§ 21
Das Verhältnis der Griechen und der Neuern

[82] Keine Zeit ist mit der Zeit zufrieden; das heißet, die Jünglinge halten die künftige für idealer als die gegenwärtige, die Alten die vergangne. In Rücksicht der Literatur denken wir wie Jünglinge und Greise zugleich. Da der Mensch für seine Liebe dieselbe Einheit sucht, die er für seine Vernunft begehrt; so ist er so lange für oder wider Völker parteiisch, als er ihre Unterschiede nicht unter einer höhern Einheit auszugleichen weiß. – Daher mußte in England und noch mehr in Frankreich die Vergleichung der Alten und Neuern allzeit entweder im Wider oder im Für parteiisch werden. Der Deutsche, zumal im 19ten Jahrhundert, ist imstande, gegen alle Nationen – seine eigne verkannte ausgenommen unparteiisch zu sein.

Wir wollen daher das Bild der Griechen noch mit folgenden Zusätzen ergänzen. Erstlich ihr Musenberg stand gerade auf der Morgenseite in Blüte; die schönsten einfachsten Menschen-Verhältnisse und Verwickelungen der Tapferkeit, der Liebe, der Aufopferung, des Glücks und Unglücks nahmen die Glücklichen weg und ließen den spätern Dichtern bloß deren Wiederholung übrig und die mißliche Darstellung der künstlichern.

Ferner erscheinen sie als höhere Tote uns heilig und verklärt. Sie müssen auf uns stärker als auf sich selber wirken, weil uns neben dem Gedicht noch der Dichter entzückt; weil die schöne reiche Einfalt des Kindes nicht das zweite Kind, sondern den bezaubert, der sie verloren44, und weil eben die welke Auseinanderblätterung durch die Hitze der Kultur uns fähig macht, in den griechischen Knospen mehr die zusammengedrungene Fülle zu sehen, als sie selber konnten. Ja auf so bestimmte Kleinigkeiten erstreckt sich der Zauber, daß uns der Olymp und der Helikon und das Tempe-Tal und jeder Tempel schon außerhalb des Gedichtes[82] poetisch glänzen, weil wir sie nicht zugleich in nackter Gegenwart vor unsern Fenstern haben; so wie ähnlicherweise Honig, Milch und andere arkadische Wörter uns als Bilder mehr anziehen denn als Urbilder. Schon der Stoff der griechischen Gedichte, von der Götter- und Menschen-Geschichte an bis zur kleinsten Münze und Kleidung, liegt vor uns als poetischer Demant da, ohne daß noch die poetische Form ihm Sonne und Fassung gegeben.

Drittens vermengt man, wie es scheint, das griechische Maximum der Plastik mit dem Maximum der Poesie. Die körperliche Gestalt, die körperliche Schönheit hat Grenzen der Vollendung, die keine Zeit weiterrücken kann; und so hat das Auge und die außen gestaltende Phantasie die ihrigen. Hingegen sowohl den äußern als den innern Stoff der Poesie häufen die Jahrhunderte reicher auf; und die geistige Kraft, die ihn in ihre Formen nötigt, kann an der Zeit sich immer stärker üben. Daher kann man richtiger sagen: dieser Apollo ist die schönste Gestalt, als: dieses Gedicht ist das schönste Gedicht. Malerei wie Gedicht ist schon weit mehr der romantischen Endlosigkeit verwandt und verschwimmt sich oft sogar bei Landschaften ganz in dieselbe.

Endlich ists ein alter Fehler der Menschen, daß sie bei dem ewigen Schauspiele der Zeit Wiederholungen des Schönen (ancora) befehlen, als könne in der überreichen Natur etwas, auch nur das Schlimmste, wiederkommen. Eine Volks-Doublette wäre ein größeres Wunder als ein Wolkenhimmel, der mit seinen abenteuerlichen Bildungen ganz irgendeinem dagewesenen gliche; nicht einmal in Griechenland könnte das alte auferstehen. Ja es ist sogar leer, wenn ein Volk über Geister-Reichtum das andere zur Rede setzt und z.B. das französische uns fragt: wo sind euere Voltaires, Rousseaus, Diderots, Buffons? Wir haben sie nicht (sagen wir), aber wo sind bei euch unsere Lessinge, Winckelmanne, Herder, Goethe etc.? Wahrlich nicht einmal elende Autoren finden ihre Neben-Affen im Auslande. In ganz England und Frankreich hat unter allen Schriftstellern, welche Romane schreiben, doch der bekannte ** (in **) keinen Zwillingsbruder; und es ist freilich für die Länder ein Glück.[83]

Wir priesen oben die Kraft der griechischen Götter- und Heroen-Lehre. Nur aber mache man doch nie im vielgliederigen Leben eines Volks irgendein Glied zur Seele und nicht nährende Früchte und Eier sogleich zu aufgehenden und ausgebrüteten! Ging nicht der Zug der Götter-Schar aus Ägyptens traurigen Labyrinthen über Griechenlands helle Berge auf Roms sieben Hügel? Aber wo schlug sie ihren poetischen Himmel auf als nur auf dem Helikon, auf dem Parnaß und an den Quellen beider Berge? – Dasselbe gilt von der Heroen-Zeit, welche auch auf Ägypter, Peruaner und fast alle Völker herüberglänzte, ohne doch in irgendeinem so wie im griechischen einen poetischen Widerschein nachzulassen.

Wenn nicht einmal die zeit- und religionverwandten Römer durch Nachahmen griechisch dichten lernten – welche überhaupt, als handelnde Theaterdichter und Akteurs der Erde, mehr als Volk denn als Individuen, mehr mit Taten als Worten, mehr daher in ihren Geschichtschreibern als in ihren Dichtern poetisch waren –: so ist unser Abstand und unser Mißglück der Nachahmung noch natürlicher. Die griechischen Götter sind uns nur flache Bilder und leere Kleider unserer Empfindungen, nicht lebendige Wesen. Ja anstatt daß es damals kaum falsche Götter auf der Erde gab – und jedes Volk in dem Tempel des andern ein Gast sein konnte –, so kennen wir jetzo fast nur falsche; die kalte Zeit wirft gleichsam den ganzen Welten-Himmel zwischen den Menschen und seinen Gott. – Sonderlich heiter ist das nordische Leben so wenig als der Himmel darüber; mitten in unsern hellesten Winter-Mittagen werden lange Abendschatten geworfen, moralisch und physisch; und daß die Sonne als Phöbus ein Land nicht licht-, holz-, dach,- kost- und pelzfrei hält, das spüren die Phöbus-Söhne am ersten. In den schönen Ländern fliegen die Schiffe singend am Ufer hin, wo ein Hafen am andern ist. – Was unsere Heroen-Zeit anlangt, so steht sie – ungleich der griechischen, mit Götter-Zeichen geschmückten – teils in der Bärenhaut vor uns da, teils durch Religion in die Eichen-Haine zurückgejagt, so daß wir uns mit dem Adam und Noah viel verwandter glauben als mit Hermann und den Jupiter mehr anbeten als den Gott Thor.[84]

Doch seit Klopstock setzen wir uns einander mehr darüber herab, daß wir uns nicht stärker hinaufsetzen, und dringen mit mehr Selbstbewußtsein jetzo auf mehr Selbstbewußtsein. – Und endlich (um den bösen Genius der Kunst zu nennen), sonst war die Poesie Gegenstand des Volks, so wie das Volk Gegenstand der Poesie; jetzo singt man aus einer Studierstube in eine andere hinüber, das Interessanteste in beiden betreffend. Um parteiisch zu werden, müßte man jetzo nichts weiter dazusetzen. Aber wie viel gehet hier der Wahrheit noch zur Ründung ab! – Eigentlich ists schon unnütz, alle Völker – und noch dazu ihre Zeiten – und vollends die ewig wechselnden Farbenspiele ihrer Genien – d.h. ein großes, vielgegliedertes, ewig anders blühendes Leben an ein paar weite Allgemeinheiten (wie plastische und romantische Poesie, oder objektive und subjektive) gleichsam am Kreuze zweier Hölzer festzuheften; denn allerdings ist die Abteilung wahr und so wahr als die ähnliche der ganzen Natur in gerade und in krumme Linien (die krumme als die unendliche ist die romantische Poesie), oder als die in Quantität und Qualität; so richtig als die, welche alle Musik in solche zerfällte, worin Harmonie, und in solche, worin Melodie vorklingt, oder kürzer ins simultane und ins sukzessive Übergewicht; so richtig als die polarisierenden leeren Klassifikationen der Schellingischen Ästhetiker; aber was ist aus dieser atomistischen Dürre für das dynamische Leben zu gewinnen? So kann z.B. durch die Schillersche Abteilung in naive Poesie45 (wofür objektive klarer wäre) und in die[85] sentimentale (womit nur ein Verhältnis »moderner« Subjektivität ausgesprochen wird) die verschiedene Romantik eines Shakespeares, Petrarchs, Ariosts, Cervantes etc. ebensowenig bezeichnet noch geschieden werden als durch »naiv« die verschiedene Objektivität eines Homers, Sophokles, Hiobs, Cäsars.

Jedes einzelne Volk und seine Zeit ist ein klimatisches Organ der Poesie, und es ist sehr schwer, den verschlungenen Reichtum der Organisation so für ein System auseinanderzuwickeln, daß man für dasselbe nicht ebensoviel Lebensteile fallen lasse als aufnehme.

Indes kann dies die große Absonderung der griechischen und der romantischen Poesie so wenig aufheben als die Wesenleiter der Tiere deren Ordnen in Fächer.

44

Unsichtbare Loge I. S. 194.

45

S. dessen Schriften 11. S. 60: »Im griechischen Zustand macht, weil die höchste Übereinstimmung zwischen Denken und Empfinden war, die möglichst vollständige Nachahmung des Wirklichen den naiven Dichter, der sentimentale erhebt die Wirklichkeit erst zum Ideal, daher reflektiert er erst über den Eindruck der Gegenstände auf sich und hat die Wirklichkeit (S. 69) als Grenze, die Idee als das Unendliche.« – Inzwischen muß doch (S. 137) »jede Poesie einen unendlichen Gehalt haben; entweder unendlich in der Form, indem sie den Gegenstand mit allen seinen Grenzen darstellt(?), also absolute Darstellung des naiven Dichters; oder der Materie nach, wenn sie alle Grenzen entfernt, Darstellung eines Absoluten, oder sentimentale«. Allein S. 153 ist »nicht die wirkliche, sondern die wahre Natur das Subjekt der naiven Dichtung, welche selten existiert.« Und damit ist der ganze Unterschied wieder aufgehoben. Denn die wahre Natur wird nur durch Idee und Ideal von der wirklichern getrennt und vorher gesetzt, jene und diese ist folglich als solche nie das Urbild des poetischen Nach-Bildes, sondern die Idee ists; mithin kann keine vollständigste Nachahmung des Wirklichen allein entscheiden, oder keine absolute Darstellung desselben. Entweder wird durch die »wahre« Natur die ganze Auflösung der Frage vorausgesetzt und erschlichen, oder es gehört überhaupt kein äußerer Vorwurf und Stoff als solcher in den Unterschied beider Dichtungarten. Und letztes ist auch. Wenn die wahre Natur »selten« existiert: so ist daraus die griechische Dichtung wenig erklärt; und da jede Natur erst durch den Dichter dichterisch wird (denn sonst würde der Dichter gemacht, nicht das Gedicht, und jeder zu jenem), und da auch die plastischen Künstler die »wahre« Natur der Griechen doch idealisieren mußten, so kann in den Unterschied der naiven und sentimentalen Dichtung durchaus nicht ein Unterschied der Objekte (als ob die neuere Zeit alle würdigen verloren hätte) aufgenommen werden.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 82-86.
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