieten in der Umarmung nieder und hoben die betenden Augen auf, und die Tränen, die aus ihnen rannen, flehten: »O, Alliebender, nimm dich ihrer an!« – Und siehe, als das Ungeheuer die dünne lange, wie eine Hummerschere gespaltene Zunge über den Mond hinschoß und die Lilien entzweischnitt und, wenn es einen schwarzen Mondfleck gemacht hatte, sagte: »Ich will sie verführen«: siehe, da schlug sprühend hinter der Erde der erste Strahl der Sonne herauf, und das goldne Licht beschien die Stirn eines hohen schönen Jünglings, der ungesehen unter den zitternden Seelen gewesen war. Eine Lilie deckte sein Herz, und[40] ein Lorbeerkranz voll Rosenknospen grünte an seiner Stirn, und blau wie der Himmel war sein Gewand. Er blickte im milden Weinen und warm in Liebe strahlend auf die trüben Seelen nieder – wie die Sonne auf einen Regenbogen – und sagte: »Ich will euch beschützen.« Es war der Genius der Religion. Die wallende Riesenschlange gerann vor ihm, und versteinert stand sie auf der Erde und am Mond, ein Pulverturm mit stillem schwarzem Tod gefüllt.

Und die Sonne warf einen größern Morgen in des Jünglings Angesicht, und er hob sein Auge groß zu den Sternen und sagte zu dem Unendlichen: »Vater, ich gehe mit meinen Schwestern hinab ins Leben und beschirme alle, die mich dulden. Bedecke die ätherische Flamme mit einem schönen Tempel: sie soll ihn nicht entstellen und verwüsten. Schmücke die schöne Seele mit dem Laube aus Erdenreizen, es soll ihre Früchte nur beschirmen, nicht verschatten. Gib ihr ein schönes Auge, ich will es bewegen und begießen; und leg in die Brust ein weiches Herz: es soll nicht auseinanderfallen, eh' es für dich und die Tugend geschlagen. Und unbefleckt und unzerrüttet will ich die Blume, in eine Frucht verwandelt, aus der Erde wiederbringen. Denn auf die Berge und auf die Sonne und unter die Sterne will ich fliegen und sie an dich erinnern und an die Welt über der Erde. In das weiße Licht dieses Monds will ich die Lilie meiner Brust verwandeln und in das Abendrot der Frühlingnacht die Rosenknospen in meinem Kranz und sie an ihren Bruder erinnern – in den Tönen der Musik will ich sie rufen und von deinem Himmel mit ihr reden und ihn auftun vor dem harmonischen Herzen – mit den Armen ihrer Eltern will ich sie an mich schließen, und in die Stimme der Dichtkunst will ich meine verbergen und mit der Gestalt ihres Geliebten meine verschönern – Ja mit dem Gewitter der Leiden will ich über sie ziehen und den leuchtenden Regen in ihre Augen werfen und ihre Augen nach den Höhen und nach den Verwandten richten, von denen sie kömmt. O ihr Geliebten, die ihr eueren Bruder nicht verstoßet, wenn euch nach einer schönen Tat, nach einem harten Sieg ein süßes Sehnen euer Herz ausdehnt, wenn in der Sternennacht und vor dem Abendrot euer Auge an einer unaussprechlichen Wonne zergeht, und euer ganzes Wesen sich hebt und sich[41] aufwärts drängt und liebend und ruhig und unruhig und weinend und schmachtend die Arme ausbreitet: dann bin ich in euern Herzen und geb' euch das Zeichen, daß ich euch umarme und daß ihr meine Schwestern seid. – Und dann nach einem kurzen Traume und Schlafe brech' ich dem Diamant die Rinde ab und lass' ihn als lichten Tau in die Lilien des Mondes fallen. – – O zärtliche Mutter der Menschen, blicke deine geliebten Kinder nicht so schmerzlich an und scheide froher, du verlierst nur wenige!« –

Die Sonne loderte unbedeckt vor dem Mond, und die ungebornen Seelen zogen auf die Erde, und der Genius der Tugend ging mit ihnen – und wie sie der Erde entgegenflogen, dehnte sich ein melodisches Flöten durch das Blau, wie wenn Schwanen über Winternächte fliegen und in den Lüften Töne statt der Wellen lassen.

Die Riesenschlange senkte sich im weiten Bogen einer glühenden fliegenden Bombe und endlich gekrümmt zum zündenden Pechkranz auf die Erde zurück, und wie eine hereingebogene Wasserhose über einem Schiffe zerbricht, so fiel sie über die Erde und flocht sich, in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, erwürgend und fangend durch alle Völker der Welt. Und das Richtschwert zuckte wieder, aber das Nachtönen des durchflognen Äthers währte länger. –


*


Als ich geschlossen hatte, trocknete Pauline die sanften Augen, die sich unwillkürlich gegen den hellern Mond und seine weiten Flecken aufhoben. Ich schied von ihr – und der Wunsch, den ich hier für alle liebende Schwestern des guten Genius tue, war mein letztes Wort an sie: »Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Frühlingnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell – der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir – Nachtviolen unter dir – einige Nachtgedanken in dir – und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwan ein Regenbogen im Mondschein braucht!« –


Hof im Voigtland, den 22. August 1796.


Jean Paul Fr. Richter.[42]

2

Varro bringt eine Zahl von 30 000 heidnischen Göttern zusammen.

3

So heißet bekanntlich das Fürstentum, in welchem die Geschichte, die ich nun bald unter dem Namen Titan ediere, vorfällt. Daher kenn' ich den Kunstrat Fraischdörfer recht gut, er aber mich gar nicht.

4

Plutarch Sympos. 1. 9. qu. 6.

5

Der beste Maler in Topf-Stücken.

6

Ich equus caudâ undique setosâ – er equus caudâ extremo setosâ. Linn. Syst. Nat. Cl. 1. Ord. 4.

7

Alle Parenthesen sind meine Zusätze und erläutern den Kunstrat.

8

Den Mangel an Wirkung teilen die niedrigsten Kunstwerke mit den vollkommensten, so wie die Unempfindlichkeit nach Montaigne oder die Unwissenheit nach Pascal gerade an zweierlei Menschen ist, an den niedrigsten und an den edelsten, angeboren bei jenen, mühsam erworben bei diesen.

9

Man schlage allemal zur frühern Fortsetzung zurück, um den Zusammenhang zu finden.

10

Winkelmanns Anmerk. über d. Baukunst. K. 1. S. 10.

11

in der zum Siebenkäs.

12

Nach Buffon geben die zerteilten Zehen uns deutliche Begriffe, und daher ist der ungegliederte Fisch so dumm.

13

Siebenkäs, Tl. 1.

14

Wie verschiedene Blumen tun, z.B. die Ährennelke.

15

Unter der Bildung, die man den Töchtern »bürgerlicher Herkunft« so grausam entzieht und bei der Hermes und Campe nicht einsehen, wie sie nachher noch die Heloten für uns Sparter bleiben können, versteh' ich nicht elende französische oder musikalische Klimperei, sondern alles, was aus der Naturgeschichte, Physik, Philosophie, Geschichte aus den schönen Künsten und Wissenschaften und aus der Sternkunde für den ewigen Menschen und nicht für den Virtuosen gehört. Ich lasse über diese Materie ein Werk aus meiner Feder hoffen.

16

Lykanthropen sind Menschen, die sich in Wölfe umzaubern.

17

Ein unauflöslicher Nebelfleck ist ein ganzer in unendliche Fernen zurückgeworfener Sternenhimmel, worin alle Gläser die Sonnen nicht mehr zeigen.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 4, München 1959–1963, S. 14-43.
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