69. Zykel

[369] Fliegender Frühling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen fliegenden Sommer nennt) du eilest selber über uns pfeilschnell dahin, warum eilen Autoren wieder über dich? – Du gleichst der deutschen Blütenzeit – die nie einen Blütenmond lang ist –; wir lesen den ganzen Winter in Almanachen und Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten; endlich hängt sie dick an den schwarzen Ästen sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigüssen, reißenden Wonnemondsstürmen und unter dem Stummsitzen aller halb-erfrornen Nachtigallen – und dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon der Fußsteig blütenweiß und der Baum höchstens voll Grün; dann ists vorbei, bis wir wieder im Winter den Anfang eines Märchens herzerhoben hören: »Es war eben in der schönen Blütezeit.« – Ebenso seh' ich wenig Autoren am langen romantischen Sessions und Schreibetisch rechts und links für das Lesepult arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie ein Krieg erkläret ist, sofort schlössen; – und wirklich gibts zur Liebe mehr Stufen als in ihr; alles Werden, z.B. der Frühling, die Jugend, der Morgen, das Lernen, geht vielfärbiger und geräumiger auseinander als das feste Sein; aber ist dieses nicht[369] wieder ein Werden, nur ein höheres, und jenes ein Sein, nur ein schnelleres? –

Albano wollte die fliegende, göttliche Zeit, wo das Herz unser Gott ist, schöner lenken, sie sollte mehr empor- als hinwegfliegen. Er zürnte den andern Tag mit niemand als mit sich. Er riß sich durch solche kleine und doch eng-umschnürende Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fuß hält; ich will mich lieber auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Tälern. Menschen von Phantasie söhnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus.

Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blumenbühl, kurz vor Sonnenuntergang. Ein brennendes Rot schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurd' ihm von den dareinhüpfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht. Er setzte seine beleuchtete Gegenwart tief in eine künftige, schattige Vergangenheit hinein. O, nach Jahren, dacht' er, wenn du wiederkommst, wenn alles vergangen ist und verändert – die Bäume gewachsen – die Menschen entwichen – und nur die Berge und der Bach geblieben – da wirst du dich selig preisen, daß du einmal in diesen Gängen so oft zum schönsten Herzen reisen durftest und daß auf beiden Seiten die klingende und glänzende Natur mit deiner freudigen Seele mitging, wie dem Kinde der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. – Eine ungewöhnliche Entzückung warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonnenstreif, die fernsten Blumen seiner Phantasie taten sich auf, alle Töne gingen durch einen hellern Äther und näher heran. Auch die Blumen außer ihm dufteten stärker, und der Glockenschlag tönte näher; und beides sagt Ungewitter an.

So innigfroh erschien er – und zwar ohne Roquairol, der überhaupt immer seltner kam – vor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmuseum, ihrem Gastzimmer, das jetzt der gewöhnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem weißen Kleide mit schwarzem Besatz, wie in schöner Halbtrauer, saß sie am Zeichentisch, mit schärfern Augen in ein Bild vertieft. Sie flog ihm ans Herz, aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu führen, an welcher[370] ihres wie in Mutterarmen hing. Sie erzählte, heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter dagewesen, und diese habe so viele Freude über ihre genesende Farbe gehabt, so unendliche Güte gegen die glückliche Tochter. »Sie mußte sich« (fuhr sie fort) »von mir ein wenig zeichnen lassen, damit ich sie nur länger ansehen und etwas von ihr dabehalten konnte. Jetzt zeichn' ich das Gesicht weiter aus, es ist aber gar zu schlecht geraten.« Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch weniger vom Urbilde loswickeln. Freilich kann auf einem töchterlichen Herzen – oder gar in ihm kein schöneres Medaillon hängen als das mütterliche; aber Albano glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein.

Sie sprach bloß von ihrer Mutter: »Ich sündige gewiß« (sagte sie) – »sie fragte mich so freundlich, ob du oft kämst, aber ich sagte nur Ja und weiter nichts. O, guter Albano, wie gern hätt' ich ihr die ganze Seele offen hingegeben!«

Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu sein, sie wüßte vielleicht schon alles durch den Lektor, und den reinen Trank der Liebe würden nun lauter fremde Körper trüben. Gegen Augusti erklärt' er sich sehr stark, aber Liane beschützte ihn ebenso stark. Durch beides gewann der Falschmünzer der Wahrheit, nämlich der Argwohn – der, daß sie ihn wohl liebe, wie sie alles liebe, da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse unter Albanos Empfindungen, die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren, immer mehr Prägstempel und Umlauf.

Sie ahnete nichts, sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen: »Warum tut mirs aber weh,« (sagte sie) »wenn es recht ist? Meine Karoline, Geliebter, erscheint mir auch nicht mehr, und das ist wahrhaftig nicht gut.« – Dieses Geisterwesen zog immer für ihn so schwül und grau herauf wie eben draußen das Gewittergewölke. Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch Luftaffen, die er nicht packen konnte, ging in eine gegen Lianens optischen Selbstbetrug über. Jener von Karolinen geschenkte Schleier, womit sie sich anfangs so erhaben eingekleidet für das Kloster der Gruft, dieser Reiseflor für die zweite Welt, war diesem Herkules längst ein brennendes, mit Nessus' Giftblute getränktes Gewand geworden, daher sie ihn nicht mehr vor[371] ihm tragen dürfen. Der Schluß, daß der Wahn des Todes die Wahrheit desselben säe, und daß in der herübergerückten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein. So sind alle fremde Meerwunder der Phantasie (wie dieser Sterbens-Wahn) nur in der Phantasie (im Roman), aber nicht im Leben erwünscht, außer einmal auf phantastischen Höhen; aber dann müssen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem Himmel zurückziehen.

Er sprach jetzt sehr ernst – von selbstmörderischen Phantasien – von Lebenspflichten – von eigensinniger Verblendung gegen die schönsten Zeichen ihrer Genesung, zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut rechnete wie das Blühen ihrer Farbe. – Sie hörte ihn geduldig an; aber durch die Prinzessin, die, ihrer Liebe ungeachtet, ihm selten erfreuliche Spuren nachgelassen, hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen, weit vor ihrem Ich und ihrem Grabe vorbei. Sie stand bloß vor Lindas Bild, von der ihr Julienne diesen Nachmittag schärfere Umrisse, als sonst Mädchen von Mädchen geben – »es ist ein sehr gutes Mädchen«, sagt jedes von jedem –, anvertrauet hatte; Lindas männlicher Mut, ihre warme Anhänglichkeit an Gaspard bei ihrer Verachtung des Männerhaufens, ihre Unveränderlichkeit, ihr kühnes Fortschreiten in männlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr körnigen als blumigen Briefe und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen nahmen ihr zartes Herz gewaltig ein. »Mein Albano muß sie haben«, dachte immer dieses uneigennützige Gemüt und merkte, wenn die Prinzessin die Absicht demütigender Vergleichungen gehabt, sie nicht, sondern erfüllte sie. Dabei fand die Gute so viel höhere Schickung, – daß z.B. ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten und seines Freundes sein – daß sie selber ihren kräftigen Albano vormalen könne der stolzen Romeiro, und daß ja, trotz alles Widerstandes, doch alle Geister-Weissagungen einander eingreifend faßten und hielten. – – Das alles sagte sie nun, weil sie nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem Grafen gar ins Gesicht.[372]

Welchen knirschenden Biß in sein weichstes Leben tat jetzt ein böser Genius! – Diese glühende, ungeteilte, nicht teilende Liebe hatt' er, nicht sie, – glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gewitterschlag auf einmal in die Höhe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weiße Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der kindlich-helle Aufblick des reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder Lachen kränklich durch das klopfende Herz errötet, und sein verschämter Haß der Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum Erschrecken des zarteren mißbrauchen kann, hielten ihn wie Schutzgeister ein, und er sagte bloß in jenem edeln Zorne, der wie eine Rührung klang: »O Liane, du bist heute hart!«

»Und ich bin ja so weich!« sagte die Unschuldige. Beide waren bisher am Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finstern Gewitter gestanden. Sie kehrte sich schnell um – denn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange ansehen –, und Albanos hohe Gestalt mit dem ganzen glühend-lebendigen Gesicht und mit den Seelen-Augen stand vom Abendlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er frei ließ, sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten, strich die gedrängte Augenbrahme glatter und sagte, als sein Blick wie eine Sonne stach und sein Mund sich ernst schloß: »O freudig, freudig soll künftig einmal dies schöne Angesicht lächeln!« Er lächelte, aber schmerzlich. »Und dann will ich noch seliger sein als heute!« sagte sie und erschrak, denn ein Blitz fuhr über sein ernstes Gesicht wie über ein zackiges Gebürge und zeigte es wie das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet.

Er schied schnell; ließ sich nicht halten; sprach von Wetterkühlen, ging ins Wetter hinaus und ließ Lianen in der Freude zurück, daß sie doch heute recht aus bloßer reiner Liebe gesprochen habe. Aus dem letzten Hause des Dorfs sprang ihm Rabette entgegen; über sein Gesicht fielen die Wetterbäche der verhaltnen Tränen herab; »was fehlt dir, was weinst du?« rief sie.[373] »Du träumest«, rief er und eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus, das sich plötzlich wie ein Mantelfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, daß Liane heilige Reize, göttlichen Sinn, alle Tugenden habe, besonders allgemeine Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Freundesliebe – nur aber nicht die glühende Einzigen-Liebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur – er schließet immer fort – von der Gegenwart so gänzlich gefasset und gefüllt, von meiner so gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux, welche ihr Himmel und Erde verdeckt. – Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines Sternchens und alle Scheidungen dabei. – Darum stand ich so lange mit einer leidenden Brust voll Liebe neben ihr, und sie sah nicht in meine, weil sie keine in der ihrigen fand. – Und so ists so bitter, wenn der Mensch, unter den gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum letztenmal unglücklich.

Der Regen zischte durch die Blätter, das Feuer schlug durch den Wald, und der wilde Jäger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfreuete ihn als eine kühlende Hand, woran ein Freund ihn führte. Da er nicht durch die Höhle, sondern außen am Bergrücken zu seinem hohen Donnerhäuschen hinaufstieg: so sah er eine dicke, graue Regennacht das grüne Lilar belasten, und auf dem gebognen Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem Eintritt in sein Häuschen vor einem Schrei, den seine Äolsharfe unter den Griffen des Windes tat; denn sie hatte einst, von der Abendsonne beglänzt, seine junge Liebe ätherisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tönen nachgefolgt, da sie hinausging über das leidende Leben.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 369-374.
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