110. Zykel

[617] Bewegt, gleichsam feierlich betrat Albano das kühle Eiland, es war ihm, als wehten ihm die Lüfte immer die Worte zu: der Ort der Ruhe. Agata bat sie beide, bei ihren Eltern zu wohnen, deren Haus am Ufer, nicht weit vom Vorstädtchen187, liege. Als sie über die Brücke gingen, die den grünen, mit Häusern umwundenen Fels mit dem Ufer und dem Städtchen zusammenhängt: so zeigte sie freudig im Osten das einzelne Haus. Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde Felsen und die Häuserreihe im Wasser abspiegelte – und wie auf den flachen Dächern die schönen Weiber, welche die Feier-Lampen für den Abend ordneten, zueinander emsig herübersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grüßten und fragten – und wie alle Gesichter so heiter waren, alle Gestalten so zierlich und selber die ärmste in Seide und wie die lebendigen Knaben kleine Kastaniengipfel niederzogen – und wie der alte Vater der Insel, der hohe Epomeo, vor ihnen ganz in Weinlaub und Frühlingsblumen gekleidet stand, aus deren süßem Grün nur zerstreuete weiße Lusthäuser beglückter[617] Berganwohner schaueten: so war es Albano, als sei ihm das lästige Gepäcke des Lebens in die Wellen entfallen und die aufrechte Brust sauge weit den kühlen, von Elysium her wehenden Äther ein; – über dem Meere drüben lag die vorige stürmische Welt mit ihren heißen Küsten.

Agata führte beide ins elterliche Haus am östlichen Abhang des Epomeo und rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang ebenso laut: »Das sind zwei brave Herren, die ins Haus wollen.« Der Vater sagte sofort: »Willkommen, Exzellenzen! Ihr sollt gern die Zimmer behalten, wenn auch nachher viele Badegäste kommen. Ihr findet nirgends besseres Quartier. Ich war sonst nur ein ›Dreher‹ in der Fayence-Fabrik; aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben. Wenn war denn irgendein Dezember und März188 besser als diesmal? Befehlt, Exzellenzen!« – Plötzlich weinte Agata; die Mutter hatt' ihr das Begräbnis der jüngsten Schwester berichtet, zu dessen Feier, nach der Sitte der Insel, heute ein Freuden-Abend angeordnet war, weil man einander zur ewigen seligmachenden Bestätigung einer Kindes-Unschuld durch den Tod Glück zu wünschen pflegte. Der Alte wollte erst recht ins Erzählen eingehen, als Dian seinen Albano bat, nach so langer Seelen- und Körperbewegung schlummern zu gehen bis Sonnenuntergang, wo er ihn wecke. Agata wies ihm sein kühles Zimmer an, und er ging hinauf.

Hier vor dem kühlenden See-Zephyr war das Einschlummern schon der Schlummer, und das nachklingende Träumen schon der Schlaf. Sein Traum war ein unaufhörliches Lied, das sich selber sang: der Morgen ist eine Rose, der Tag eine Tulpe, die Nacht ist eine Lilie, und der Abend ist wieder ein Morgen.

Er träumte endlich sich in einen langen Schlaf hinab.- Spät, im Dunkeln, schlug er verjüngt wie ein Adam im Paradies das Auge auf, aber er wußte nicht, wo er war. – Er hörte fernes süßes Tönen – unbekannte Blütendüfte durchschwammen die Luft – er sah hinaus – der dunkle Himmel war mit goldnen Sternen wie mit feurigen Blüten bestreuet – an der Erde, auf dem Meere[618] schwebten Lichter-Heere, und in tiefer Ferne hing eine helle Flamme mitten im Himmel fest. Ein unbekannter Traum verwirrte noch die wirkliche Bühne mit einer verschwundenen, und Albano ging durch das stille menschenleere Haus fortträumend heraus ins Freie wie in eine Geisterinsel.

Hier zogen ihn Nachtigallen zuerst mit Tönen in die Welt herein. Er fand den Namen Ischia wieder und sah nun, daß das Schloß auf dem Felsen und die lange Dächer-Gasse der Ufer-Stadt voll brennender Lampen stand. – Er ging auf die erleuchtete, von Menschen umlagerte Stelle der Töne zu und fand eine ganz in Freudenfeuern stehende Kapelle. Einer Madonna und ihrem Kinde in der Nische wurde unter dem geschwätzigen Rausche der Freude und Andacht eine Nachtmusik vorgespielt. Hier fand er seine Wirtsleute wieder, die ihn alle im Jubel ganz vergessen hatten, und Dian sagte: »Ich hätt' Euch schon geweckt, die Nacht und die Lust währt noch lange.«

»Hört und seht doch dort den göttlichen Vesuvio, der das Fest so recht gut mitfeiert«, rief Dian, der sich so tief in die Wellen der Freude eintauchte als irgendein Ischianer. Albano sah hinüber nach der hoch im Sternenhimmel webenden Flamme, die wie ein Gott den großen Donner unter sich hatte, und die Nacht hatte das misenische Vorgebürg wie eine Wolke neben dem Vulkan aufgerichtet. Neben ihnen brannten tausend Lampen auf dem königlichen Palaste der nahen Insel Procita.

Indem er über das Meer hinblickte, dessen Küsten in die Nacht versunken waren und das unermeßlich und finster als eine zweite Nacht dahinlag: so sah er zuweilen einen zerfließenden Glanz darüberschweifen, der immer breiter und heller floß. Auch zeigte sich eine ferne Fackel in der Luft, deren Lodern lange Feuer-Furchen durch die flimmernden Wellen zog. Es kam eine Barke näher mit eingezognem Segel, weil der Wind vom Lande ging. Weibliche Gestalten erschienen auf ihr, worunter eine nach dem Vesuv gewandte von königlichem Wuchs, an deren rotem Seidenkleide der Fackelschein lang herunterfloß, das Auge festhielt. Wie sie näher schifften und das helle Meer unter den schlagenden Rudern auf beiden Seiten aufbrannte: so schien eine Göttin zu[619] kommen, um welche das Meer mit entzückten Flammen schwimmt und die es nicht weiß. Alle stiegen in einiger Ferne ans Land, wo bestellte Diener, wie es schien, dazu gewartet hatten, um alles zu erleichtern. Von der langen Gestalt nahm eine kleine, mit einer Doppellorgnette versehene einen kurzen Abschied und ging mit einem ansehnlichen Gefolge fort. Die rotgekleidete zog einen weißen Schleier über das Gesicht und ging, von zwei Jungfrauen begleitet, ernst und einer Fürstin ähnlich, der Stelle zu, wo Albano und die Töne waren.

Albano stand nahe an ihr, zwei große schwarze Augen, mit Feuer gefüllt und mit innigem Ernst auf dem Leben ruhend, strahlten durch den Schleier, der die stolze gerade Stirn und Nase verriet. In der ganzen Erscheinung war für ihn etwas Bekanntes und doch Großes, sie kam ihm als eine Feenkönigin vor, die vorlängst sich mit einem himmlischen Angesicht über seine Wiege lächelnd und begabend hereingebückt und die nun der Geist mit alter Liebe wiedererkennt. Er dachte wohl an einen Namen, den ihm Geister genannt, aber diese Gegenwart schien hier nicht möglich. Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit auf das Spiel zweier Jungfrauen, welche, niedlich in Seide gekleidet, mit Gold-besetzten seidnen Schürzen, zur Tamburine einer dritten anmutig mit verschämt gesenktem Haupte und gesenkten Augen tanzten; die beiden andern, von der Fremden mitgebrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italienischer halber Stimme süß zur holden Lust. »Es geschieht alles« (sagte ein alter Mann zur Fremden) »in der Tat zur Ehre der heiligen Jungfrau und des heiligen Nikola.« Sie nickte langsam ein ernstes Ja.

Da stand plötzlich Luna, vom Opferfeuer des Vesuvs umspielet, drüben am Himmel, als die stolze Göttin des Sonnengottes, nicht bleich, sondern feurig, gleichsam eine Donnergöttin über dem Donner des Bergs – und Albano rief unwillkürlich: »Gott, der große Mond!« – Schnell hob die Fremde den Schleier zurück und sah sich bedeutend nach der Stimme wie nach einer bekannten um; als sie den fremden Jüngling lange angeblickt, wandte sie sich nach dem Monde über dem Vesuv.

Aber Albano war von einem Gott erschüttert und von einem[620] Wunder geblendet: er sah hier Linda de Romeiro. Als sie den Schleier hob, strömte Schönheit und Glanz aus einer aufgehenden Sonne; zarte jungfräuliche Farben, liebliche Linien und süße Fülle der Jugend spielten, wie ein Blumenkranz um eine Götterstirn, mit weichen Blüten um den heiligen Ernst und mächtigen Willen auf Stirn und Lippe und um die dunkle Glut des großen Auges. Wie hatten die Bilder über sie gelogen und diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen!

Als wollte die Zeit die glänzende Erscheinung würdig umgeben, so schön spielten Himmel und Erde mit allen Strahlen des Lebens ineinander – liebesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meer – der Mond war über die ungestüme Erdflamme des Vesuvs weggezogen und bedeckte mit seinem zarten Licht die frohe Welt, das Meer und die Ufer – der Epomeo schwebte mit seinen versilberten Wäldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im Nacht-Blau – darneben lebten die singenden, tanzenden Menschen mit ihren Gebeten und ihren Fest-Raketen, die sie in die Höhe warfen. – – Da Linda lange über das Meer nach dem Vesuv gesehen: redete sie den stillen Albano, um seinem Ausruf zu antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gutzumachen, selber an: »Ich komme vom Vesuv,« (sagte sie) »aber er ist ebenso erhaben in der Nähe als in der Ferne, was so selten ist.« – Ganz fremd und geistermäßig klang es ihm, daß er diese Stimme wirklich hörte. Mit sehr bewegter versetzt' er: »Aber in diesem Lande ist ja alles groß, sogar das Kleine durch das Große – diese kleine Menschenfreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan189 und dem brennenden – alles ist eins und darum recht und so göttlich.« Zugleich an- und weggezogen, ihn nicht kennend, obwohl vorhin von seiner Stimmen-Ähnlichkeit mit Roquairol getroffen, seinen einfachen Worten gern nachdenkend, blickte sie länger, als sie merkte, das redliche, aber trotzige und warme Auge des Jünglings an; antwortete nichts, wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen zu.

Dian, der schon lange die schöne Fremde angesehen, fand endlich in seinem Gedächtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der[621] halb stolzen, halb verlegnen Miene der Künstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. »Der Grieche Dian,« (sagte Albano) »edle Gräfin!« – Verwundert über des Grafen Erkennung sagte sie zu diesem: »Ich kenne Sie nicht.« – »Meinen Vater kennen Sie,« (sagte Albano) »den Ritter von Cesara.« – »O dio!« rief die Spanierin erschrocken, wurde eine Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: »Wie sonderbar! Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier.«

Das Gespräch floß jetzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und drückte als Mündel ihre Dankbarkeit aus: »Es ist eine mächtige Natur, die sich vor allem Gemeinen bewahrt«, sagte sie, sogleich gegen die vornehme Sitte schon teilnehmend von Personen sprechend. Den Sohn beglückte das Lob auf einen Vater, er erhöhte es und fragte in froher Erwartung, wie sie seine Kälte nehme.

»Kälte?« – (sagte sie lebhaft) »das Wort hass' ich recht; wenn einmal ein seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt: so heißet er kalt. Ist die Sonne in der Nähe nicht auch kalt?« – »Der Tod ist kalt,« (rief Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte) »aber eine erhabene Kälte, eine erhabene Qual kann es wohl geben, die mit Adlersklaue das Herz in die Höhe entführt, aber es zerreißet mitten im Himmel und vor der Sonne.«

Sie sah ihn groß an: »Ihr sprecht ja wie ein Weib,« (sagte sie) »das allein hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun; aber es war artig.« – Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tüchtig, unterbrach sie mit Fragen über einzelne Kunstwerke in Neapel; sie teilte sehr offen ihre eigentümliche Ansicht mit, obwohl ziemlich entscheidend Albano dachte zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm; »bei meiner Abreise« (sagte sie) »war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was ein so ungemeines Wesen da will es ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund.« – »Was macht« (fragte Dian halb scherzend) »mein alter Gönner, der Lektor Augusti?« – Sie antwortete[622] kurz und fast über dessen vertrauliches Fragen empfindlich: »Es geht ihm gut am Hofe. – Wenigen Naturen« (wandte sie sich, über Augusti fortfahrend, an Albano) »geschieht so viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, kühlen, konsequenten wie der seinigen.« Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer Achtung für die fremdeste Eigentümlichkeit froh die Schülerin seines Vaters, der ein Gewächs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der Blüte schätzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die feingebildeten Weibern so oft abgeht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle, ergriff den Jüngling am stärkesten, und er glaubte zu sündigen, wenn er nicht seine große natürliche gegen sie verdoppelte.

Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. »Diese sind mir nötiger,« (sagte sie zu Albano) »als sie es scheinen.« Sie habe nämlich, erzählte sie, etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen, nachts unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu dürfen, und es geschah; er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.

Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schönen Flamme des Vesuvs zu blicken. »Er steht« (sagte Albano) »in diesem Hirtengedicht der Natur als eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit.« – »Glauben Sie das vom Krieg?« sagte sie. – »Entweder große Menschen« (versetzte er) »oder große Zwecke muß ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ecken gekehrt gelegen.« – »Wie wahr!« (sagte sie) – »Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?« – Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran. Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als offenherzig. »Selig seid ihr Männer,« (sagte sie) »ihr grabt euch durch den Lebens-Schnee durch und trefft endlich die[623] grüne Saat darunter an. Das kann keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar Häupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau, ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann.«

Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden Gespielinnen ihrer frühern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schöner wurde, zugleich Blume, Blüte und Frucht, statt daß sonst umgekehrt der Kopf durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sie aus Zartheit über das bisherige Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie über das Wunder des heutigen Begegnens schwieg. Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Auf einmal blieb sie auf einer Höhe stehen, um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in Bergen aufgehäufet war. Sie blickten im Glanze umher, der Schwan des Himmels, der Mond, wogte fern vom Vesuve im hohen Äther – die Riesenschlange der Erde, das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette – die Küsten und Vorgebürge dämmerten nur wie Mitternachtsträume – Klüfte voll Baumblüten flossen über von ätherischem Tau aus Licht, und unten in Tälern standen finstere Rauchsäulen auf heißen Quellen und verwallten oben in Glanz – hoch lagen überall erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Städte die Winde standen still, die Rosendüfte und die Myrtendüfte zogen allein – weich und lau umfloß die blaue Nacht die entzückte Erde, um den warmen Mond wich der Äther aus, und er sank liebestrunken mitten aus dem Himmel immer größer auf den süßen Erdenfrühling herein – der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, weiß von Sand oder Schnee, in Morgen – im dunklern Blau waren die Goldkörner der feurigen Sterne weit auseinandergesäet. –

Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine überirdische Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke löseten sich wieder sanft auseinander;[624] sie schaueten in die Welt und in das Herz und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter.

Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwätzigen Mädchen aus: »Es kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fühl' es recht, gute Nacht!« – Es war Agata. »Gott geb' eines«, sagte Albano. »O warum?« sagte Linda eifrig, aber leise. – »Alles, was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir heute kindlich-lieb, sogar der Tod – gehören wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit?« sagt' er. – »Ja, das darf in der Freude der Mensch fühlen und glauben, nur im Schmerze sprech' er nicht von Unsterblichkeit, in solcher Seelenohnmacht ist er ihrer nicht würdig.«

Albanos Geist stand hier von der Fürstenbank auf, um die hohe Verwandte zu grüßen, und sagte: »Unsterbliche! und wär' es sonst niemand!« Sie lächelte still und ging fort. Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt, ins Feuer geworfen, brennend, nicht verbrennend, das ganze vorige Leben losch weg, das Blatt glänzte feurig und rein für Lindas Hand.

Als sie die letzte Anhöhe erreichten, worunter Lindas und Juliennens Wohnung lag, und sie nebeneinander zur Trennung standen, da rief plötzlich unten das Mädchen: »Ein Erdbeben!« Aus der Hölle heran rollte ein Donnerwagen in den unterirdischen Wegen – ein breiter Blitz schlug die Flügel am reinen Himmel unter den Sternen auf und zu – die Erde und die Sterne zitterten, und aufgeschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht. Albano hatte die Hände der wankenden Linda ergriffen. Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen Götter-Statue aus Marmor verblüht. Es war schon vorbei; nur einige Sterne der Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer, und wunderbare Wolken zogen unten ringsherum auf. »Bin ich nicht recht furchtsam?« sagte sie weich. Albano schauete ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgenrot ins Angesicht und drückte ihre Hände. Sie wollte sie heftig wegziehen. »Gib sie mir ewig!« sagte er heftig. -»Kühner Mensch,« (sagte sie verwirrt) »wer bist du? – Kennst du mich? – Wenn du bist wie ich, so schwöre und sage, ob du immer wahr gewesen!« – Albano sah gen Himmel, sein Leben wurde gewogen, Gott war nahe bei ihm,[625] er antwortete sanft und fest »Linda, immer!« – »Ich auch!« sagte sie und neigte schamhaft das schöne Haupt an seine Brust, hob es aber sogleich wieder auf mit den großen feuchten Augen und sagte schnell: »Gehen Sie jetzt! Früh morgens kommen Sie, Albano! Addio, addio!« –

Die Mädchen kamen herauf, Albano ging hinab, die Brust gefüllt mit Lebenswärme, mit Lebensglanz – die Natur wehte mit frischern Düften aus den Gärtern her – das Meer rauschte unten wieder, und auf dem Vesuv brannte eine Amors-Fackel, ein Freudenfeuer – durch den Nacht-Himmel zogen noch einige Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne – und an das Himmels-Gewölbe war die Himmelsleiter aus goldnen Sprossen von Sternen gelehnt.

Da Albano so einsam in der Seligkeit ging, aufgelöset in die Wonne der Liebe, in den Duft der Täler, in den Glanz der Höhen, träumend, schwebend: so sah er Zugvögel über das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen, wo Liane gelebt. »Heilige droben,« (rief sein Herz) »du wolltest dies Glück, erscheine und segne es!« Unerwartet stand er vor einer Kapellen-Nische, worin die heilige Jungfrau stand. Der Mond verklärte die blasse Statue die Jungfrau belebte sich unter dem Glanze und wurde Lianen ähnlicher – er kniete hin, und heiß gab er Gott die Dankgebete und Lianen die Tränen. Als er aufstand, girrten in Träumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall, die heißen Quellen dampften schimmernd, und er hörte das frohe Singen der fernen Menschen herauf.

187

Borgo d'Ischia.

188

Er meint die Traube, die dreimal des Jahres da gewonnen wird, im Dezember, März und August.

189

Die Insel Ischia selber.

190

Taggesicht (Hemeralopie) ist gewöhnlich in heißen Ländern; der stärkste Grad ist, nachts sogar gegen Licht blind zu sein und erst am Morgen wieder sehend.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 617-626.
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