130. Zykel

[745] Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des Spieles halber gekommen; aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen Bühne selber angezogen. Die Bühne war auf der sogenannten Schlummerinsel des Prinzengartens, welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen, Gebüschen und hohen Bäumen zugedeckt war. Ihre Morgenseite zeigte einen offnen freien Vorgrund, auf welchem gespielt werden sollte, mit einer weißen Sphinx auf einem leeren Grabmal tiefer im Grün. Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien; Parterre und Logen das jenseitige Ufer, das von der Insel sich durch einen See abtrennte, der so breit war als ein mäßiges Schiff. An zwei Bäume der beiden Ufer gebunden, hing in die Mitte des Sees wie eine Laterne der Käfig der Dohle oder des Chors herab, um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nähern. »Ich bin in der Tat neugierig,« (sagte der Ritter zu seinem Sohne) »woher er das Tragische nehmen wird.« – »Doch!« (sagte[745] Roquairol, der bisher schweigend und unruhig und auf den Boden schauend auf- und abgegangen war) »Nur muß ich allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen. Da ich im fünften Akte den Mond anrede, so kann ich den wahren sehr gut brauchen, wenn ich nur gerade so anfange, daß sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft.«

Endlich stieg er blaß werdend in den Charons-Nachen, wie er sagte, und fuhr allein hinüber. Dann schifften die übrigen Spieler nacheinander fort. Alle verloren sich hinter die Bäume. Nun hob sich hinten in den zugelaubten Abend-Ländern der Insel die ewige Ouvertüre aus Mozarts Don Juan wie ein unsichtbares Geisterreich langsam und groß in die Lüfte.

»Diablesse!« rief darauf der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte dabei zum Zeichen in die Hände.

»Macht auf den Sarg« (begann dumpf das Tier, begleitet von einzelnen lugubern Tönen des Orchesters) »auf dem Gottesacker und zeigt zum letzten Male die Leichenbrust und Sein trocknes Augenlid, und dann drückt ihn zu auf immer.«

Jetzt traten Lilia (Chariton) und Carlos (Dian) heraus, zwei Liebende noch in der ersten Zeit der ersten Liebe – noch kein trüber Tränenregen verschwemmte den goldnen Morgentau – sie sind sich so treu. Lilia freuet sich mit ihm, daß jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Car los als ihren ewigen findet. »Vielleicht ist er auch recht glücklich«, sagte Lilia. »O so gewiß,« (sagte Carlos) »er ist ja sonst alles.« Zuweilen schwiegen beide im frohen Anblicken, dann gingen Töne aus dem verhüllten Abend der Insel und trugen die stumme Wonne in den Äther und zeigten sie ihnen schwebend und verklärt. Unter den Zuschauern breitete sich eine süße Teilnahme an Dians und Charitons zartem, aber mit südlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schönen Wirklichkeit aus; man hörte und sah die Griechen. – Auf einmal entfloh Lilia hinter die Blumen-Gebüsche; denn ihr Feind Salera, Carlos' Vater, kam, von Bouverot gespielt.

Salera verkündigte dem Sohne zürnend die Ankunft seiner Braut Athenais. Carlos offenbarte ihm jetzt das Geheimnis seiner[746] frühern Liebe und zeigte sich gewaffnet gegen eine ganze Zukunft. Salera rief erbittert: »Wäre Sie doch nicht schön, damit ich dich zwänge und strafte! Aber du wirst Sie sehen und mir gehorchen, und ich werde dich doch hassen.« Carlos versetzte: »Vater, ich habe schon Lilia gesehen.« – Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab, und Carlos wünschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr, um mit ihm die Schwester leichter zu entführen durch dessen Bereden und Begleiten zugleich. Hier schloß sich der erste Akt.

Der Bruder des Ritters rief zur Dohle: »Diablesse!« und scharrte zum Zeichen mit dem Fuße.

»Erscheine, blasser Mann,« (sprach das Tier) »die Uhr wiegt die Zeit, Mensch des Jammers, lande auf der stillen Insel an!«

Hiort trat blaß beschminkt hervor mit offner Brust, blickte das Grabmal an und sagte aus innerster Seele: »Endlich!« Die Musik spielte einen Tanz. »Jawohl Schlummerinsel – unser Tag endigt mit Schlaf«, setzt' er dazu. Jetzt kam sein Carlos: »Hiort, bist du tot?« rief er im Schrecken über die Leiche. »Ich bin nur bleich«, sagt' er. »O wie kommst du so aus der schönen bunten Erde zurück?« sagte Carlos. »Ausgeschöpft, Karl – mit totgebornen Hoffnungen – meine Gegenwart ist von der Vergangenheit enterbt das Sinnenlaub ist gefallen – nicht einmal die schöne Natur mag ich mehr, und Wolken wie Gebürge sind mir lieber als wahre Gebürge – ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet – und doch muß ich in dieser leeren Brust einen Würgengel herumtragen, der ewig gräbt und schreibt, und jeder Buchstabe ist eine Wunde – Rate nicht! Sie nennens das Gewissen. Aber ein wenig Schlaftrunk her auf der Schlafinsel, Karl!«

Man brachte Wein. Er erzählte nun dem Freunde sein Leben seine Fehler, worunter er auch den aufführte, den er eben fortsetzte, das Trinken – seine sich wiedergebärende Eitelkeit sogar mit ihrem Selbst-Geständnis – seine Weiber-Siege, die ihn zu einem Magnet-Berge voll angeflogner Nägel zerfallner Schiffe machten – seinen Hang, wie Kardan Freunde zu beleidigen, ein eigenes oder fremdes Glück zu unterbrechen, wie schon als Kind[747] den Prediger, oder im schönsten Spiel das Klavier zu zerschlagen und in einem Enthusiasmus das Frechste zu denken –

»Sonst hatt' ich doch noch zwei Ichs, eines, das versprach und log, eines, das dem andern glaubte; jetzt lügen sie beide einander an, und keines glaubt.« Carlos antwortete: »Schrecklich! – Aber deine Trauer ist ja selber Hülfe und Gabe.« – »Ach was!« (versetzt' er) »Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als die vergangne Lage, worin ers beging, indes er es in einer frischen wieder neu und süß findet und fortliebt. – Was dort kalt liegt, das ist mein Bild,« (indem er auf die Sphinx zeigte) »das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust – hilf mir, ziehe das reißende Untier heraus!« –

Albano ergrimmte im Innersten über die frevelnde Wiederholung jener bekennenden zärtlichen Nacht mit ihm204. »Er ist frech genug,« (sagte leise Gaspard zu Albano) »weil er, wie ich höre, wirklich sich selber spielen soll; aber da er sich so sieht, ist er doch besser, als er sich sieht.« – »O,« (sagte Albano) »so dacht' ich sonst! Aber ist denn das Schauen auf den schlechten Zustand ein guter? Ist er nicht desto schlechter, daß er dieses Bewußt sein erträgt, und wird desto schwächer, daß er einen unheilbaren Krebsschaden an sich wachsen sieht? Das Höchste hat er ohnehin verloren, die Unschuld.« – »Eine flüchtige Wiegen-Tugend! – Ein helles, keckes Reflektieren hat er doch«, sagte Gaspard. »Nur weichliche, ehrlose, zweideutige, vielseitige Mattigkeit des Herzens hat er; spricht von Kraft und kann nicht die dünnste Lust- Schlinge zerreißen«, sagte Albano.

»Karl,« (sagte Hiort weich, als antwortete er jenen) »ja, noch eine Hülfe gibts. Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschießet – wenn das Dasein nun nichts wird, kein Lust-, kein Trauer-Spiel, nur ein fades Schau-Spiel: so ist dem Menschen noch ein Himmel offen, der ihn aufnimmt, die Liebe. Schließet sich dieser zu, so ist er ewig verdammt. Carlos, mein Carlos, ich könnte noch glücklich werden – denn ich habe Athenais gesehen – aber ich kann noch unglücklicher werden, denn sie liebt mich nicht. In meinem Herzen liegt dieser prangende,[748] aber scharf fortschneidende Demant, an dem es blutet, sooft es schlägt.« – Überall ließ jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen. Hier brachte anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr, daß Athenais von seinem Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme; aber er stillte ihn, da seine Schwester Lilia erschien, indem er schnell ihre Hand nahm und sagte: »Nur diese lieb' ich.« – Sie sprachen über die Hindernisse von seiten des alten Salera, den Carlos ein Eisfeld nannte, das unter keiner Sonne trüge und nicht anzubauen wäre. »Stehe mir bei, Karl,« (sagte Hiort) »denke, was du mir geschrieben: wie zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein trocknen205.« – So verständigten, verketteten und erhoben die drei Menschen sich einander wechselseitig, alle hatten ein Ziel, das gemeinschaftliche Glück. – Carlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater, Hiort den Schutz seiner Schwester und rief: »Endlich gießet das leere Füllhorn der Zeit, das bisher nichts gab als Klänge, wieder Blumen aus – O die Weiber! Wie gemein und alltäglich sind fast alle Männer! Aber fast jede Frau ist neu!« – Lächelnd sagte Gaspard: »Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich.« – Froh und friedlich schloß der zweite Akt.

»Diablesse!« rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft.

»Flüchtig« (fing die schwarze Dohle unter Tönen an) »ist der Mensch, flüchtiger ist sein Glück, aber früher stirbt der Freund mit seinem Wort.«

Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen Fortsetzung des Kunst-Zaubers – welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen Kunstwerk gebührte – alles prosaische kalte Erstaunen auf, sogar das über das wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See. Eine große schöne stolze Frau erschien Athenais (von der Kaufmannsfrau, Roquairols Nebengeliebte, gespielt), voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia, die sich »die kleine Athenais« nannte, und süß nachträumend den Traum der vorigen Zeiten. Lilia sinkt in ihre Arme mit doppelten Tränen;[749] in ihrer Hand trägt Athenais ja drei Himmel und drei Höllen. »Wie schön kommst du wieder! – Mein armer Bruder!« sagte Lilia leise. – »Nenn ihn nicht,« (sagte sie stolz) »er kann für mich sterben, aber ich kann nicht für ihn leben.« – Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia – erstarrt im Fluge – fasset sich und nähert sich Lilia. Diese sagt: »Graf Salera – Athenais« – er wurde blaß, diese rot. Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei; je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt. Lilia wird schaudernd immer stärker Athenais' plötzlichen Sieg über ihr Glück und Lieben gewahr. Athenais ging ab. Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an: »Hab' ich recht?« fragt Lilia. »Hab' ich schuld?« sagt Carlos. »Nein,« (sagt sie) »denn du bist ein Mensch und, was noch schlimmer, ein Mann.« – »Was soll ich denn tun?« versetzt Carlos. »Du sollst« (sagte sie feierlich) »nach einem Jahr in einen Garten auf einer Höhe gehen und dich um sehen und mich suchen im Garten – im Garten – unter den Beeten – tief unter einem – ich weiß nicht wie tief« – Sie eilte wie wahnsinnig davon und sang: »Vorüber, vorüber, das Lieben und Leben!«

Carlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf: »Du tusts, Gott!« und ging ab – begegnete seinem Freund, der ungestüm und froh ausrief: »Sie ist da!« – eilte aber stolz weiter und rief nur zurück: »Jetzt nicht, Hiort!« Zu diesem kam weinend Lilia und führte ihn fort: »Komm,« (sagte sie) »sieh das Grabmal nicht an, wir sind beide zu unglücklich.«

Da trat der alte Salera auf mit Athenais – vergriff-sich zwischen Eis und Brand und nahm seine kalte Münze für warme lobte männlich sie, und väterlich den Sohn – und sagte wie in einem Schauspiel: da kommt er selber. »Hier stell' ich dir, Sohn,« (sagt' er) »dein Glück vor, wenn du es verdienen kannst.« Carlos hatte Lilias Herz verloren – der Wunsch des Vaters, die Macht der Schönheit, die Allmacht der liebenden Schönheit standen vor ihm, seine Sehnsucht und der Gedanke der Grausamkeit gegen diese Göttin und endlich eine Welt in ihm, die so nahe an ihrer Sonne stand, siegten über eine doppelte Treue – er sank aufs Knie vor ihr und sagte: »Ich bin schuldlos, wenn ich glücklich bin.« –[750] Das Paar geht auf der einen Seite ab; Salera auf der andern und trifft auf Lilia, deren Hand er mit den Worten nimmt: »Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen gewiß den innigsten Anteil an dem neuesten Glück desselben durch Athenais.« – So schloß sich der dritte Akt, der Albano durch ungerechte, alles verdrehende Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und füllte, bloß um Roquairol über dieses meuchelmörderische Zücken des tragischen Dolchs zur Rede zu stellen. »Der Patron« (sagte lachend Gaspard) »glaubt mich auch hereinzumalen; ich wünsche aber, daß er derbere Farben nehme.«

Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor, und die schwarze Dohle sprach sogleich: »Die Sünde straft die Sünde und den Feind der Feind; zaumlos ist die Liebe, zaumlos auch die Rache – Seht, nun kommt der Mensch, den sie nicht mehr lieben, und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn.« Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf niederzog – unendlich weinend und trinkend – sanfte Abend-Töne der Musik verschmolzen mit dem aufgelösten Leben; – »Ach so ists!« (rief er aus tiefer, schmerzender Brust) »Wirf sie nur endlich weg, die zwei letzten Rosen des Lebens206 – zu viele Bienen und Stacheln stecken in ihnen – sie ziehen dein Blut und geben dir Gift – O wie ich liebte! Allmächtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht dich! – Und nun so steh' ich leer und arm und kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein einziges Herz, nicht mein eignes – das ist schon hinunter ins Grab – Der Docht ist aus meinem Leben gezogen, und es rinnt dunkel hin – O ihr Menschen, ihr dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, daß es noch Liebe gebe hie nieden? Schauet mich an, ich habe keine – Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe, ein Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende Wolken, als binde und trag' er sie – Spaßhaft! er ist auch Wolke und lauter Fall – anfangs glänzen bunte Freudentropfen, dann schlagen schwarze!«

Er schwieg – ging langsam auf und ab – sah ernst einem Waffen- und Larventanz innerer Gespenster zu – stand still – die Schatten schwarzer Taten spielten durcheinander um ihn – plötzlich[751] fuhr er auf, ein Wetterstrahl eines Gedankens hatte in sein Herz geschlagen – er lief auf und ab, schrie: »Töne her, gräßliche Töne her!« – und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens »Göttlich!« sagte er, und nur einzelne Worte, nur Tigerflecken erschienen verschwindend am vorübergehenden Untier – »teuflisch! – das Rosen-Sein, das Blüten-Sein – nun ja! – – ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunter – und dann sterb' ich schön auf meiner Schlummerinsel«, beschloß er sanft und matt.

»O Lilia! gewähre mir eine Bitte!« rief er der kommenden Schwester entgegen. »Jede, die mich nicht am Sterben hindert«, sagte sie. Er legte ihr die Bitte vor: sie sollte ihre Freundin Athenais in die »Nachtlaube« der Insel jetzt nachts unter dem Vor wand bereden, daß ihr Bräutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse über Lilia noch heute zeigen wolle – »Ich habe« (setzt' er dazu) »Carlos' Stimme' mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz, und dann, wenn sie mich liebt, nenn' ich mich Hiort.« – »Ist deine Bitte Wahrheit.« fragte die Schwester. »So wahr ich morgen noch leben will«, sagt' er. »So ist sie bald erfüllt, denn Athenais erwartet mich eben in der Nachtlaube – komme mir nur nach sieben Minuten nach.« Sie ging; er sah ihr nach und sprach mit sich: »Eile, bestelle den Himmel! Schöne Schlummerinsel, zugleich die Schlafstätte für das Brautgemach und für den ewigen Schlaf- O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem Herzen!« – –

»Du bist doch da?« sagt' er und sah nach seiner Pistole. – »Jetzt« (rief er feierlich im Abgehen) »ists Zeit zur helldunkeln Tat, dann wird das Leichentuch darübergeworfen« und ging schnell ins Laub hinein.

Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser, und die schwarze Dohle sprach leise: »Still ist das Glück, still ist der Tod.«

»Der Mensch« (sagte Gaspard) »hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst, ich stehe nicht dafür, daß er sich nicht wirklich vor uns allen totschießet.« – »Unmöglich,« (sagte Albano erschreckend) »zu einer solchen Wirklichkeit hat er keine Kraft«;[752] indes vermocht' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen Möglichkeit loszubringen.

Verstört, ungestüm, mit losem Haar kam Hiort zurück und sagte leise: »Es ist geschehen. – Ich war selig – niemand wirds nach mir.« – »Bei der Gelben und jetzt in der Nacht steh' ich für nichts«, sagte Gaspard. Albano errötete, über die freche Vermutung verschämt und noch mehr über Roquairols Frevel erzürnt, im Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entführen.

»Töne her, aber weiche, gute!« rief er und ließ sich vom Zephyr der Harmonie umwehen und trank unaufhörlich »Leichentrunk« oder Wein; beides zum Verdrusse des Ritters, der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied, weil diese oder beide weich machten.

Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd: »So lieg' ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens – und meine kalte kommt dazu« – (Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und blickte funkelnd hinüber zu Linda) »Ich habe sie am Herzen gehabt, die göttliche Schönheit, meine ewige Liebe; meine Tulpe, die sich nun am Abend über der Biene schließet, damit sie im Blumenkelche sterbe auf den Rosen meines Abends ruh' ich und sterb' ich – Ich schaue die Holde noch selig an – Ich kann nicht bereuen – Vergib nur, armer Carlos, ich streiche die Schuld mit Blut durch, aber mit Buß-Tränen kann ich nicht – Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das, was die Zeit an diesem Ufer abspült, wieder anlegen: so hab' ichs dort schlimm, ich kann mich dort so wenig ändern als hier.«

Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuß, um einen Deserteur anzukündigen. Er nahm seine Pistole in die Hand: »Ja, ja, ein Schuß bedeutet einen Flüchtling – auch aus der Welt – O wenn hebt sich die scharfe Sichel207 am Morgen und zerschneidet das Leben! Ich bin so müde.« Er sah nach dem Morgenhimmel, aber ein Gewitter, das schon leise donnerte, überzog die Pforte des Monds. Er lächelte bitter:

»Auch diese kleine letzte Freude mißgönnt mir das Geschick![753]

Ich soll den Mond nicht mehr sehen – Nun, ich werde wohl höher kommen als er und sein Gewitter – Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhörer des Todes durch den Regen vertrieben Ja! bist du aus, so bin ich aus!« Er zeigte auf die Flasche.

»Wilde, gräßliche Töne aus der Tiefe herauf! – Mein blutiges Brautkleid her! Es ist Zeit, die abgehende Freude wirft einen langen, wachsenden Schatten hinter sich.« Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke, den man ihm brachte, den mit Blut bespritzten, den er auf der Redoute getragen, wo er als Knabe sich vor Linda ermorden wollen. »Sie sollen es auf meine kalte Brust legen«, sagt' er, da ers von Falterle empfing. Der Donner zog näher, die Blitze wurden glühender, und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern. Er trank die Gläser schnell.

»Schaden kanns mir jetzt nichts,« (sagte er) »auch der Blitz nicht sonderlich, ob ich gleich unter Bäumen liege – in dieser Röhre steckt ein Blitz gegen alle Blitze, ein rechter Gewitterableiter.« –

Das eilende Wetter drängte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel, und er wurde zornig empört vom Spotte des Zufalls über seine theatralischen Zurüstungen.

»Nichts ist lustiger und passender als dies Gewitter,« (sagte Gaspard) »indes scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergötzen.« Die andern Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt, und doch riß sich keiner los. Den Mitspielern war befohlen, den Schuß als das Merkwort zu nehmen und nicht früher zu kommen.

Er sagte: »Die Todesschlange klappert in der Nähe – dort auf der Zukunft schwimmt die Leiche heran« – Man hörte, daß er durch einander sprach und aus dem Stegreif, vom Gewitter gequält. Er sah die Pistole an: »Dein Aufblick! so ist der Blick des Lebens getan und wieder unter dem Augenlid – Ein Funke, ein einziger Funke, so ist der Theatervorhang hinaufgelodert, und ich sehe die Zuschauer stehen, die Geister – oder auch nichts, und den weiten Äther der Welt füllt die ewige schwere Wolke – So steh' ich denn am toten Meer der Ewigkeit, so schwarz, still, weit, tief liegts unter mir, ein Schritt, und ich bin drinnen und sinke ewig – Meinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen. –

– Nu nu« (sagt' er, indem es tröpfelte, und er nahm das letzte[754] Glas) – »der Regen will den armen Erkaltenden erkälten – Spielt jetzt etwas Sanftes, Schönes, ihr guten Leute!«

Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: »Lebe wohl, schönes und hartes Leben! – Ihr paar schönen Gestirne, die ihr oben noch niederblickt, mög' ich euch näher kommen – Du heilige Erde, du wirst noch oft beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schläft – Und ihr guten fernen Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, es geh' euch besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber, und Gott richtet mich sogleich – Lebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr harter Albano, und du, du bis in den Tod heiß geliebte Linda, verzeihet mir und beweinet mich!«

»Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und bitte bei Gott für mich.« Hier drückte er schnell das Gewehr an der Stirne ab und stürzte hin, einiges Blut floß aus dem zerspalteten Kopfe, und er atmete noch einmal und dann nicht mehr.

Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: »Eben, mein lieber Hiort, besinnt sich mein Carlos«; aber er fuhr zurück vor der Leiche, stammelte: »Mais! – Mon dieu! il s'est tué re vera diable, il est mort – Oh qui me payera?«208 – Linda sank ohnmächtig an Juliennens Busen, und diese stammelte: »O der Sünder und Selbstmörder!« – Die Fürstin rief erzürnt: »Oh le traitre!«

– Albano schrie: »Ach Karl! Karl!« und stürzte in den See und schwamm hinüber – warf sich über die zertrümmerte Gestalt und jammerte weinend: »O hätt' ich das gewußt! – Bruder und Schwester tot – und ich bin schuld – o! wäre ich unglücklich geblieben – ach mein Karl, Karl, vergib – ich war nicht dein Feind – wie er jammervoll zerworfen daliegt, der große Tempel!« »Sei doch ruhiger,« (sagte Gaspard – der endlich im Kahne herübergekommen war und der mit einer anatomischen Kälte und Neugier jede Verstümmelung ertrug – ) »er hatte auch seine Regimentsschulden und fürchtete die Untersuchung bei einer neuen[755] Regierung – Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich durchgeführt.«

Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual: »Wer sprach das? Ihr, jammervoller Bouverot, Ihr kennt nur Schulden!« – »Monsieur le Comte!« sagte dieser trotzig. »Ich sagt' es«, sagte Gaspard zum Sohn. -»O mein Dian,« (rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus, der seine weinende Chariton selber weinend hielt) »komme du her, laß uns ihn verbinden, es kann ja helfen.«

Zur bestürzten Fürstin, welche an ihrem Ufer blieb, trat der Kunstrat Fraischdörfer mit den Worten, die ableiten sollten: »Von der bloßen Seite der Kunst genommen, wäre die Frage, ob man diese Situation nicht mit Effekt entlehnte. Man müßte wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen; freilich wär' es dann nur Schein des Scheins, spielende Realität in reellem Spiel und tausendfacher, wunderbarer Reflex! – Aber wie es jetzt regnet!« – Der Fürstin wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagt – sie fuhr auf, mit Armen und Tönen: »Oh monstre! homicide! – Mein armer, unschuldiger Gibbon! – Du Untier!« – Den Affen-Mord hatte sie gehört und schied untröstlich.

Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblößte Mond, und jeder merkte ihn, aber das Regnen vorher hatte niemand außer Fraischdörfer wahrgenommen. Albano sah nun die toten Augen und weißen, starren Lippen recht deutlich: »Nein, sie regen sich nicht«, sagt' er. Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem Mund: »Seid still, ich werde gerichtet!« Und sogleich fing die Dohle als Schluß-Chor des letzten Aktes an: »Der Arme ruht nun fest, und ihr könnt ihn zudecken!«

Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an. »Bei Gott!« (erwiderte dieser) »so steht in seinem Stück.«

Der ganze Sternenhimmel klärte sich auf. Die Gesellschaft fuhr nach Hause. Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche.[756]

204

Titan II. S. 273 etc.

205

Eine Stelle aus Albanos Brief an Roquairol. Titan 1. S. 232.

206

Liebe und Freundschaft.

207

Der Mond.

208

Aber! – Gott, er hat sich re vera umgebracht – Teufel, er ist tot! O wer wird mich bezahlen?

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 745-757.
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