120. Zykel

[681] Gaspard hatte gegen seinen Sohn die gewöhnliche vornehme Kälte der ersten Stunde, wie Briefe kälter anfangen als endigen. Erst als dieser Morgen-Reif geschmolzen und es wärmer um ihn geworden, entdeckte ihm Albano ohne Furcht und ohne kleinmütiges Erröten mit gereifter Männlichkeit den Bund, den er mit Linda und mit sich auf ewig geschlossen, und bat ihn um das dritte Ja. »So hat es doch« (versetzte der Ritter) »der alte Zauberer am Ende noch durchgesetzt; freilich unter dem Beistand einer jungen Zauberin. Daß ich dich in dem, was du mit ganzer Seele und auf immer ergreifest, niemals störe, das weißt du noch vom vorigen Jahre aus einem ähnlichen Fall.« Albano wurde über die bittere Erwähnung seiner ersten Liebe rot, hatte aber seit einem halben Jahre die Kraft gewonnen, da männlich zu schweigen, wo er sonst jugendlich sprach. Gaspard, heute froher und gegen ihn wärmer als sonst, fuhr doch, als er dessen Empfindlichkeit bemerkte, fort: »Ich heiß' es gut! Wie der Siegelgräber das Wappen anfangs in Wachs, und erst dann in den Edelstein sticht, so versucht der Mann das seinige in mehr als ein Herz zu graben, bis er endlich das festeste hält. Man muß bekennen, du hast nicht am schlimmsten ausgewählt in meiner Mündel, und ich gebe gern mein Wort dazu.«

Albano drückte die Hand, die den süßen Knoten der Liebe noch fester zog, und sagte im Rausche des Danks: »Auch meine Schwester fand ich, die Prinzessin, aber ich tue an Sie keine Frage wie neulich, sondern rechne auf die Zeit.« – »Spötter!« (sagte Gaspard und nahm, ihn abzukühlen, wie es schien, den grausamen Schein an, als denk' er, der reine edle Sohn hab' ihm mit der Erwähnung der Schwester den Spott der vielfachen Liebe zurückgeben wollen) »schweige nur über alles im Innersten wie ich selber bisher; und verbirg dein Wissen dem Hofe; gib mir dein Ehrenwort.«[681]

Albano sagte, auch Juliennen hab' ers schon gegeben; er wurd' aber durch Gaspards ganzes Betragen auf Schlüsse zurückgetrieben, die weder seinem Vater noch Juliennens Mutter sittliche Kränze aufsetzten.

Gaspard setzte noch dazu, es sei für einen Mann ein Unglück, mit phantastischen Weibern – wie Albano schon seine Mutter kenne – und zwar mit dreien auf einmal verwickelt zu sein, und riet ihm, seinen Schritt wie bisher tapfer durch alle Rätsel fort zu tun und sie ihrer eignen Auflösung zu überlassen; darauf legt' er ihm als eine Probe der dritten Phantastin die Frage vor, ob er schon wisse, daß die Gräfin ungeachtet seiner Vormundschaft ihren lebendigen Vater noch habe, der erst an ihrem Hochzeittage erscheinen wolle. Er bejaht' es. Gaspard fuhr nun fort: schon dieser Grund allein – damit Linda ihren Vater und sie alle endlich die Ruhe der Klarheit fänden – bestimme ihn für eine frühe heimliche Verbindung beider durch den ehrlichen Spener.

Albano – ordentlich erschreckend vor der schnellen nahen Verwandlung seliger Stunden in selige Jahre und ebenso unvermögend, sich seine Titanide als Gattin zu denken wie als Kind – antwortete bescheiden und mit uneigennütziger Rücksicht auf Lindas Ehe-Scheu: über die Zeit seines besiegelten Glücks dürfe und könne niemand entscheiden als Linda selber.

Gaspard war zufrieden: »Nur um einen Aufschub halt' ich bei euch an,« (fügt' er noch bei) »mein Freund, der Fürst, ist seinem Ende wieder näher – die wohltätige Wirkung, die auf ihn eine Geister-Erscheinung gemacht, hat allmählich nachgelassen, und er fürchtet täglich die Wiederkunft des Phantoms, das ihm die letzten Stunden vorauszusagen versprochen. – In solcher Zeit taugt mir euer Fest nicht. – Im Vertrauen gesagt, der arme Kranke hatte selber ein Auge auf die schöne Braut. – Es ist doch billig, ihn mit der größten Gewißheit seines Verlustes zu verschonen. Seinetwegen verschieb' ich auch meine Abreise.«

Wie wenn ein Mensch in das junge Paradies träte und alle Vögel auf einmal, Nachtigallen und Adler und Eulen und Paradiesvögel und Geier und Lerchen, umzögen ihn: so verworren fühlte sich Albano durch diese durchkreuzende Ansichten erregt,[682] und er merkte, hierin geb' es keinen Verlaß und Vorhalt als auf sein eignes Herz und Linda ihres.

Gaspard schien ungeduldig auf das Wiedersehen der Gräfin zu sein, die er seine einzige Freundin nannte. »Ich glaubte leider in Rom meinem Bruder nicht,« (setzt er dazu) »da er beiden Frauen in Neapel wollte begegnet sein. – Apropos, dieser ist vor einiger Zeit hier durch nach Spanien gegangen; in Rom behauptete er, nach Griechenland zu reisen – du siehst, mit welcher poetischen Lust und Genialität er das reine Lügen treibt.«

Gaspard schied sehr warm von ihm mit den Worten: »Albano, ich bin mit dir zufrieden, ich wär' es unendlich, wenn die Reinheit des Jünglings in den Mann überginge – noch hab' ichs nie gefunden.« – Albano wollte gerührt beteuern und beschwören. »Darum« (fuhr er mit einer leichten, den Eid wegtreibenden Handbewegung fort) »fandest du mich so froh über dein Glück, denn die Fürstin, Freund, hatte mir deine Liebe schon am Morgen verkündigt. Nimm dich in acht vor ihr, denn sie hasset dich ohne Grenzen.«

Hart und schauerlich tritt, wie ein neues wunderbares Raubtier hinter dem Gitter, zum erstenmal ein rechter, wenn auch waffenloser Haß vor ein gutes Herz. Albano begehrte keine Bekräftigung und Erklärung dieser traurigen Nachricht, denn der Fürstin Liebe und Irrtum, ihre Bekanntschaft mit seiner vorigen Kälte gegen Linda, ihr stiller Ingrimm gegen diese selber waren ja für sie Flammen genug, um daran den stärksten Gift zu kochen.

Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem für ihn unbedeutend in der Tiefe liegenden Doktor Sphex; und Gaspard wieder im Schloß nahe am kranken Freund. Der Ritter stellte ihn schnell dem Hofe vor, der das Reise-Braun, den schärfern Augen-Blitz und die ganze letzte Entwicklung seiner großen Gestalt schnell bemerkte und bemerken ließ. Die Fürstin empfing ihn mit der leichtesten feinsten Kälte, gleichsam einer aqua toffana, die nur reines geschmackloses Wasser scheint. Der Fürst saß im Krankenbette aufrecht mit verdrüßlichem Gesicht vor herkulanischen Zeichnungen und ließ sich darüber von Bouverot belehren. Wie ein Gesicht, auf welchem in den späten grauen Jahren[683] des Lebens noch schöne Freudigkeit sich bilden kann, ein schönes Leben und schönes Herz verkündigt: so lächelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette, und der Verlorne nie härter als eben da. Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder seiner Schwester.

Schmachtend sah er nach dem vergangnen Hesperien zurück und auf die Paradieses-Pforte hin, die endlich aufgehen und Linda und die Schwester im Eden zeigen sollte. »Es wird dir recht sein,« (hatte Gaspard gesagt) »daß ich es unter dem Vorwand der Krankheit Luigis gemacht, daß beide im alten Schloß zu Lilar wohnen, wo du sie unbemerkter sehen kannst.« Er begegnete dem Minister Froulay, und ihm kam entgegen der Lektor; – mit beiden ging ein dunkles vielfaches Schatten-Gefolge von harten alten Erinnerungen mit. Noch hatt' er den Hauptmann Roquairol nicht gesehen, jetzt für ihn der Abendnebel eines untergegangnen Frühlingstags.

Er trug, so schnell er konnte, sein stummes Herz – das eine Äolsharfe in der Windstille war – nach dem kindlichen Blumenbühl, um die elterlichen Menschen zu begrüßen und die Blätter seines nächsten Seelen-Nachbars Schoppe zu lesen, nach dessen versprochner Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 681-684.
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