9. Zykel

[53] Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten Insel; und sie wurden durch den Anblick, wie das erhobene Bildwerk des Tages farbig-gleißend aus den erlöschen den Kreidenzeichnungen des Mondlichts heraustrat, lebendig und wach. Augusti kam auch und schlug ihnen die halbstündige Fahrt nach Isola madre vor. Albano flehte beide herzlich an, allein hinzufahren, ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergängen zu lassen. Der Lektor faßte jetzt die Spuren der nächtlichen Angriffe schärfer[53] ins Auge – wie schön hatte der Traum, der Mönch, die Schlaflosigkeit, die Verblutung die tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht, und die Kraft war jetzt nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht. Augusti nahm es für Eigensinn und fuhr allein mit Schoppe; aber die wenigsten Menschen begreifen, daß man nur mit den wenigsten Menschen (mit keiner Visiten-Armee), eigentlich nur mit zweien, mit dem innigsten und ähnlichsten Freunde und mit der Geliebten, spazieren gehen könne. Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am Geburtstage der Fürstin zu einer Liebeserklärung öffentlich niederknien als – denn man zeige mir doch den Unterschied – zwischen einem langen Vor- und Nachtrabe das trunkne Auge auf dich, Natur, meine Geliebte, heften.

Wie glücklich wurde durch die Einsamkeit Albano, dessen Herz und Augen voll Tränen standen, die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen Urteile so rechtfertigten und erhoben! – Er trug sich nämlich mit dem sonderbaren Irrtume feuriger und starker Jünglinge, er habe kein weiches Herz, zu wenig Gefühl und sei schwer zu rühren. Aber jetzt gab ihm die Entkräftung einen dichterischen weichen Vormittag, wie er noch keinen gehabt, wo er alles weinend umarmen wollte, was er je geliebt – seine guten fernen Pflegeeltern in Blumenbühl – seinen kranken Vater, ders gerade im Frühling war, wo immer der Tod sein blumiggeschmücktes Opfertor aufbauet – und seine in die Vergangenheit gehüllte Schwester, deren Bild er bekommen, deren After-Stimme er diese Nacht gehört und deren letzte Stunde ihm der nächtliche Lügner näher gemalt. – Sogar das nächtliche, noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn durch die Unerklärlichkeit – da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben wußte – und durch die Weissagung beklommen, daß er an seiner Geburtsstunde – und diese stand so nahe, am Himmelfahrtstage – den Namen seiner Braut vernehmen würde. Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe, gab aber der Krone und der Wassergöttin frischen Glanz.

Er durchschwankte alle heilige Stätten in diesem gelobten Lande – Er ging in die dunkle Arkade, wo er die Reliquien seiner[54] Kindheit und seinen Vater gefunden hatte, und nahm mit einem bangen Gefühle die auf den Boden entfallne zerquetschte Larve zu sich. Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im weiten Blau, wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war. – Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde, die sich in 20 Absätze wie er in 20 Jahre zerteilte, und er fühlte auf den heißen Wangen ihren dünnen Regen nicht.

Er stieg nun auf die hohe Terrasse zurück, um seinen Freunden entgegenzusehen. Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der äußern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern! – Die Natur, die gestern ein flammender Sonnenball gewesen, war heute ein Abendstern voll Dämmerlicht – die Welt und die Zukunft lagen so groß um ihn und doch so nahe und berührend, wie vor dem Regen Eisberge näher scheinen im tiefern Blau – er stellte sich auf das Geländer und hielt sich an die kolossalische Statue, und sein Auge schweifte hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab, und unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und alle Blätter auf – weiße Türme blinkten aus dem Ufer-Grün, und Glocken und Vögel klangen im Winde durcheinander. – Ein schmerzliches Sehnen faßte ihn, da er nach der Bahn seines Vaters sah; ach nach dem wärmern Spanien voll schwelgerischer Frühlinge, voll lauer Orange-Nächte, voll umhergeworfener Glieder zerstückter Riesengebürge, da wäre er gern durch den schönen Himmel hingeflogen! – Endlich löste sich das Freuen und das Träumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut auf, worein das Übermaß der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet, weil ja unsere Brust leichter zu überfüllen als zu füllen ist. – –

Auf einmal wurde Albano gerührt und ergriffen, als wenn die Gottheit der Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte, um ihn für ihre künftige Erscheinung einzuweihen, da er an einem indischen Bäumchen neben sich den Zettel mit dessen Namen Liane las. Er sah es zärtlich an und sagte immer: »Liebe[55] Liane!« Er wollte sich einen Zweig abbrechen; da er aber daran dachte, daß dann Wasser aus ihm rinne, so sagte er: »Nein, Liane, durch mich sollst du nicht weinen« und unterließ es, weil in seiner Erinnerung das Gewächs auf irgendeine Art mit einem unbekannten teuern Wesen in Verwandtschaft stand. Sich unaussprechlich-hinübersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren Deutschlands, nach den Alpen – in einem Frühlingswölkchen schien sich der schneeweiße Engel seines Traums tief einzuhüllen und nur stumm darin dahinzuschweben – und es war ihm, als hör' er von fernen Harmonikatöne. – Er zog, um nur etwas Deutsches zu haben, eine Brieftasche heraus, worauf seine Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt: Gedenke unserer; er fühlte sich allein und war nun erfreuet über die Freunde, welche heiter von Isola madre zurückruderten.

Ach Albano, welch ein Morgen wäre dieser für einen Geist wie deinen zehn Jahre später gewesen, wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter und weicher und loser auseinander geblättert hätte! Vor einer Seele wie deiner wären dann, da die Gegenwart in ihr blaß wurde, zwei Welten zugleich – die zwei Ringe um den Saturn der Zeit – die der Vergangenheit und die der Zukunft miteinander aufgegangen; du hättest nicht bloß über die kurze rückständige Laufbahn an das helle weiße Ziel geblickt, sondern dich umgewandt und die krumme lange durchlaufene überschauet. Du hättest die tausend Fehlgriffe des Willens, die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung des Herzens und des Gehirns. Würdest du auf den Boden haben sehen können, ohne dich zu fragen: Ach haben die 1004 Erschütterungen17, die durch mich wie durch das Land hinter mir gegangen sind, mich ebenso befruchtet wie dieses? – O da alle Erfahrungen so teuer sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder unsere Kräfte oder unsere – Irrtümer: o warum muß der Mensch an jedem Morgen vor der Natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert, so verarmet über die tausend vergeblich vertrockneten Tränen erröten, die er schon vergossen[56] und gekostet hat? – Aus Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf, aus Wintern Frühlinge, aus Vulkanen Wälder und Berge, aus der Hölle einen Himmel, aus diesem einen größern – – und wir törichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten, die uns stillt – wir hacken wie die Steindohle nach jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstück beiseite und zünden damit Häuser an – ach mehr als eine große schöne Welt geht unter in der Brust und läßt nichts zurück, und gerade der Strom der höhern Menschen verspringt, und befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserfälle zersplittern und schon weit über der Erde verflattern. –

Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit; aber dem Jünglinge wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem, der seine Stube im Gasthofe ausgeleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat, bis die Pferde kommen. Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse in jeder neuen Sekunde schneller und stärker; er bat mit äußerer Milde, aber innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzureisen. – Und so ging er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die Falltüre zu kommen, die sich in den unterirdischen Gang so vieler Rätsel öffnet. –


Antrittsprogramm des Titans


Eh' ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst, Herrn von Hafenreffer, dedizierte: so fragt' ich bei ihm erst so um die Erlaubnis an:


»Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an Voltairens Schöpfungsgeschichte des großen Peters: so können Sie meinem dankbegierigen Herzen nichts Schöneres geben als die Erlaubnis, Ihnen wie einem Judengotte das zu opfern und zu dedizieren, was Sie geschaffen haben.«[57]

Aber er schrieb mir auf der Stelle zurück:

»Aus derselben Raison könnten Sie, wie es Sonnenfels getan, das Werk noch besser sich selber dedizieren und, in einem richtigern Sinne als andere, den Verfasser und Gönner desselben zugleich vereinen. – Lassen Sie mich (auch schon des Herrn von ** und der Frau von ** wegen) aus dem Spiele; und schränken Sie sich bloß auf die notwendigsten Notizen ein, die Sie dem Publikum von dem sehr maschinenmäßigen Anteil, den ich an Ihrem schönen Werke habe, etwa gönnen wollen, aber um der Götter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac hoc.«

v. Hafenreffer.


Die römische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben. –

Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat, sind vier Namenerklärungen und eine Sacherklärung.

Die erste Namenerklärung, welche die Jobelperiode angeht, treff' ich schon bei dem Stifter der Periode, dem Superintendent Franke, an, der sie für eine von ihm erfundne Ära oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklärt, deren jeder seine guten 49 tropischen Mondsonnenjahre in sich hält. Das Wort Jobel setzt der Superintendent voran, weil in jedem siebenten Jahre ein kleines, und in jedem siebenmal 7ten oder 49sten ein großes Jobel-, Schalt-, Erlaß-, Sabbats- oder Hall-Jahr anbrach, wo man ohne Schulden, ohne Säen und Arbeiten und ohne Knechtschaft lebte. Glücklich genug wend' ich, wie es scheint, diesen Jobelnamen auf meine historischen Kapitel an, welche den Geschäftsmann und die Geschäftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei-, Sabbats-, Erlaß-, Hall- und Jobelstunden herumführen, worin beide nicht zu säen und zu bezahlen, sondern nur zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als krummgeschlossener pflügender Fröner an dem Schreibtische steht und welcher Säemaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht. – Die siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre, die eine Frankesche Jobelperiode enthält, sind auch in meiner vorhanden, aber nur dramatisch, weil ich dem[58] Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen – und diese sind ja das Längen- und Kubikmaß der Zeit – vortreiben werde, bis ihm die kurze Zeit so lang geworden, als das Kapitel verlangte.

Ein Zykel – welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung ist – braucht nun gar keine.

Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Blätter zu beschreiben, die ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe. Die obligaten Blätter nehmen durchaus nur reine gleichzeitige, mit meinem Helden weniger zusammenhängende Fakta von solchen Leuten auf, die mit ihm desto mehr zusammenhängen; auch in den obligaten Blättern ist nicht das kleinste, nur einer Brandblase große satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich, sondern der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen langen Bandes zwischen lauter historischen Figuren – auf allen Seiten von fliegenden Corps, von tätigen Knapp- und Judenschaften, anrückenden Marschsäulen, reitenden Horden und spielenden Theatertruppen umzingelt – und er kann sich gar nicht satt sehen.

Ist aber der Tomus aus: so fängt – das ist die letzte Nominaldefinition – sich ein kleiner an, worin ich mache, was ich will (nur keine Erzählung), und worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bienenstachel auf- und abfliege von einer Blüten-Nektarie und Honigzelle zur andern, daß ich das bloß zum Privatvorteile meines Ausschweifens gebauete Filialbändchen recht schicklich meine Honigmonate benenne, weil ich darin Honig weniger mache als esse, geschäftig nicht als eintragende Arbeitsbiene, sondern als zeidelnder Bienenvater. – Bisher hatt' ich freilich geglaubt, das Durchfahren meiner satirischen Schwanzkometen würde jeder Leser von dem ungestörten Gange meines historischen Planetensystems auf der Stelle absondern, und ich hatte mich gefragt: »Wird denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch das Abbrechen der letztern und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes beschädigt; und haben sich denn die Leser darüber beschweret, wenn z.B. in den Horen-Jahrgängen[59] zuweilen Cellinis Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer Aufsatz eingehoben wurde?« – Aber was geschah?

Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in Brüssel den contract social unter sich machte, daß jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte, der in der Session einen andern Laut von sich gäbe als einen medizinischen: so ist bekanntlich ein ähnliches Edikt vom 9ten Juli an alle Biographen erlassen, daß wir stets bei der Sache – welches die Historie ist – bleiben sollten, weil man sonst mit uns reden würde. Der Sinn des Mandats ist der, daß, wenn ein Biograph in allgemeinen Welthistorien von 20 Bänden, ja in noch längern – wie z.B. in dieser – ein- oder zweimal denkt oder lacht, d.h. abschweift, Inkulpat auf der kritischen Pillory als sein eigner Pasquino und Marforio ausstehen soll – welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte.

Jetzt aber geb' ich den Sachen eine andere Gestalt, indem ich erstlich Geschichte und Digression in diesem Werke strenge auseinanderhalte – wenig Dispensationsfälle ausgenommen –, zweitens indem ich die Freiheiten, die ich mir in meinen vorigen Werken nahm, im jetzigen zu einem Rechte, zu einer Servitut verjähre und verstärke; der Leser ergibt sich, wenn er weiß, nach einem Bande voll Jobelperioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll Honigmonate. Ich schäme mich, wenn ich mich erinnere, wie ich sonst in frühern Werken mit dem Bettelstabe vor dem Leser stand und um Ausschweifungen bat, indes ich doch – wie ich hier tue – mir das Anleihen hätte erzwingen können, wie man von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen, sondern auch das don gratuit als Quatembersteuer zu begehren hat. So macht es nicht bloß der kultivierte Regent auf dem Landtage, sondern schon der rohe Araber, der dem Passagier außer der Barschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abnötigt.

Ich komme nun auf den geheimen Legationsrat von Hafenreffer, welcher der Gegenstand meiner versprochnen Sacherklärung ist.

Aus dem 45sten Hundsposttage sollt' es einmal bekannt sein, wer Flachsenfingen beherrscht – nämlich mein Herr Vater. Im[60] Grunde war meine so frappante Standeserhöhung mehr ein Schritt als ein Sprung; denn ich war vorher schon Jurist, mithin schon die Knospe oder das Blütenkätzchen eines noch eingewickelten Doktors utriusque, und folglich ein Edelmann, da im Doktor der ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt; daher er auch so gut wie dieser, wenn gerade etwas vorbeigeht, vom Sattel oder Stegreif lebt, wiewohl weniger in einem Raubschlosse als Raubzimmer. Ich habe also seit dem Avancement weniger mich geändert als mein Residenzschloß – das väterliche in Flachsenfingen ist gegenwärtig mein eignes.

Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckerbrot mit Sünden essen – wiewohl man gemächlicher Zucker- und Himmelsbrot erwirbt als Schiffsbrot –, sondern ich stelle, um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde, das ganze flachsenfingische Departement der auswärtigen Angelegenheiten zu Hause im Schlosse vor samt der erforderlichen Entzifferungskanzlei. Das will aber getan sein: wir haben einen Prokurator in Wien – zwei Residenten in fünf Reichsstädten – einen Komitialsekretarius in Regensburg unter der Querbank – drei Kreis-Kanzlisten und einen bevollmächtigten Envoyé an einem bekannten ansehnlichen Hofe unweit Hohenfließ, welches eben der obgedachte Herr Lehnpropst von Hafenreffer ist. Letzterem hat sogar mein Herr Vater ein vollständiges Silberservice vorgestreckt, das wir ihm lassen, bis er den Rappell erhält, weil es unser eigner Vorteil ist, wenn ein flachsenfingischen Botschafter dem flachsenfingischen Fürstenhute oder Krönlein auswärts durch Aufwand mehr Ehre macht als gewöhnliche.

Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spaße da; die ganze Legations-Schreibe- und Lesegesellschaft kouvertiert und schreibt an mich, die chiffre banal und die chiffre déchiffrant ist in meinen Händen, und wie es scheint, versteh' ich den Rummel. Unsäglich ists, was ich erfahre – es wäre nicht zu lesen von Menschen, noch zu ziehen von Pferden, wollt' ich allen den Seidenwurmsamen von Nouvellen biographisch ausbrüten, großfüttern und abhaspeln, den mir das Gesandten-Corpo posttäglich in festen Düten schickt. Ja (in einer andern[61] Metapher) das biographische Bauholz, das meine Flößinspektion für mich bald in die Elbe, bald in die Saale, bald in die Donau oben herabwirft, steht schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze, daß ichs nicht verbauen könnte, gesetzt daß ich die ästhetischen Bauten meiner biographischen Narrenschiffe, Redoutensäle und Zauberschlösser forttriebe Tag und Nacht, jahraus, jahrein und weder mehr tanzte noch ritte noch spräche noch niesete....

Wahrlich wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen fremden Rogen abwäge: so frag' ich ordentlich mit einem gewissen Unmut, warum ein Mann einen so großen zu tragen bekommen, der ihn aus Mangel an Zeit und Platz nicht von sich geben kann, indes ein andrer kaum ein Windei legt und herausbringt. – Wenn ich ein Pikett aus meiner Legations-Division den Ritterbüchermachern mit dessen offiziellen Berichten zuschicken könnte: würden sie nicht gern Ruinen gegen Schlösser und unterirdische Klostergänge gegen Korridore und Geister gegen Körper vertauschen, anstatt daß ihnen jetzt aus Mangel an offiziellen Berichten des Piketts die Dirnen die Weltdamen, die Feimer die Justizminister vertreten müssen, so wie die Schalken die Pagen, die Burgpfaffen die Hofprediger und der Raubadel die Pointeurs? –

Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zurück. Am obgedachten ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir – seiner Nebenarbeiten unbeschadet – von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem hohenfließischen Helden zu, als er durch sieben Legations-Zeichendeuter oder Clairvoyants erwischen kann – die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug für eine Depesche. Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer Gesandten, die nur für Ereignisse, die nachher in die Universalhistorie einrücken, Platz in ihren Berichten machen! – Hafenreffer hat in jeder Sackgasse, Bedientenstube und Mansarde, in jedem Schornstein und Wirtschaftsgebäude seinen Operngucker von Spion, der oft, um eine Tugend meines Helden auszumitteln, sich zehn Sünden unterziehet. Freilich bei solchen Hand- und Spanndiensten des Glücks muß es keinen von uns[62] wundernehmen, ich meine nämlich bei einem solchen Schöpfrade, das mir Fortuna selber umdreht – bei solchen Diebsdaumen, die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet – bei solchen Silhouetteurs eines Helden, die alles machen außer der Farbe – kurz bei einer so außerordentlichen Vereinigung von Umständen oder Montgolfieren kann es freilich nichts, als was man erwartet, sein, wenn der Mann, den sie heben, droben auf seiner Berghöhe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt, das man (denn es verdients) nach dem Jüngsten Tage auf der Sonne, auf dem Uranus und Sirius frei übersetzt, und auf welches sogar der glückliche Posenschraper, der die Kiele dazu abzog, und der Setzer, der die Errata druckt, sich mehr einbilden wollen als der Autor selber, und in welches weder die schnelle Sense noch der träge Zehn der Zeit – besonders da man dieses Gebiß nach Erfordern mit der Zahnsäge der kritischen Feile entzweibringen kann – einzuschneiden vermögend sind. Fügt der Verfasser solchen Vorzügen noch gar den der Demut bei: so ist ihm niemand weiter zu vergleichen; aber leider hält jede Natur sich, wie Doktor Crusius die Welt, zwar nicht für die beste, aber doch für sehr gut.

Der gegenwärtige Titan benutzt noch den andern Vorteil, daß ich gerade den väterlichen Hof bewohne und schmücke und mithin als Zeichner gewisse Sünden recht glücklicherweise näher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe, wovon mir wenigstens der Egoismus, die Libertinage und das Müßiggehen gewiß bleiben und sitzen; denn diese Schwämme und Moose säete das Schicksal so weit, als es konnte, in die höhern Stände hinauf, weil sie in den niedern und breitern zu sehr ausgegriffen und sie ausgesogen hätten – welches das Muster derselben Vorsicht gewesen Zu sein scheint, aus der die Schiffe den Teufelsdreck, den sie aus Persien holen, stets oben an den Mastbaum hängen, damit sein Gestank nicht die Fracht des Schiffraums besudle. – – Ferner hab' ich hier oben am Hofe jede neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich, eh' sie drunten nur gelästert, geschweige gepriesen worden. Z.B. die schöne Pariser Mode, daß die Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen[63] – welches sie in Paris tun, um sehen zu lassen, daß sie nicht unter die Herren gehören, die bekanntlich auf Steckenbeinen gehen –, diese wird (denn auf eine einzige Dame kommt es an) morgen oder übermorgen gewißlich eingeführt. Doch ahmen die Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach – denn uns Herren fehlet nichts –, weil sie zu beweisen wünschen, daß sie Menschen und keine Affen (geschweige weniger) sind, da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden anhat. – Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend, nur mit höhern Gründen geführt. Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt als durch den Besitz eines Steißes: so suchten damals die weiblichen Kronbeamten, die Putzjungfern, an ihren Gebieterinnen diesen Geschlechtscharakter, der sie unterscheidet, durch Kunst – durch den sogenannten cul de Paris – so sehr als möglich zu vergrößern, und bei einer solchen Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spaß und ein Spiel, eine Weltdame von ihrer Äffin abzutrennen, welches jetzt viele, die ihren Buffon auswendig können, in keiner größern Nähe sich getrauen wollen als in einer zu großen. –

Ähnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt' ich in mehrern deutschen Städten – mein Herr Vater bezahlts –, in den meisten einen, aber in Leipzig zwei, in Dresden drei, in Berlin sechse, in Wien ebensoviel in jedem Stadtviertel. Maschinen solcher Art, die den Perspektiven so sehr gleichen, womit man aus seinem Bette alles beschauen kann, was unten auf der Gasse vorfällt, machen es freilich einem Autor leicht, hinter seinem Dintenfasse in dunkle verbauete Haushaltungen – in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse geführt – hell hinunterzusehen. Daher kann mir jede Woche der närrische Fall begegnen, daß ein gesetzter stiller Mann, den niemand kennt als sein Barbier und dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist – dem aber heimlich einer meiner Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht, welcher des Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreißig Meilen abliegende Studierstube hineinspiegelt –, es kann mir der Fall aufstoßen, sag' ich, daß ein[64] solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in meinem Werke, das rauchend aus dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren, Knöpfen, Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371. Seite abgebildet findet, als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft. Es tut aber nichts.

Leute hingegen, die mit mir an einem Orte wohnen, welches sonst die Höfer taten, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten.

Aber eben dieser Vorzug, daß ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife, sondern aus Depeschen, nötigt mich, mehr Mühe anzuwenden, sie zu verziffern, als andere hätten, sie aufzuschmücken oder auszusinnen. Kein kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem solchen Glücke, daß von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten, mit Mutmaßungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte. (Und recht zum Vorteil der Welt; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt, so stoß' ich das Dintenfaß um und gebe nichts mehr heraus.)

Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen, weil ich die Paten zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. Bin ich z.B. nicht oft abends? während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzüge nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten, in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen, die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie fielen, aufgefangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen Leute auszuteilen? Und avancierte dabei nicht das Verdienst, und mancher Gemeine stieg zum tafel- und turnierfähigen Edelmann auf, Profosse zu Justizministern, und Rotmäntel zu patribus purpuratis? – Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichenden, auf zwei Füßen mobil gemachten Observationskorps? –[65]

Für Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen, bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann. Ich habe länger als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können, studiert und imitiert und glaube zu wissen, wie man gute Regentengeschichten, Protokolle von Majestätsverbrechern, Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse; keine stärkere Züge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zurück.

Voltaire verlangte mehr als einmal – wie bei allen Sachen; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte sich und alles unverdrossen –, daß der Historiker seine Geschichte nach den Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt. Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles und griechische Muster geben, daß der Schauspieldichter jeder historischen Begebenheit, die er behandelt, alles leihen müsse, was der poetischen Täuschung zuschlägt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und daß er Schönheit nie der Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser große Theaterdichter des Welttheaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiß sein konnte, er gelange eher zur Täuschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern andere – nämlich der Lehnpropst und die Legationssekretäre – können entscheiden, inwiefern ich eine wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglück ists, daß schwerlich je die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst dürfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, daß Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir.[66] Allein auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen, skandalöse Chroniker nolens volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. –

Aber unter dem Komponieren der Geschichte muß ein Autor auch darauf auslaufen, daß sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z.B. für einen schlimmen Fürsten einen Namen wähle, seh' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und regierten Häupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer führt; so werden in Otaheiti sogar die Wörter, die dem Namen des Königs ähnlich klingen, nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet. Da ich sonst gar keine jetzt lebende Höfe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und Nachtstücken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage biographischer Höfe malte, es so zu treffen, daß Ähnlichkeiten mit wirklichen geschickt vermieden wurden; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens auf Länder zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluß gehabt, den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset; so wie Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse mißgestaltete Völker aus Paarungen mit Affen ableiten, die sehr gute Bemerkung macht, daß die meisten Ähnlichkeiten mit Affen, der zurückgehende Schädel der Kalmucken, die abstehenden Ohren der Pevas, die schmalen Hände in Karolina, gerade in Ländern erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unähnlichkeiten wollten mir nicht gelingen; jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine Legations-Flottille schifft, mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt, besonders jeder, den ich schildere, der flachsenfingische, der hohenfließische etc. Die Theatermaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des griechischen Komödianten, die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums gebosselt war18, sondern die Maske des Nero, die, wenn er[67] eine Göttin auf dem Theater machte, seiner Geliebten ähnlich sah19, oder wenn er einen Gott spielte, ihm selber.

Genug! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang, aber die Jobelperiode wars auch; je länger der Johannistag eines Landes, desto länger seine Thomasnacht. – – Und nun lasset uns sämtlich ins Buch hineintanzen, in diesen Freiball der Welt – ich als Vortänzer voraus und dann die Leser als Nachhopstänzer –, so daß wir unter den läutenden Tauf- und Totenglöckchen am sinesischen Hause des Weltgebäudes – angesungen von der Singschule der Musen – angespielt von der Gitarre des Phöbus oben – munter tanzen von Tomus zu Tomus – von Zykel zu Zykel – von einer Digression zur andern – von einem Gedankenstrich zum andern – bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder!

17

In Kalabrien waren im Zeiträume von Jahren (1785) tausendundvier Erschütterungen. Münters Reise etc.

18

Reflexions critiques sur la Poesie etc. de Dubos. T. I. Sect. 42.

19

Sueton. Nero.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 53-68.
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