45. Zykel

[216] Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen, oben hereinspringenden Fontänen des Flötentals hochschweben: als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat – sie sah ihn so vergnügt und offenherzig dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn, mißverstanden zu werden! Im düstern Haine stand ein wilder Fels auf, mit den Worten: »Dem Freunde Zesara«. Die vorige Fürstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen. – Ergriffen, erschüttert, mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drückte den Arm[216] an den scharfen Stein hinauf und rief innigst bewegt: »O du guter Vater!« – Seine ganze Jugend – und Isola bella – und die Zukunft überfielen auf einmal das vom ganzen Morgen bestürmte Herz, und es konnte sich der zudringenden Tränen nicht länger erwehren. Chariton wurde ernsthaft, Liane lächelte weich fort, aber wie ein Engel im Gebet. – Wie oft, ihr schönen Seelen, hab' ich in diesem Kapitel mein ergriffenes Herz bezwingen müssen, das euch anreden und stören wollte! aber ich will es wieder bezwingen.

Sie traten schweigend in den Tag zurück. Aber Albanos Wogen fielen nie schnell, sie dehnten sich in weite Ringe aus. Sein Auge war noch nicht trocken, als er in das himmlische Tal kam, in diesen Ruheplatz der Wünsche, wo Träume frei, ohne Schlaf, herumgehen konnten. Chariton – durch den Ernst viel geschäftiger – war nach einer Augenfrage an Liane, ob sie es solle – nämlich das Spielenlassen gewisser Maschinen –, voraus hineingeeilt. Sie gingen durch den weichenden blühenden Schleier; – und Albano erblickte nun vor sich den jugendlichen Traum von einem bezauberten, mit Düften und Schatten umstrickenden Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt. An den Bergen blühten Orangengänge, den Untersatz in die höhere Terrasse versteckt – alles, was große Blüten auf seinen Zweigen trägt, von der Linde bis zur Rebe und zum Apfelbaume, sog unten am Bache oder bestieg oder bekränzte die zwei langen Berge, die sich mit ihren Blüten um die Blumen der Tiefe wanden und sich miteinander bogen, um ein unendliches Tal zu versprechen – schiefgestellte Fontänen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen über die Bäume in den Bach – in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne, der letzte Spiegel ihres sterbenden Abendblicks. – »Habe Dank, du edler Greis!« wiederholte Albano immer.

Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer überblühten Bank unter dem herüberflatternden Bogen, wo man die erste und zweite Krümmung des Tals und oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine Aurikeln-Wiese überschauen kann, indes Chariton auf dem östlichen[217] gegenüber hinter einer Musen-Statue – denn die neun Musen glänzten aus dem grünen Tempe – an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drücken schien. »Mein Bruder« (brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort, die sie der Freundin abgenommen) »wünscht recht sehr, Sie zu sehen.« Die nun mit allen heiligen Kräften aufgewachte Seele Albanos fühlte sich ihr ganz gleich und ohne Verlegenheit, und er sagte: »Schon in meiner Kindheit hab' ich Ihren Karl wie einen Bruder geliebt; ich habe noch keinen Freund.« Die bewegten Seelen merkten nicht, daß der Name Karl aus dem Briefe sei.

Auf einmal flogen einzelne Flötentöne oben auf den Bergen und aus den Lauben auf- immer mehrere flogen dazu – sie flatterten schön-verworren durcheinander – endlich stiegen mächtig auf allen Seiten Flötenchöre wie Engel auf und zogen gen Himmel – sie riefen es aus, wie süß der Frühling ist und wie die Freude weint und wie unser Herz sich sehnt, und schwanden oben im blauen Frühlinge – und die Nachtigallen flogen aus den kühlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien freudig in die Triumphlieder des Maies – und das Morgenwehen wiegte die hohen schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein. – –

Lianen entsank die Arbeit in den Schoß, und sie schlug nach einer ihr eignen Weise, indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte, den Blick empor, ihn in eine träumerische Weite heftend; ihr blaues Auge schimmerte, wie der blaue wolkenlose Äther in der lauen Sommernacht blitzend überquillt; – aber des Jünglings Geist brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme. Sie zog den schwarzen Schleier – gewiß nicht allein gegen Sonne und Luft – herab; und Albano, mit einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt, spielte – erhaben mit sich selber kontrastierend – an den Löckchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit großen Tränen in das blöde kleine Gesicht, das ihn nicht verstand.

Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herüber und fragte recht freundlich, wie es ihm gefiele. Seine andern Entzückungen löseten sich in ein Lob der Töne auf; und die liebe Griechin erhob[218] das, was sie so oft gehört, selber immer stärker, als wär' es ihr neu, und horchte sehr mit zu.

– Ein Mädchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgesträuch des Tales herein, und Liane sah den Wink und stand auf. Indem sie den Schleier heben und scheiden wollte: so fiel dem großherzigen Jünglinge sein Bekenntnis ein: »Ich habe Ihren heutigen Brief gelesen, bei Gott, das muß ich jetzo sagen«, sagt' er. Sie rückte den Schleier nicht höher und sagte mit zitternder Stimme: »Sie haben ihn gewiß nicht gelesen, Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer« und sah Chariton an. Er versetzte, ganz hab' er ihn auch nicht, aber doch viel; und erzählte mit drei Worten eine mildere Geschichte, als Liane ahnen konnte. »Der böse Pollux!« sagte immer Chariton. – »O Gott, vergeben Sie mir diese Sünde der Unwissenheit!« sagte Albano; sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zurück und sagte hochrot, mit niedergesenktem Blicke – vielleicht durch die Freude über die Widerlegung der schlimmern Erwartung versöhnt –: »Er gehörte bloß an eine Freundin – und Sie werden wohl, wenn ich Sie bitte, nichts wieder lesen« – und unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie schied langsam mit ihren Geliebten von ihm.

O du heilige Seele, liebe meinen Jüngling! – Bist du nicht die erste Liebe dieses Feuerherzens, der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens, du, diese Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter den Frühlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart vom Schicksale behandelt und immer getötet und begraben; aber wenn nun einmal zwei gute Seelen im blütenweißen Lebens-Mai – die süßen Frühlingstränen im Busen tragend – mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des Jahres, mit dem Vergißmeinnicht der Liebe im Herzen – wenn solche verwandte Wesen sich begegnen dürften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf alle Wintermonate der Erdenzeit beschwören und wenn jedes Herz zum andern sagen könnte: Heil mir, daß ich dich fand in der[219] heiligsten Lebenszeit, eh' ich geirret hatte; und daß ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! – O Liane, o Zesara, so glücklich müssen euere schönen Seelen werden!

Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden Zauberwelt, deren Töne und Fontänen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttönen und Schimmern des Tals, worin er so allein zurückgelassen war. Hastig schritt er auf dem nähern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Lauben-Vorhang und trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie verändert war alles! In seine weit offne innere Welt drang die äußere mit vollen Strömen ein. Er selber war verändert; er konnte nicht in die Eichennacht an das felsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er über die in Zweigen stehende Brücke war, sah er auf dem breiten silberweißen Gartenwege die sanfte Gesellschaft langsam gehen, und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das mütterliche drücken konnte. – Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn vielleicht, aber niemand wandte sich zurück. Durch die nachgetragne Harfe riß sich der Morgenwind und führte von den erregten Saiten Töne wie von Äolsharfen mit sich weiter; und der Jüngling hörte wehmütig dem zurückklingenden Fliehen wie von Schwanen zu, die über die Länder eilen, indes hinter ihm das leere Tal einsam in den flötenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des Altars zurück; und da er über die helle Gegend schauete und noch die fernen weißen Gestalten gehen sah, ließ er seine ganze schöne Seele weinen – Und hier schließe sich der reichste Tag seines jungen Lebens!

– Aber, ihr guten Menschen, die ihr ein Herz tragt und keines findet, oder die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt, bild' ich nicht alle diese Gemälde der Wonne, wie die Griechen, gleichsam an den Marmorsärgen euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab? Bin ich nicht der Archimimus, der vor euch die zerfallnen Gestalten nachspielt, die euere Seele begrub?[220] Und du, jüngerer oder ärmerer Mensch, dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine Zukunft gab, wirst du mir nicht einmal sagen, ich hätte dir manche selige Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht, du würdest sie anbeten, und wirst du nicht dazusetzen, du hättest ohne diese Phönix-Bildnisse leichtere Wünsche genährt und manche erreicht? – Und wie wehe hab' ich dann euch allen getan! – Aber mir auch; denn wie konnt' es mir besser ergehen als euch allen?

Euer Schluß wäre demnach dieser: Da ihr schöne Tage nie so schön erleben könnt, als sie nachher in der Erinnerung glänzen oder vorher in der Hoffnung: so verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide; und da man nur an den beiden Polen des elliptischen Gewölbes der Zeit die leisen Sphärenlaute der Musik vernimmt, und in der Mitte der Gegenwart nichts: so wollt ihr lieber in der Mitte verharren und aufhorchen, Vergangenheit und Zukunft aber – die beide kein Mensch erleben kann, weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind, eine Ilias und Odyssee, ein verlornes und wiedergefundnes Miltons-Paradies – wollt ihr gar nicht anhören und heranlassen, um nur taubblind in einer tierischen Gegenwart zu nisten.

Bei Gott! Lieber gebt mir das feinste stärkste Gift der Ideale ein, damit ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche, sondern verträume und dann daran versterbe! – Aber eben das Versterben wäre mein Fehler; denn wer die poetischen Träume ins Wachen68 tragen will, ist toller als der Nordamerikaner, der die nächtlichen realisiert; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum Labetrunk, den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren, über Regenwasser geführten Schwibbogen verbrauchen.[221]

– Ja, o Gott, du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben, die unsre hiesigen Ideale verkörpert und verdoppelt und befriedigt – wie du es uns ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast, die uns mit Minuten berauscht, wo das Innere das Äußere wird und das Ideal die Wirklichkeit – aber dann – nein, über das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme; aber wenn hienieden, sag' ich, das Dichten Leben würde und unsre Schäferwelt eine Schäferei und jeder Traum ein Tag: o so würde das unsere Wünsche nur erhöhen, nicht erfüllen, die höhere Wirklichkeit würde nur eine höhere Dichtkunst gebären und höhere Erinnerungen und Hoffnungen – in Arkadien würden wir nach Utopien schmachten, und auf jeder Sonne würden wir einen tiefen Sternenhimmel sich entfernen sehen, und wir würden – seufzen wie hier! –

68

Es kann mir nicht vorgeworfen werden, daß ja die Szenen meines Buchs wirklich erlebte wären und daß man keine bessere zu erleben wünschte denn in der Darstellung der Phantasie nimmt die Wirklichkeit neue Reize an Reize, mit welchen auch jede andere zurückgewichene Gegenwart magisch die Erinnerung durchschimmert. Ich berufe mich hier auf die Empfindung des Personales selber, das im Titan handelt, ob es nicht in meinem Buche wenn es anders darüber gerät – an den abgemalten Szenen, die doch seine eignen sind, einen höhern Zauber findet, der den wirklichen abging, und ders freilich machen könnte – aber ganz mit Unrecht –, daß das Personale wünscht, sein eignes Leben zu – erleben.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 216-222.
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