21. Zykel

[114] Wie viele selige Adams von 16 1/2 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen künftige Schoßjüngerin erschaffen sehen! – Aber sie suchen sie nicht, wie der erste Adam, neben sich auf der Baustelle, sondern recht weit vom eignen Lager, weil die Ferne des Raums so glänzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit. Daher setzet sich jeder Jüngling mit dem Glauben auf die Post, daß in den Städten, wohin er eingeschrieben ist, ganz andere und göttlichere Madonnen unter der Haustüre stehen als in seiner verdammten; – und die Jünglinge jener Städte sitzen wieder ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein.

Ach das klingt für alles, was ich vorhabe, viel zu rauh und roh, und mir ist, als bring' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die starre schwere dicke Porzellanrose! – Albano, ich will dein stilles, dicht verhangenes Herz aufdecken und aufschließen, damit wir alle darin Lianens Heiligenbild, die aufschwebende Raffaels-Marie, aber, wie Heiligengestalten in der Leidenswoche, hinter dem Schleier hängen sehen, den du bebend wegziehest, um es anzubeten, wenn du die Andachtsbücher – die Romane – aufschlägst und wenn du darin die Gebete antriffst, die deiner Heiligen gehören. Sogar mir wird es schwer, nicht, wie du und die Alten, den Namen deiner Schutzgöttin zu verheimlichen – über innere Geistererscheinungen (denn äußere sind Körpererscheinungen) schweiget der Seher gern neun Tage lang – und bei deinem blöden Glauben an einen tausendmal höhern Tugendgehalt Lianens, als deiner ist, und bei deiner heiligen Ehrliebe, die über die fremde wacht, ist dirs freilich ein Rätsel, wie[114] andere, z.B. der Wiener oder Wehrfritz, ohne das geringste Erröten so laut und lieb von ihr sprechen konnten, da du selber kaum wagst, vor andern viel von ihr zu – träumen. Wahrlich, Albano ist ein guter Mensch! – Ferner, wie vollends eine solche in gediegnen Äther vererzte lichte Psyche wie Liane, etwa gleich dem auferstandnen Christus, Karpfen essen und ausgräten könne – oder mit den langen hölzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen Napfe umstechen – oder in der Sänfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer Schmetterling – oder wie sie laut lachen könne (das tat sie aber auch nie, mein Freund!): alles das und überhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten Erdenlebens war dem geflügelten Jünglinge ein Rätsel und eine wahre Unmöglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung; was soll ichs verhalten, daß er über ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Fußtritte von Engeln schwächer erstaunet wäre als über ein Paar von Lianen in der Erde, und daß er für irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr – ich nenne nur einen Zwirnwickler oder eine Tambourblume – nichts Geringeres hingegeben hätte als ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fässern der heiligen Nägel und mehrere apostolische Kleiderschränke samt den heiligen Doubletten-Leibern dazu.

– So hab' ich oft sehnlich gewünscht, nur ein Pfund Erde vom Monde oder nur eine Düte voll Sonnenstäubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und anzugreifen. – So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser außer Landes als ähnliche feine ätherische Gebilde vor, von denen schwer zu fassen ist, wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Märzbier oder ein Paar Stiefel gebrauchen können; es ist, als wenn die Leute zusammenführen, wenn sie etwas lesen oder sehen müssen von Lessings Rasiermesser – Shakespeares englischem Sattel Rousseaus Bärenmütze – des Psalmodisten Davids Nabel – Homers Ärmel – Gellerts Zopfband – Ramlers Schlafmütze – und der Glatze unter der meinigen, wiewohl sie wenig mehr bedeutet.

Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens – da eine Jungfrau durch nichts so viel bei einem Jünglinge gewinnt[115] als durch Lobreden, die ihr seine Eltern geben – dadurch ansehnliche Zuschüsse, daß er die ländlich- und wie er selber lachende Rabette häufig mit jener wog, und seine nachgiebige Frau heimlich mit der strengen Ministerin; er nahm dann Gelegenheit, auseinanderzusetzen, nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese Kontrapunktistin die melodischen Töne Lianens harmonisch ordne und wie sie besonders Roheit und Gelächter ausmerze. Die weiblichen Seelen sind Pfauen, deren Juwelen-Gefieder man in reinen und geweißten Wohnungen unterbringen muß, indes unsere in Entenställen sauber bleiben. – Albano zeichnete sich Mutter und Tochter bloß in den doppelten Gestalten vor, worin uns Maler die Engel geben, nämlich die verständige strenge Mutter als einen, der in einer langen Wolke steckt, nur mit dem Kopfe sichtbar, und Liane als ein verklärtes Kind, das mit den zarten Flügeln eine weiße Wolke umflattert.

Nur etwas, und wär's eine verblichene zerfallne Rose aus Seide, wünscht' er sich herzlich aus Pestitz – und konnte doch verschämt den Wiener um nichts ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen, obwohl verräterisch-erglühend, um eine Stunden-Marke; »denn er habe noch keine gesehen«, sagt' er. – Falterle hatte noch eine in der Tasche – die Zahl 15, Lianens voriges Alter, stand darauf – sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben – etwas wars immer. Ach konnt' er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliothek der Ministerin angehen, in welchen die Tochter gewiß gelesen, ja sogar einige Lesezeichen vergessen haben wird? – Er tats auch; aber Wehrfritz verwünschte und verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe; auch vergaß ers über fünfmal, einige zu fordern; und endlich bracht' er ihm einen von Madame Genlis mit, samt einem gothaischen Taschenkalender. Diese Bücher der Seligen wogegen meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliothek und die blaue nur elende remittenda sind – hatten alle Stempel weiblicher Bücher; denn sie trugen alle Zieraten weiblicher Köpfe, nämlich einen Fingerhut voll Puder wie diese – seidne Band-Endchen wie diese, als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lektüre – und einen Wohlgeruch wie diese (den Semler[116] auch an alchymischen rühmt), welchen sie aus den Blüten des Paradieses angezogen zu haben schienen. Ach seliger Leser des schönsten Buchs (ich meine den Grafen), willst du mehr?

Allerdings; und er fand auch mehr, nämlich hinten im gothaischen Taschenkalender auf den beiden Final-Pergamentblättern die Worte: »Armenkonzert d. 21. Februar« und »Schauspiel für die Armen d. 1. Nov.« – Ich habe auf meiner Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blättern die wichtigsten aus dem Busche geklopft. – »Das ist ja meiner Schülerin Hand« (sagte Falterle) – »sie versäumt mit ihrer Mutter so was selten, weils der Minister nicht leidet, daß sie sonst den Armen viel geben.« – – Haltet mich hier nicht mit der Schönheit ihrer Handschrift auf – da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schöner schreibt als auf Papier und da gerade eine Gelehrte, ungleich den Gelehrten, mehr Kalligraphie hat als Ungelehrte –, sondern lasset mich zur Wirkung dieser Inkunabeln Lianens eilen, deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit lauter innern hellen Sonntagen bedecken und deren Blätter an Heiligkeit den Briefen gleichen, die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen. Erst jetzt war ihm, als wenn der fliegende Engel, dessen Schatten nur vorher über die Erde weglief, die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom Stande Albanos die Niederfahrt halte. Er lernte den gothaischen Taschenkalender auswendig.

Da er glaubte, Liane sei viel sanfter und besser als er, und da sie ihm wie der Hesperus vorkam, der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizität um die Sonne geht, und er sich als der ferne Uranus, ders mit der größten tut; – und da er nicht ohne schamhafte Wangen-Lohe daran denken konnte, einmal vor der moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleinern zurückzustehen: so wurd' er auf einmal (kein Mensch wußte warum) leiser, milder, williger, über seine Außenseite wachsamer, dem Wiener folgsamer – denn Liane wars ja auch gewesen –, und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebändigt.[117]

Der Nordamerikaner betet die Gestalt, die ihm in dem Traume erscheint, als seinen Schutzgeist an: o wird nicht oft ebenso für den Jüngling ein schöner Traum sein Genius?

32

In Catana ist der Schleier der heiligen Agatha das einzige Gegengift des Ätna.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 114-118.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Titan
Sämtliche Werke, 10 Bde., Bd.3, Titan
Titan (insel taschenbuch)
Titan. Bd. 1/2
Titan: A Romance from the German (German Edition)
Titan, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

L'Arronge, Adolph

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik

78 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon