115. Zykel

[653] Und als sie sich wieder sahen und wieder faßten: waren sie entzückter und verbundner, als es jedes glückliche Herz vorausgesehen. Linda saß still und sanft, sah den schönen Jüngling an und ließ ihn und die Schwester erzählen, die sich oft unterbrach, um beide zu küssen. Er sprach sehr erfreuet über Lindas Brief; Männer machen überall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber.

Linda sprach gleichgültig: »Ach was! Ists geschrieben und gelesen, so sei es vergessen. In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Faux-brillant.« -»Die Gräfin« (sagte Julienne) »lobt niemand ins Gesicht als sich.« Linda ertrug mit eigner Gutmütigkeit den Spott. Albano, ihr oft gefallend und mißfällig, wo ers nicht wußte, vergab der Liebe so leicht. Der Freundschaft vergibt die beleidigte Eitelkeit schwerer.

»Zwar doch!« (holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) »Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Faux-brillant. Kannst du denn glauben, daß man es dir zulässet? daß eine Prinzessin-Schwester von Hohenfließ dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!« Albano lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. »Zeige mir« (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) »auf der Landkarte eine bessere[653] Laufbahn!« – »Einen bösern Laufgraben?« (sagte sie spielend) »Wohl kaum!« Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, momit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte dazu »Lieber ein müßiger Graf als das!« – Er wurde rot. Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krummschließen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset; – »in einer Welt, die nur eine Meßwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Meß- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark«, hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. »Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht,« (sagt' er) »sonst verständen wir uns leichter.« Lindas Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. – Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. Albano dachte an die Zeit, wo er ein Herz aus Wachs zerdrückte mit einem aus Eisen, und sagte, heller und kälter: »Julienne, ich will gern kein Nein zu dir sagen, wenn du es nur für kein Ja ansiehst.« – Er könnte, fiel ihm ein, seinen Widerspruch leicht hinter die Zukunft verstecken, da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war; aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug. – »Quäle nicht!« sagte Linda zu ihr. »Jawohl,« (sagte Julienne aufspringend) »ich darf ja nur an das und an das denken was weiß ich!« und sah sehr ernsthaft aus. »Noch zwei Tage« (setzte sie dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen) »können wir auf der Insel wie Götter, ja wie Göttinnen verleben; wiewohl zu einem Gott taug' ich allenfalls, nur zu keiner Göttin; diese muß länger sein; ich bin nur die Folie der Gräfin aus unendlicher Güte.« Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der majestätischen Linda.

Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden geschlossen und blieb daher in seinen Waffen. Wie der Vesuv glühende Steine, so wirft der Mensch seine Vorwürfe so lange in sich empor und erhebt und verschlingt sie wechselnd,[654] bis endlich eine glücklichere Richtung sie über den Rand hinaustreibt.

In Albano arbeitete wohl die Frage, was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege über und wider den großen bedeute; allein er legte sie nicht vor. Der Unabänderlichkeit seines Entschlusses sich bewußt, war er milder gegen die Schwester, die er, glaubt' er, doch einmal sehr damit verwunden würde. So war er durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden, wie ein Edelstein durch schnelles Erglühen und Abkühlen sich in Arzenei verwandelt.

Schnell und schön gingen die letzten Freudentage über die Insel hinüber, die nach dem Regen wie ein deutscher Garten grünte. Die weiche kühle Luft – die Myrten- und die Orangendüfte einzelne Glanzwolken am warmen Himmel – der Zauberrauch der Küsten – die goldne Sonne am Morgen und am Abend – und die Liebe und die Jugend schmückten und krönten die einzige Zeit. Hoch brannte auf der blühenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel. Wie zwei Spiegel voreinander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt und der andere alles dies und auch die Gemälde und den Maler: so ruhten Albano und Linda voreinander, Seele in Seele ziehend und malend. Wie der Montblanc herrlich sich im stillen Chedersee hinabspiegelt in einen blassern Himmel: so stand Albanos ganzer fester lichter Geist in Lindas ihrem. Sie sagte: er sei ein Redlicher und Edler zugleich und habe, was so selten sei, einen ganzen Willen; nur woll' er, wie oft die Männer, noch mehr lieben, als er liebe, und daher merk' er seine stille Erbsünde vor Selbstsucht nicht genug. Gegen nichts sträubt' er sich zorniger und aufgebrachter als gegen den letztern Tadel, und er vergab ihn niemand als der Gräfin. Er widerlegte sie, so stark er konnte; aber ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm in der nächsten Stunde wieder lebendig entgegen.

Mit sich wurd' er durch sie näher bekannt als mit ihr selber. Er nannte sie die Uranide, weil sie ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien; und sie hatte nichts gegen diesen vollen[655] Lorbeerkranz. Es gibt eine himmlische Unergründlichkeit, die den Menschen göttlich und die Liebe gegen ihn unendlich macht; so ließen die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht und des Erebus sein. Wenn Albano so über den weiten reichen Geist Lindas hinsah – sie, zugleich ihrer Liebe lebend und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom Wissens-Durste trunken – zugleich ein Kind, ein Mann und eine Jungfrau – oft hart und kühn mit der Zunge, für und gegen Religion und Weiblichkeit und doch voll der zärtesten kindlichsten Liebe gegen beide – glühend zerschmelzend vor dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anrühren – ohne alle Eitelkeit, weil sie immer vor dem Throne einer göttlichen Idee stand und der Mensch nie eitel ist vor Gott, aber sich alles zutrauend und vor niemand demütig, ohne doch sich oder andere zu vergleichen voll männlicher kecker Aufrichtigkeit und voll Achtung für Gewandtheit und listigen Welt-Verstand – so ohne Eigennutz und kindlich über Frohe froh, ohne besondere Sorge und Achtung für Menschen – so unbeständig und unbiegsam, jenes in Wünschen, dieses im Wollen – aber ewig ihr Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs, gegen Würde und Liebe gerichtet, gegen das eigne und gegen ein geliebtes Herz: wenn Albano das alles vor sich spielen und weben sah, so lebt' er gleichsam auf dem einfachen und doch unabsehlichen, dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere, dessen Grenze bloß der klare Himmel ist, der keine hat.

An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgenröte des Reise-Tages. Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt, daß Albano sie nur bis Neapel, wo ihre Leute ihrer warteten, begleiten – dann sie in Rom einmal zufällig – dann auf Isola bella zum letzten Male zufällig finden dürfte; eine sehr unfreundliche Unterwürfigkeit unter den Welt-Schein, auf welche aber Linda so stark als Julienne drang und zu welcher selber Albano, durch seine Geburt mehr zum Standes-Zwange abgehärtet als ein bürgerlicher Jüngling von gleicher Seele, leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhältnisse hergab. Julienne entschied über alle kleinern Maßregeln; sie war[656] auf der ganzen Reise die Geschäftsträgerin der Gräfin gewesen, die, wie sie sagte, nicht Kopf genug habe, um sich einen Hut darauf zu kaufen, so rasch, geldvergessen und träumend sei sie. Die Schwester war so munter und ganz hergestellt, sagte aber, alle Fünfunddreißig heiße Quellen der Insel hätten nicht halb so viel für ihre Genesung getan als ebenso viele Freudentränen, die sie zum Glück vergossen habe.

Sonderbar erschien alles um sie am Reise-Morgen: ein helles warmes Gewölk' vertropfte silbern – die Sonne schien zwischen zwei Bergen darein – die entzückten Eiländer sangen ein neues Volkslied unter der Regen-Ernte oder Tropfen-Lese – indes ihre Freunde eilig von den Wellen aus ihrem Freuden-Kreise weggezogen wurden. Agata stand, um sich zu kühlen, mit einer Schlange in der Hand am Ufer, und Albano fühlte dabei einen Schmerz, den er sich nicht zu erklären wußte. Jetzt warf der Epomeo den Wolken-Himmel auseinander, und glänzende Wolken-Stücke zogen langsam ihnen voraus, nach dem Apennin, dem Norden zu, dem Wohnhimmel der Nebel, und schnell und leicht glitten die Schatten des Himmels über die wimmelnden Wellenspitzen.

»Immer« (sagte Albano, nach der nach Westen zurückschwimmenden Insel blickend) »bestehe mit deinem Berg; nie reiße ein Unglück das schönste Blatt aus dem Buche der Seligen!« – »Wie wird es mit uns allen sein,« (sagte Linda) »wenn wir einmal wiederkommen und den schönen Boden wieder suchen?« – Da erblickten sie einen hochgewölbten Regenbogen, der halb auf der Insel und halb auf den Wellen stand, die ihn wie einen gewölbten bunten Wasserstrahl auf das Ufer auszuwerfen schienen »Wir werden« (sagte Julienne entzückt) »durch den Bogen des Friedens eingehen.« Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz; und allein die Sonne glänzte hinter ihnen.

Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt. Die Fernen glänzten und dampften herrlich. »Warum ergreifen die Fernen so mächtig die Seele, obgleich aus denselben Farben wie die Nähe gemalt?« sagte Albano. »Das ist eben die Frage«, sagte Dian. Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Küsten über ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgestreckt und hob die Schuppen[657] von Wellen auf und nieder. Albano sagte: »Da ich auf dem Vesuv das Gebürg' ansah und das Meer: so dacht' ich daran, wie klein und falsch teilet der enge Mensch die zwei Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und tut, als reiche nicht dasselbe Meer um die ganze Erde.«

Seine Freundinnen konnten, zu innig und trübe bewegt, nichts antworten, und vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte, kaum Blicke frei. Als Albano wieder das Schlachtfeld der Zeit, die Ruinen-Küste, näher sah, die den Mann ewig fassen und heben – die alten Tempel und Thermen, wie alte Schiffe auf dem Lande sterbend – hier einen niedergedrückten Riesentempel, dort eine Stadtgasse unten auf dem Meersboden193 – die heiligen Gedächtnissäulen und Leuchttürme voriger Größe leer und ausgelöscht neben der ewig jungen Schönheit der alten Natur: so vergaß er die Nachbarschaft seiner eignen Vergänglichkeit und sagte zu Linda, deren Auge er dahin gerichtet: »Vielleicht errat' ich, was Sie jetzt denken, daß die Ruinen der zwei größten Zeiten, der griechischen und römischen, uns nur an eine fremde Vergangenheit erinnern, indes andere Ruinen uns nur gleich der Musik an die eigne mahnen, das dachten Sie vielleicht.« – »Wir denken hier gar nichts,« (sagte Julienne) »es ist genug, wenn wir weinen, daß wir fort müssen.« – »Wahrlich, die Prinzessin hat recht«, sagte Linda und setzte wie unmutig über Albano und alles dazu: »Und was ist das Leben weiter als eine gläserne Himmelspforte? Sie zeigt uns das Schönste und jedes Glück, aber sie ist doch nicht offen.«

Durch Zufälle fremder Umgebung waren sie gezwungen, sich mit kaltem Scheine zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine große Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschließen.

Albano reisete, so schnell sein Sinn es vermochte, über die erhabne Welt um ihn her. Als er in Mola ankam, hört' er die seltsame Nachricht, daß man in Gaeta eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gefunden, die des aufgefahrnen Mönchs seine gewesen sein müsse und bei welcher[658] man nichts so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen toten Leib. – In Mola verduftete endlich die schöne Ischias-Insel, die hohe Himmelsburg, und der steigende Pol bedeckte unter andern südlichen Sternbildern auch dieses warme, das mit Glückssonnen so lange über ihm geschimmert; und der letzte Stern des kurzen Frühlings ging hinab.

Das ist das Leben, das ist das Glück. Wie der spielende Mond besteht es aus ersten und letzten Vierteln, und langsam nimmt es zu und langsam ab – in seiner Hoffnung, in seiner Furcht –; ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten Entzückung, eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten Öde; – und immer hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 653-659.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Titan
Sämtliche Werke, 10 Bde., Bd.3, Titan
Titan (insel taschenbuch)
Titan. Bd. 1/2
Titan: A Romance from the German (German Edition)
Titan, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon