§ 78
Unbildliche Sinnlichkeit

[279] Sinnlichkeit durch Gestalt und Bewegung ist das Leben des Stils, entweder eigentliche oder uneigentliche.

Den Ruhm der schönsten, oft ganz homerisch verkörperten Prose teilt Thümmel vielleicht mit wenigen, unter welche Goethe und Sterne, aber nicht Wieland gehören, der die seinige durch Verkehr mit den französischen Allgemeinheiten entfärben lassen. Man könnte oft Thümmel ebensogut malen als drucken; z.B.: »Bald fuhr der Amorskopf eines rotwangigen Jungen zu seinem kleinen Fenster heraus, bald begleiteten uns die Rabenaugen eines blühenden Mädchens über die Gasse. Hier kam uns der Reif entgegengerollt, hinter dem ein Dutzend spielende Kinder hersprangen. Dort entblößte ein freundlicher Alter sein graues Haupt, um uns seinen patriarchalischen Segen zu geben.« Bloß an der letzten Zeile vergeht das Gemälde. Ebenso schön sinnlich ists, wenn er von den Empfindungen spricht, die man hat, »wenn[279]

die Deichsel des Reisewagens wieder gegen das Vaterland gekehrt ist«.

Da auch unsere abstrakte Sprache nur ein bloßer Abdruck der sinnlichen ist: so steht die Sinnlichkeit auch in der Gewalt der Philosophen, wie Schiller und Herder beweisen; und sie wäre ihnen noch mehr zu wünschen, damit sie enger und leichter reiheten. Ich hasse daher durchsichtige Luftwörter wie »bewirken, bewerkstelligen, werkstellig machen« – ferner die durch ein Nicht vernichteten Nebel-Wörter, als Nicht-Sohn, Nicht-Achtung; so malt »durchsichtig« mehr als »unsichtbar«. – Ebenso sind personifizierte Zeitwörter, zumal verneinende – z.B. bei Lessing: »Die Versäumung des Studiums des menschlichen Gerippes wird sich am Koloristen schon rächen« – wenigstens in der Poesie das Gift aller Gestalt. Klopstock hat oft wenig feste sinnliche Folie hinter seinem Spiegel. Vier Mittel – denn die Kürze ist bloß das fünfte – ergreift er, um seine Gestalten zu luftigen auf einer Ossians-Wolke zu verglasen: erstlich eben das abstrakte Personifizieren der Zeitwörter mit einigen Pluralen noch dazu, wie ihm denn Gestaltung lieber ist als Gestalt, – zweitens die Komparativen, welche den Sinnen so wenig bieten, z.B.


Die Erhebung der Sprache,

Ihr gewählterer Schall,165

Bewegterer edlerer Gang,

Darstellung, die innerste Kraft der Dichtkunst-


ferner die verneinende Adverbia, z.B. unanstoßendes Schrittes, weil hier das Sinnliche gerade das ist, was aufgehoben wird und endlich seine zu oft umkehrende gestaltlose Figur, die die Schlacht schlägt, den Tanz tanzt, den Zauber zaubert etc. Daher ist die Messiade dieser großen Seele166 ein schimmernder durchsichtiger Eispalast.

Ich werde nachher bemerken, wie leicht gerade der Bau der deutschen Sprache alle Gestalten des Dichters aufnimmt. So ziehen[280] z.B. die Präpositionen mit dem doppelten Kasus an, unter, vor, neben, auf; über, hinter so sehr den schönen Bogen der Bewegung, sobald sie den Akkusativ zu regieren haben: vor die Augen heben, hinter Berge stellen; oder auch ans Zeitwort geschmolzen: den Schleier vorsenken, Blumen unterlegen etc. Überhaupt weht der Akkusativ bei sinnlichen Zeitwörtern romantisch durch die Gefühle: z.B. scheint tief ins Leben oder in das Jahr, oder: wirft ihm lange Schatten nach.

Es gibt viele Hülfmittel der phantastischen Sinnlichkeit. Z.B. man verwandelt alle Eigenschaften in Glieder, das leidende Wesen in ein handelndes, das Passivum ins Aktivum. Wird z.B. statt: »durch bloße Ideen werden die Verhältnisse der ganzen Erde geändert« lieber gesagt: »das innere Auge oder dessen Blick bevölkert Weltteile, hebt Länder aus dem Sumpf etc.«: so ist es zum wenigsten sinnlicher. Je größer der sinnliche leidende oder tätige Kasus: desto besser; z.B. »einem Lande dringt sich die Krone als Sonne auf.«

Die sinnlichen intransitiven Zeitwörter zerfallen vorteilhaft in sinnliche Umschreibungen; z.B. statt: »das Leben blüht« ist es sinnlicher: »das Leben treibt Blüten, wirft sie ab, lässet sie fallen.« – Ja jedes Zeitwort ist weniger sinnlich als ein Geschlechtwort. Hingegen ein Partizipium ist handelnder, mithin sinnlicher als ein Adjektivum: z.B. das dürstende Herz ist sinnlicher als das durstige. – Ein ruhender Körper wird nicht so lebhaft durch ein intransitives Zeitwort dargestellt als durch ein tätiges; z.B. »die Straße läuft, steigt etc. über Berge, Sümpfe« ist nicht so lebendig als: »die Straße schwingt sich, windet sich über Berge.« – Das Zeitwort verwandelt sich kräftig in ein Hauptwort, z.B. statt: »der, den ihre Arme erziehen« bei Herder: Zögling ihrer Arme. – Das Partizipium, zumal das tätige, ist besser als das trockne Adverbium: z.B. sie haben sein Leben zögernd zerstört, anstatt langsam. Ganze kleine Sätze mischt und kleidet oft Herder in diese Wendung reizend ein. Die Neuern stehen in ihrer erbärmlichen Partizipien-Dürftigkeit gegen die Römer als Hausarme da, gegen die Griechen gar als Straßenbettler. Ein Beiwort wird vorteilhaft in ein Hauptwort durch Zusammensetzung verwandelt: z.B. goldene[281] Wolke in Goldwolke, giftiger Tropfe in Gifttropfen, beschränktes Auge in Schranken des Auges. – Ferner: stelle den Gegenstand lieber entstehend als entstanden vor; z.B. anstatt: »die Nerven stammen aus dem Gehirn« lieber: »das Gehirn wird zu Nerven ausgesponnen.«- Schon die gemeine Sprache bemalt noch das Bezeichnen der Sinnen-Wörter; z.B. blutrot, feuerrot, käse- oder kreideweiß, kohl- oder rabenschwarz, oder gar kohlrabenschwarz, essigsauer, honig- oder zuckersüß, wozu noch die deutschen Einwort-Assonanzen kommen: Klingklang, Ripsraps, Holterpolter etc. So darf denn auch die höhere Sprache in ihre Schattenrisse Farben tropfen lassen; z.B. anstatt Flügel der Zeit habt ihr noch (insofern nur Schnelle zu zeigen ist) Falken-, Schwalbenflügel der Zeit; bei Tatze und Klaue bietet sich euch die ganze Wappenkunde dar mit Tiger-, Löwen-, Leoparden- etc. Tatzen, dann mit Adler-, Falken-, Greifgeier-Klauen. – Und wirken denn nicht kleine Nebenfarbengebungen so weit hinein, daß der Dichter mehr gewinnt z.B. mit nirgend und nie als mit nicht, weil jene schon Raum und Zeit andeuten, nicht aber alles oder nichts? Ja geht nicht alles so ins Kleinste, daß z.B. wegstoßen, fortstoßen sinnlicher anklingt als verstoßen, oder sinnlicher entzweireißen als zerreißen, bloß weil ver und zer nicht an und für sich stehen und zeigen können, wohl aber weg und entzwei? – Indes werden hier nur kleine Mittel sinnlichster Darstellung, aber nicht deren Stellen angegeben, welche jede Dichtart anders wählt.

Sind einmal einige Gestalten mit großen Kosten auf der metaphorischen Fähre angekommen: so geselle man ihnen ja nur wieder Gestalten bei; nichts ist matter, als wenn Sinne auf Worten wachsen oder umgekehrt; man sollte nicht einmal mit Wieland sagen: »dem Zahn der Zeit trotzen,« das T-Z-Terzett nicht einmal gerechnet. – Hingegen im Komischen ist gerade das Widerspiel recht, z.B. Wielands: der Duns trägt seine Entschuldigung unter dem Hut.

Die Beiwörter, die rechten und sinnlichen, sind Gaben des Genius; nur in dessen Geisterstunde und Geistertage fället ihre Säe- und Blütenzeit. Wer ein solches Wort erst sucht, findet es schwerlich. Hier stehen Goethe und Herder voran, auch den Deutschen,[282] nicht nur den Engländern, welche jede Sonne mit einem Umhange von beiwörtlichen Nebensonnen und Sonnenhöfen verstärken. Herder sagt: das dicke Theben – der gebückte Sklave das dunkle Getümmel ziehender Barbaren etc. Goethe sagt: die Liebes-Augen der Blumen – der silberprangende Fluß – der Liebe stockende Schmerzen zu Tränen lösen – vom Morgenwind umflügelt etc. Besonders winden die Goethischen (auch seine unbildlichen) gleichsam die tiefste Welt der Gefühle aus dem Herzen empor; z.B. »wie greifts auf einmal durch diese Freuden, durch diese offne Wonne mit entsetzlichen Schmerzen, mit eisernen Händen der Hölle durch.« Wie wird man dadurch dem gemeinen Gepränge britischer Dicht-Vornlinge noch mehr gram! – So ergrauen auch Geßners verwässerte Farben gegen die festern hellern im Frühling von Kleist. – Manchem Kosegartischen Gemälde geht oft zu einem dichterischen nichts ab als ein langer – Strich durch alle Beiwörter.167

165

Dessen Werke II. 50. Welcher Schall dazu! Aber er, Voß und Schlegel streicheln oft vorn das Ohr mit Selbstlautern, indes sie es hinten mit Mitlautern kratzen; auch wird die Melodie des Rhythmus oft mit Verlust der prosaischen Harmonie erkauft.

166

Nicht des großen Geistes. Jene empfindet neu, dieser schafft neu.

167

Man vergleiche sein Gedicht »Ich und das Schicksal,« welches Nataliens Neujahrwunsch an sich selber im Siebenkäs III. S. 255 in Verse setzt, mit dem Original; die ganze edle Einfachheit des letzten ging in der Nachbildung verloren.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 279-283.
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