37. Zykel

[184] Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zurückkunft des deutschen Herrn, Mr. de Bouverot, der in Haarhaar an die fest skizzierte Vermählung zwischen Luigi und einer haarhaarschen Prinzessin, Isabella, die letzte retuschierende Hand gelegt. Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar, Bouverot habe keine honnêteté56; und erzählte folgendes, aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes.

Vor einigen Jahren wurde Bouverot in Kapitel-Streitigkeiten vom haarhaarschen Hofe57 nach Rom an den Papst versandt; gerade zur Zeit, wo auch Luigi den gewöhnlichen Römerzug der Fürsten tat mit seinen Römer-Zinszahlen. Nun wollte Haarhaar – das eigentlich schon chapeaubas geht mit dem Hohenfließer Fürstenhute und das alle mögliche offizinelle Aussicht hat, ihn aufzusetzen – eben darum nicht gern den Anschein geben, als seh' es das Erlöschen des Hohenfließer Stammes mit kalten Augen an, um so mehr, da eben der Stammhalter Luigi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervöser Bedeutung war. Ja dem Haarhaarer Hofe mußte daran liegen, daß der gute dünne Stamm-Herbstflor womöglich anders wiederkäme, als er ausgezogen war; und eben aus solchen Gründen war von jenem dem Deutsch-Herrn heimlich aufgetragen, dergestalt über alle seine Freuden und Leiden als maitre de plaisirs-zumal bei maitresses des plaisirs – zu walten und zu wachen, daß man damit zufrieden wäre. War inzwischen Abiturient schon als Fötus eingesessen, so wurd' er leider gar zum punctum saliens ausgeschliffen zurückgefahren, besonders da er durch mehrere Bocksund andre Sprünge durch den Reif der Lust verdorben war zu einem Rittersprunge. Es kann möglich sein, daß der Deutsch-Herr der Verjüngung des Fürsten zu sehr entgegenging; ja er kanns der jungmachenden Wunderessenz des Marquis d'Aymar58 nachgetan haben, welche eine alte[184] unschuldige Dame, die vom Elixier mehr versalbte, als gegen ihre Jahre nötig war, durch das übermäßige Verjüngen zum kleinen Kinde einzog. – – Kurz durch diesen Kreuzzug hinter dem Kreuzherrn Bouverot wird einmal – wie öfters durch Kreuzzüge – der Hohenfließer Fürstensessel offen zu rechter Zeit, und Haarhaar setzt sich darauf –

Ich gestehe ungern, daß Albano anfangs – weil bei aller seiner Scharfsicht seine Reinheit ebenso groß war – das Faktum nur verworren faßte; als ers aber begriff, wars für ihn pharmazeutisches Manna, wie für Schoppe israelitisches. »Der Kreuzherr« (sagte dieser)»trägt sein Kreuz nicht umsonst – es tut ihm ebensoviel Dienst wie den Häusern in Italien ein darangeschmiertes, es darf beide keine Seele anpissen, ob mans gleich in Rom vor jedem Vorzimmer mag.«

Nicht lange darnach gingen unsre drei Freunde in der Stunde, wo die Wagen lärmend zum Tee und Spiele rollen, auf der Gasse, als man vor ihnen eine Sänfte mit dem Sitze rückwärts, worin gleichwohl jemand saß, vorübertrug. »Du heiliger Vater!« (rief Schoppe) »da drinnen sitzt der leibhafte Zefisio aus Rom, der mich irgendeinmal durchprügeln muß.« – »Leise, leise!« (sagte Augusti) »das ist der deutsche Herr; Zefisio ist sein arkadischer Name59.« – »Nun, so freu' ich mich desto mehr, daß ich mit der Rotnase einmal herzlich schlecht umsprang«, sagt' er und kehrte um und begleitete mit untergesteckten Armen die Sänfte fast zehn Schritte weit, um den Vogel des Bauers besser zu beschauen, bis dieser die Vorhänge vorriß. Albano ertappte darin im Vorübereilen nur einen scharfen, gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rotglimmenden Nasenknopf. –

Schoppe kam wieder und erzählte die Händel in Rom. Nämlich gegen alle Todsünder, Blutschuldner und Sündenbälge trug er keinen so bittern Ingrimm als gegen Professions-Bankhalter, Croupiers und Grecs; er sagte, hätt' er ein Raupeneisen, womit er dieses Gewürm von der Erde wegschaben, oder eine Kochenille-Mühle, worin er es zerknicken könnte, er tät' es ganz lustig;[185] »O Himmel,« (rief er dann aus) »hielt' ich vollends über den ringelnden verwickelten Wurmstock gerade meinen ausgestreckten Fuß (und wäre auch das Podagra daran), freudig stieß' ich ihn darein und träte den Bettel aus.« – Was er aber konnte, tat er. Da er sein eigner Reisediener und eine in ganz Europa hin- und herfahrende Lauferspinne war: so hatt' er recht oft die Freude, diese Pharao-Blattwickler und Blattminierer unter die Finger zu bekommen – ihr Schein-Genosse zu werden – ihre Kriegslisten einzulernen – und dann irgendein Feuerrad in ihre zischende Schlangenhöhle zu rollen. Ich bin nicht näher unterrichtet, ob man es in Leipzig weiß, wer der Rädelsführer war, der vor kurzem in der Messe eine Vexier-Polizei mit Schein-Stadtknechten spielte und eine Bank aufhob; – wenigstens waren die Bankiers darüber irrig, weil sie den andern Tag der wahren Polizei aufwarteten und um einige Indulgenzen und Un-Rechtswohltaten anbettelten; aber ich bin hier imstande, den Diebsfänger zu nennen: Schoppe wars gewesen. – – Die Beute legt' er meistens zu neuen Fladderminen unter Pharao-Tischen an.

Mit Zefisio hatt' ers anders gekartet. Er trat vor dessen Bank und sah einige Minuten zu und belegte endlich ein Blatt mit einem Schildlouisd'or. Es gewann, und er zeigte hinter der Karte eine lange Rolle von Louis. Bouverot wollte diese Rolle nicht bezahlen; »er habe« (sagt' er) »nichts gesehen.« – »Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort?« sagte Schoppe und er klärte sie für Betrüger, wenn sie nicht zahlten. Man zahlte ihm, um größern Schaden zu vermeiden, den Gewinst. Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die Pointeurs: »Meine Herren, Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrügern; aber bloß weil ich sie kenne, haben sie mich bezahlt.« Unter dem Steif- und Blaßwerden der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur und mit seinem Knotenprügel unversehrt davon. –

Augusti wünschte von Herzen – der Verfolgung wegen –, daß Bouverot den Bibliothekar nicht mehr kenne. Zu Hause fanden sie eine Einladung vom Minister auf Tee und Souper; »die arme Tochter!« (sagte Augusti) »Dieses Bouverot wegen muß die Halbblinde morgen an die Tafel.« – – Indes sieht sie doch unser[186] Jüngling endlich wieder, und nur ein Frühlingstag sondert ihn vom teuersten Wesen ab! – Hat Augusti recht: so trifft meine Bemerkung hier ein, daß ein guter Filou immer der motivierende Hecht wird, der den frommen Karpfensatz der Stillen im – Teiche zum Schwimmen bringt; die versteckte Blattermaterie, die kalte Kinder auf einmal lebendig macht.

56

Honnêteté schließet in den höhern Ständen Morden, deshonnêteté, Lügen etc. völlig aus; ausgenommen in einem gewissen Grade.

57

Dieser Hof ist katholisch, aber das Land lutherisch, und zu dieser letztern Konfession bekennt sich auch der Hohenfließer.

58

S. des Grafen Lamberg Tagebuch eines Weltmannes.

59

Wer in die Akademie der Arkadier tritt, nimmt einen arkadischen Namen an.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 184-187.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Titan
Sämtliche Werke, 10 Bde., Bd.3, Titan
Titan (insel taschenbuch)
Titan. Bd. 1/2
Titan: A Romance from the German (German Edition)
Titan, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon