80. Zykel

[444] Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Rätsel wohnen! – Am Morgen nach der erleuchteten Nacht fühlte sie erst die grausame Anspannung nach, womit sie ihren Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit aufgelöseten Kräften sank sie darnieder, aber auch mit feuriger erneueter Treue. »Womit« (sagte sie sich immerfort) »hatt' es denn dieser edle Mensch verdient, daß ich ihm seinen ganzen Abend voll Schmerzen machte? – Wie oft sah er mich bittend und richtend an! – O, hätt' ich dein schönes Haupt halten dürfen, da du es schwer an die rauhe Fichten-Rinde lehntest!« – Was sie in der schweren Mitternacht am wehmütigsten gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sie nach seinem außen mit Lampen erleuchteten Donnerhäuschen[444] hinaufgesehen, wo innen nur Finsternis am Fenster lag! Jetzt fühlte sie, wie nah' er ihrer Seele wohne; und sie weinte den ganzen Morgen über die Nacht, und der Strahl der Liebe stach sie immer heißer, so wie Brennspiegel die Sonne stärker vor uns legen, wenn sie gerade nach Regen niederblickt. Die Mutter wurd' ihr heute für das opfernde worthaltende Gestern durch zurückkommende, vertrauende Liebe dankbar – obwohl der Vater mit nichts, da man bei ihm so wenig wie bei den ältern Lutheranern durch gute Werke selig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben verdammt –; aber eben jetzt, wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der Entsagung geschöpfet hatten, konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln.

Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! – Ist er ein abgedrückter Pfeil, der mit der Wunde an der Gift-Spitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht?

Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten, allein nur Ursachen gefunden, ihn nicht zu übergeben. Hier ist er:

»Ich muß Ihre Ängstlichkeit sehr schätzen, ohne sie anzunehmen. Albanos Liebe für das F. v. Fr., an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse Virtuosität in der Tugend recht gern bemerkte, stellet uns und ihn gegen den Einfluß der Geister-Maschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher, die für seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher wären. Nur muß man dergleichen Jugend-Spiele ihrem eignen Gange überlassen. Hält er an ihr zu fest: so mag er zusehen, wie sich die Sache entwickelt. Warum sollen wir ihm diese Freude noch verkürzen, da Sie mir ohnehin leider die Kränklichkeit des schönen Wesens klagen? Im Spätherbste seh' ich ihn. Seine kräftige, brave Natur wird wohl zu entraten wissen. Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten Gesinnungen.

G. d. C.«


Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen, da so wenig daran »ostensible« war. Zwar Gaspards mörderisch[445] geschliffne Ironie über Lianens Kränklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, für diese arglose Friedensfürstin in der Scheide; – auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt durchstrich, wurde von der Liebenden, da er doch für Albanos frohe Lebensfahrt ein günstiger Seitenwind war, nicht gefühlt oder geachtet; – aber eben darum; denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in das Seil tödlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund ziehen wollen.

Indes der Brief mußte übergeben werden – aber er tats mit langen, scheuen Weigerungen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen sollten. Sie las ihn furchtsam, lächelte weinend bei der mörderischen Ironie und sagte sanft: ja wohl! – Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge. »Wenn der Ritter« (sagte sie) »so denkt, darf ichs denn weniger? Nein, guter Albano, nun bleib' ich dir treu! Mein Leben ist so kurz, darum sei es ihm so lange erfreulich und gewidmet, als ich vermag.«

Sie dankte dem Lektor so warm und froh für den Pfeil aus Spanien, daß dieser unfähig war, hart genug zu sein, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das schöne Herz zu stoßen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen Erklärung gegen ihren Vater zu sein, lieber höchstens zu ihrer und der mütterlichen die ihrige gegen die Mutter zu übernehmen. Er willigte bloß in – beides, statt in eines.

Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte, vor keinem Blitz und Donner zusammenfahrend, ihre Erklärung zu Ende, daß sie ihre gemißbilligte Liebe hart bereue, daß sie alle Strafen tragen und alles opfern, alles hier und bei der Fürstin tun und lassen wolle, wie »cher père« fodern würde, daß sie aber länger nicht den schuldlosen Grafen v. Zesara beleidigen dürfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte der Minister – der sich durch das bisherige folgsame Enthalten sehr von labenden Erwartungen hatte heben lassen –, unten auf dem Boden ausgestreckt, von seinem tarpejischen Felsen dahin geworfen, keinen weitern Laut von sich geben als diesen;[446] »Imbécile! du heiratest den Herrn v. Bouverot – er malt dich morgen – du sitzest ihm.« Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten zur Ministerin: »Sie bleibt« (sagt' er) »in ihrem Zimmer bewacht, niemand darf zu ihr außer mein Schwiegersohn – er will die Imbécile malen en miniature. – Geh, Imbécile!« sagte er außer sich. Ihr gänzlicher Mangel an weiblicher Verschlagenheit hatte wirklich für den Staatsmann eine Decke über ihr tiefes, scharfes Auge gezogen; ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden Allee, die nur halb so groß erscheint als eine auf krummen Wegen laufende.

Der Lektor, der nie für einen besondern Liebhaber ehelicher Lusttreffen wollte angesehen sein, hatte sich schon fortgemacht. Der dreißigjährige Krieg der Gatten – nur wenige Jahre fehlten daran – gewann Leben und Zufuhr. Der alte Ehemann verbreitete über sein Gesicht jenes zuckende Lächeln, das bei einigen Menschen der Zuckung des Korkholzes ähnlicht, welche das Anbeißen des Fisches ansagt. Er fragte, ob er nun wohl unrecht gehabt, weder der Tochter noch der Mutter – die er beide eines parteigängerischen Einverständnisses gegen ihn beschuldigte zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben wären ihm weder strengere Maßregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel, und mit dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, höb' er an. Die Ministerin schwieg zu Lianens Strafe über ein so übergroßes Geschenk an Bouverot, wie ein Miniaturbild ist.

Die zarte Tochter, gedrängt und zerquetscht zwischen steinernen, zuschreitenden Statuen, stellte der Mutter vor, sie sei unmöglich imstande, ein so langes männliches Anblicken auszuhalten, und am wenigsten von Herrn v. Bouverot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele führen. Hierauf antwortete und retorquierte in der Mutter Namen der Vater dadurch, daß er einen Sessel an den Sekretär hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf morgen einlud zum Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt, das sogar aus dieser weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog.

Das Reichsfriedensprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen;[447] und es fehlte bloß an jemand, der diktierte, als die Ministerin aufstand und sagte: »Sie sollen mich mehr achten lernen.«

Sie ließ anspannen und fuhr zum Hofprediger Spener. Sie kannte Lianens Achtung für ihn und seine Allmacht über ihr frommes Gemüt. Sogar ihr selber imponiert' er noch. Aus jener frühern theologischen Zeit, wo noch der lutherische Beichtvater näher an dem katholischen regierte, hatt' er durch die Kraft und Großmut seines Charakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstabe sich bloß im bessern Holze unterschied, herübergebracht. Sie mußt' ihm Lianens Verhältnisse zweimal erzählen; der feurige, erzürnte Greis konnte eine Liebe gar nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte fortgesponnen haben ohne sein Wissen. »Ihro Exzellenz« (antwortete er endlich) »haben freilich gefehlet, daß Sie mir diese importante Begebenheit erst heute mitteilen. Wie leicht würd' ich alles durch Gottes Hülfe zu einem gesegneten Ausgang geleitet haben! Es ist aber nichts verloren. Senden Ihro Exzellenz das Fräulein noch diese Nacht zu mir, aber allein, ohne Sie; das muß geschehen; dann steh' ich für das übrige!«

Einwendungen und Bedenklichkeiten würden bloß den Ehrgeiz und Zorn des Greises – welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten – entzündet haben; sie sagte ihm also vertrauend alles zu mit jenem Gehorsam, den sie auch auf Lianen vererbet hatte.

Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten frommen Vater auf. Sie fuhr bloß mit ihrem ergebenen Mädchen ab. Mit tiefbewegter Seele erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie eröffnete sich ihm wie einem Gott; er entschied ebenso. Welch ein Anblick für ein anderes, weniger stolzes Auge als das Spenersche wäre diese demütige, aber gefaßte Heilige gewesen, deren Herz immer wie der Sonnenstrahl am schönsten in der Zerspaltung erschien!

Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Mädchen zurückzubleiben und nahm sie allein in das stumme Blumenbühl hinüber. Er schloß ihr die Kirche auf, zündete[448] noch eine Kerze auf dem Altare an, damit das wüste Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele, und vollendete, was die Eltern nicht konnten.

Wie er es erzwang, daß sie auf ewig ihrem Albano entsagte, wird von der großen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt. – Nur der ferne Mensch, der die schöne Seele verlor, hatte auf der Sternwarte von den Sonnen auf die hellen Kirchenfenster geblickt und hinter ihnen zerrüttende Erscheinungen gefunden, ohne zu wissen, daß sie wahr wären und sein Leben entschieden.

Sie ging kalt über die Auen und Berge der alten Tage, die geleuchtet hatten, wieder in die Wohnung des Greises zurück, der sie mit größerer Ehrerbietung entließ, als er sie aufgenommen. Auf dem Nachtweg war sie stumm und in sich gesenkt gegen ihr Mädchen. Die Eltern erwarteten sie noch, die Mutter blickte bang' in die Nacht und in die Zukunft. Endlich rollte der lebendige Wagen in den Hof. Groß und mächtig, wie eine unschuldig Hingerichtete wieder vor dem Zergliederer auflebt und, ihn für den höhern Richter achtend, entfesselt und freudig spricht, so trat sie vor die Eltern; wie der kalte Marmor einer Göttergestalt stand sie bleich, tränenlos, kalt und ruhig da. Sie wußte und wollt' es nicht, aber sie ging hoch über das Leben, sogar über die kindliche Liebe – sie konnte die Mutter nicht so inbrünstig küssen wie sonst – sie stellte sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann ohne Träne, ohne Bewegung, ohne Röte und mit sanfter Stimme: »Ich habe heute vor Gott meiner Liebe entsagt. Der fromme Vater hat mich überzeugt.« – »Und hatte der Mann bessere Gründe dazu in petto als ich?« sagte Froulay. – »Ja,« (sagte sie) »aber ich habe im Tempel geschworen, zu schweigen, bis alles die Zeit entdeckt. – Nun bitt' ich Sie nur bei dem Allgerechten, mir es zu erlauben, daß ich Ihm seine Briefe persönlich wiedergebe und ihm es sage, daß ich aufhöre, die Seinige zu sein, aber nicht aus Wankelmut, sondern aus Pflicht; – das bitt' ich, liebe Eltern. – Dann walte Gott weiter, und ich werde Ihnen in nichts mehr ungehorsam sein.«

Der elende Vater, durch diesen Sieg aufgeblähter, wollte ihr[449] noch die letzte Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und ließ sogar Argwohn über die Absicht der Zusammenkunft blicken; aber die Mutter, in ihrer schönen Seele von der schönsten ergriffen, trat eitrig und verachtend dazwischen und bejahte es eigenmächtig. Auch schien Liane das Vater-Nein wenig zu bemerken. Als er fort war, riß die Mutter die stille Gestalt seligweinend an sich; aber Liane weinte doch nicht so leicht an ihr wie sonst aus Liebe, es sei, daß ihr Herz zu erhaben stand, oder daß es ebenso langsam in die alte Lage wiederkam, als es aus ihr wich. »Habe Dank, Tochter,« (sagte die Mutter) »ich werde dir nun das Leben froher machen.« – »Es war froh genug. Ich sollte sterben; darum mußt' ich lieben«, sagte sie. – So ging sie lächelnd in die Arme des Schlafes mit hartklopfendem Herzen. Aber im Traume kam es ihr vor, sie sinke ohnmächtig dahin, verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden Tode bange wieder auf und weine dann froh, daß sie wieder lebe. Darüber erwachte sie, und die frohen, durch den Traum sanft abgelöseten Tropfen flossen aus den offnen Augen fort und erweichten wie Tauwind das starre Leben.

Ihr großen oder seligen Geister über uns! Wenn der Mensch hier unter den armen Wolken des Lebens sein Glück wegwirft, weil er es kleiner achtet als sein Herz: dann ist er so selig und so groß wie ihr. Und wir sind alle einer heiligern Erde wert, weil uns der Anblick des Opfers erhebt und nicht niederdrückt und weil wir glühende Tränen vergießen, nicht aus Mitleiden, sondern aus der innersten, heiligsten Liebe und Freude.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 444-450.
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